Keine
Erscheinung kann ihrem Wesen nach eher vollständig begriffen werden, als bis
sie selbst zur vollsten Tatsache geworden ist; ein Irrtum wird nicht eher
gelöst, als bis alle Möglichkeiten seines Bestehens erschöpft, alle Wege,
innerhalb dieses Bestehens zur Befriedigung des notwendigen Bedürfnisses zu
gelangen, versucht und ausgemessen worden sind.
Als
ein unnatürliches und nichtiges konnte uns das Wesen der Oper erst klar
werden, als die Unnatur und Nichtigkeit in ihr zur offenbarsten und
widerwärtigsten Erscheinung kam; der Irrtum, welcher der Entwickelung dieser
musikalischen Kunstform zugrunde liegt, konnte uns erst einleuchten, als die
edelsten Genies mit Aufwand ihrer ganzen künstlerischen Lebenskraft alle Gänge
seines Labyrinthes durchforscht, nirgend aber den Ausweg, überall nur den
Rückweg zum Ausgangspunkte des Irrtumes fanden – bis dieses Labyrinth endlich
zum bergenden Narrenhause für allen Wahnsinn der Welt wurde.
Die
Wirksamkeit der modernen Oper, in ihrer Stellung zur Öffentlichkeit, ist
ehrliebenden Künstlern bereits seit lange ein Gegenstand des tiefsten
und heftigsten Widerwillens geworden; sie klagten aber nur die Verderbtheit des
Geschmackes und die Frivolität derjenigen Künstler, die sie ausbeuteten, an,
ohne darauf zu verfallen, daß jene Verderbtheit eine ganz natürliche, und diese
Frivolität demnach eine ganz notwendige Erscheinung war. Wenn die Kritik
das wäre, was sie sich meistens einbildet zu sein, so müßte sie längst das Rätsel
des Irrtumes gelöst und den Widerwillen des ehrlichen Künstlers gründlich
gerechtfertigt haben. Statt dessen hat auch sie nur den Instinkt dieses
Widerwillens empfunden, an die Lösung des Rätsels aber ebenso befangen nur
herangetappt, als der Künstler selbst innerhalb des Irrtumes nach Ausweggängen
sich bewegte.
Das
große Übel für die Kritik liegt hierbei in ihrem Wesen selbst. Der Kritiker
fühlt in sich nicht die drängende Notwendigkeit, die den Künstler selbst zu der
begeisterten Hartnäckigkeit treibt, in der er endlich ausruft: so ist es und
nicht anders! Der Kritiker, will er hierin dem Künstler nachahmen, kann nur
in den widerlichen Fehler der Anmaßung verfallen, d. h. des zuversichtlich
gegebenen Ausspruches irgendeiner Ansicht von der Sache, in der er nicht mit
künstlerischem Instinkte empfindet, sondern über die er mit bloß ästhetischer
Willkür Meinungen äußert, an deren Geltendmachung ihm vom Standpunkte der
abstrakten Wissenschaft aus liegt. Erkennt nun der Kritiker seine richtige
Stellung zur künstlerischen Erscheinungswelt, so fühlt er sich zu jener Scheu
und Vorsicht angehalten, in der er immer nur Erscheinungen zusammenstellt und
das Zusammengestellte wieder neuer Forschung übergibt, nie aber das
entscheidende Wort mit enthusiastischer Bestimmtheit auszusprechen wagt. Die
Kritik lebt somit vom »allmähligen« Fortschritte, d. h. der ewigen Unterhaltung
des Irrtumes; sie fühlt, wird der Irrtum gründlich gebrochen, so tritt dann die
wahre, nackte Wirklichkeit ein, die Wirklichkeit, an der man sich nur noch
erfreuen, über die man aber unmöglich mehr kritisieren kann – gerade, wie der
Liebende in der Erregtheit der Liebesempfindung ganz gewiß nicht dazu kommt,
über das Wesen und den Gegenstand seiner Liebe nachzudenken. An diesem vollen
Erfülltsein von dem Wesen der Kunst muß es der Kritik, solange sie besteht und
bestehen kann, ewig Gebrechen; sie kann nie ganz bei ihrem
Gegenstande sein, mit einer vollen Hälfte muß sie sich immer abwenden, und zwar
mit der Hälfte, die ihr eigenes Wesen ist. Die Kritik lebt vom »Doch« und
»Aber«. Versenkte sie sich ganz auf den Grund der Erscheinungen, so müßte sie
mit Bestimmtheit nur dies eine aussprechen können, eben den erkannten Grund –
vorausgesetzt, daß der Kritiker überhaupt die nötige Fähigkeit, d. h.
Liebe zu dem Gegenstande, habe: dies eine ist aber gemeinhin der Art, daß, mit
Bestimmtheit ausgesprochen, es alle weitere Kritik geradezu unmöglich machen
müßte. So hält sie sich vorsichtig, um ihres Lebens willen, immer nur an die
Oberfläche der Erscheinung, ermißt ihre Wirkung, wird bedenklich, und – siehe
da! – das feige, unmännliche »Jedoch« ist da, die Möglichkeit unendlicher
Unbestimmtheit und Kritik ist von neuem gewonnen!
Und
doch haben wir jetzt alle Hand an die Kritik zu legen; denn durch sie allein kann
der, durch die Erscheinungen enthüllte, Irrtum einer Kunstrichtung uns zum
Bewußtsein kommen; nur aber durch das Wissen von einem Irrtume werden wir
seiner ledig. Hatten die Künstler unbewußt diesen Irrtum genährt und endlich
bis zur Höhe seiner ferneren Unmöglichkeit gesteigert, so müssen sie, um ihn
vollkommen zu überwinden, eine letzte männliche Anstrengung machen, selbst
Kritik zu üben; so vernichten sie den Irrtum und heben die Kritik zugleich auf,
um von da ab wieder, und zwar erst wirklich, Künstler zu werden, die sorgenlos
dem Drange ihrer Begeisterung sich überlassen können, unbekümmert um alle
ästhetische Definition ihres Vorhabens. Der Augenblick, der diese Anstrengung
gebieterisch fordert, ist aber jetzt erschienen: wir müssen tun, was wir
nicht lassen dürfen, wenn wir nicht in verächtlichem Blödsinn zugrunde gehen
wollen. –
Welcher
ist nun der von uns allen geahnte, noch nicht aber gewußte Irrtum? –
Ich
habe die Arbeit eines tüchtigen und erfahrenen Kunstkritikers vor mir, einen
längeren Artikel in der Brockhausschen »Gegenwart«: »Die moderne Oper«. Der
Verfasser stellt alle bezeichnenden Erscheinungen der modernen Oper auf
kenntnisvolle Weise zusammen und lehrt an ihnen recht deutlich die ganze
Geschichte des Irrtumes und seiner Enthüllung; er bezeichnet diesen Irrtum fast
mit dem Finger, enthüllt ihn fast vor unsern Augen, und fühlt sich wieder so
unvermögend, seinen Grund mit Bestimmtheit auszusprechen, daß er dagegen es
vorziehen muß, auf dem Punkte des notwendigen Ausspruches angekommen, sich in
die allerirrigsten Darstellungen der Erscheinung selbst zu verlieren, um so
gewissermaßen den Spiegel wieder zu trüben, der bis dahin uns immer heller
entgegenleuchtete. Er weiß, daß die Oper keinen geschichtlichen (soll
heißen: natürlichen) Ursprung hat, daß sie nicht aus dem Volke, sondern aus
künstlerischer Willkür entstanden ist; er errät den verderblichen
Charakter dieser Willkür ganz richtig, wenn er es als einen argen Mißgriff der
meisten jetzt lebenden deutschen und französischen Opernkomponisten bezeichnet,
»daß sie auf dem Wege der musikalischen Charakteristik Effekte
anstreben, die man allein durch das verstandesscharfe Wort der dramatischen
Dichtung erreichen kann«; er kommt auf das wohlbegründete Bedenken hin, ob
die Oper nicht wohl an sich ein ganz widerspruchsvolles und unnatürliches
Kunstgenre sei; er stellt in den Werken Meyerbeers – allerdings hier fast schon
ohne Bewußtsein – diese Unnatur als bis auf die unsittlichste Spitze getrieben
dar – und, statt nun das Notwendige, von jedem fast schon Gewußte, rund und
kurz auszusprechen, sucht er plötzlich der Kritik ein ewiges Leben zu bewahren,
indem er sein Bedauern darüber ausspricht, daß Mendelssohns früher Tod
die Lösung des Rätsels verhindert, d. h. hinausgeschoben hätte! –
Was spricht der Kritiker mit diesem Bedauern aus? Doch nur die Annahme, daß
Mendelssohn, bei seiner feinen Intelligenz und seiner außerordentlichen
musikalischen Befähigung, entweder imstande hätte sein müssen, eine Oper zu
schreiben, in welcher die herausgestellten Widersprüche dieser Kunstform
glänzend widerlegt und ausgesöhnt worden, oder aber dadurch, daß er trotz jener
Intelligenz und Befähigung dies nicht vermögend gewesen wäre, diese
Widersprüche endgültig bezeugt, den Genre somit als unnatürlich und nichtig dargestellt
hätte? Diese Darlegung glaubte der Kritiker also nur von dem Wollen einer
besonders befähigten – musikalischen – Persönlichkeit abhängig machen zu
können? War Mozart ein geringerer Musiker? Ist es möglich, Vollendeteres
zu finden, als jedes Stück seines »Don Juan«? Was aber hätte Mendelssohn im
glücklichsten Falle anderes vermocht, als Nummer für Nummer Stücke zu liefern,
die jenen Mozartschen an Vollendung gleich kämen? Oder will der Kritiker etwas
anderes, will er mehr, als Mozart leistete? – In der Tat, das will er: er
will den großen, einheitvollen Bau des ganzen Dramas, er will – genaugenommen –
das Drama in seiner höchsten Fülle und Potenz. An wen aber stellt er diese
Forderung? An den Musiker! – Den ganzen Gewinn seines einsichtsvollen
Überblickes der Erscheinungen der Oper, den festen Knoten, zu dem er alle Fäden
der Erkenntnis in seiner geschickten Hand zusammengefaßt hat – läßt er
schließlich fahren und wirft alles in das alte Chaos wieder zurück! Er will
sich ein Haus bauen lassen und wendet sich an den Skulptor oder Tapezierer; der
Architekt, der auch den Skulptor und Tapezierer und sonst alle bei
Herrichtung des Hauses nötigen Helfer mit in sich begreift, weil er ihrer
gemeinsamen Tätigkeit Zweck und Anordnung gibt, der fällt ihm nicht ein! – Er
hatte das Rätsel selbst gelöst, aber nicht Tageshelle hatte ihm die Lösung
gegeben, sondern nur die Wirkung eines Blitzes in finsterer Nacht, nach dessen
Verschwinden ihm plötzlich die Pfade nur noch unerkennbarer als vorher geworden
sind. So tappt er nun endlich in vollster Finsternis herum, und da, wo sich der
Irrtum in nacktesten Widerwärtigkeit und prostituiertester Blöße für den
Handgriff erkenntlich hinstellt, wie in der Meyerbeerschen Oper, da glaubt der
vollständig Geblendete plötzlich den hellen Ausweg zu erkennen: er stolpert und
strauchelt jeden Augenblick über Stock und Stein, bei jedem Tasten fühlt er
sich ekelhaft berührt, sein Atem versagt ihm bei stickend unnatürlicher Luft,
die er einsaugen muß – und doch glaubt er sich auf dem richtigen, gesunden Wege
zum Heile, weshalb er sich auch alle Mühe gibt, sich über alles das zu belügen,
was ihm auf diesem Wege eben hinderlich und von bösem Anzeichen ist. – Und doch
wandelt er, aber eben nur unbewußt, auf dem Wege des Heiles; dieser ist in
Wirklichkeit der Weg aus dem Irrtume, ja, er ist schon mehr, er ist das Ende
dieses Weges, denn er ist die in der höchsten Spitze des Irrtumes
ausgesprochene Vernichtung dieses Irrtumes, und diese Vernichtung heißt hier: der
offenkundige Tod der Oper – der Tod, den Mendelssohns guter Engel
besiegelte, als er seinem Schützlinge zur rechten Zeit die Augen
zudrückte! –
Daß
die Lösung des Rätsels vor uns liegt, daß sie in den Erscheinungen klar und
deutlich ausgesprochen ist, Kritiker wie Künstler sich aber von ihrer
Erkenntnis willkürlich noch abwenden können, das ist das wahrhaft
Beklagenswerte an unserer Kunstepoche. Seien wir noch so redlich bemüht, uns
nur mit dem wahren Inhalte der Kunst zu befassen, ziehen wir noch so ehrlich
entrüstet gegen die Lüge zu Felde, dennoch täuschen wir uns über jenen Inhalt
und kämpfen nur mit der Unkraft dieser Täuschung wieder gegen jene Lüge, sobald
wir über das Wesen der wirkungsreichsten Kunstform, in der die Musik sich der
Öffentlichkeit mitteilt, geflissentlich in demselben Irrtume beharren, dem
unwillkürlich diese Kunstform entsprungen und dem jetzt allein ihre
offenkundige Zersplitterung, die Darlegung ihrer Nichtigkeit, zuzuschreiben
ist. Es scheint mir fast, als gehöre für euch ein großer Mut und ein besonders
kühner Entschluß dazu, jenen Irrtum einzugestehen und offen aussprechen zu
sollen; es ist mir, als fühltet ihr das Schwinden aller Notwendigkeit eures
jetzigen musikalischen Kunstproduzierens, sobald ihr den, in Wahrheit
notwendigen, Ausspruch getan hättet, zu dem ihr euch deshalb nur mit dem
höchsten Selbstopfer anlassen könntet. Wiederum will es mich aber bedünken, als
erfordere es weder der Kraft noch der Mühe, am allerwenigsten des Mutes und der
Kühnheit, sobald es sich um nichts weiter handelt, als das Offenkundige, längst
Gefühlte, jetzt aber ganz unleugbar Gewordene, einfach und ohne allen Aufwand
von Staunen und Betroffenheit anzuerkennen. Fast scheue ich mich, die kurze
Formel der Aufdeckung des Irrtumes mit erhobener Stimme auszusprechen,
weil ich mich schämen möchte, etwas so Klares, Einfaches und in sich selbst
Gewisses, daß meinem Bedünken nach alle Welt es längst und bestimmt gewußt
haben muß, mit der Bedeutung einer wichtigen Neuigkeit kundzutun. Wenn ich
diese Formel nun dennoch mit stärkerer Betonung ausspreche, wenn ich also
erkläre, der Irrtum in dem Kunstgenre der Oper bestand darin,
daß ein Mittel des Ausdruckes (die Musik) zum Zwecke, der
Zweck des Ausdruckes (das Drama) aber zum Mittel gemacht war,
so geschieht dies keineswegs in dem eitlen Wahne, etwas
Neues gefunden zu haben, sondern in der Absicht, den in dieser Formel
aufgedeckten Irrtum handgreiflich deutlich hinzustellen, um so gegen die
unselige Halbheit zu Felde zu ziehen, die sich jetzt in Kunst und Kritik bei
uns ausgebreitet hat. Beleuchten wir mit der Zünde der in der Aufdeckung dieses
Irrtumes enthaltenen Wahrheit die Erscheinungen unsrer Opern-Kunst und Kritik,
so müssen wir mit Staunen ersehen, in welchem Labyrinthe des Wahnes wir beim
Schaffen, und Beurteilen bisher uns bewegten; es muß uns erklärlich werden,
warum nicht nur im Schaffen jedes begeisterte Streben an den Klippen der
Unmöglichkeit scheitern mußte, sondern auch beim Beurteilen die gescheitesten
Köpfe selbst in das Faseln und Irrereden gerieten.
Sollte
es zuvörderst nötig sein, das Richtige in jener kundgegebenen Aufdeckung des
Irrtumes im Kunstgenre der Oper nachzuweisen? Sollte es bezweifelt werden
können, daß in der Oper wirklich die Musik als Zweck, das Drama aber nur als
Mittel verwandt worden sei? Gewiß nicht. Der kürzeste Überblick der
geschichtlichen Entwickelung der Oper belehrt uns hierüber ganz untrüglich;
jeder, der sich um Darstellung dieser Entwickelung bemühte, deckte – durch
seine bloße Geschichtsarbeit – unwillkürlich die Wahrheit auf. Nicht aus den
mittelalterlichen Volksschauspielen, in welchen wir die Spuren eines
natürlichen Zusammenwirkens der Tonkunst mit der Dramatik finden, ging die Oper
hervor; sondern an den üppigen Höfen Italiens – merkwürdigerweise des einzigen
großen europäischen Kulturlandes, in welchem sich das Drama nie zu
irgendwelchen Bedeutung entwickelte – fiel es vornehmen Leuten, die an
Palestrinas Kirchenmusik keinen Geschmack mehr fanden, ein, sich von Sängern,
die bei Festen sie unterhalten sollten, Arien, d. h. ihrer Wahrheit
und Naivetät entkleidete Volksweisen, vorsingen zu lassen, denen man
willkürliche, und aus Not zu einem Anscheine von dramatischem Zusammenhang
verbundene, Verstexte unterlegte. Diese dramatische Kantate, deren
Inhalt auf alles, nur nicht auf das Drama abzielte, ist die Mutter unsrer Oper,
ja sie ist die Oper selbst. Je weiter sie sich von diesem Entstehungspunkte aus
entwickelte, je folgerechter sich die, als nur noch rein musikalisch
übriggebliebene, Form der Arie zur Unterlage für die Kehlfertigkeit der Sänger
fortbildete, desto klarer stellte sich für den Dichter, der zur Hülfe
bei diesen musikalischen Divertissements herbeigezogen wurde, die Aufgabe
heraus, eine Dichtungsform herzurichten, die gerade zu weiter gar nichts dienen
sollte, als dem Bedürfnisse des Sängers und der musikalischen Arienform den
nötigen Wortversbedarf zu liefern. Metastasios großer Ruhm bestand
darin, daß er dem Musiker nie die mindeste Verlegenheit bereitete, vom
dramatischen Standpunkte aus ihm nie eine ungewohnte Forderung stellte, und
somit der allerergebenste und verwendbarste Diener dieses Musikers war. Hat
sich dieses Verhältnis des Dichters zum Musiker bis auf den heutigen Tag um ein
Haar geändert? Wohl darin, was nach rein musikalischem Dafürhalten heute für
dramatisch gilt und allerdings von der altitalienischen Oper sich
unterscheidet, keineswegs aber darin, was das Charakteristische der Stellung
selbst betrifft. Als dieses gilt heute wie vor 150 Jahren, daß der Dichter
seine Inspirationen vom Musiker erhalte, daß er den Launen der Musik lausche,
der Neigung des Musikers sich füge, den Stoff nach dessen Geschmacke wähle,
seine Charaktere nach der, für die rein musikalische Kombination
erforderlichen, Stimmgattung der Sänger modele, dramatische Unterlagen für
gewisse Tonstückformen, in denen der Musiker sich ergehen und ausbreiten will,
herbeischaffe – kurz, daß er in seiner Unterordnung unter den Musiker das Drama
nur aus speziell musikalischen Intentionen des Komponisten heraus konstruiere –
oder, wenn er dies alles nicht wolle oder könne, sich gefallen lasse, für einen
unbrauchbaren Operntextdichter angesehen zu werden. – Ist dies wahr oder nicht?
Ich zweifle, daß gegen diese Darstellung das mindeste eingewendet werden
könnte.
Die
Absicht der Oper lag also von je, und so auch heute, in der Musik. Bloß um der
Wirksamkeit der Musik Anhalt zu irgendwie gerechtfertiger Ausbreitung zu
verschaffen, wird die Absicht des Dramas herbeigezogen – natürlich aber
nicht, um die Absicht der Musik zu verdrängen, sondern vielmehr ihr nur als Mittel
zu dienen. Ohne Anstand wird dies auch von allen Seiten anerkannt; niemand
versucht es auch nur, die bezeichnete Stellung des Dramas zur Musik, des
Dichters zum Tonkünstler, zu leugnen: nur im Hinblick auf die ungemeine
Verbreitung und Wirkungsfähigkeit der Oper hat man geglaubt mit einer
monströsen Erscheinung sich befreunden zu müssen, ja ihr die Möglichkeit
zuzusprechen, in ihrer unnatürlichen Wirksamkeit etwas Neues, ganz Unerhörtes,
noch nie zuvor Geahntes zu leisten, nämlich auf der Basis der absoluten
Musik das wirkliche Drama zustande zu bringen.
Wenn
ich nun als Zweck dieses Buches mir den zu führenden Beweis dafür
gesetzt habe, daß allerdings aus dem Zusammenwirken gerade unsrer Musik
mit der dramatischen Dichtkunst dem Drama eine noch nie zuvor geahnte Bedeutung
zuteil werden könne und müsse, so habe ich, zur Erreichung dieses Zweckes,
zunächst mit der genauen Darlegung des unglaublichen Irrtumes zu beginnen, in
dem diejenigen befangen sind, welche jene höhere Gestaltung des Dramas durch
das Wesen unsrer modernen Oper, also aus der naturwidrigen Stellung der
Dichtkunst zur Musik, erwarten zu dürfen glauben.
Wenden
wir unsre Betrachtung zuvörderst daher ausschließlich dem Wesen dieser Oper zu!
Jedes
Ding lebt und besteht durch die innere Notwendigkeit seines Wesens, durch das
Bedürfnis seiner Natur. Es lag in der Natur der Tonkunst, sich zu einer
Fähigkeit des mannigfaltigsten und bestimmtesten Ausdruckes zu entwickeln, zu
der sie, wiewohl das Bedürfnis dazu in ihr lag, nie gelangt sein würde, wenn
sie nicht in eine Stellung zur Dichtkunst gedrängt worden wäre, in der sie
Anforderungen an ihr äußerstes Vermögen entsprechen zu wollen sich genötigt
sah, selbst wenn diese Anforderungen auf das ihr Unmögliche sich richten
mußten.
Nur
in seiner Form kann sich ein Wesen aussprechen: ihre Formen verdankte die
Tonkunst dem Tanze und dem Liede. Dem bloßen Sprachdichter, der sich zur
Erhöhung des ihm zu Gebote stehenden Ausdruckes für das Drama der Musik bedienen
wollte, erschien diese nur in jener beschränkten Tanz- und Liedform, in
welcher sie ihm unmöglich die Fülle des Ausdruckes zeigen konnte, dessen sie in
Wahrheit doch fähig war. Wäre die Tonkunst ein für allemal zu dem Sprachdichter
in einer Stellung verblieben, wie dieser in der Oper sie jetzt zu ihr einnimmt,
so würde sie von diesem nur nach ihrem beschränktesten Vermögen verwendet
worden und nie zu der Fähigkeit gelangt sein, ein so überaus mächtiges
Ausdrucksorgan zu werden, als sie es heute ist. Es mußte der Musik somit
vorbehalten sein, sich selbst Möglichkeiten zuzutrauen, die in Wahrheit für sie
Unmöglichkeiten bleiben sollten; sie mußte sich in den Irrtum stürzen, als
reines Ausdrucksorgan für sich auch das Auszudrückende deutlich bestimmen zu wollen;
sie mußte sich in das hochmütige Unternehmen wagen, da Anordnungen zu
treffen und Absichten aussprechen zu wollen, wo sie in Wahrheit einer, aus ihrem
Wesen gar nicht zu fassenden Absicht sich unterzuordnen, in dieser
Unterordnung aber auch an der Verwirklichung dieser Absicht einen einzig
ermöglichenden Anteil haben kann. –
Nach
zwei Seiten hin hat sich nun das Wesen der Musik in dem von ihm aus bestimmten
Kunstgenre der Oper entwickelt: nach einer ernsten – durch alle die
Tondichter, welche die Last der Verantwortung auf sich fühlten, die der Musik
zugeteilt war, als sie die Absicht des Dramas für sich allein übernahm –,
nach einer frivolen – durch alle die Musiker, die, wie von dem Instinkt
der Unmöglichkeit der Lösung einer unnatürlichen Aufgabe getrieben, dieser den
Rücken wandten, und, nur auf den Genuß des Vorteiles bedacht, den die Oper
einer ungemein ausgedehnten Öffentlichkeit gegenüber gewonnen hatte, einem
ungemischt musikalischen Experimentieren sich hingaben. Es ist notwendig, daß
wir die erste, die ernste Seite, zuerst näher in das Auge fassen.
Die
musikalische Grundlage der Oper war – wie wir wissen – nichts anderes als die Arie,
die Arie aber wiederum nur das vom Kunstsänger der vornehmen Welt vorgeführte
Volkslied, dessen Wortgedicht ausgelassen und durch das Produkt des dazu
bestellten Kunstdichters ersetzt wurde. Die Ausbildung der Volksweise zur
Opernarie war zunächst das Werk jenes Kunstsängers, dem es an sich nicht mehr
an dem Vortrage der Weise, sondern an der Darlegung seiner Kunstfertigkeit
gelegen war: er bestimmte die ihm notwendigen Ruhepunkte, den Wechsel des
bewegteren oder gemäßigteren Gesangsausdruckes, die Stellen, an denen er frei
von allem rhythmischen und melodischen Zwange seine Geschicklichkeit nach
vollstem Belieben allein zu Gehör bringen konnte. Der Komponist legte nur dem
Sänger, der Dichter wieder dem Komponisten das Material zu dessen Virtuosität
zurecht.
Das
natürliche Verhältnis zwischen den künstlerischen Faktoren des Dramas war
hierbei im Grunde noch nicht aufgehoben, es war nur entstellt, indem der
Darsteller, die notwendigste Bedingung für die Möglichkeit des Dramas, nur der
Vertreter einer einzigen besonderen Geschicklichkeit (der absoluten
Gesangsfertigkeit), nicht aber aller gemeinsamen Fähigkeiten des künstlerischen
Menschen war. Diese eine Entstellung des Charakters des Darstellers war es auch
nur, welche die eigentliche Verdrehung im natürlichen Verhältnisse jener
Faktoren hervorrief, nämlich die absolute Voranstellung des Musikers vor dem
Dichter. Wäre jener Sänger ein wirklicher, ganzer und voller dramatischer
Darsteller gewesen, so hätte der Komponist notwendig in seine richtige Stellung
zum Dichter kommen müssen, indem dieser es war, welcher bestimmt und für alles
übrige maßgebend die dramatische Absicht ausgesprochen und ihre Verwirklichung
angeordnet hätte. Der jenem Sänger zunächst stehende Dichter war aber der
Komponist – der Komponist, der eben nur dem Sänger half, seine Absicht zu
erreichen, diese Absicht, die, von aller dramatischen, ja nur dichterischen
Beziehung überhaupt losgelöst, durchaus nichts anderes war, als seine
spezifische Gesangskunstfertigkeit glänzen zu lassen.
Dieses
ursprüngliche Verhältnis der künstlerischen Faktoren der Oper zueinander haben
wir uns fest einzuprägen, um im Verfolge genau zu erkennen, wie dieses
entstellte Verhältnis durch alle Bemühungen, es zu berichtigen, nur immer noch
mehr verwirrt werden konnte. –
Der
dramatischen Kantate wurde, durch das luxuriöse Verlangen der vornehmen Herren
nach Abwechselung im Vergnügen, das Ballett hinzugefügt. Der Tanz und
die Tanzweise, ganz so willkürlich dem Volkstanze und der Volkstanzweise
entnommen und nachgebildet, wie die Opernarie es dem Volksliede war, trat mit
der spröden Unvermischungsfähigkeit alles Unnatürlichen zu der Wirksamkeit des
Sängers hinzu, und dem Dichter entstand, bei solcher Häufung des innerlich
gänzlich Zusammenhangslosen, natürlich die Aufgabe, die Kundgebungen der vor
ihm ausgelegten Kunstfertigkeiten zu einem irgendwie gefügten Zusammenhange zu verbinden.
Ein immer mehr als notwendig sich herausstellender dramatischer Zusammenhang
verband nun unter des Dichters Hülfe das, was an sich eigentlich nach
gar keinem Zusammenhange verlangte, so daß die Absicht des Dramas – von
äußerlicher Not gedrungen – nur angegeben, keineswegs aber aufgenommen
wurde. Gesangs- und Tanzweise standen in vollster, kältester Einsamkeit
nebeneinander zur Schaustellung der Geschicklichkeit des Sängers oder des
Tänzers, nur in dem, was sie zur Not verbinden sollte, in dem musikalisch
rezitierten Dialoge, übte der Dichter seine untergeordnete Wirksamkeit aus,
machte das Drama sich irgendwie bemerklich.
Auch
das Rezitativ ist keineswegs aus einem wirklichen Drange zum Drama in
der Oper, etwa als eine neue Erfindung hervorgegangen: lange bevor man diese
redende Gesangsweise in die Oper einführte, hat sich die christliche Kirche zur
gottesdienstlichen Rezitation biblischer Stellen ihrer bedient. Der in diesen
Rezitationen nach ritualischer Vorschrift bald stehend gewordene, banale, nur
noch scheinbar, nicht aber wirklich mehr sprechende, mehr gleichgültig
melodische als ausdrucksvoll redende Tonfall ging zunächst, mit wiederum nur
musikalischer Willkür gemodelt und variiert, in die Oper über, so daß mit Arie,
Tanzweise und Rezitativ der ganze Apparat des musikalischen Dramas – und zwar
bis auf die neueste Oper dem Wesen nach unverändert – festgestellt war. Die
dramatischen Pläne, die diesem Apparate untergelegt wurden, gewannen ebenfalls
bald stereotypen Bestand; meistens der gänzlich mißverstandenen griechischen
Mythologie und Heroenwelt entnommen, bildeten sie ein theatralisches Gerüst,
dem alle Fähigkeit, Wärme und Teilnahme zu erwecken, vollständig abging, das
dagegen die Eigenschaft besaß, sich zur Benutzung von jedem Komponisten nach
Belieben herzugeben, wie denn auch die meisten dieser Texte von den
verschiedensten Musikern wiederholt komponiert worden sind. –
Die
so berühmt gewordene Revolution Glucks, die vielen Unkenntnisvollen als
eine gänzliche Verdrehung der bis dahin üblichen Ansicht von dem Wesen der Oper
zu Gehör gekommen ist, bestand nun in Wahrheit nur darin, daß der musikalische
Komponist sich gegen die Willkür des Sängers empörte. Der Komponist, der nächst
dem Sänger die Beachtung des Publikums besonders auf sich gezogen hatte, da er
es war, der diesem immer neuen Stoff für seine Geschicklichkeit herbeischaffte,
fühlte sich ganz in dem Grade von der Wirksamkeit dieses Sängers
beeinträchtigt, als es ihm daran gelegen war, jenen Stoff nach eigener
erfinderischer Phantasie zu gestalten, so daß auch sein Werk, und
vielleicht endlich nur sein Werk dem Zuhörer sich vorstelle. Es standen
dem Komponisten zur Erreichung seines ehrgeizigen Zieles zwei Wege
offen: entweder den rein sinnlichen Inhalt der Arie, mit Benutzung aller zu
Gebote stehenden und noch zu erfindenden musikalischen Hülfsmittel, bis zur
höchsten, üppigsten Fülle zu entfalten oder – und dies ist der ernstere Weg,
den wir für jetzt zu verfolgen haben – die Willkür im Vortrage dieser Arie
dadurch zu beschränken, daß der Komponist der vorzutragenden Weise einen dem
unterliegenden Worttexte entsprechenden Ausdruck zu geben suchte. Wenn diese
Texte ihrer Natur nach als gefühlvolle Reden handelnder Personen gelten mußten,
so war es von jeher gefühlvollen Sängern und Komponisten ganz von selbst auch
schon beigekommen, ihre Virtuosität mit dem Gepräge der nötigen Wärme
auszustatten, und Gluck war gewiß nicht der erste, der gefühlvolle Arien
schrieb, noch seine Sänger die ersten, die solche mit Ausdruck vortrugen. Daß er
aber die schickliche Notwendigkeit eines der Textunterlage entsprechenden
Ausdruckes in Arie und Rezitativ mit Bewußtsein und grundsätzlich aussprach,
das macht ihn zu dem Ausgangspunkt für eine allerdings vollständige Veränderung
in der bisherigen Stellung der künstlerischen Faktoren der Oper zueinander. Von
jetzt an geht die Herrschaft in der Anordnung der Oper mit Bestimmtheit auf den
Komponisten über: der Sänger wird zum Organ der Absicht des Komponisten,
und diese Absicht ist mit Bewußtsein dahin ausgesprochen, daß dem dramatischen
Inhalte der Textunterlage durch einen wahren Ausdruck desselben entsprochen
werden solle. Der unschicklichen und gefühllosen Gefallsucht des virtuosen
Sängers war also im Grunde einzig entgegengetreten worden, im übrigen aber
blieb es in bezug auf den ganzen unnatürlichen Organismus der Oper durchaus
beim alten. Arie, Rezitativ und Tanzstück stehen, für sich gänzlich
abgeschlossen, eben so unvermittelt nebeneinander in der Gluckschen Oper da,
als es vor ihr und bis heute fast immer noch der Fall ist.
In
der Stellung des Dichters zum Komponisten war nicht das mindeste
geändert; eher war die Stellung des Komponisten gegen ihn noch diktatorischer
geworden, da er, bei ausgesprochenem Bewußtsein von seiner – dem virtuosen
Sänger gegenüber – höheren Aufgabe, mit vorbedachterem Eifer die Anordnungen im
Gefüge der Oper traf. Dem Dichter fiel es gar nicht ein, in diese Anordnungen
sich irgendwie einzumischen; er konnte die Musik, der nun einmal die Oper ihre
Entstehung verdankte, gar nicht anders fassen als in jenen engen, ganz
bestimmten Formen, die er – als selbst den Musiker wiederum gänzlich bindend –
vorfand. Es wäre ihm undenklich erschienen, durch Anforderungen der
dramatischen Notwendigkeit an sie, auf diese Formen in dem Grade zu wirken, daß
sie ihrem Wesen nach aufgehört hätten, Schranken für die freie Entwickelung der
dramatischen Wahrheit zu sein, da er eben nur in diesen – dem Musiker selbst
unantastbaren – Formen das Wesen der Musik begriff. Er mußte daher, gab er sich
nun einmal zur Dichtung eines Operntextes her, peinlicher als der Musiker
selbst auf die Beobachtung jener Formen bedacht sein und höchstens diesem
Musiker es überlassen, auf dem ihm heimischen Felde Erweiterungen und
Entwickelungen auszuführen, zu denen er sich nur behilflich erzeigen, nie aber
anfordernd sich stellen konnte. Somit wurde vom Dichter selbst, der dem
Komponisten mit einer gewissen heiligen Scheu zusah, diesem die Diktatur in der
Oper eher noch vollständiger zugeführt als bestritten, als er wahrnahm, welch'
ernsten Eifer der Musiker an seine Aufgabe setzte.
Erst
Glucks Nachfolger waren aber darauf bedacht, aus dieser ihrer Stellung für
wirkliche Erweiterung der vorgefundenen Formen Vorteil zu ziehen. Diese
Nachfolger, unter denen wir die Komponisten italienischer und französischer
Herkunft zu begreifen haben, welche dicht am Ende des vorigen und im ersten
Anfange dieses Jahrhunderts für die Pariser Operntheater schrieben, gaben ihren
Gesangstücken, bei immer vollendeterer Wärme und Wahrheit des unmittelbaren
Ausdruckes, zugleich eine immer ausgedehntere formelle Grundlage. Die
herkömmlichen Einschnitte der Arie, im wesentlichen zwar immer noch
beibehalten, wurden mannigfaltiger motiviert, Übergänge und Verbindungsglieder
selbst in das Bereich des Ausdruckes gezogen; das Rezitativ schloß sich
unwillkürlicher und inniger an die Arie an und trat als notwendiger Ausdruck
selbst in die Arie hinein. Eine namentliche Erweiterung erhielt die Arie aber
dadurch, daß an ihrem Vortrage – je nach dem dramatischen Bedürfnisse – auch
mehr als eine Person teilnahm und so das wesentlich Monologische der
früheren Oper sich vorteilhaft verlor. Stücke wie Duette und Terzette waren
zwar auch schon früher längst bekannt; daß in einem Stücke zwei oder drei
sangen, hatte im wesentlichen aber nicht das mindeste im Charakter der Arie
geändert: diese blieb in der melodischen Anlage und in Behauptung des einmal
angeschlagenen thematischen Tones – der eben nicht auf individuellen Ausdruck,
sondern auf eine allgemeine, spezifisch-musikalische Stimmung sich bezog –
vollkommen sich gleich, und nichts Wirkliches änderte sich in ihr, gleichviel
ob sie als Monolog oder als Duett vorgetragen wurde, als höchstens ganz
Materielles, nämlich daß die musikalischen Phrasen abwechselnd von verschiedenen
Stimmen, oder gemeinschaftlich, durch bloß harmonische Vermittelung als zwei-
oder dreistimmig usw., gesungen wurden. Dies spezifisch Musikalische eben so
weit zu deuten, daß es des lebhaft wechselnden individuellen Ausdruckes fähig
wurde, dies war die Aufgabe und das Werk jener Komponisten, wie es sich in
ihrer Behandlung des sogenannten dramatisch-musikalischen Ensembles
darstellt. Die wesentliche musikalische Essenz dieses Ensembles blieben in
Wahrheit immer nur Arie, Rezitativ und Tanzweise: nur mußte, wenn einmal in
Arie und Rezitativ ein der Textunterlage entsprechender Gesangsausdruck als
schickliches Erfordernis erkannt worden war, folgerichtig die Wahrheit dieses
Ausdruckes auch auf alles das ausgedehnt werden, was in dieser Textunterlage sich
von dramatischem Zusammenhang vorfand. Dem redlichen Bemühen, dieser
notwendigen Konsequenz zu entsprechen, entsprang die Erweiterung der älteren
musikalischen Formen in der Oper, wie wir sie in den ernsten Opern Cherubinis,
Mehuls und Spontinis antreffen: wir können sagen, in diesen Werken
ist das erfüllt, was Gluck wollte oder wollen konnte, ja, es ist in
ihnen ein für allemal das erreicht, was auf der ursprünglichen Grundlage der
Oper sich Natürliches, d. h. im besten Sinne Folgerichtiges,
entwickeln konnte.
Der
jüngste jener drei Meister, Spontini, war auch so vollkommen überzeugt,
das höchste Erreichbare im Genre der Oper wirklich erreicht zu haben; er hatte
einen so festen Glauben an die Unmöglichkeit, seine Leistungen irgendwie
überboten zu sehen, daß er in allen seinen späteren Kunstproduktionen, die er
den Werken aus seiner großen Pariser Epoche folgen ließ, nie auch nur den
mindesten Versuch machte, in Form und Bedeutung über den Standpunkt, den er in
diesen Werken einnahm, hinauszugehen. Er sträubte sich hartnäckig, die spätere
sogenannte romantische Entwickelung der Oper für irgend etwas anderes als einen
offenbaren Verfall der Oper anzuerkennen, so daß er denjenigen, denen er sich
seitdem hierüber mitteilte, den Eindruck eines bis zum Wahnsinn für sich und
seine Werke Eingenommenen machen mußte, während er eigentlich doch nur eine
Überzeugung aussprach, der in Wahrheit eine kerngesunde Ansicht vom Wesen der
Oper sehr wohl zugrunde lag. Spontini konnte, beim Überblick des Gebarens der
modernen Oper, mit vollstem Rechte fragen: »Habt ihr die wesentliche Form der
musikalischen Opernbestandteile irgendwie weiter entwickelt, als ihr sie bei
mir vorfindet? Oder habt ihr etwa gar irgend etwas Verständliches oder Gesundes
zustande bringen können mit wirklicher Übergehung dieser Form? Ist nicht alles
Ungenießbare in euren Arbeiten nur ein Resultat eures Heraustretens aus dieser
Form, und habt ihr alles Genießbare nicht nur innerhalb dieser Formen
hervorbringen können? Wo besteht diese Form nun großartiger, breiter und
umfangreicher als in meinen drei großen Pariser Opern? Wer aber will mir sagen,
daß er diese Form mit glühenderem, gefühlvollerem und energischerem Inhalte
erfüllt habe als ich?« –
Es
dürfte schwer sein, Spontini auf diese Fragen eine Antwort zu geben, die ihn
verwirren müßte; jedenfalls noch schwerer, ihm zu beweisen, daß er
wahnsinnig sei, wenn er uns für wahnsinnig hält. Aus Spontini spricht
die ehrliche, überzeugte Stimme des absoluten Musikers, der da zu erkennen
gibt: »Wenn der Musiker für sich, als Anordner der Oper, das Drama
zustande bringen will, so kann er, ohne sein gänzliches Unvermögen hierzu
darzulegen, nicht einen Schritt weiter gehen, als ich gegangen bin.«
Hierin liegt aber unwillkürlich des weiteren die Aufforderung ausgesprochen:
»Wollt ihr mehr, so müßt ihr euch nicht an den Musiker, sondern – an
den Dichter wenden.« –
Wie
verhielt sich nun zu Spontini und dessen Genossen dieser Dichter? Bei allem
Heranwachsen der musikalischen Opernform, bei aller Entwickelung der in ihr
enthaltenen Ausdrucksfähigkeit, veränderte die Stellung des Dichters sich doch
nicht im mindesten. Er blieb immer der Bereiter von Unterlagen für die ganz
selbständigen Experimente des Komponisten. Fühlte dieser, durch gewonnene
Erfolge, sein Vermögen zu freierer Bewegung innerhalb seiner Formen wachsen, so
gab er dadurch dem Dichter nur auf, ihn mit weniger Befangenheit und
Ängstlichkeit bei Zuführung des Stoffes zu bedienen; er rief ihm gleichsam zu:
»Sieh, was ich vermag! Geniere dich nun nicht; vertraue meiner Tätigkeit, auch
deine gewagtesten dramatischen Kombinationen mit Haut und Haar in Musik
aufzulösen!« – So ward der Dichter vom Musiker nur mit fortgerissen; er durfte
sich schämen, seinem Herren hölzerne Steckenpferde vorzuführen, wo dieser imstande
war, ein wirkliches Roß zu besteigen, da er wußte, daß der Reiter die Zügel
tüchtig zu handhaben verstand – diese musikalischen Zügel, die das Roß in der
wohlgeebneten Opernreitbahn schulgerecht hin- und herlenken sollten, und ohne
die weder Musiker noch Dichter es zu besteigen sich getrauten, aus Furcht, es
setze hoch über die Einhegung hinweg und liefe in seine wilde, herrliche
Naturheimat fort.
So
gelangte der Dichter neben dem Komponisten allerdings zu steigender Bedeutung,
aber doch nur genau in dem Grade, als der Musiker vor ihm her aufwärtsstieg und
er diesem nur folgte; die streng musikalischen Möglichkeiten allein, die der
Komponist ihm wies, hatte der Dichter einzig als maßgebend für alle Anordnung
und Gestaltung, ja selbst Stoffauswahl im Auge; er blieb somit, bei allem Ruhm,
den auch er zu ernten begann, immer gerade nur der geschickte Mann, der
es vermochte, den »dramatischen« Komponisten so entsprechend und nützlich zu
bedienen. Sobald der Komponist selbst keine andere Ansicht von der Stellung des
Dichters zu ihm gewann, als er sie der Natur der Oper nach vorfand, konnte er
sich selbst auch nur für den eigentlichen verantwortlichen Faktor der Oper
ansehen, und so mit Recht und Fug auf dem Standpunkte Spontinis, als dem
zweckmäßigsten, stehenbleiben, da er sich die Genugtuung geben durfte, auf ihm
alles das zu leisten, was irgend dem Musiker möglich war, wenn er der Oper, als
musikalischem Drama, einen Anspruch als gültige Kunstform gewahrt wissen
wollte.
Daß
im Drama selbst aber Möglichkeiten lagen, die in jener Kunstform – wenn sie
nicht zerfallen sollte – gar nicht auch nur berührt werden durften, dies stellt
sich uns jetzt wohl deutlich heraus, mußte dem Komponisten und Dichter
jener Periode aber vollständig entgehen. Von allen dramatischen Möglichkeiten
konnten ihnen nur diejenigen aufstoßen, die in jener ganz bestimmten und ihrem
Wesen nach durchaus beschränkten Opernmusikform zu verwirklichen waren. Die
breite Ausdehnung, das lange Verweilen bei einem Motiv, dessen der Musiker
bedurfte, um in seiner Form sich verständlich auszusprechen – die ganze rein
musikalische Zutat, die ihm als Vorbereitung nötig war, um gleichsam seine
Glocke in Schwung zu setzen, daß sie ertöne und namentlich so ertöne, daß sie
einem bestimmten Charakter ausdrucksvoll entspreche –, machten es von je
dem Dichter zur Aufgabe, nur mit einer ganz bestimmten Gattung von dramatischen
Entwürfen sich zu befassen, die in sich Raum hatten für die gedehnte,
geschraubte Gemächlichkeit, die dem Musiker für sein Experimentieren
unerläßlich war. Das bloß Rhetorische, phrasenhaft Stereotype in seinem
Ausdrucke war für den Dichter eine Pflicht, denn auf diesem Boden allein konnte
der Musiker Raum zu der ihm nötigen, in Wahrheit aber gänzlich undramatischen,
Ausbreitung erhalten. Seine Helden kurz, bestimmt und voll gedrängten Inhaltes
sprechen zu lassen, hätte dem Dichter nur den Vorwurf der Unpraktikabilität
seines Gedichtes für den Komponisten zuziehen müssen. Fühlte der Dichter sich
also notgedrungen, seinen Helden diese banalen, nichtssagenden Phrasen in den
Mund zu legen, so konnte er auch mit dem besten Willen von der Welt es nicht
ermöglichen, den so redenden Personen wirklichen Charakter und dem
Zusammenhange ihrer Handlungen das Siegel voller dramatischer Wahrheit aufzudrücken.
Sein Drama war immer mehr nur ein Vorgeben des Dramas; alle Konsequenzen
der wirklichen Absicht des Dramas zu ziehen, durfte ihm gar nicht
beikommen. Er übersetzte daher, strenggenommen, eigentlich auch nur das Drama
in die Opernsprache, so daß er meistens sogar nur längst bekannte und auf der
Bühne des gesprochenen Schauspieles bis zum Überdruß bereits dargestellte
Dramen für die Oper bearbeitete, wie dies in Paris namentlich mit den Tragödien
des Théatre français der Fall war. Die Absicht des Dramas, die hiernach
innerlich hohl und nichtig war, ging offenkundig somit immer nur in die
Intentionen des Komponisten über; von diesem erwartete man das, was der Dichter
von vornherein aufgab. Ihm – dem Komponisten – mußte daher auch allein nur
zufallen, dieser inneren Hohlheit und Nichtigkeit des ganzen Werkes, sobald er
sie wahrnahm, abzuhelfen; er mußte sich also die unnatürliche Aufgabe zugeteilt
sehen, von seinem Standpunkte aus, vom Standpunkte desjenigen, der die
vollkommen dargelegte dramatische Absicht nur vermöge des ihm zu Gebote
stehenden Ausdruckes zu verwirklichen helfen soll, diese Absicht selbst
zu fassen und in das Leben zu rufen. Genaugenommen hatte der Musiker demnach
bedacht zu sein, das Drama wirklich zu dichten, seine Musik nicht nur zum Ausdrucke,
sondern zum Inhalte selbst zu machen, und dieser Inhalt sollte, der
Natur der Sache gemäß, kein anderer als das Drama selbst sein.
Von
hieran beginnt auf das erkennbarste die wunderliche Verwirrung der Begriffe vom
Wesen der Musik durch das Prädikat »dramatisch«. Die Musik, die als eine
Kunst des Ausdruckes, bei höchster Fülle in diesem Ausdrucke nur wahr
sein kann, hat hierin naturgemäß sich immer nur auf das zu beziehen, was
sie ausdrücken soll: in der Oper ist dies ganz entschieden die Empfindung des
Redenden und Darstellenden, und eine Musik, die dies mit überzeugendster
Wirkung tut, ist gerade das, was sie irgend sein kann. Eine Musik, die aber
mehr sein, sich nicht auf einen auszudrückenden Gegenstand beziehen, sondern
ihn selbst erfüllen, d. h. dieser Gegenstand zugleich sein will, ist im
Grunde gar keine Musik mehr, sondern ein von Musik und Dichtkunst phantastisch
abstrahiertes Unding, das sich in Wahrheit nur als Karikatur verwirklichen
kann. Bei allen verkehrten Bestrebungen ist die Musik, die irgend wirkungsvolle
Musik, wirklich auch nichts anderes geblieben als Ausdruck: jenen Bestrebungen,
sie zum Inhalte – und zwar zum Inhalte des Dramas – selbst zu machen, entsprang
aber das, was wir als den folgerichtigen Verfall der Oper, und somit als die
offenkundige Darlegung der gänzlichen Unnatur dieses Kunstgenres zu erkennen
haben.
War
die Grundlage und der eigentliche Inhalt der Spontinischen Oper hohl und
nichtig und die auf ihnen sich kundgebende musikalische Form borniert und
pedantisch, so war sie in dieser Beschränktheit doch ein aufrichtiges, in sich
klares Bekenntnis von dem, was in diesem Genre zu ermöglichen sei, ohne die
Unnatur in ihm zum Wahnsinn zu treiben. Die moderne Oper ist dagegen die
offene Kundgebung dieses wirklich eingetretenen Wahnsinnes. Um ihr Wesen näher
zu ergründen, wenden wir uns jetzt jener andern Richtung der Entwickelung der
Oper zu, die wir oben als die frivole bezeichneten, und durch deren
Vermengung mit der soeben besprochenen ernsten eben jener unbeschreiblich
konfuse Wechselbalg zutage gefördert worden ist, den wir, nicht selten selbst
von anscheinend vernünftigen Leuten, »moderne dramatische Oper« nennen hören.
Schon
lange vor Gluck – wir erwähnten dessen bereits – ist es glücklich begabten,
gefühlvollen Komponisten und Sängern ganz von selbst angekommen, den Vortrag
der Opernarie mit innigem Ausdrucke auszustatten, bei Gesangsfertigkeit und
trotz der Virtuosenbravour überall da, wo es die Textunterlage gestattete, und
selbst, wo sie diesem Ausdrucke nirgends entgegenkam, durch Mitteilung
wirklichen Gefühles und wahrer Leidenschaft auf ihre Zuhörer zu wirken. Es hing
diese Erscheinung ganz von der individuellen Aufgelegtheit der musikalischen
Faktoren der Oper ab, und in ihr zeigte sich das wahre Wesen der Musik insoweit
siegreich über allen Formalismus, als diese Kunst, ihrer Natur nach, sich als
unmittelbare Sprache des Herzens kundgibt.
Wenn
wir in der Entwickelung der Oper diejenige Richtung, in welcher durch Gluck und
seine Nachfolger diese edelste Eigenschaft der Musik grundsätzlich zur
Anordnerin des Dramas erhoben wurde, als die reflektierte bezeichnen
wollen, so haben wir dagegen jene andere Richtung, in welcher – namentlich auf
italienischen Operntheatern – diese Eigenschaft bei glücklich begabten Musikern
sich bewußtlos und ganz von selbst geltend machte, die naive zu nennen.
Von jener ist es charakteristisch, daß sie in Paris, als übersiedeltes Produkt,
vor einem Publikum sich ausbildete, das, an sich durchaus unmusikalisch, mehr
der wohlgeordneten, blendenden Redeweise als einem gefühlvollen Inhalte der
Rede selbst mit Anerkennung sich zuwendet; wogegen diese, die naive Richtung,
den Söhnen des Heimatlandes der modernen Musik, Italiens, vorzüglich zu eigen
blieb.
War
es auch ein Deutscher, der diese Richtung in ihrem höchsten Glanze zeigte, so
ward sein hoher Beruf ihm doch gerade nur dadurch zugeteilt, daß seine
künstlerische Natur von der ungetrübten, fleckenlosen Klarheit eines hellen
Wasserspiegels war, zu welchem die eigentümliche schönste Blüte italienischer
Musik sich neigte, um sich – wie im Spiegelbilde – selbst zu erschauen, zu
erkennen und zu lieben. Dieser Spiegel war aber nur die Oberfläche eines
tiefen, unendlichen Meeres des Sehnens und Verlangens, das aus der
unermeßlichen Fülle seines Wesens sich zu seiner Oberfläche als zu der Äußerung
seines Inhaltes ausdehnte, um aus dem liebevollen Gruße der schönen
Erscheinung, die wie im Durste nach Erkenntnis ihres eigenen Wesens zu ihm
hinab sich neigte, Gestalt, Form und Schönheit zu gewinnen.
Wer
in Mozart den experimentierenden Musiker erkennen will, der von einem
Versuche zum anderen sich wendet, um z. B. das Problem der Oper zu lösen,
der kann diesem Irrtume, um ihn aufzuwiegen, nur den andern an die Seite
stellen, daß er z. B. Mendelssohn, wenn dieser, gegen seine eigenen Kräfte
mißtrauisch, scheu und zögernd aus weitester Ferne nur nach und nach sich
annähernd der Oper zuwandte, Naivetät zuspricht.1) Der naive, wirklich begeisterte
Künstler stürzt sich mit enthusiastischer Sorglosigkeit in sein Kunstwerk, und
erst wenn dies fertig, wenn es in seiner Wirklichkeit sich ihm darstellt,
gewinnt er, aus seinen Erfahrungen, die echte Kraft der Reflexion, die ihn allgemeinhin
vor Täuschungen bewahrt, im besonderen Falle, also da, wo er durch Begeisterung
sich wieder zum Kunstwerke gedrängt fühlt, ihre Macht über ihn dennoch aber
vollständig wieder verliert. Von Mozart ist mit Bezug auf seine Laufbahn
als Opernkomponist nichts charakteristischer als die unbesorgte Wahllosigkeit,
mit der er sich an seine Arbeiten machte: ihm fiel es so wenig ein, über den
der Oper zugrunde liegenden ästhetischen Skrupel nachzudenken, daß er vielmehr
mit größter Unbefangenheit an die Komposition jedes ihm aufgegebenen
Operntextes sich machte, sogar unbekümmert darum, ob dieser Text für ihn, als
reinen Musiker, dankbar sei oder nicht. Nehmen wir alle seine hier und da
aufbewahrten ästhetischen Bemerkungen und Aussprüche zusammen, so versteigt all
seine Reflexion gewiß sich nicht höher als seine berühmte Definition von seiner
Nase. Er war so ganz und vollständig Musiker, und nichts als Musiker, daß wir
an ihm am allerersichtlichsten und überzeugendsten die einzig wahre und
richtige Stellung des Musikers auch zum Dichter begreifen können. Das
Wichtigste und Entscheidendste für die Musik leistete er unbestreitbar gerade
in der Oper – in der Oper, auf deren Gestaltung mit gleichsam dichterischer
Machtvollkommenheit einzuwirken ihm nicht im entferntesten beikam, sondern in
der er gerade nur das leistete, was er nach rein musikalischem Vermögen leisten
konnte, dafür aber eben durch getreuestes, ungetrübtestes Aufnehmen der
dichterischen Absicht – wo und wie sie vorhanden war – dieses sein rein musikalisches
Vermögen zu solcher Fülle ausdehnte, daß wir in keiner seiner absolut
musikalischen Kompositionen, namentlich auch nicht in seinen
Instrumentalwerken, die musikalische Kunst von ihm so weit und reich entwickelt
sehen als in seinen Opern. Die große, edle und sinnige Einfalt seines rein
musikalischen Instinktes, d. h. des unwillkürlichen Innehabens des Wesens
seiner Kunst, machte es ihm sogar unmöglich, da als Komponist
entzückende und berauschende Wirkungen hervorzubringen, wo die Dichtung matt
und unbedeutend war. Wie wenig verstand dieser reichbegabteste aller Musiker
das Kunststück unserer modernen Musikmacher, auf eine schale und unwürdige
Grundlage goldflimmernde Musiktürme aufzuführen, und den Hingerissenen,
Begeisterten zu spielen, wo alles Dichtwerk hohl und leer ist, um so recht zu
zeigen, daß der Musiker der wahre Hauptkerl sei und alles machen könne, selbst
aus nichts etwas erschaffen – ganz wie der liebe Gott! O wie ist mir
Mozart innig lieb und hoch verehrungswürdig, daß es ihm nicht möglich
war, zum »Titus« eine Musik wie die des »Don Juan«, zu »Cosi fan tutte« eine
wie die des »Figaro« zu erfinden: wie schmählich hätte dies die Musik entehren
müssen! – Mozart machte immerfort Musik, aber eine schöne Musik konnte
er nie schreiben, als wenn er begeistert war. Mußte diese Begeisterung von
innen, aus eigenem Vermögen kommen, so schlug sie bei ihm doch nur dann hell
und leuchtend hervor, wenn sie von außen entzündet wurde, wenn dem Genius
göttlichster Liebe in ihm der liebenswerte Gegenstand sich zeigte, den er,
brünstig selbstvergessen, umarmen konnte. Und so wäre es gerade der absoluteste
aller Musiker, Mozart, gewesen, der längst schon das Opernproblem uns
klar gelöst, nämlich das wahrste, schönste und vollkommenste – Drama
dichten geholfen hätte, wenn eben der Dichter ihm begegnet wäre, dem er
als Musiker gerade nur zu helfen gehabt haben würde. Der Dichter
begegnete ihm aber nicht: bald reichte ihm nur ein pedantisch langweiliger oder
ein frivol aufgeweckter Operntextmacher seine Arien, Duetten und Ensemblestücke
zur Komposition dar, die er dann, je nach der Wärme, die sie ihm erwecken
konnten, so in Musik setzte, daß sie immer den entsprechendsten Ausdruck
erhielten, dessen sie nach ihrem Inhalte irgend fähig waren.
So
hatte Mozart nur das unerschöpfliche Vermögen der Musik dargetan, jeder
Anforderung des Dichters an ihre Ausdrucksfähigkeit in undenklichster Fülle zu
entsprechen, und bei seinem ganz unreflektierten Verfahren hatte der herrliche
Musiker auch in der Wahrheit des dramatischen Ausdruckes, in der unendlichsten
Mannigfaltigkeit seiner Motivierung, dieses Vermögen der Musik in bei weitem
reicherem Maße aufgedeckt als Gluck und alle seine Nachfolger. Etwas
Grundsätzliches war aber in seinem Wirken und Schaffen so wenig ausgesprochen,
daß die mächtigen Schwingen seines Genius das formelle Gerüst der Oper
eigentlich ganz unberührt gelassen hatten: er hatte in die Formen der Oper nur
den Feuerstrom seiner Musik ergossen, sie selbst waren aber zu unmächtig,
diesen Strom in sich festzuhalten, sondern er floß aus ihnen dahin, wo er in
immer freierer und unbeengenderer Einhegung seinem natürlichen Verlangen nach
sich ausdehnen konnte, bis wir ihn in den Symphonien Beethovens zum mächtigen
Meere angeschwollen wiederfinden. Während in der reinen Instrumentalmusik die
eigenste Fähigkeit der Musik sich zum ungemessensten Vermögen entwickelte,
blieben jene Opernformen, gleich ausgebranntem Mauerwerk, nackt und frostig in
ihrer alten Gestalt stehen, harrend des neuen Gastes, der seine flüchtige Heimat
in ihnen aufschlagen sollte. Nur für die Geschichte der Musik allgemeinhin ist
Mozart von so überraschend wichtiger Bedeutung, keineswegs aber für die
Geschichte der Oper, als eines eigenen Kunstgenres, im Besonderen. Die Oper,
die in ihrem unnatürlichen Dasein an keine Gesetze wirklicher Notwendigkeit für
ihr Leben gebunden war, konnte jedem ersten besten Musikabenteurer als
gelegentliche Beute verfallen.
Dem
unerquicklichen Anblicke, den das Kunstschaffen der sogenannten Nachfolger
Mozarts darbietet, können wir hier füglich vorbeigehen. Eine ziemliche Reihe
von Komponisten bildete sich ein, Mozarts Oper sei etwas durch die Form
Nachzuahmendes, wobei natürlich übersehen wurde, daß diese Form an sich nichts
und Mozarts musikalischer Geist eben alles gewesen war: die Schöpfungen des
Geistes durch pedantische Anordnungen nachzukonstruieren ist aber noch niemand
gelungen.
Nur
eines blieb in diesen Formen noch auszusprechen übrig: Hatte Mozart in
ungetrübtester Naivetät ihren rein musikkünstlerischen Gehalt zu höchster Blüte
entwickelt, so war der eigentliche Grund des ganzen Opernwesens, dem Quell
seiner Entstehung gemäß, mit unverhülltester, nacktesten Offenheit in denselben
Formen noch kundzutun; es war der Welt noch deutlich und unumwunden zu sagen, welchem
Verlangen und welchen Anforderungen an die Kunst eigentlich die Oper Ursprung
und Dasein verdanke; daß dieses Verlangen keineswegs nach dem wirklichen Drama,
sondern nach einem – durch den Apparat der Bühne nur gewürzten – keineswegs
ergreifenden und innerlich belebenden, sondern nur berauschenden und
oberflächlich ergötzenden Genuß ausging. In Italien, wo diesem – noch
unbewußten – Verlangen die Oper entstanden war, sollte endlich mit vollem
Bewußtsein ihm auch entsprochen werden.
Wir
müssen hier näher auf das Wesen der Arie zurückkommen.
Solange
Arien komponiert werden, wird der Grundcharakter dieser Kunstform sich immer
als ein absolut musikalischer herauszustellen haben. Das Volkslied ging aus
einer unmittelbaren, eng unter sich verwachsenen, gleichzeitigen
Gemeinwirksamkeit der Dichtkunst und der Tonkunst hervor, einer Kunst, die wir
im Gegensatze zu der von uns einzig fast nur noch begriffenen, absichtlich
gestaltenden Kulturkunst kaum Kunst nennen möchten, sondern vielleicht durch:
unwillkürliche Darlegung des Volksgeistes durch künstlerisches Vermögen
bezeichnen dürften. Hier ist Wort- und Tondichtung eins. Dem Volke fällt es nie
ein, seine Lieder ohne Text zu singen, ohne den Wortvers gäbe es für das Volk
keine Tonweise. Variiert im Laufe der Zeit und bei verschiedenen Abstufungen
des Volksstammes die Tonweise, so variiert ebenso auch der Wortvers;
irgendwelche Trennung ist ihm unfaßlich, beide sind ihm ein zu sich gehöriges
Ganzes, wie Mann und Weib. Der Luxusmensch hörte diesem Volksliede nur aus der
Ferne zu; aus dem vornehmen Palaste lauschte er den vorüberziehenden
Schnittern, und was von der Wiese herauf in seine prunkenden Gemächer drang,
war nur die Tonweise, während die Dichtweise für ihn da unten verhallte. War
diese Tonweise der entzückende Duft der Blume, der Wortvers aber der Leib
dieser Blume selbst mit all seinen zarten Zeugungsorganen, so zog der
Luxusmensch, der einseitig nur mit seinen Geruchsnerven, nicht aber
gemeinsinnig mit dem Auge zugleich genießen wollte, diesen Duft von der Blume
ab und destillierte künstlich den Parfüm, den er auf Fläschchen zog, um nach
Belieben ihn willkürlich bei sich führen zu können, sich und sein prachtvolles
Gerät mit ihm zu netzen, wie er Lust hatte. Um sich auch an dem Anblicke
der Blume selbst zu erfreuen, hätte er notwendig näher hinzugehen, aus seinem
Palaste auf die Waldwiese herabsteigen, durch Äste, Zweige und Blätter sich
durchdrängen müssen, wozu der Vornehme und Behagliche durchaus kein Verlangen
hatte. Mit diesem wohlriechenden Substrate besprengte er nun auch die öde
Langeweile seines Lebens, die Hohlheit und Nichtigkeit seiner
Herzensempfindung, und das künstlerische Gewächs, das dieser unnatürlichen
Befruchtung entsproß, war nichts anderes, als die Opernarie. Sie blieb,
mochte sie in noch so verschiedenartige willkürliche Verbindungen gezwungen
werden, doch ewig unfruchtbar und immer nur sie selbst, das, was sie war und
nicht anders sein konnte: ein bloß musikalisches Substrat. Der ganze luftige
Körper der Arie verflog in die Melodie; und diese ward gesungen, endlich
gegeigt und gepfiffen, ohne nur irgend noch sich anmerken zu lassen, daß ihr
ein Wortvers oder gar Wortsinn unterzuliegen habe. Je mehr dieser Duft aber, um
ihm irgendwelchen Stoff zum körperlichen Anhaften zu bieten, zu Experimenten
aller Art sich hergeben mußte, unter denen das pomphafteste das ernstliche
Vorgeben des Dramas war, desto mehr fühlte man ihn von all der Mischung mit
Sprödem, Fremdartigem angegriffen, ja an wollüstiger Stärke und Lieblichkeit
abnehmen. Der diesem Dufte nun, unnatürlich wie er war, wieder einen Körper
gab, der, nachgemacht wie er war, doch wenigstens so täuschend wie möglich
jenen natürlichen Leib nachahmte, der einst diesen Duft aus seiner natürlichen
Fülle, als den Geist seines Wesens, in die Lüfte aussandte; der ungemein
geschickte Verfertiger künstlicher Blumen, die er aus Samt und Seide
formte, mit täuschenden Farben bemalte, und deren trockenen Kelch er mit jenem
Parfümsubstrat netzte, daß es aus ihm zu duften begann, wie fast aus einer wirklichen
Blume; – dieser große Künstler war Joachimo Rossini.
Bei
Mozart hatte jener melodische Duft in einer herrlichen, gesunden, ganz mit sich
einigen, künstlerischen Menschennatur einen so nährenden Boden gefunden, daß er
aus ihr heraus selbst wieder die schöne Blume echter Kunst trieb, die uns zu
innigstem Seelenentzücken hinreißt. Auch bei Mozart fand er jedoch nur diese
Nahrung, wenn das ihm Verwandte, Gesunde, Reinmenschliche als Dichtung zur
Vermählung mit seiner ganz musikalischen Natur sich ihm darbot, und fast war es
nur glücklicher Zufall, wenn wiederholt diese Erscheinung ihm entgegenkam. Wo
Mozart von diesem befruchtenden Gotte verlassen war, da vermochte auch das
Künstliche jenes Duftes sich nur mühsam, und doch nur ohne wahres, notwendiges
Leben, wiederum künstlich zu erhalten; die noch so aufwandvoll gepflegte
Melodie erkrankte am leblosen kalten Formalismus, dem einzigen Erbteil, das der
früh Verscheidende seinen Erben hinterlassen konnte, da er im Tode eben sein –
Leben mit sich nahm.
Was
Rossini in der ersten Blüte seiner üppigen Jugend um sich gewahrte, war
nur die Ernte des Todes. Blickte er auf die ernste französische, sogenannte
dramatische Oper, so erkannte er mit dem Scharfblicke jugendlicher Lebenslust
eine prunkende Leiche, die selbst der in prachtvoller Einsamkeit
dahinschreitende Spontini nicht mehr zu beleben vermochte, da er – wie zur
feierlichen Selbstverherrlichung – sich bereits selbst lebendig einbalsamierte.
Von keckem Instinkte für das Leben getrieben, riß Rossini auch dieser Leiche
die pomphafte Larve vom Gesicht, wie um den Grund ihres einstigen Lebens zu
erspähen: durch alle Pracht der stolz verhüllenden Gewänder hindurch entdeckte
er da dieses – den wahren Lebensgrund auch dieser gewaltig sich
Gebarenden –: die Melodie. – Blickte er auf die heimische
italienische Oper und das Werk der Erben Mozarts, nichts anderes gewahrte er
als wiederum den Tod – den Tod in inhaltslosen Formen, als deren Leben ihm die
Melodie aufging – die Melodie schlechtweg, ohne alle das Vorgeben von
Charakter, das ihm durchaus heuchlerisch dünken mußte, wenn er auf das sah, was
ihm Unfertiges, Gewaltsames und Halbes entsprungen war.
Leben
wollte aber Rossini, und um dies zu können, begriff er sehr wohl, daß er mit
denen leben müsse, die Ohren hatten, um ihn zu hören. Als das einzige Lebendige
in der Oper war ihm die absolute Melodie aufgegangen; so brauchte er bloß
darauf zu achten, welche Art von Melodie er anschlagen müßte, um gehört zu
werden. Über den pedantischen Partiturenkram sah er hinweg, horchte dahin, wo
die Leute ohne Noten sangen und was er da hörte, war das, was am
unwillkürlichsten aus dem ganzen Opernapparate im Gehöre haften geblieben war,
die nackte, ohrgefällige, absolut melodische Melodie, d. h. die
Melodie, die eben nur Melodie war und nichts anderes, die in die Ohren
gleitet – man weiß nicht warum, die man nachsingt – man weiß nicht warum, die
man heute mit der von gestern vertauscht und morgen wieder vergißt – man weiß
auch nicht warum, die schwermütig klingt, wenn wir lustig sind, die lustig
klingt, wenn wir verstimmt sind, und die wir uns doch vorträllern – wir wissen
eben nicht warum?
Diese
Melodie schlug denn Rossini an, und – siehe da! – das Geheimnis der Oper ward
offenbar. Was Reflexion und ästhetische Spekulation aufgebaut hatten, rissen
Rossinis Opernmelodien zusammen, daß es wie wesenloses Hirngespinst verwehte.
Nicht anders erging es der »dramatischen« Oper, wie der Wissenschaft mit den
Problemen, deren Grund in Wahrheit eine irrige Anschauung war, und die bei
tiefstem Forschen immer nur irriger und unlösbarer werden müssen, bis endlich
das Alexandersschwert sein Werk verrichtet und den Lederknoten mitten
durchhaut, daß die tausend Riemenenden nach allen Seiten hin auseinanderfallen.
Dies Alexandersschwert ist eben die nackte Tat, und eine solche Tat vollbrachte
Rossini, als er alles Opernpublikum der Welt zum Zeugen der ganz bestimmten
Wahrheit machte, daß dort die Leute nur »hübsche Melodien« hören wollten, wo es
irrenden Künstlern zuvor eingefallen war, durch den musikalischen Ausdruck den
Inhalt und die Absicht eines Dramas kundzutun.
Alle
Welt jubelte Rossini für seine Melodien zu, ihm, der es ganz vortrefflich
verstand, aus der Verwendung dieser Melodien eine besondere Kunst zu machen.
Alles Organisieren der Form ließ er ganz beiseite; die einfachste, trockenste
und übersichtlichste, die er nun vorfand, erfüllte er dagegen mit dem ganzen
folgerichtigen Inhalte, dessen sie einzig von je bedurft hatte –:
narkotisch-berauschende Melodie. Ganz unbekümmert um die Form, eben weil er sie
durchaus unberührt ließ, wandte er sein ganzes Genie nur zu den amüsantesten
Gaukeleien auf, die er innerhalb dieser Formen ausführen ließ. Den Sängern, die
zuvor auf dramatischen Ausdruck eines langweiligen und nichtssagenden
Worttextes studieren mußten, sagte er: »Macht mit den Worten, was ihr Lust
habt, vergeßt aber vor allem nur nicht, für lustige Läufe und melodische
Entrechats euch tüchtig applaudieren zu lassen.« Wer gehorchte ihm lieber als
die Sänger? – Den Instrumentisten, die zuvor abgerichtet waren, pathetische
Gesangsphrasen so intelligent wie möglich in übereinstimmendem Gesamtspiele zu
begleiten, sagte er: »Macht's euch leicht, vergeßt vor allem nur nicht, da, wo
ich jedem von euch Gelegenheit dazu gebe, für eure Privatgeschicklichkeit euch
gehörig beklatschen zu lassen.« Wer dankte ihm eifriger als die
Instrumentisten? – Dem Operntextdichter, der zuvor unter den eigensinnig
befangenen Anordnungen des dramatischen Komponisten Blut geschwitzt hatte,
sagte er: »Freund, mach, was du Lust hast, denn dich brauche ich gar nicht
mehr.« Wer war ihm verbundener für solche Enthebung von undankbarer, saurer
Mühe als der Operndichter?
Wer
aber vergötterte für alle diese Wohltaten Rossini mehr als die ganze
zivilisierte Welt, soweit sie die Operntheater fassen konnten? Und wer hatte
mehr Grund dazu als sie? Wer war, bei so viel Vermögen, so grundgefällig gegen
sie als Rossini? – Erfuhr er, daß das Publikum dieser einen Stadt
besonders gern Läufe der Sängerinnen hörte, das der anderen dagegen lieber
schmachtenden Gesang, so gab er für die erste Stadt seinen Sängerinnen nur
Läufe, für die zweite nur schmachtenden Gesang. Wußte er, daß man hier
gern die Trommel im Orchester hörte, so ließ er sogleich die Ouvertüre zu einer
ländlichen Oper mit Trommelwirbel beginnen; wurde ihm gesagt, daß man dort
leidenschaftlich das Crescendo in Ensemblesätzen liebte, so setzte er seine
Oper in der Form eines beständig wiederkehrenden Crescendos. – Nur einmal
hatte er Grund, seine Gefälligkeit zu bereuen. Für Neapel riet man ihm,
sorgfältiger in seinem Satze zu verfahren: seine solider gearbeitete Oper
sprach nicht an, und Rossini nahm sich vor, nie in seinem Leben wieder auf
Sorgfalt bedacht zu sein, selbst wenn man ihm dies anriete. –
Übersah
Rossini den ungeheuern Erfolg seiner Behandlung der Oper, so ist es ihm nicht
im mindesten als Eitelkeit und anmaßender Hochmut zu deuten, wenn er lachend
den Leuten in das Gesicht rief, er habe das wahre Geheimnis der Oper gefunden,
nach welchem alle seine Vorgänger nur irrend herumgetappt. Wenn er behauptete,
es würde ihm ein leichtes sein, die Opern auch seiner größten Vorgänger, und
gelte es selbst Mozarts »Don Juan«, vergessen zu machen, und zwar einfach
dadurch, daß er dasselbe Sujet auf seine Weise wieder komponiere, so
sprach sich hierin keinesweges Arroganz, sondern der ganz sichere Instinkt
davon aus, was das Publikum eigentlich von der Oper verlange. In der Tat
würden unsere Musikreligiösen der Erscheinung eines Rossinischen »Don Juan« nur
zu ihrer vollsten Schmach zuzusehen gehabt haben; denn mit Sicherheit ließe
sich annehmen, daß Mozarts »Don Juan« vor dem eigentlichen entscheidenden
Theaterpublikum – wenn nicht auf immer, so doch für eine längere Zeit – dem
Rossinischen hätte weichen müssen. Denn dies ist der eigentliche Ausschlag, den
Rossini in der Opernfrage gab: er appellierte mit Haut und Haar der Oper an
das Publikum; er machte dieses Publikum mit seinen Wünschen und Neigungen
zum eigentlichen Faktor der Oper.
Hätte
das Opernpublikum irgendwie den Charakter und die Bedeutung des Volkes,
nach dem richtigen Sinne dieses Wortes, an sich gehabt, so müßte uns Rossini
als der allergründlichste Revolutionär im Gebiete der Kunst erscheinen.
Einem Teile unsrer Gesellschaft gegenüber, der aber nur als ein unnatürlicher
Auswuchs des Volks und in seiner sozialen Überflüssigkeit, ja Schädlichkeit,
nur als das Raupennest anzusehen ist, welches die gesunden, nährenden Blätter
des natürlichen Volksbaumes zernagt, um aus ihm höchstens die Lebenskraft zu
erlangen, als luftige, gaukelnde Schmetterlingsschar ein ephemeres, luxuriöses
Dasein dahinzuflattern – einem solchen Volksabhube gegenüber, der auf einem zu
schmutziger Roheit versunkenen Bodensatze sich nur zu lasterhafter Eleganz, nie
aber zu wahrer, schöner menschlicher Bildung erheben konnte – also – um den
bezeichnendsten Ausdruck zu geben – unserem Opernpublikum gegenüber, war
Rossini jedoch nur Reaktionär, während wir Gluck und seine Nachfolger
als methodische, prinzipielle, nach ihrem wesentlichen Erfolge machtlose, Revolutionäre
anzusehen haben. Im Namen des luxuriösen, in der Tat aber einzig wirklichen
Inhaltes der Oper und der konsequenten Entwickelung desselben, reagierte Joachimo
Rossini ebenso erfolgreich gegen die doktrinären Revolutionsmaximen Glucks,
als Fürst Metternich, sein großer Protektor, im Namen des
unmenschlichen, in Wahrheit aber einzigen Inhaltes des europäischen
Staatswesens und der folgerichtigen Geltendmachung desselben, gegen die
doktrinären Maximen der liberalen Revolutionäre reagierte, welche innerhalb
dieses Staatswesens, und ohne gänzliche Aufhebung seines unnatürlichen Inhalts,
in denselben Formen, die diesen Inhalt aussprachen, das Menschliche und
Vernünftige herstellen wollten. Wie Metternich den Staat mit vollem
Rechte nicht anders als unter der absoluten Monarchie begreifen konnte,
so begriff Rossini mit nicht minderer Konsequenz die Oper nur unter der absoluten
Melodie. Beide sagten: »Wollt ihr Staat und Oper, hier habt ihr Staat und
Oper – andere gibt es nicht!«
Mit
Rossini ist die eigentliche Geschichte der Oper zu Ende. Sie war
zu Ende, als der unbewußte Keim ihres Wesens sich zu nacktester, bewußter Fülle
entwickelt hatte, der Musiker als der absolute Faktor dieses Kunstwerkes mit
unumschränkter Machtvollkommenheit, und der Geschmack des Theaterpublikums als
die einzige Richtschnur für sein Verhalten anerkannt war. Sie war zu Ende, als
jedes Vorgeben des Dramas bis zur Grundsätzlichkeit tatsächlich beseitigt, den
singenden Darstellern die Ausübung unbedingtester und ohrgefälligster Gesangsvirtuosität
als ihre einzige Aufgabe, und ihre hierauf begründeten Ansprüche an den
Komponisten als ihr unveräußerlichstes Recht zuerkannt waren. Sie war zu Ende,
als die große musikalische Öffentlichkeit unter der vollständig charakterlosen
Melodie einzig den Inhalt der Musik, in dem losen Zusammenhange der
Opertonstücke einzig das Gefüge der musikalischen Form, unter der narkotisch
berauschenden Wirkung eines Opernabends einzig das Wesen der Musik ihrem
Eindrucke nach allein noch begriff. Sie war zu Ende – an jenem Tage, als der
von Europa vergötterte, im üppigsten Schoße des Luxus dahinlächelnde Rossini
es für geziemend hielt, dem weltscheuen, bei sich versteckten, mürrischen, für
halbverrückt gehaltenen Beethoven einen – Ehrenbesuch abzustatten, den dieser
– – nicht erwiderte. Was mochte wohl das lüstern schweifende, dunkle Auge
des wollüstigen Sohnes Italias gewahren, als es in den unheimlichen Glanz des
schmerzlich gebrochenen, sehnsuchtsiechen – und doch todesmutigen Blickes
seines unbegreiflichen Gegners unwillkürlich sich versenkte? Schüttelte sich
ihm das furchtbar wilde Kopfhaar des Medusenhauptes, das niemand erschaute,
ohne zu sterben? – So viel ist gewiß, mit Rossini starb die Oper. –
Von
der großen Stadt Paris aus, in der die gebildeten Kunstkenner und Kritiker noch
heute nicht begreifen können, welch ein Unterschied zwischen zwei berühmten
Komponisten wie Beethoven und Rossini stattfinden solle, als etwa der,
daß dieser sein himmlisches Genie auf die Komposition von Opern, jener dagegen auf
Symphonien verwandt habe – von diesem splendiden Sitze aller modernen
Musikweisheit aus sollte dennoch der Oper noch eine verwunderliche
Lebensverlängerung bereitet werden. Der Hang am Dasein ist urkräftig in allem,
was da ist. Die Oper war einmal da, wie das Byzantinische Kaisertum, und ganz
wie dieses wird sie bestehen, solange irgend die unnatürlichen Bedingungen
vorhanden bleiben, die sie – innerlich tot – immer noch am Leben erhalten – bis
endlich die ungezogenen Türken kommen, die einst schon dem Byzantinischen
Reiche einmal ein Ende machten und so grob waren, in der prunkend heiligen
Sophienkirche ihre wilden Rosse zur Krippe zu führen.
Als
Spontini mit sich die Oper für tot ansah, irrte er sich, weil er die
»dramatische Richtung« der Oper für ihr Wesen hielt: er vergaß die Möglichkeit
eines Rossini, der ihm vollkommen das Gegenteil beweisen könnte. Als Rossini
mit bei weitem größerem Rechte die Oper mit sich für fertig hielt, so irrte er
sich zwar weniger, weil er das Wesen der Oper erkannt, deutlich dargetan und
zur allgemeinen Geltung gebracht hatte, und somit annehmen konnte, nur noch
nachgeahmt, nicht aber mehr überboten zu werden. Dennoch täuschte aber auch er
sich darüber, daß aus allen bisherigen Richtungen der Oper nicht eine Karikatur
zusammengesetzt werden könnte, die nicht nur von der Öffentlichkeit, sondern
auch von kunstkritischen Köpfen als eine neue und wesentliche Gestalt der Oper
aufgenommen sein dürfte; denn er wußte zur Zeit seiner Blüte noch nicht, daß es
den Bankiers, für die er bis dahin Musik gemacht hatte, einmal einfallen würde,
selbst auch zu komponieren.
O
wie ärgerte er sich, der sonst so leichtsinnige Meister, wie ward er bös und
übelgelaunt, sich, wenn auch nicht an Genialität, doch in der Geschicklichkeit
der Ausbeutung der öffentlichen Kunstnichtswürdigkeit übertroffen zu sehen!
O wie war er der »dissoluto punito«, die ausgestochene Kurtisane, und von
welchem ingrimmigen Verdrusse ob dieser Schmach war er erfüllt, als er dem
Pariser Operndirektor, der ihn bei augenblicklich eingetretener Windstille
einlud, den Parisern wieder etwas vorzublasen, antwortete, er würde nicht eher
zurückkommen, als bis dort »die Juden mit ihrem Sabbat fertig wären«! – Er
mußte erkennen, daß, solange Gottes Weisheit die Welt regiert, alles seine
Strafe findet, selbst die Aufrichtigkeit, mit der er den Leuten gesagt hatte,
was an der Oper wäre – und ward, um wohlverdiente Buße zu tragen, Fischhändler
und Kirchenkomponist! –
Nur
auf weiterem Umwege können wir jedoch zur verständlichen Darstellung des Wesens
der modernsten Oper gelangen. –
Die
Geschichte der Oper ist seit Rossini im Grunde nichts anderes mehr als die
Geschichte der Opernmelodie, ihrer Deutung vom künstlerisch
spekulativen, und ihres Vortrages vom wirkungssüchtigen Standpunkte der
Darstellung aus.
Rossinis
von ungeheurem Erfolge gekröntes Verfahren hatte unwillkürlich die Komponisten
vom Aufsuchen des dramatischen Inhaltes der Arie, und von dem Versuche, ihr
eine konsequente dramatische Bedeutung einzubilden, abgezogen. Das Wesen der
Melodie selbst, in welche sich das ganze Gerüst der Arie aufgelöst hatte,
war es, was jetzt den Instinkt wie die Spekulation des Komponisten
gefangennahm. Man mußte empfinden, daß selbst an der Arie Glucks und seiner
Nachfolger das Publikum nur in dem Grade sich erbaut hatte, als die durch die
Textunterlage bezeichnete allgemeine Empfindung im rein melodischen Teile
dieser Arie einen Ausdruck erhalten hatte, der wiederum in seiner Allgemeinheit
sich nur als absolut ohrgefällige Tonweise kundgab. Wird uns dies an Gluck
schon vollkommen deutlich, so wird an dem letzten seiner Nachfolger, Spontini,
es uns zum Handgreifen ersichtlich. Sie alle, diese ernsten musikalischen
Dramatiker, hatten sich mehr oder weniger selbst belogen, wenn sie die Wirkung
ihrer Musik weniger der rein melodischen Essenz ihrer Arien als der
Verwirklichung der, von ihnen denselben untergelegten, dramatischen Absicht
zuschrieben. Das Operntheater war zu ihrer Zeit, und namentlich in Paris, der
Sammelplatz ästhetischer Schöngeister und einer vornehmen Welt, die sich darauf
steifte, ebenfalls ästhetisch und schöngeistig zu sein. Die ernste ästhetische
Intention der Meister ward von diesem Publikum mit Respekt aufgenommen; die
ganze Glorie des künstlerischen Gesetzgebers strahlte um den Musiker, der es
unternahm, in Tönen das Drama zu schreiben, und sein Publikum bildete
sich wohl ein, von der dramatischen »Deklamation« ergriffen zu sein, während es
in Wahrheit doch nur von dem Reize der Arienmelodie hingerissen war. Als das
Publikum, durch Rossini emanzipiert, sich dies endlich offen und unumwunden
eingestehen durfte, bestätigte es somit eine ganz unleugbare Wahrheit und
rechtfertigte dadurch die ganz folgerichtige und natürliche Erscheinung, daß
da, wo nicht nur der äußerlichen Annahme, sondern auch der ganzen
künstlerischen Anlage des Kunstwerkes gemäß, die Musik die Hauptsache, Zweck
und Ziel war, die nur helfende Dichtkunst und alle durch sie angedeutete
dramatische Absicht wirkungslos und nichtig bleiben müsse, dagegen die Musik
alle Wirkung durch ihr eigenstes Vermögen ganz allein hervorzubringen habe.
Alle Absicht, sich selbst dramatisch und charakteristisch geben zu wollen,
konnte die Musik nur in ihrem wirklichen Wesen entstellen, und dieses Wesen
spricht sich, sobald die Musik zur Erreichung einer höhern Absicht nicht nur
helfen und mitwirken, sondern für sich ganz allein wirken will,
nur in der Melodie, als dem Ausdrucke einer allgemeinen Empfindung, aus.
Allen
Opernkomponisten mußte durch Rossinis unwiderlegliche Erfolge dies ersichtlich
werden. Stand tiefer fühlenden Musikern hiergegen eine Erwiderung offen, so
konnte es bloß die sein, daß sie den Charakter der Rossinischen
Melodie nicht nur als seicht und ungemütlich, sondern als das Wesen der Melodie
überhaupt nicht erschöpfend begriffen. Es mußte solchen Musikern die
künstlerische Aufgabe sich darstellen, der unstreitig allmächtigen Melodie den
ganzen vollen Ausdruck schöner menschlicher Empfindung zu geben, der ihr
ureigen ist; und in dem Streben, diese Aufgabe zu lösen, setzten sie die
Reaktion Rossinis – über das Wesen und die Entstehung der Oper hinaus – bis zu
dem Quelle fort, aus dem auch die Arie wiederum ihr künstliches Leben geschöpft
hatte, bis zur Restauration der ursprünglichen Tonweise des Volksliedes.
Von
einem deutschen Musiker ward diese Umwandelung der Melodie zuerst und
mit außerordentlichem Erfolge in das Leben gerufen. Karl Maria von Weber
gelangte zu seiner künstlerischen Reife in einer Epoche geschichtlicher
Entwickelung, wo der erwachte Freiheitstrieb sich weniger noch in den Menschen
als solchen, sondern in den Völkern als nationalen Massen kundgab. Das
Unabhängigkeitsgefühl, das in der Politik sich noch nicht auf das
Reinmenschliche bezog, als reinmenschliches Unabhängigkeitsgefühl sich daher
auch noch nicht als absolut und unbedingt erfaßte, suchte, wie sich selbst
unerklärlich, und mehr zufällig als notwendig erweckt, noch nach
Berechtigungsgründen und glaubte diese in der nationalen Wurzel der Völker
finden zu dürfen. Die hieraus entstehende Bewegung glich in Wahrheit weit mehr
einer Restauration als einer Revolution; sie gab sich in ihrer äußersten
Verirrung als Sucht der Wiederherstellung des Alten und Verlorenen kund, und
erst in der neuesten Zeit haben wir erfahren dürfen, wie dieser Irrtum nur zu neuen
Fesseln für unsre Entwickelung zur wirklich menschlichen Freiheit führen
konnte: dadurch, daß wir dies erkennen mußten, sind wir nun aber auch mit
Bewußtsein auf die rechte Bahn getrieben worden, und zwar mit schmerzlicher,
aber heilsamer Gewalt.
Ich
habe nicht im Sinne, hier die Darlegung des Wesens der Oper als im Einklange
mit unsrer politischen Entwickelung stehend zu geben; der willkürlichen Wirkung
der Phantasie ist hier ein zu beliebiger Spielraum geboten, als daß bei solchem
Beginnen nicht die absurdesten Abenteuerlichkeiten ausgeheckt werden könnten –
wie es denn auch in unerbaulichster Fülle in bezug auf diesen Gegenstand
bereits geschehen ist. Es liegt mir vielmehr daran, das Unnatürliche und
Widerspruchsvolle dieses Kunstgenres, sowie seine offenkundige Unfähigkeit, die
in ihm vorgegebene Absicht wirklich zu erreichen, einzig aus seinem Wesen
selbst zur Erklärung zu bringen. Die nationale Richtung aber, die in der
Behandlung der Melodie eingeschlagen wurde, hat in ihrer Bedeutung und
Verirrung, endlich in ihrer immer klarer werdenden und ihren Irrtum
kundgebenden Zersplitterung und Unfruchtbarkeit, zu viel Übereinstimmendes mit
den Irrtümern unsrer politischen Entwickelung in den letzten vierzig Jahren,
als daß die Beziehung hierauf übergangen werden könnte.
In
der Kunst, wie in der Politik, hat diese Richtung das Bezeichnende, daß der ihr
zugrundeliegende Irrtum in seiner ersten Unwillkürlichkeit sich mit
verführerischer Schönheit, in seiner eigensüchtig bornierten endlichen
Halsstarrigkeit aber mit widerlicher Häßlichkeit zeigte. Er war schön, solange
der, nur befangene, Geist der Freiheit sich in ihm aussprach; er ist jetzt
ekelhaft, wo der Geist der Freiheit in Wahrheit ihn bereits gebrochen hat und
nur gemeiner Egoismus ihn noch künstlich aufrecht erhält.
In
der Musik äußerte sich die nationale Richtung bei ihrem Beginne um so mehr mit
wirklicher Schönheit, als der Charakter der Musik sich überhaupt mehr in
allgemeiner als in spezifischer Empfindung ausspricht. Was bei unsern dichtenden
Romantikern sich als römisch-katholisch mystische Augenverdreherei und
feudal-ritterliche Liebedienerei kundgab, äußerte sich in der Musik als
heimisch innige, tief und weitatmige, in edler Anmut erblühende Tonweise – als
Tonweise, wie sie dem wirklichen letzten Seelenhauche des verscheidenden naiven
Volksgeistes abgelauscht war.
Dem
über alles liebenswürdigen Tondichter des »Freischützen« schnitten die
wollüstigen Melodien Rossinis, in denen alle Welt schwelgte, widerlich
schmerzlich in das reinfühlende Künstlerherz; er konnte es nicht zugeben, daß
in ihnen der Quell der wahren Melodie läge; er mußte der Welt beweisen,
daß sie nur ein unreiner Ausfluß dieses Quelles seien, der Quell selbst aber,
da wo man ihn zu finden wisse, in ungetrübtester Klarheit noch fließe. Wenn
jene vornehmen Gründer der Oper auf den Volksgesang nur hinlauschten, so hörte
nun Weber mit angestrengtester Aufmerksamkeit auf ihn. Drang der Duft
der schönen Volksblume von der Waldwiese auf in die prunkenden Gemächer der
luxuriösen Musikwelt, um dort zu portativen Wohlgerüchen destilliert zu werden,
so trieb die Sehnsucht nach dem Anblicke der Blume Weber aus den üppigen Sälen
hinab auf die Waldwiese selbst: dort gewahrte er die Blume am Quell des munter
rieselnden Baches, zwischen kräftig duftendem Waldgrase auf wunderbar
gekräuseltem Moose, unter sinnig rauschendem Laubgezweige der alten stämmigen
Bäume. Wie fühlte der selige Künstler sein Herz erbeben bei diesem Anblicke,
beim Einatmen dieser Fülle des Duftes! Er konnte dem Liebesdrange nicht
widerstehen, der entnervten Menschheit diesen heilenden Anblick, diesen
belebenden Duft zur Erlösung von ihrem Wahnsinne zuzuführen, die Blume selbst
ihrer göttlich zeugenden Wildnis zu entreißen, um sie als Allerheiligstes der
segenbedürftigen Luxuswelt vorzuhalten: er brach sie! – Der
Unglückliche! – Oben im Prunkgemache setzte er die süß Verschämte in die
kostbare Vase; täglich netzte er sie mit frischem Wasser aus dem Waldquell.
Doch sieh! – die so keusch geschlossenen straffen Blätter entfalten sich, wie
zu schlaffer Wollust ausgedehnt; schamlos enthüllt sie ihre edlen
Zeugungsglieder und bietet sie mit grauenvoller Gleichgültigkeit der riechenden
Nase jedes gaunerischen Wollüstlings dar. »Was ist dir, Blume?« ruft in
Seelenangst der Meister: »vergissest du so die schöne Waldwiese, wo du so
keusch gewachsen?« Da läßt die Blume, eines nach dem andern, die Blätter
fahren; matt und welk zerstreuen sie sich auf dem Teppich; und ein letzter
Hauch ihres süßen Duftes weht dem Meister zu: »Ich sterbe nur – da du mich
brachest!« – Und mit ihr starb der Meister. Sie war die Seele seiner Kunst, und
diese Kunst der rätselvolle Haft seines Lebens gewesen. – Auf der Waldwiese
wuchs keine Blume mehr! – Tiroler Sänger kamen von ihren Alpen: sie sangen dem
Fürsten Metternich vor; der empfahl sie mit guten Briefen an alle Höfe, und
alle Lords und Bankiers amüsierten sich in ihren geilen Salons an dem lustigen
Jodeln der Alpenkinder und wie sie von ihrem »Dierndel« sangen. Jetzt
marschieren die Burschen nach Bellinischen Arien zum Morde ihrer Brüder, und
tanzen mit ihrem Dierndel nach Donizettischen Opernmelodien, denn – die
Blume wuchs nicht wieder! –
Es
ist ein charakteristischer Zug der deutschen Volksmelodie, daß sie
weniger in kurzgefügten, keck und sonderlich bewegten Rhythmen, sondern in
langatmigen, froh und doch sehnsüchtig geschwellten Zügen sich uns kundgibt.
Ein deutsches Lied, gänzlich ohne harmonischen Vortrag, ist uns undenkbar:
überall hören wir es mindestens zweistimmig gesungen; die Kunst fühlt sich ganz
von selbst aufgefordert, den Baß und die leicht zu ergänzende zweite
Mittelstimme einzufügen, um den Bau der harmonischen Melodie vollständig vor
sich zu haben. Diese Melodie ist die Grundlage der Weberschen Volksoper; sie
ist, frei aller lokal-nationellen Sonderlichkeit, von breitem, allgemeinem
Empfindungsausdrucke, hat keinen andern Schmuck als das Lächeln süßester und
natürlichster Innigkeit, und spricht so, durch die Gewalt unentstellter Anmut,
zu den Herzen der Menschen, gleichviel welcher nationalen Sonderheit sie
angehören mögen, eben weil in ihr das Reinmenschliche so ungefärbt zum
Vorschein kommt. Möchten wir in der weltverbreiteten Wirkung der Weberschen
Melodie das Wesen deutschen Geistes und seine vermeintliche Bestimmung
besser erkennen, als wir in der Lüge von seinen spezifischen Qualitäten es
tun! –
Nach
dieser Melodie gestaltet Weber alles; was er, gänzlich von ihr erfüllt, gewahrt
und wiedergeben will, was er so im ganzen Gerüste der Oper für fähig erkennt
oder fähig zu machen weiß, in dieser Melodie sich auszudrücken, sei es auch nur
dadurch, daß er es mit ihrem Atem überhaucht, mit einem Tautropfen aus dem
Kelche der Blume es besprengt, das mußte ihm gelingen zu hinreißend wahrer und
treffender Wirkung zu bringen. Und diese Melodie war es, die Weber zum
wirklichen Faktor seiner Oper machte: das Vorgeben des Dramas fand durch diese
Melodie insoweit seine Verwirklichung, als das ganze Drama von vornherein wie
vor Sehnsucht hingegossen war, in diese Melodie aufgenommen, von ihr verzehrt,
in ihr erlöst, durch sie gerechtfertigt zu werden. Betrachten wir so den
»Freischützen« als Drama, so müssen wir seiner Dichtung genau dieselbe Stellung
zu Webers Musik zuweisen, als der Dichtung des »Tankredi« zur Musik Rossinis.
Die Melodie Rossinis bedingte den Charakter der Dichtung des »Tankredi« ganz
ebenso als Webers Melodie die Dichtung des Kindischen »Freischützen«, und Weber
war hier nichts anderes, als was Rossini dort war, nur er edel
und sinnig, was dieser frivol und sinnlich.1) Weber öffnete nur die Arme zur
Aufnahme des Dramas um so viel weiter, als seine Melodie die wirkliche Sprache
des Herzens, wahr und ungefälscht war: was in ihr aufging, war wohlgeborgen und
sicher vor jeder Entstellung. Was in dieser Sprache, bei all ihrer Wahrheit,
dennoch ihrer Beschränktheit wegen nicht auszusprechen war, das mühte
sich auch Weber vergebens herauszubringen; und sein Stammeln gilt uns hier als
das redliche Bekenntnis von der Unfähigkeit der Musik, selbst wirklich Drama zu
werden, nämlich, das wirkliche, nicht bloß für sie zugeschnittene Drama in sich
aufgehen zu lassen; wogegen sie vernünftigerweise in diesem wirklichen
Drama aufzugehen hat. –
Wir
haben die Geschichte der Melodie fortzusetzen.
War
Weber im Aufsuchen der Melodie auf das Volk zurückgegangen, und traf er
im deutschen Volke die glückliche Eigenschaft naiver Innigkeit ohne
beengende nationelle Sonderlichkeit an, so hatte er die Opernkomponisten im
allgemeinen auf einen Quell hingelenkt, dem sie nun überall, wohin ihr Auge zu
dringen vermochte, als einem nicht übel ergiebigen Brunnen nachspäheten.
Zunächst
waren es französische Komponisten, die auf Zubereitung des Krautes
Bedacht nahmen, das bei ihnen als heimische Pflanze gewachsen war. Schon längst
hatte sich bei ihnen das witzige oder sentimentale »Couplet« auf der Volksbühne
im rezitierten Schauspiele geltend gemacht. Seiner Natur nach mehr für den
heitern, oder – wenn für den empfindsamen, doch nie für den leidenschaftlichen
tragischen Ausdruck geeignet, hat es ganz von selbst auch den Charakter des
dramatischen Genres bestimmt, in welchem es mit vorherrschender Absicht
angewandt wurde. Der Franzose ist nicht gemacht, seine Empfindungen gänzlich in
Musik aufgehen zu lassen; steigert sich seine Erregtheit bis zum Verlangen nach
musikalischem Ausdrucke, so muß er dabei sprechen oder mindestens dazu tanzen
können. Wo bei ihm das Couplet aufhört, da fängt der Kontretanz an; ohne den
gibt's keine Musik für ihn. Ihm ist beim Couplet das Sprechen so sehr
die Hauptsache, daß er es auch nur allein, nie mit andern zusammen
singen will, weil man sonst nicht deutlich mehr verstehen würde, was gesprochen
wird. Auch im Kontretanze stehen sich die Tänzer meistens einzeln gegenüber;
jeder macht für sich, was er zu machen hat, und Umschlingungen des Paares
finden nur statt, wenn der Charakter des Tanzes überhaupt es gar nicht anders
mehr zuläßt. So steht im französischen Vaudeville alles zum
musikalischen Apparate Gehörige einzeln, und nur durch die geschwätzige Prosa
vermittelt, nebeneinander da, und wo das Couplet von mehreren zugleich gesungen
wird, geschieht dies im peinlichsten musikalischen Einklange von der Welt. Die französische
Oper ist das erweiterte Vaudeville; aller breitere musikalische Apparat in
ihr ist für die Form der sogenannten dramatischen Oper, für den
Inhalt aber demjenigen virtuosen Elemente entnommen, das durch Rossini
seine üppigste Bedeutung erhielt.
Die
eigentümliche Blüte dieser Oper ist und bleibt immer das mehr gesprochene
als gesungene Couplet, und dessen musikalische Essenz die rhythmische
Melodie des Kontretanzes. Auf dieses nationale Produkt, das immer nur als
Nebenläufer der dramatischen Absicht, nie aber zu ihrer wirklichen Aufnahme in
sich verwendet worden war, gingen französische Opernkomponisten mit erwogener
Absichtlichkeit zurück, als sie auf der einen Seite des Todes der Spontinischen
Oper innewurden, auf der andern Seite aber die weltberauschende Wirkung
Rossinis wie namentlich auch den herzbewegenden Einfluß der Melodie Webers
gewahrten. Der lebendige Inhalt jenes französischen Nationalproduktes war aber
bereits verschwunden; so lange hatte Vaudeville und komische Oper an ihm
gesogen, daß sein Quell in trockenster Dürre nicht mehr zu fließen vermochte.
Wo die naturbedürftigsten Kunstmusiker nach dem ersehnten Rauschen des Baches
hinhorchten, konnten sie es vor dem prosaischen Klippklapp der Mühle nicht mehr
vernehmen, deren Rad sie selbst mit dem Wasser trieben, das sie aus seinem
natürlichen Bette im bretternen Kanale zu ihm hingeleitet hatten. Wo sie das
Volk singen hören wollten, tönten ihnen nur ihre ekelhaft wohlbekannten
Vaudeville-Maschinen-Fabrikate entgegen.
Nun
ging die große Jagd auf Volksmelodien in fremder Herren Länder los. Bereits
hatte Weber selbst, dem die heimische Blume welkte, in Forkels Schilderungen
der arabischen Musik fleißig geblättert und ihnen einen Marsch für
Haremswächter entnommen. Unsre Franzosen waren flinker auf den Beinen; sie
blätterten nur im Reisehandbuche für Touristen, und machten sich dabei selbst
auf, ganz in der Nähe zu hören und zu sehen, wo irgend noch ein Stück
Volksnaivetät vorhanden wäre, wie es aussähe und wie es klänge. Unsere greise
Zivilisation ward wieder kindisch, und kindische Greise sterben bald! –
Dort
im schönen, vielbesudelten Lande Italien, dessen musikalisches Fett Rossini so
vornehm behaglich für die vermagerte Kunstwelt abgeschöpft hatte, saß der
sorglos üppige Meister und sah mit verwundertem Lächeln dem Herumkrappeln der
galanten Pariser Volksmelodien-Jäger zu. Einer von diesen war ein guter Reiter,
und wenn er nach hastigem Ritte vom Pferde stieg, wußte man, daß er eine gute
Melodie gefunden hatte, die ihm vieles Geld einbringen würde. Dieser ritt jetzt
wie besessen durch allen Fisch- und Gemüsekram des Marktes von Neapel hindurch,
daß alles rings umherflog, Geschnatter und Gefluche ihm nachfolgte und drohende
Fäuste sich gegen ihn erhoben – so daß ihm mit Blitzesschnelle der Instinkt von
einer prachtvollen Fischer- und Gemüsehändler-Revolution in die Nase fuhr. Aber
hiervon war noch mehr zu profitieren! Hinaus nach Portici jagt der Pariser
Reiter, zu den Barken und Netzen jener naiven Fischer, die da singen und Fische
fangen, schlafen und wüten, mit Weib und Kind spielen und Messer werfen, sich
totschlagen und immer dabei singen. Meister Auber, gesteh, das war ein
guter Ritt und besser als auf dem Hippogryphen, der immer nur in die Lüfte
schreitet – aus denen doch eigentlich gar nichts zu holen ist als Schnupfen und
Erkältung! – Der Reiter ritt heim, stieg vom Roß, machte Rossini ein ungemein
verbindliches Kompliment (er ,wußte wohl, warum?), nahm Extrapost nach Paris,
und was er im Handumdrehen dort fertigte, war nichts anders als die »Stumme
von Portici«.
–
Diese Stumme war die nun sprachlos gewordene Muse des Dramas, die
zwischen singenden und tobenden Massen einsam traurig, mit gebrochenem Herzen
dahinwandelte, um vor Lebensüberdruß sich und ihren unlösbaren Schmerz endlich
im künstlichen Wüten des Theatervulkanes zu ersticken! –
Rossini
schaute dem prächtigen Spektakel aus der Ferne zu, und als er nach Paris
reiste, hielt er es für gut, unter den schneeigen Alpen der Schweiz ein wenig
zu rasten, und wohl darauf hinzuhorchen, wie die gesunden, kecken Burschen dort
mit ihren Bergen und Kühen sich musikalisch zu unterhalten pflegten. In Paris
angelangt, machte er Auber sein verbindlichstes Kompliment (er wußte
wohl, warum?), und stellte der Welt mit vieler Vaterfreude sein jüngstes Kind
vor, das er mit glücklicher Eingebung »Wilhelm Tell« getauft hatte.
Die
»Stumme von Portici« und »Wilhelm Tell« wurden nun die beiden Achsen, um die
sich fortan die ganze spekulative Opernmusikwelt bewegte. Ein neues Geheimnis,
den halbverwesten Leib der Oper zu galvanisieren, war gefunden, und so lange
konnte die Oper nun wieder leben, als man irgend noch nationale Besonderheiten
zur Ausbeutung vorfand. Alle Länder der Kontinente wurden durchforscht, jede
Provinz ausgeplündert, jeder Volksstamm bis auf den letzten Tropfen seines
musikalischen Blutes ausgezogen und der gewonnene Spiritus zum Gaudium der
Herren und Schächer der großen Opernwelt in blitzenden Feuerwerken verpraßt.
Die deutsche Kunstkritik aber erkannte eine bedeutungsvolle Annäherung der Oper
an ihr Ziel; denn nun habe sie die »nationale«, ja – wenn man will – sogar die
»historische« Richtung eingeschlagen. Wenn die ganze Welt verrückt wird, fühlen
sich die Deutschen am seligsten dabei; denn desto mehr haben sie zu deuten, zu
erraten, zu sinnen und endlich – damit ihnen ganz wohl werde – zu klassifizieren! –
Betrachten
wir, worin die Einwirkung des Nationalen auf die Melodie, und durch sie
auf die Oper bestand.
Das
Volkstümliche ist von jeher der befruchtende Quell aller Kunst gewesen,
solange als es – frei von aller Reflexion – in natürlich aufsteigendem Wachstum
sich bis zum Kunstwerke erheben konnte. In der Gesellschaft, wie in der Kunst,
haben wir nur vom Volke gezehrt, ohne daß wir es wußten. In weitester
Entfernung vom Volke hielten wir die Frucht, von der wir lebten, für Manna, das
uns Privilegierten und Auserlesenen Gottes, Reichen und Genies, ganz nach
himmlischer Willkür aus der Luft herab in das Maul fiel. Als wir das Manna aber
verpraßt hatten, sahen wir uns nun hungrig nach den Fruchtbäumen auf Erden um
und raubten diesen nun, als Räuber von Gottes Gnaden, mit keckem, räuberischem
Bewußtsein ihre Früchte, unbekümmert darum, ob wir sie gepflanzt oder gepflegt
hatten; ja, wir hieben die Bäume selbst um – bis auf die Wurzeln, um zu sehen,
ob nicht auch diese durch künstliche Zubereitung schmackhaft oder doch
wenigstens verschlingbar gemacht werden könnten. So räudeten wir den ganzen
schönen Naturwald des Volkes aus, daß wir mit ihm nun als nackte,
hungerleidige Bettler dastehen.
So
hat denn auch die Opernmusik, da sie ihrer gänzlichen Zeugungsunfähigkeit und
des Vertrocknens aller ihrer Säfte bewußt wurde, sich auf das Volkslied
gestürzt, bis auf seine Wurzeln es ausgesogen, und sie wirft nun den faserigen
Rest der Frucht in ekelhaften Opernmelodien dem beraubten Volke als elende und
gesundheitsschädliche Nahrung hin. Aber auch sie, die Opernmelodie, ist nun
ohne Aussicht auf alle neue Nahrung geworden; sie hat alles verschlungen, was
sie verschlingen konnte; ohne mögliche frische Befruchtung geht sie unfruchtbar
zugrunde: sie kaut nun mit der Todesangst eines sterbenden Gefräßigen an sich
selber herum, und dieses widerliche Herumknaupeln an sich selbst nennen
deutsche Kunstkritiker »Streben nach höherer Charakteristik«, nachdem sie zuvor
das Umschlagen jener ausgeplünderten Volksfruchtbäume »Emanzipation der Massen«
getauft hat! –
Das
wahrhaft Volkstümliche vermochte der Opernkomponist nicht zu erfassen; um dies
zu können, hätte er selbst aus dem Geiste und den Anschauungen des Volkes
schaffen, d. h. im Grunde selbst Volk sein müssen. Nur das Sonderliche
konnte er fassen, in welchem sich ihm die Besonderheit des Volkstümlichen
kundgibt, und dies ist das Nationale. Die Färbung des Nationalen, in den
höheren Ständen bereits gänzlich verwischt, lebte nur noch in den Teilen
des Volkes, die an die Scholle des Feldes, des Ufers oder des Bergtales
geheftet, von allem befruchtenden Austausch ihrer Eigentümlichkeiten
zurückgehalten worden waren. Nur ein starr und stereotyp Gewordenes fiel daher
jenen Ausbeutern in die Hände, und in diesen Händen, die – um es nach
luxuriöser Willkür verwenden zu können – ihm erst noch die letzten Fasern
seiner Zeugungsorgane ausziehen mußten, konnte es nur zum modischen Kuriosum
werden. Wie man in der Kleidermode jede beliebige Einzelnheit fremder, bisher
unbeachteter Volkstrachten zu unnatürlichem Ausputze verwendete, so wurden in
der Oper einzelne, vom Leben verborgener Nationalitäten losgelöste Züge in
Melodie und Rhythmus auf das scheckige Gerüste überlebter, inhaltsloser Formen
gesetzt.
Einen
nicht unwesentlichen Einfluß mußte dieses Verfahren jedoch auf das Gebaren
dieser Oper ausüben, den wir jetzt näher zu betrachten haben: nämlich die
Veränderung in dem Verhältnisse der darstellenden Faktoren der Oper zueinander,
die, wie erwähnt, als »Emanzipation der Massen« aufgefaßt worden ist.
Jede
Kunstrichtung nähert sich ganz in dem Grade ihrer Blüte, als sie das Vermögen
zu dichter, deutlicher und sicherer Gestaltung gewinnt. Das Volk, das im
Anfange sein Staunen über die weithin wirkenden Wunder der Natur in den
Ausrüfen lyrischer Ergriffenheit äußert, verdichtet, um den staunenerregenden
Gegenstand zu bewältigen, die weitverzweigte Naturerscheinung zum Gott, und den
Gott endlich zum Helden. In diesem Helden, als dem gedrängten Bilde seines
eigenen Wesens, erkennt es sich selbst, und seine Taten feiert es im Epos, im Drama
aber stellt es selbst sie dar. Der tragische Held der Griechen schritt aus dem
Chor heraus und sprach zu ihm zurückgewandt: »Seht, so tut und handelt ein
Mensch; was ihr in Meinungen und Sprüchen feiertet, das stelle ich euch als
unwiderleglich wahr und notwendig dar.« – Die griechische Tragödie faßte in
Chor und Helden das Publikum und das Kunstwerk zusammen: dieses gab sich in ihr
mit dem Urteile über sich – als gedichtete Anschauung – zugleich dem Volke, und
genau in dem Grade reifte das Drama als Kunstwerk, als das verdeutlichende
Urteil des Chores in den Handlungen der Helden selbst sich so unwiderleglich
ausdrückte, daß der Chor von der Szene ab ganz in das Volk zurücktreten und
dafür als belebender und verwirklichender Teilnehmer der Handlung – als solcher
– selbst behilflich werden konnte. Shakespeares Tragödie steht insofern
unbedingt über der griechischen, als sie für die künstlerische Technik die
Notwendigkeit des Chores vollkommen überwunden hatte. Bei Shakespeare ist der
Chor in lauter an der Handlung persönlich beteiligte Individuen aufgelöst,
welche für sich ganz nach derselben individuellen Notwendigkeit ihrer Meinung
und Stellung handeln, wie der Hauptheld, und selbst ihre scheinbare
Unterordnung im künstlerischen Rahmen ergibt sich nur aus den ferneren
Berührungspunkten, in denen sie mit dem Haupthelden stehen, keineswegs aber aus
einer etwa prinzipiellen technischen Verachtung der Nebenpersonen; denn überall
da, wo die selbst untergeordnetste Person zur Teilnahme an der Haupthandlung zu
gelangen hat, äußert sie sich ganz nach persönlich charakteristischem, freiem
Ermessen.
Wenn
die sicher und fest gezeichneten Persönlichkeiten Shakespeares im weiteren
Verlaufe der modernen dramatischen Kunst immer mehr von ihrer plastischen
Individualität verloren und bis zur bloßen stabilen Charaktermaske ohne alle
Individualität herabsanken, so ist dies dem Einflusse des ständisch
uniformierenden Staates zuzuschreiben, der das Recht der freien Persönlichkeit
mit immer tödlicherer Gewalt unterdrückte. Das Schattenspiel solcher innerlich
hohlen, aller Individualität baren Charaktermasken ward die dramatische
Grundlage der Oper. Je inhaltsloser die Persönlichkeiten unter diesen Masken
waren, desto geeigneter erachtete man sie zum Singen der Opernarie. »Prinz und
Prinzessin« – das ist die ganze dramatische Achse, um die sich die Oper drehte,
und – bei Licht besehen – jetzt noch dreht. Alles Individuelle konnte diesen
Opernmasken nur durch den äußeren Anstrich kommen, und endlich mußte die
Besonderheit der Lokalität des Schauplatzes ihnen das ersetzen, was ihnen
innerlich ein für allemal abging. Als die Komponisten alle melodische
Produktivität ihrer Kunst erschöpft hatten und vom Volke sich die Lokalmelodie
erborgen mußten, griff man endlich auch zum ganzen Lokale selbst: Dekorationen,
Kostüme und das, was diese auszufüllen hatte, die bewegungsfähige Umgebung –
der Opernchor, ward endlich die Hauptsache, die Oper selbst, welche von
allen Seiten ihr flimmerndes Licht auf »Prinz und Prinzessin« werfen mußte, um
die armen Unglücklichen am kolorierten Sängerleben zu erhalten.
So
war denn der Kreislauf des Dramas zu seiner tödlichen Schmach erfüllt: die
individuellen Persönlichkeiten, zu denen einst der Chor des Volkes sich
verdichtet hatte, verschwammen in buntscheckige, massenhafte Umgebung ohne
Mittelpunkt. Als diese Umgebung gilt uns in der Oper der ganze ungeheure
szenische Apparat, der durch Maschinen, gemalte Leinwand und bunte Kleider uns
als Stimme des Chores zuschreit: »Ich bin Ich, und keine Oper ist außer mir!«
Wohl
hatten schon früher edle Künstler des Schmuckes des Nationalen sich bedient;
nur da aber vermochte es einen reizenden Zauber auszuüben, wo es eben nur als
gelegentlich erforderlicher Schmuck einem durch charakteristische Handlung
belebten, dramatischen Stoffe beigegeben und ohne alle Ostentation eingefügt
war. Wie trefflich wußte Mozart seinem »Osmin« und seinem »Figaro« ein
nationales Kolorit zu geben, ohne in der Türkei und in Spanien, oder gar in
Büchern nach der Farbe zu suchen. Jener »Osmin« und jener »Figaro« waren aber
wirkliche, von einem Dichter glücklich entworfene, vom Musiker mit wahrem
Ausdrucke ausgestattete und vom gesunden Darsteller gar nicht zu verfehlende,
individuelle Charaktere. Die nationale Zutat unserer modernen Opernkomponisten
wird aber nicht auf solche Individualitäten verwandt, sondern sie soll dem an
sich ganz Charakterlosen eine irgendwie charakteristische Unterlage, zu
Belebung und Rechtfertigung einer an und für sich ganz gleichgültigen und
farblosen Existenz, erst geben. Die Spitze, auf die alles gesunde Volkstümliche
ausläuft, das rein menschlich Charakteristische, ist in unserer Oper von
vornherein als farblose, nichtsbedeutende Ariensänger-Maske verbraucht, und
diese Maske soll nun durch den Widerschein der umgebenden Farbe nur künstlich
belebt werden, weshalb denn auch diese Farbe der Umgebung in den allergrellsten
und schreiendsten Klecksen aufgetragen wird.
Um
die öde Szene um den Ariensänger herum zu beleben, hat man das Volk, dem
man seine Melodie abgenommen hatte, selbst endlich auf die Bühne gebracht; aber
natürlich konnte das nicht das Volk sein, das jene Weise erfand, sondern
die gelehrig abgerichtete Masse, die nun nach dem Takte der Opernarie
hin- und hermarschierte. Nicht das Volk brauchte man, sondern die Masse,
d. h. den materiellen Überrest von dem Volke, dem man den Lebensgeist
ausgesaugt hatte. Der massenhafte Chor unserer modernen Oper ist nichts anderes
als die zum Gehen und Singen gebrachte Dekorationsmaschinerie des Theaters, der
stumme Prunk der Kulissen in bewegungsvollen Lärmen umgesetzt. »Prinz und
Prinzessin« hatten mit dem besten Willen nichts mehr zu sagen als ihre
tausendmal gehörten Schnörkelarien: man suchte das Thema endlich dadurch zu
variieren, daß das ganze Theater von der Kulisse bis zum verhundertfachten
Choristen diese Arie mitsang, und zwar – je höher die Wirkung steigen soll –
gar nicht einmal mehr vielstimmig, sondern im wirklichen tobenden Einklange. In
dem heutzutage so berühmt gewordenen »Unisono« enthüllt sich ganz ersichtlich
der eigentliche Kern der Absicht der Massenanwendung, und im Sinne der Oper
hören wir ganz richtig die Massen »emanzipiert«, wenn wir sie, wie in den
berühmtesten Stellen der berühmtesten modernen Opern, die alte, abgedroschene
Arie im hundertstimmigen Einklange vortragen hören. So hat unser heutiger Staat
die Masse ebenfalls emanzipiert, wenn er sie in Soldatenuniform bataillonsweise
aufmarschieren, links und rechts schwenken, schultern und präsentieren läßt:
wenn die Meyerbeerschen »Hugenotten« sich zu ihrer höchsten Spitze erheben, hören
wir an ihnen, was wir an einem preußischen Gardebataillon sehen.
Deutsche Kritiker nennen's – wie gesagt – Emanzipation der Massen. –
Die
so »emanzipierte« Umgebung war im Grunde genommen aber wieder auch nur eine
Maske. Wenn wirklich charakteristisches Leben in den Hauptpersonen der Oper
nicht vorhanden war, so konnte dies wahrlich dem massenhaften Apparate noch
weniger eingegossen werden. Der Widerschein, der von diesem Apparate aus
belebend auf die Hauptpersonen fallen sollte, konnte daher von irgendwelcher
ergiebigen Wirkung nur dann sein, wenn auch die Maske der Umgebung von außen
woher einen Anstrich erhielt, der über ihre innere Hohlheit täuschte. Diesen
Anstrich gewann man aus dem historischen Kostüm, das das nationale
Kolorit noch prägnanter machen mußte.
Man
sollte annehmen, hier, beim Einmischen des historischen Motives, habe nun dem
Dichter die Aufgabe zugeteilt werden müssen, entscheidend in die Gestaltung der
Oper einzugreifen. Leicht dürfen wir aber unseren Irrtum einsehen, wenn wir
bedenken, welchen Gang bisher die Fortbildung der Oper genommen hatte, wie sie
alle Phasen ihrer Entwickelung nur dem verzweifelten Streben des Musikers, sein
Werk am künstlichen Dasein zu erhalten, verdanken mußte, und selbst zur
Verwendung historischer Motive nicht durch ein als notwendig empfundenes
Verlangen, sich an den Dichter zu ergeben, sondern durch den Drang rein
musikalischer Umstände hingewiesen ward – durch einen Drang, der wiederum nur
aus der ganzen unnatürlichen Aufgabe des Musikers, im Drama Absicht und
Ausdruck zugleich geben zu sollen, hervorging. Wir werden später auf die
Stellung des Dichters zu unserer modernsten Oper noch zurückkommen; für jetzt
verfolgen wir ungestört vom Standpunkte des wirklichen Faktors der Oper, des
Musikers, aus, bis wohin sein irriges Streben ihn führen mußte.
Der
Musiker, der – mochte er sich gebärden, wie er wollte – nur Ausdruck und nichts
als Ausdruck geben konnte, mußte ganz in dem Maße auch das wirkliche Vermögen
zu gesundem und wahrem Ausdrucke verlieren, als er den Gegenstand seines
Ausdruckes, in seinem verkehrten Eifer, diesen Gegenstand selbst zu zeichnen,
selbst zu dichten, zum grundsätzlich matten und inhaltslosen Schema
herabwürdigte. Hatte er nicht vom Dichter den Menschen verlangt, sondern
vom Mechaniker den Gliedermann, den er mit seinen Gewändern nach
Belieben drapierte, um durch den Farbenreiz und die Anordnung dieser Gewänder
allein zu entzücken, so mußte er nun, da er das warme Pulsieren des
menschlichen Leibes an dem Gliedermanne unmöglich darstellen konnte, bei somit
immer größerer Verarmung seiner Ausdrucksmittel endlich nur noch auf unerhört
mannigfaltige Variation in den Farben und Falten seiner Gewänder bedacht sein.
Das historische Gewand der Oper – das ergiebigste, weil es nach Klima und
Zeitalter auf das bunteste zu wechseln imstande war – ist aber eigentlich doch
nur das Werk des Dekorationsmalers und Theaterschneiders, wie diese beiden
Faktoren denn in Wahrheit die allerwichtigsten Bundesgenossen des modernen
Opernkomponisten geworden sind. Allein auch der Musiker unterließ es nicht,
seine Tonfarbenpalette für das historische Kostüm herzurichten; wie hätte er,
der Schöpfer der Oper, der sich den Dichter zum Bedienten gemacht hatte, den
Maler und Schneider nicht auch ausstechen sollen? Hatte er das ganze Drama, mit
Handlung und Charakteren, in Musik aufgelöst, wie sollte es ihm unmöglich
bleiben, auch die Zeichnungen und Farben des Malers und Schneiders musikalisch
zu Wasser zu machen? Er vermochte es, alle Dämme niederzureißen, alle Schleußen
zu öffnen, die das Meer vom Lande trennen, und so in der Sündflut seiner Musik
das Drama mit Mann und Maus, mit Pinsel und Schere zu ersäufen!
Der
Musiker mußte aber auch die ihm prädestinierte Aufgabe erfüllen, der deutschen
Kritik, für die Gottes allgütige Fürsorge bekanntlich die Kunst geschaffen hat,
die Freude des Geschenkes einer »historischen Musik« zu machen. Sein
hoher Ruf begeisterte ihn, gar bald das Richtige zu finden.
Wie
mußte eine »historische« Musik sich anhören, wenn sie die Wirkung einer solchen
machen sollte? Jedenfalls anders als eine nicht historische Musik. Worin
lag hier aber der Unterschied? Offenbar darin, daß die »historische« Musik von
der gegenwärtig gewöhnten so verschieden sei als das Kostüm einer früheren Zeit
von dem der Gegenwart. War es nicht das Klügste, genau so, wie man das Kostüm
dem betreffenden Zeitalter getreu nachahmte, auch die Musik diesem Zeitalter zu
entnehmen? Leider ging dies nicht so leicht, denn in jenen, im Kostüm so
pikanten Zeitaltern, gab es barbarischerweise noch keine Opern: eine allgemeine
Opernsprache war ihnen daher nicht zu entnehmen. Dagegen sang man damals in den
Kirchen, und diese Kirchengesänge haben in der Tat, wenn man sie heute
plötzlich singen läßt, unserer Musik gegenübergehalten, etwas schlagend
Fremdartiges. Vortrefflich! Kirchengesänge her! Die Religion muß aufs Theater
wandern! – So ward die musikalisch historische Kostümnot zur christlich
religiösen Operntugend. Für das Verbrechen des Raubes der Volksmelodie
verschaffte man sich römisch-katholische und evangelisch-protestantische
Kirchenabsolution, und zwar gegen die Wohltat, die man der Kirche dadurch
erwies, daß, wie zuvor die Massen, nun auch die Religion – um im
Ausdrucke der deutschen Kritik konsequent zu bleiben – durch die Oper »emanzipiert«
wurde.
So
ward der Opernkomponist vollständig zum Erlöser der Welt, und in dem
tiefbegeisterten, von selbstzerfleischendem Schwärmereifer unwiderstehlich
hingerissenen Meyerbeer haben wir jedenfalls den modernen Heiland, das
weltsündentragende Lamm Gottes zu erkennen.
Dennoch
konnte diese entsündigende »Emanzipation der Kirche« nur bedingungsweise vom
Musiker vollzogen werden. Wollte die Religion durch die Oper beseligt sein, so
mußte sie sich gefallen lassen, nur einen gewissen, vernünftigerweise ihr
zugehörigen Platz unter den übrigen Emanzipierten einzunehmen. Die Oper, als
Befreierin der Welt, mußte die Religion beherrschen, nicht die Religion die
Oper; sollte die Oper zur Kirche werden, so war die Religion ja nicht von der
Oper, sondern diese von ihr emanzipiert. Für die Reinheit des
musikalisch-historischen Kostümes hätte es der Oper allerdings erwünscht sein
können, nur noch mit der Religion zu tun zu haben, denn die einzig verwendbare
historische Musik fand sich nur in der Kirchenmusik vor. Nur mit Mönchen und
Pfaffen zu tun zu haben hätte aber der Heiterkeit der Oper empfindlich schaden
müssen: denn das, was durch die Emanzipation der Religion nur verherrlicht
werden sollte, war ja eigentlich nur die Opernarie, dieser üppig entfaltete
Urkeim alles Opernwesens, der keineswegs im Verlangen nach andächtiger
Sammlung, sondern nach unterhaltender Zerstreuung wurzelte. Genaugenommen war
die Religion nur als Beischmack zu verwenden, ganz wie im wohlgeordneten
Staatsleben: das Hauptgewürz mußte »Prinz und Prinzessin«, nebst gehöriger
Zutat von Spitzbuben, Hofchor und Volkschor, Kulissen und Kleidern bleiben.
Wie
war nur auch dies ganze hochwürdige Opernkollegium in historische Musik
umzusetzen? –
Hier
eröffnete sich dem Musiker das unabsehbar graue Nebelfeld reiner, absoluter
Erfindung: die Aufforderung zum Erschaffen aus Nichts. Sieh da, wie
schnell er mit sich einig wurde! Er hatte nur dafür zu sorgen, daß die Musik
immer ein wenig anders klinge, als man der Gewohnheit nach annehmen
müsse, daß sie zu klingen hätte, so klang jedenfalls seine Musik fremdartig,
und ein richtiger Schnitt des Theaterschneiders genügte, um sie vollständig
»historisch« zu machen.
Die
Musik, als reichstes Vermögen des Ausdruckes, erhielt nun eine ganz neue,
ungemein pikante Aufgabe, nämlich: den Ausdruck, den sie überhaupt schon zum
Gegenstande des Ausdruckes gemacht hatte, wiederum durch sich selbst zu
widerlegen; der Ausdruck, der ohne ausdruckswerten Gegenstand an und für sich nichtig
war, wurde, im Streben dieser Gegenstand für sich selbst zu sein, wiederum verneint,
so daß das Resultat unserer Welterschaffungstheorien, nach denen aus zwei
Verneinungen das Etwas entstanden ist, von dem Opernkomponisten vollständig
erreicht werden mußte. Wir empfehlen der deutschen Kritik den hieraus
entstandenen Opernstil als »emanzipierte Metaphysik«.
Betrachten
wir dies Verfahren etwas näher. –
Wollte
der Komponist einen unmittelbar entsprechenden nackten Ausdruck geben, so
konnte er dies mit dem besten Willen nicht anders als in der musikalischen
Sprechweise, die uns heute eben als verständlicher musikalischer Ausdruck gilt;
beabsichtigte er nun, diesem ein historisches Kolorit zu verleihen, und konnte
er dies im Grunde nur dadurch für erreichbar halten, daß er ihm einen überhaupt
fremdartigen, ungewohnten Beiklang gab, so stand ihm zunächst allerdings die
Ausdrucksweise einer früheren musikalischen Epoche zu Gebote, die er nach
Belieben nachahmen und von der er nach willkürlichem Ermessen entnehmen konnte.
Auf diese Weise hat sich denn auch der Komponist aus allen irgend schmackhaften
Stileigentümlichkeiten verschiedener Zeiten einen scheckigen Sprachjargon
zusammengesetzt, der an und für sich seinem Streben nach Fremdartigkeit und
Ungewohntheit nicht übel entsprechen konnte. Die musikalische Sprache, sobald
sie sich vom ausdruckswerten Gegenstande loslöst und ohne Inhalt nach
opernarienhafter Willkür ganz allein sprechen, d. h. eben nur singend und
pfeifend plaudern will, ist für ihr Wesen aber so ganz und gar der bloßen Mode
unterworfen, daß sie entweder nur dieser Mode sich unterordnen, oder im
glücklichen Falle sie nur beherrschen, d. h. die neueste Mode ihr
zuführen kann. Der Jargon, den somit der Komponist erfand, um – der
historischen Absicht zulieb – fremdartig zu sprechen, wird, wenn er
Glück macht, augenblicklich wiederum zur Mode, die, einmal angenommen,
plötzlich gar nicht mehr fremdartig erscheint, sondern das Kleid ist,
welches wir alle tragen, die Sprache, die wir alle sprechen. Der Komponist muß
verzweifeln, sich durch seine eigenen Erfindungen somit immer wieder in dem
Bestreben, fremdartig zu erscheinen, behindert zu sehen, und er muß
notgedrungen daher auf ein Mittel verfallen, ein für allemal fremdartig zu
erscheinen, sobald er seinen Beruf zur »historischen« Musik erfüllen will. Er
muß daher ein für allemal darauf bedacht sein, selbst den entstelltesten
Ausdruck – weil er einmal durch ihn zur modischen Gewohnheit gemacht worden ist
– in sich wiederum zu entstellen: er muß sich vornehmen, genaugenommen, da
»Nein« zu sagen, wo er eigentlich »Ja« sagen will, da sich freudig zu
gebärden, wo er Schmerz ausdrücken soll, da jammernd zu wimmern, wo er
sich behaglicher Lust hinzugeben hätte. Wahrlich, so und nicht anders ist es
ihm möglich, in allen Fällen fremdartig, sonderbar, wie von Gottweißwoher
kommend, zu erscheinen; er muß sich geradewegs verrückt stellen, um
»historisch-charakteristisch« zu erscheinen. Hiermit ist denn auch in
Wirklichkeit ein ganz neues Element gewonnen: der Drang zum »Historischen« hat
zur hysterischen Verrücktheit geführt, und diese Verrücktheit ist zu unserer
Freude bei Licht besehen gar nichts anderes als – wie nennen wir es gleich? – Neuromantik.
Der
Verdrehung aller Wahrheit und Natur, wie wir sie für den musikalischen Ausdruck
von den französischen sogenannten Neuromantikern ausüben sehen, war aus
einem Gebiete der Tonkunst, das von der Oper vollkommen abseits lag, eine
scheinbare Rechtfertigung, vor allem aber ein nährender Stoff zugeführt worden,
die zusammen wir unter der Bezeichnung des Mißverständnisses Beethovens
leicht begreifen können.
Sehr
wichtig ist es, zu beachten, daß alles, was auf die Gestaltung der Oper bis in
die neuesten Zeiten einen wirklichen und entscheidenden Einfluß ausübte, lediglich
aus dem Gebiete der absoluten Musik, keineswegs aber aus dem der
Dichtkunst, oder aus einem gesunden Zusammenwirken beider Künste, sich
herleitete. Wie wir finden mußten, daß von Rossini an die Geschichte der Oper
mit Bestimmtheit nur noch in die Geschichte der Opernmelodie auslaufe,
so sehen wir auch in der neuesten Zeit alle Einwirkung auf das immer
historisch-dramatischere Gebaren der Oper nur von dem Komponisten
ausgehen, der im notgedrungenen Streben, die Opernmelodie zu variieren, von
Folge zu Folge dahin getrieben wurde, in diese seine Melodie das Vorgeben
selbst historischer Charakteristik aufzunehmen, und dadurch dem Dichter
bezeichnete, was er dem Musiker, um dessen Vornehmen zu entsprechen, liefern
müsse. War nun diese Melodie bisher als Gesangsmelodie künstlich fortgepflanzt
worden – als Melodie, die von der bedingenden dichterischen Unterlage abgelöst,
dennoch im Munde oder in der Kehle des Sängers neue Bedingungen zu weiterer
Kulturentwickelung erhielt – und gewann sie diese Bedingungen namentlich auch
aus einem erneueten Ablauschen der ursprünglichen Naturmelodie vom Munde des
Volkes – so wandte sich nun ihr heißhungriges Hinhorchen endlich dahin,
wo die Melodie vom Munde des Sängers wiederum abgelöst, aus der Mechanik des
Instrumentes fernere Lebensbedingungen gewonnen hatte. Die Instrumentalmelodie,
in die Operngesangsmelodie1) übersetzt, ward so zum Faktor des
vorgegebenen Dramas: – in der Tat, so weit mußte es mit dem
unnatürlichen Genre der Oper kommen! –
Während
die Opernmelodie, ohne wirkliche Befruchtung durch die Dichtkunst, nur von
Gewaltsamkeit zu Gewaltsamkeit fortschreitend, sich ein mühseliges,
zeugungsunfähiges Leben erhalten konnte, hatte die Instrumentalmusik sich das
Vermögen gewonnen, die harmonische Tanz- und Liedweise durch Zerlegung in
kleinere und kleinste Teile, durch neues und mannigfaltig verschiedenartiges
Aneinanderfügen, Ausdehnen oder Verkürzen dieser Teile, zu einer besonderen
Sprache auszubilden, die so lange im höheren künstlerischen Sinne willkürlich
und für das Reinmenschliche ausdrucksunfähig war, als in ihr das Verlangen nach
klarem und verständlichem Wiedergeben bestimmter, individueller menschlicher
Empfindungen sich nicht als einzig maßgebende Notwendigkeit für Gestaltung
jener melodischen Sprachteile kundtat. Daß der Ausdruck eines ganz bestimmten,
klarverständlichen individuellen Inhaltes in dieser, einer Empfindung nur nach
ihrer Allgemeinheit gewachsenen Sprache in Wahrheit unmöglich war, hat erst
derjenige Instrumentalkomponist aufzudecken vermocht, bei welchem das
Verlangen, einen solchen Inhalt auszusprechen, zum verzehrend glühenden
Lebenstriebe alles künstlerischen Gestaltens wurde.
Die
Geschichte der Instrumentalmusik ist von da an, wo jenes Verlangen sich in ihr
kundgab, die Geschichte eines künstlerischen Irrtumes, der aber nicht, wie der
des Operngenres, mit Darlegung einer Unfähigkeit der Musik, sondern mit der
Kundgebung eines unbegrenzten inneren Vermögens derselben endete. Der Irrtum Beethovens
war der des Kolumbus2), der nur einen neuen Weg nach dem
alten, bereits bekannten Indien aufsuchen wollte, dafür aber eine neue Welt
selbst entdeckte; auch Kolumbus nahm seinen Irrtum mit sich in das Grab: er
ließ seine Genossen durch einen Schwur bekräftigen, daß sie die neue Welt für
das alte Indien hielten. So, immer noch im vollsten Irrtume befangen, löste
dennoch seine Tat der Welt die Binde vom Gesicht, und lehrte sie auf das
Unwiderleglichste die wirkliche Gestalt der Erde und die ungeahnte Fülle ihres
Reichtumes erkennen. – Uns ist jetzt das unerschöpfliche Vermögen der Musik
durch den urkräftigen Irrtum Beethovens erschlossen. Durch sein unerschrocken
kühnstes Bemühen, das künstlerisch Notwendige in einem künstlerisch Unmöglichen
zu erreichen, ist uns die unbegrenzteste Fähigkeit der Musik aufgewiesen zur
Lösung jeder denkbaren Aufgabe, sobald sie eben nur das ganz und allein
zu sein braucht, was sie wirklich ist – Kunst des Ausdruckes.
Des
Irrtumes Beethovens und des Gewinnes seiner künstlerischen Tat konnten wir aber
erst innewerden, als wir seine Werke im vollen Zusammenhange zu überblicken
vermochten, als er uns mit seinen Werken zu einer abgeschlossenen Erscheinung
geworden war, und an den künstlerischen Erfolgen seiner Nachkommen, die den
Irrtum des Meisters – als einen ihnen selbst nicht eigenen und ohne die riesige
Kraft jenes seines Verlangens – in ihr Kunstschaffen aufnahmen, der Irrtum selbst
uns klar werden mußte. Die Zeitgenossen und unmittelbaren Nachfolger Beethovens
gewahrten in dessen einzelnen Werken jedoch gerade nur das, was ihnen, je nach
der Kraft ihrer Empfänglichkeit und Auffassungsfähigkeit, bald aus dem
hinreißenden Eindrucke des Ganzen oder aus der eigentümlichen Gestaltung des
Einzelnen auffallend erkennbar war. Solange Beethoven, im Einklange mit dem
Geiste seiner musikalischen Zeitumgebung, eben nur die Blüte dieses Geistes in
seinen Werken niederlegte, konnte der Reflex seines Kunstschaffens auf seine
Umgebung nur ein wohltätiger sein. Von da an jedoch, wo, im genauen
Zusammenhange mit schmerzlich ergreifenden Lebenseindrücken, in dem Künstler
das Verlangen nach deutlichem Ausdrucke besonderer, charakteristisch individueller
Empfindungen – wie zur verständlichen Kundgebung an die Teilnahme der Menschen
– zu immer drängenderer Kraft erwuchs – also von da an, wo es ihm immer weniger
mehr darauf ankam, überhaupt Musik zu machen und in dieser Musik sich gefällig,
fesselnd oder beteuernd allgemeinhin auszudrücken, sondern als ihn sein inneres
Wesen mit Notwendigkeit drängte, einen bestimmten, seine Gefühle und
Anschauungen erfüllenden Inhalt sicher und genau faßlich durch seine Kunst zum
Ausdruck zu bringen – von da an beginnt die große, schmerzliche Leidensperiode
des tieferregten Menschen und notwendig irrenden Künstlers, der in den
gewaltigen Zuckungen schmerzlich wonnigen Stammelns einer pythischen
Begeisterung dem neugierigen Zuhörer, der ihn nicht verstand, weil der Begeisterte
sich ihm eben nicht verständlich machen konnte, den Eindruck eines genialen
Wahnsinnigen machen mußte.
In
den Werken aus der zweiten Hälfte seines Künstlerlebens ist Beethoven meist
gerade da unverständlich – oder vielmehr mißverständlich –, wo er
einen besondern individuellen Inhalt am verständlichsten aussprechen will. Er
geht über das, nach unwillkürlicher Konvention als faßlich anerkannte, absolut
Musikalische, d. h. in irgendwelchen Erkennbarkeit der Tanz- und Liedweise
– dem Ausdrucke und der Form nach – Ähnliche hinaus, um in einer Sprache zu
reden, die oft als willkürliche Auslassung der Laune erscheint, und, einem rein
musikalischen Zusammenhange unangehörig, nur durch das Band einer dichterischen
Absicht verbunden ist, die mit dichterischer Deutlichkeit in der Musik aber
eben nicht ausgesprochen werden konnte. Als unwillkürliche Versuche, sich eine
Sprache für sein Verlangen zu bilden, müssen die meisten Werke Beethovens aus
jener Epoche angesehen werden, so daß sie oft wie Skizzen zu einem Gemälde
erscheinen, über dessen Gegenstand wohl, nicht aber über dessen
verständliche Anordnung der Meister mit sich einig war. Das Gemälde selbst
konnte er aber nicht eher ausführen, als bis er den Gegenstand selbst nach
seinem Ausdrucksvermögen gestimmt, d. h. ihn nach seiner allgemeineren
Bedeutung erfaßt, und das Individuelle in ihm in die eigentümlichen Farben der
Tonkunst selbst zurückverlegt, somit den Gegenstand selbst gewissermaßen
musikalisiert hatte. Wären nur diese eigentlichen fertigen Gemälde, in denen
sich Beethoven mit entzückend wohltuender Klarheit und Faßlichkeit aussprach,
vor die Welt gelangt, so hätte das Mißverständnis, das der Meister von sich
verbreitete, jedenfalls weniger verwirrend und berückend einwirken müssen.
Bereits war aber der musikalische Ausdruck, in seiner Losgetrenntheit von den
Bedingungen des Ausdruckes, mit unerbittlicher Notwendigkeit dem bloßen
modischen Belieben, und somit allen Bedingungen der Mode selbst, verfallen;
gewisse melodische, harmonische oder rhythmische Züge schmeichelten heute dem
Ohre so verführerisch, daß man sich bis zum Übermaß ihrer bediente, verfielen
aber nach einer kurzen Zeit durch Abnutzung dem Ekel in dem Grade, daß sie dem
Geschmacke oft plötzlich unausstehlich oder lächerlich erschienen. Wem es nun
eben daran lag, Musik für das öffentliche Gefallen zu machen, dem mußte nichts
wichtiger dünken, als in den soeben charakterisierten Zügen des absolut
melodischen Ausdruckes so auffallend neu wie möglich zu erscheinen, und da die
Nahrung solcher Neuheit immer nur aus dem musikalischen Kunstgebiete selber
kommen, nirgends aber den wechselnden Erscheinungen des Lebens entnommen werden
konnte, so mußte jener Musiker mit Recht eine ergiebigste Ausbeute grade in den
Werken Beethovens ersehen, die wir als Skizzen zu seinen großen Gemälden
bezeichneten, und in denen das Ringen nach Auffindung eines neuen musikalischen
Sprachvermögens nach allen Richtungen hin in oft krampfhaften Zügen sich
kundtat, die dem unverständnisvoll Hinhorchenden wohl sonderbar, originell,
bizarr und jedenfalls ganz neu vorkommen mußten. Das jäh abspringende, schnell
und heftig sich Durchkreuzende, namentlich aber das oft fast gleichzeitige
Ertönen dicht ineinander verwobener Akzente des Schmerzes und der Freude, des
Entzückens und des Entsetzens, wie es der unwillkürlich suchende Meister in den
seltsamsten harmonischen Melismen und Rhythmen zu neuen Ausdruckslauten
mischte, um durch sie zum Ausspruche bestimmter individueller
Empfindungsmomente zu gelangen – dies alles fiel, in seiner ganz formellen
Äußerlichkeit erfaßt, zur bloß technischen Fortbildung jenen Komponisten zu,
die in der Aufnahme und Verwendung dieser Beethovenschen Sonderlichkeiten ein
üppig nährendes Element für ihr Allerweltsmusizieren erkannten. Während der
größere Teil der älteren Musiker in Beethovens Werken nur das begreifen
und gelten lassen konnte, was von des Meisters eigentümlichstem Wesen ablag und
nur als die Blüte einer früheren, unbesorgteren musikalischen Kunstperiode
erschien, haben jüngere Tonsetzer hauptsächlich das Äußerliche und
Sonderbare der späteren Beethovenschen Manier nachgeahmt.
War
hier aber nur eine Äußerlichkeit nachzuahmen, weil der Inhalt jener seltsamen
Züge das in Wahrheit unausgesprochene Geheimnis des Meisters bleiben
mußte, so mußte für sie mit gebieterischer Notwendigkeit auch irgendwelchen
inhaltlicher Gegenstand gesucht werden, der trotz seiner, der Natur der Sache
gemäße, Allgemeinheit Gelegenheit zur Verwendung jener, auf das Besondere,
Individuelle hindeutenden Züge darbot. Dieser Gegenstand war natürlich nur
außerhalb der Musik zu finden, und für die ungemischte Instrumentalmusik konnte
dies wiederum nur in der Phantasie sein. Das Vorgeben der musikalischen
Schilderung eines der Natur oder dem menschlichen Leben entnommenen Gegenstandes,
wurde als Programm dem Zuhörer zu Händen gebracht, und der Einbildungskraft
blieb es überlassen, der einmal gegebenen Hinweisung gemäß alle die
musikalischen Sonderbarkeiten sich zu deuten, die nun in fesselloser Willkür
bis zum buntesten chaotischen Gewirre losgelassen werden konnten.
Deutsche
Musiker standen dem Geiste Beethovens nahe genug, um der abenteuerlichsten
Richtung, die aus dem Mißverständnisse des Meisters hervorging, fernzubleiben.
Sie suchten sich vor den Konsequenzen jener Ausdrucksmanier zu retten, indem
sie ihre äußersten Spitzen abschliffen und durch Wiederaufnahme älterer
Ausdrucksweisen und ihre Verwebung mit dieser neuesten sich einen, in seiner
künstlichen Mischung allgemeinen, sozusagen abstrakten Musikstil bildeten, in
welchem eine lange Zeit ganz anständig und ehrsam fortzumusizieren war, ohne
daß von drastischen Individualitäten große Störungen in ihm zu befürchten
standen. Wenn Beethoven auf uns meistens den Eindruck eines Menschen macht, der
uns etwas zu sagen hat, was er aber nicht deutlich mitteilen kann, so
erscheinen seine modernen Nachfolger dagegen wie Menschen, die uns auf eine oft
reizend umständliche Weise mitteilen, daß sie uns nichts zu sagen haben. –
In
jenem, alle Kunstrichtungen verzehrenden Paris aber war es, wo ein mit
ungewöhnlicher musikalischer Intelligenz begabter Franzose auch die hier
bezeichnete Richtung bis in ihr äußerstes Extrem hineinjagte. Hector Berlioz
ist der unmittelbare und energischste Ausläufer Beethovens nach der
Seite hin, von der dieser sich abwandte, sobald er – wie ich es zuvor
bezeichnete – von der Skizze zum wirklichen Gemälde vorschritt. Die oft
flüchtig hingeworfenen, kecken und grellen Federstriche, in denen Beethoven
seine Versuche zum Auffinden neuen Ausdrucksvermögens schnell und ohne prüfende
Wahl aufzeichnete, fielen als fast einzige Erbschaft des großen Künstlers in
des begierigen Schülers Hände. War es eine Ahnung davon, daß Beethovens
vollendetstes Gemälde, seine letzte Symphonie, auch das letzte Werk dieser Art
überhaupt bleiben würde, die Berlioz, der nun auch große Werke schaffen wollte,
nach eigensüchtigem Ermessen davon abzog, an jenen Gemälden des Meisters
eigentlichen Drang zu erforschen – diesen Drang, der wahrlich ganz woanders
hinging als nach Sättigung phantastischer Willkür und Laune? Gewiß ist, daß
Berlioz' künstlerische Begeisterung aus dem verliebten Hinstarren auf jene
sonderbar krausen Federstriche sich erzeugte: Entsetzen und Entzücken faßte ihn
beim Anblick dieser rätselhaften Zauberzeichen, in die der Meister Entzücken
und Entsetzen zugleich gebannt hatte, um durch sie das Geheimnis kundzutun, das
er nie in der Musik aussprechen konnte, und einzig doch nur in der Musik
aussprechen zu können wähnte. Bei diesem Anblicke faßte den Hinstarrenden der
Schwindel; wirr und bunt tanzte ein hexenhaftes Chaos vor den Augen, deren
natürliche Sehkraft einer erblödeten Vielsichtigkeit wich, in welcher der
Geblendete da farbige, fleischige Gestalten zu erblicken vermeinte, wo
in Wahrheit nur gespenstische Knochen und Rippen ihren Spuk mit seiner
Phantasie trieben. Dieser gespenstisch erregte Schwindel war aber wirklich nur
Berlioz' Begeisterung: erwachte er aus ihm, so gewahrte er, mit der Abspannung
eines durch Opium Betäubten, eine frostige Leere um sich her, die nun zu beleben
er sich mühte, indem er die Erhitzung seines Traumes sich künstlich zurückrief,
was ihm nur durch peinlich mühsame Abrichtung und Verwendung seines
musikalischen Hausrates gelingen wollte.
In
dem Bestreben, die seltsamen Bilder seiner grausam erhitzten Phantasie
aufzuzeichnen und der ungläubigen ledernen Welt seiner Pariser Umgebung genau
und handgreiflich mitzuteilen, trieb Berlioz seine enorme musikalische
Intelligenz bis zu einem dahin ungeahnten technischen Vermögen. Das, was er den
Leuten zu sagen hatte, war so wunderlich, so ungewohnt, so gänzlich
unnatürlich, daß er dies nicht so geradeheraus mit schlichten, einfachen Worten
sagen konnte: er bedurfte dazu eines ungeheuren Apparates der kompliziertesten
Maschinen, um mit Hülfe einer unendlich fein gegliederten und auf das
mannigfaltigste zugerichteten Mechanik das kundzutun, was ein einfach
menschliches Organ unmöglich aussprechen konnte: eben weil es etwas ganz
Unmenschliches war. Wir kennen jetzt die übernatürlichen Wunder, mit denen
einst die Priesterschaft kindliche Menschen der Art täuschte, daß sie glauben
mußten, irgendein lieber Gott gebe sich ihnen kund: nichts als die Mechanik hat
von je diese täuschenden Wunder gewirkt. So wird auch heutzutage das Übernatürliche,
eben weil es das Unnatürliche ist, dem verblüfften Publikum nur durch
die Wunder der Mechanik vorgeführt, und ein solches Wunder ist in Wahrheit das Berliozsche
Orchester. Jede Höhe und Tiefe der Fähigkeit dieses Mechanismus hat Berlioz
bis zur Entwickelung einer wahrhaft staunenswürdigen Kenntnis ausgeforscht, und
wollen wir die Erfinder unserer heutigen industriellen Mechanik als Wohltäter
der modernen Staatsmenschheit anerkennen, so müssen wir Berlioz als den wahren
Heiland unserer absoluten Musikwelt feiern; denn er hat es den Musikern möglich
gemacht, den allerunkünstlerischsten und nichtigsten Inhalt des Musikmachens
durch unerhört mannigfaltige Verwendung bloßer mechanischer Mittel zur
verwunderlichsten Wirkung zu bringen.
Berlioz
selbst reizte beim Beginn seiner künstlerischen Laufbahn gewiß nicht der Ruhm
eines bloß mechanischen Erfinders: in ihm lebte wirklich künstlerischer Drang,
und dieser Drang war brennender, verzehrender Natur. Daß er, um diesen Drang zu
befriedigen, durch das Ungesunde, Unmenschliche in der zuvor näher besprochenen
Richtung bis auf den Punkt getrieben wurde, wo er als Künstler in der Mechanik
untergehen, als übernatürlicher phantastischer Schwärmer in einen
allverschlingenden Materialismus versinken mußte, das macht ihn – außer zum
warnenden Beispiele – um so mehr zu einer tief bedauernswürdigen Erscheinung,
als er noch heute von wahrhaft künstlerischem Sehnen verzehrt wird, wo er doch
bereits rettungslos unter dem Wuste seiner Maschinen begraben liegt.
Er
ist das tragische Opfer einer Richtung, deren Erfolge von einer anderen Seite
her mit der allerschmerzlosesten Unverschämtheit und dem gleichgültigsten
Behagen von der Welt ausgebeutet wurden. Die Oper, zu der wir uns nun wieder
zurückwenden, verschluckte auch die Berliozsche Neuromantik als feiste,
wohlschmeckende Auster, deren Genuß ihr von neuem ein glattes, grundbehagliches
Ansehen gab.
Der
Oper war aus dem Gebiete der absoluten Musik ein ungeheurer Zuwachs an Mitteln
des mannigfaltigsten Ausdruckes durch das moderne Orchester zugeführt worden,
das – im Sinne des Opernkomponisten – nun selbst sich »dramatisch« zu gebärden
abgerichtet war. Zuvor war das Orchester nie etwas anderes als der harmonische
und rhythmische Träger der Opernmelodie gewesen: mochte es in dieser Stellung
noch so reich und üppig ausgestattet worden sein, immer blieb es dieser Melodie
untergeordnet, und wo es zur unmittelbaren Teilnahme an dieser Melodie, zu
ihrem Vortrage selbst gelangte, diente es doch gerade immer nur eben dazu,
diese Melodie, als unbedingte Herrscherin, durch gleichsam prachtvollste
Ausstattung ihres Hofstaates desto glänzender und stolzer erscheinen zu lassen.
Alles, was zur notwendigen Begleitung der dramatischen Handlung gehörte, wurde
für das Orchester dem Gebiete des Ballets und der Pantomime entnommen, auf
welchem sich der melodische Ausdruck ganz nach den gleichen Gesetzen aus der
Volkstanzweise entwickelt hatte wie die Opernarie aus der Volksliedweise. Wie
diese Weise dem willkürlichen Belieben des Sängers und endlich des
erfindungssüchtigen Komponisten, so hatte jene dem des Tänzers und
Pantomimikers ihre Verzierung und Ausbildung zu verdanken gehabt: in beiden war
aber unmöglich die Wurzel ihres Wesens anzutasten gewesen, weil diese außerhalb
des Opernkunstbodens, den Faktoren der Oper unerkenntlich und unzugänglich
stand, und dieses Wesen sprach sich in der scharf gezeichneten melismatischen
und rhythmischen Form aus, deren Äußerlichkeit die Komponisten wohl variieren,
deren Linien sie aber nie verwischen durften, ohne gänzlich anhaltslos im allerunbestimmtesten
Ausdruckschaos dahinzuschwimmen. So war die Pantomime selbst von der
Tanzmelodie beherrscht worden; der Pantomimiker konnte nichts durch Gebärden
für ausdrucksmöglich halten, als was die an strenge rhythmische und
melismatische Konvenienzen gefesselte Tanzmelodie irgendwie entsprechend zu
begleiten imstande war: er blieb streng gebunden, seine Bewegungen und
Gebärden, und somit das durch sie Auszudrückende, nur nach dem Vermögen der
Musik abzumessen, sich und sein eigenes Vermögen nach diesem zu modeln und
stereotypisch festzusetzen – ganz wie in der Oper der singende Darsteller sein
eigenes dramatisches Vermögen nach dem Vermögen des stereotypen Arienausdruckes
temperieren, und sein eigenes, nach der Natur der Sache in Wahrheit eigentlich
zum Gesetzgeben berechtigtes Vermögen unentwickelt lassen mußte.
In
der naturwidrigen Stellung der künstlerischen Faktoren zueinander war denn in
Oper wie in Pantomime der musikalische Ausdruck an starrem Formalismus haften
geblieben, und namentlich hatte auch das Orchester als Begleiter des Tanzes und
der Pantomime nicht die Fähigkeit des Ausdruckes gewinnen können, die es hätte
erreichen müssen, wenn der Gegenstand der Orchesterbegleitung, die
dramatische Pantomime, sich nach ihrem eigenen unerschöpflichen inneren
Vermögen entwickeln und so an sich dem Orchester den Stoff zu wirklicher
Erfindung zuweisen hätte dürfen. Nichts anderes als jener unfreie, banale,
rhythmisch-melodische Ausdruck in der Begleitung pantomimischer Aktionen war
bisher dem Orchester auch in der Oper möglich gewesen: einzig durch Üppigkeit
und Glanz im äußerlichsten Kolorit hatte man ihn zu variieren versucht.
In
der selbständigen Instrumentalmusik war nun dieser starre Ausdruck gebrochen
worden, und zwar dadurch, daß seine melodische und rhythmische Form wirklich in
Stücken zerschlagen ward, die nun nach rein musikalischem Ermessen zu neuen,
unendlich mannigfaltigen Formen verschmolzen wurden. Mozart begann in
seinen symphonischen Werken noch mit der ganzen Melodie, die er, wie zum
Spiele, kontrapunktisch in immer kleinere Teile zerlegte; Beethovens
eigentümlichstes Schaffen begann mit diesen zerlegten Stücken, aus denen er vor
unseren Augen immer reichere und stolzere Gebäude errichtet; Berlioz
aber erfreute sich an der krausen Verwirrung, zu der er jene Stücke immer
bunter durcheinanderschüttelte, und die ungeheuer komplizierte Maschine, den
Kaleidoskop, worin er die bunten Steine nach Belieben durcheinanderrüttelte,
reichte er dem modernen Opernkomponisten im Orchester dar.
Diese
zerschnittene, zerhackte und in Atome zersetzte Melodie, deren Stücke er nach
Belieben, je widerspruchsvoller und ungereimter, desto auffallender und
absonderlicher, aneinanderfügen konnte, nahm nun der Opernkomponist vom
Orchester in den Gesang selbst auf. Mochte diese Art melodischen
Verfahrens, in Orchesterstücken allein angewandt, phantastisch launenhaft
erscheinen, so war hier doch alles zu entschuldigen; die Schwierigkeit,
ja Unmöglichkeit, sich in der Musik allein mit voller Bestimmtheit auszusprechen,
hatte selbst die ernstesten Meister schon zu dieser phantastischen
Launenhaftigkeit verführt. In der Oper aber, wo mit dem scharfen Worte der
Dichtkunst dem Musiker der ganz natürliche Anhalt zu sicherem, unfehlbarem
Ausdrucke gegeben war, ist diese freche Verwirrung jedes Ausdruckes, diese
absichtliche raffinierte Verstümmelung jedes irgend noch gesunden Organes
dieses Ausdrucks, wie es sich in der fratzenhaften Aneinanderreihung der unter
sich fremdartigsten und grundverschiedensten melodischen Elemente in der
modernsten Opernweise kundgibt, nur dem vollständig eingetretenen Wahnsinne des
Komponisten zuzuschreiben, der in dem hochmütigen Vorgeben, das Drama aus
absolut musikalischem Vermögen für sich allein, mit nur dienender Hülfe
des Dichters, zu erschaffen, notwendig bis dahin kommen mußte, wo wir ihn zum
Gelächter jedes Vernünftigen heutzutage angekommen sehen.
Vermöge
des ungeheuer angewachsenen musikalischen Apparates glaubte sich der Komponist,
der sich seit Rossini nur nach der frivolen Seite hin entwickelt und nur von
der absoluten Opernmelodie gelebt hatte, nun auch berufen, vom Standpunkte der
melodischen Frivolität aus zur dramatischen »Charakteristik« kühn und
keck vorschreiten zu dürfen. Als solcher »Charakteristiker« wird nicht nur vom
Publikum, das längst zu seinem tief kompromittierten Mitverbrecher an der
Wahrheit der Musik gemacht worden war, sondern auch von der Kunstkritik der
berühmteste moderne Opernkomponist gefeiert. Im Hinblick auf größere melodische
Reinheit früherer Epochen, und im Vergleich mit dieser, wird die Meyerbeersche
Melodie zwar als frivol und gehaltlos von der Kritik verworfen;
in Rücksicht auf die ganz neuen Wunder im Gebiete der »Charakteristik«, die
seiner Musik entblüht seien, wird diesem Komponisten aber Sündenablaß erteilt –
wobei denn das Geständnis mit unterläuft, daß man musikalisch-dramatische
Charakteristik am Ende nur bei frivoler, gehaltloser Melodik für
möglich halte, was schließlich einzig wieder den Ästhetiker mit bedenklichem
Mißtrauen gegen den Operngenre überhaupt erfüllt. –
Stellen
wir uns übersichtlich das Wesen dieser modernen »Charakteristik« in der Oper
dar. –
Die
moderne »Charakteristik« in der Oper unterscheidet sich sehr wesentlich
von dem, was vor Rossini in der Gluckschen oder der Mozartschen Richtung uns
für Charakteristik gelten muß.
Gluck
war wissentlich bemüht, im deklamierten Rezitativ wie in der gesungenen Arie,
bei voller Beibehaltung dieser Formen und neben der instinktmäßigen Hauptsorge,
den gewohnten Forderungen an ihren rein musikalischen Inhalt zu entsprechen,
die in der Textunterlage bezeichnete Empfindung so getreu wie möglich durch den
musikalischen Ausdruck wiederzugeben, vor allem aber auch den rein
deklamatorischen Akzent des Verses nie zugunsten dieses musikalischen
Ausdruckes zu entstellen. Er gab sich Mühe, in der Musik richtig und
verständlich zu sprechen.
Mozart
konnte seiner kerngesunden Natur nach gar nicht anders als richtig sprechen. Er
sprach mit derselben Deutlichkeit den rhetorischen Zopf wie den wirklich
dramatischen Akzent aus: bei ihm blieb Grau grau, Rot rot; nur daß dieses Grau
wie dieses Rot, in den erfrischenden Tau seiner Musik getaucht, in alle Nuancen
der ursprünglichen Farbe sich auflöste, und so als mannigfaltigstes Grau wie
als mannigfaltigstes Rot sich darbot. Unwillkürlich adelte seine Musik alle
nach theatralischer Konvenienz ihm hingeworfenen Charaktere dadurch, daß sie
gleichsam den rohen Stein schliff, ihn nach allen Seiten dem Lichte zuwandte
und in der Richtung endlich festhielt, in welcher das Licht die glänzendsten
Farbenstrahlen aus ihm zog. Auf diese Weise vermochte er die Charaktere des
»Don Juan« z. B. zu einer solchen Fülle des Ausdruckes zu erheben, daß es
einem Hoffmann beikommen durfte, die tiefsten, geheimnisvollsten Beziehungen
zwischen ihnen zu erkennen, von denen weder Dichter noch Komponist ein
wirkliches Bewußtsein hatten. Gewiß ist aber, daß Mozart durch seine Musik
allein unmöglich in dieser Art hätte charakteristisch sein können, wenn die
Charaktere selbst im Werke des Dichters nicht vorhanden gewesen wären. Je mehr
wir durch die glühende Farbe der Mozartschen Musik auf den Grund zu blicken
vermögen, mit desto größerer Sicherheit erkennen wir die scharfe und bestimmte
Federzeichnung des Dichters, die durch ihre Linien und Striche die Farbe des
Musikers erst bedang, und ohne die jene wundervolle Musik geradesweges
unmöglich war.
Die
in Mozarts Hauptwerke von uns angetroffene, so überraschend glückliche
Beziehung zwischen Dichter und Komponisten sehen wir aber im ferneren Verlaufe
der Entwickelung der Oper gänzlich wieder verschwinden, bis, wie wir sahen, Rossini
sie gänzlich aufhob und die absolute Melodie zum einzig berechtigten Faktor der
Oper machte, dem alles übrige Interesse, und vor allem die Beteiligung des
Dichters, sich vollkommen unterzuordnen hatte. Wir sahen ferner, daß der
Einspruch Webers gegen Rossini nur gegen die Seichtigkeit und
Charakterlosigkeit dieser Melodie, keineswegs aber gegen die
unnatürliche Stellung des Musikers zum Drama selbst gerichtet war. Im
Gegenteile verstärkte Weber das Unnatürliche dieser Stellung nur noch dadurch,
daß er durch charakteristische Veredelung seiner Melodie sich eine noch erhöhte
Stellung gegen den Dichter zuteilte, und zwar gerade um so viel erhöht, als
seine Melodie die Rossinische eben an charakteristischem Adel übertraf. Zu
Rossini gesellte sich der Dichter als lustiger Schmarotzer, den der Komponist
als vornehmer, aber leutseliger Mann mit Austern und Champagner nach
Herzenslust traktierte, so daß der folgsame Poet bei keinem Herrn der Welt sich
besser befand als bei dem famosen Maestro. Weber dagegen, erfüllt von
unbeugsamem Glauben an die charakteristische Reinheit seiner einen und
unteilbaren Melodie, knechtete sich den Dichter mit dogmatischer Grausamkeit
und zwang ihn, den Scheiterhaufen selbst aufzurichten, auf dem der
Unglückliche, zur Nahrung des Feuers der Weberschen Melodie, sich zu Asche
verbrennen lassen sollte. Der Dichter des »Freischützen« war noch ganz ohne es
zu wissen zu diesem Selbstmorde gekommen: aus seiner eigenen Asche heraus
protestierte er, als die Wärme des Weberschen Feuers noch die Luft erfüllte,
und behauptete, diese Wärme rühre von ihm her – er irrte sich gründlich;
seine hölzernen Scheite gaben nur Wärme, als sie vernichtet – verbrannt waren:
einzig ihre Asche, den prosaischen Dialog, konnte er nach dem Brande noch als
sein Eigentum ausgeben.
Weber
suchte sich nach dem »Freischützen« einen gefügigeren Dichterknecht und nahm zu
einer neuen Oper eine Frau in Sold, von deren unbedingterer Unterordnung er
sogar verlangte, daß sie nach dem Brande des Scheiterhaufens nicht einmal die
Asche ihrer Prosa nachlassen sollte: sie sollte sich mit Haut und Haar in der
Glut seiner Melodie verbrennen lassen. Uns ist aus der Korrespondenz Webers mit
Frau von Chezy während der Anfertigung des Euryanthetextes bekannt geworden,
mit welch peinlicher Sorgfalt er sich genötigt fühlte, wiederum seinen
dichterischen Helfer bis auf das Blut zu quälen; wie er verwirft und
vorschreibt, und wieder vorschreibt und verwirft; hier streicht, dort
hinzuverlangt; hier verlängert, dort verkürzt haben will – ja seine Anordnungen
bis auf die Charaktere selbst, ihre Motive und Handlungen erstreckt. War er
hierin etwa ein krankhafter Eigensinniger, oder ein übermütiger Parvenü, der
durch den Erfolg seines Freischützen eitel gemacht, jetzt als Despot befehlen
wollte, wo er naturgemäß zu gehorchen gehabt hätte? O nein! Aus ihm sprach
mit leidenschaftlichster Erregtheit nur die ehrliche künstlerische Sorge des
Musikers, der, durch den Drang der Umstände verführt, es übernommen hatte, das
Drama selbst aus der absoluten Melodie zu konstruieren. Weber war hierbei in
einem tiefen Irrtume, aber in einem Irrtume, der ihm mit Notwendigkeit hatte
ankommen müssen. Er hatte die Melodie zu ihrem schönsten, gefühlvollsten Adel
erhoben, er wollte sie nun als Muse des Dramas selbst krönen, und durch
ihre starke Hand all das lüderliche Gezücht von der Bühne jagen lassen, das
diese entweihte. Hatte er im Freischützen alle lyrischen Züge der Operndichtung
in diese Melodie hingeleitet, so wollte er nun aus den Lichtstrahlen seines
melodischen Sternes das Drama selbst ausgießen. Man könnte sagen, seine Melodie
zur »Euryanthe« sei eher fertig gewesen als die Dichtung; um diese zu liefern,
brauchte er nur jemand, der seine Melodie vollkommen im Ohre und im Herzen
hatte, und ihr bloß nachdichtete; da praktisch dies aber nicht möglich war, so
geriet er mit seiner Dichterin in ein ärgerlich theoretisches Hin- und
Herzanken, in welchem weder von der einen, noch der andern Seite her eine klare
Verständigung möglich wurde – so daß wir gerade an diesem Falle bei ruhiger
Prüfung recht deutlich zu ersehen haben, bis zu welcher peinlichen Unsicherheit
Männer von Webers Geiste und künstlerischer Wahrheitsliebe durch das Festhalten
eines künstlerischen Grundirrtumes verleitet werden können.
Das
Unmögliche mußte endlich auch Weber unmöglich bleiben. Er konnte durch all
seine Andeutungen und Verhaltungsbefehle an den Dichter keine dramatische
Unterlage zustande bekommen, die er vollständig in seine Melodie hätte auflösen
können, und zwar gerade deswegen, weil er ein wirkliches Drama zutage fördern
wollte, nicht nur ein mit lyrischen Momenten erfülltes Schauspiel, von dem er –
wie im »Freischützen« – eben nichts als bloß diese Momente für seine Musik zu
verwenden gehabt hätte. In dem Texte der »Euryanthe« blieb neben dem
dramatisch-lyrischen Elemente, für das – wie ich mich ausdrückte – die Melodie
im voraus fertig war, doch so viel, der absoluten Musik fremdartige Beigabe
übrig, daß Weber es mit seiner eigentlichen Melodie nicht zu beherrschen
vermochte. Wäre dieser Text das Werk eines wirklichen Dichters gewesen, der den
Musiker so nur zu seiner Hülfe herbeigerufen hätte, wie jetzt es dem Dichter
vom Musiker geschehen war, so würde dieser Musiker in der Liebe zu dem
vorliegenden Drama nicht einen Augenblick in Verlegenheit geraten sein: er
würde da, wo er für seinen breiteren musikalischen Ausdruck keinen nährenden
oder rechtfertigenden Stoff erkannte, sich nur nach seinem geringeren Vermögen,
dem einer untergeordneten, dem Ganzen dennoch aber immer hülfreichen
Begleitung, beteiligt, und nur da, wo der vollste musikalische Ausdruck
notwendig und aus dem Stoffe bedungen war, auch nach seinem vollsten Vermögen
eingewirkt haben. Der Text der »Euryanthe« war jedoch aus dem umgekehrten
Verhältnisse zwischen Musiker und Dichter hervorgegangen, und der eigentlich
dichtende Komponist vermochte überall da, wo er naturgemäß abzustehen oder
zurückzutreten gehabt hätte, jetzt nur eine doppelt gesteigerte Aufgabe für
sich zu ersehen, nämlich die Aufgabe, einem musikalisch völlig spröden Stoffe
dennoch ein vollkommen musikalisches Gepräge aufzudecken. Dies hätte Weber nur
gelingen können, wenn er sich in die frivole Richtung der Musik schlug; wenn
er, von aller Wahrheit gänzlich absehend, dem epikureischen Elemente der Musik
die Zügel schießen ließ, und à la Rossini Tod und Teufel in
amüsante Melodien umgesetzt hätte. Allein gerade hiergegen erhob ja Weber
seinen kräftigsten künstlerischen Einspruch: seine Melodie sollte überall charaktervoll,
d. h. wahr und der gegenständlichen Empfindung entsprechend sein. Er mußte
also zu einem anderen Verfahren schreiten.
Überall
da, wo seine in langen Zügen sich kundgebende, meist im voraus fertige und auf
den Text, gleich einem glänzenden Gewande dahingebreitete Melodie diesem Texte
einen zu erkennbaren Zwang hätte antun müssen, brach er diese Melodie selbst in
Stücke, und die einzelnen Teile seines melodischen Gebäudes fügte er dann, je
nach der deklamatorischen Erfordernis der Textworte, zu einem künstlichen
Mosaik zusammen, das er wieder mit einem feinen melodischen Firnis überzog, um
so dem ganzen Gefüge für den äußeren Anblick immer noch den Anschein der
absoluten, möglichst selbst von den Textworten loszulösenden, Melodie zu
bewahren. Die beabsichtigte Täuschung gelang ihm aber nicht.
Nicht
nur Rossini, sondern Weber selbst auch, hatte die absolute Melodie so entschieden
zum Hauptinhalt der Oper erhoben, daß diese, aus dem dramatischen Zusammenhange
herausgerissen und selbst der Textworte entkleidet, in ihrer nacktesten
Gestalt Eigentum des Publikums geworden war. Eine Melodie mußte gegeigt und
geblasen, oder auf dem Klaviere gehämmert werden können, ohne dadurch im
mindesten etwas von ihrer eigentlichen Essenz zu verlieren, wenn sie eine
wirkliche Publikumsmelodie werden wollte. Auch in Webers Opern ging das
Publikum nur, um möglichst viele solcher Melodien zu hören, und sehr hatte der
Meister sich geirrt, wenn er sich schmeichelte, auch jenes überfirnißte
deklamatorische Mosaik von diesem Publikum für Melodie angenommen zu sehen,
worauf es grundsätzlich dem Komponisten doch wiederum ankam. Konnte dieses
Mosaik in den Augen Webers selbst nur durch den Worttext gerechtfertigt
erscheinen, so war auf der einen Seite das Publikum – und zwar hier mit vollem
Rechte – durchaus gleichgültig gegen die Textworte; auf der andern Seite aber
mußte es sich wieder herausstellen, daß dieser Text doch nicht einmal
vollkommen entsprechend in der Musik wiedergegeben war. Grade diese unzeitige,
halbe Melodie wandte die Aufmerksamkeit des Zuhörers vom Worttexte ab und der
Spannung auf die Bildung einer Melodie zu, die in Wahrheit aber nicht zustande
kam – so daß dem Zuhörer das Verlangen nach Darlegung eines dichterischen
Gedankens im voraus erstickt, der Genuß einer Melodie aber um so empfindlicher
geschmälert wurde, als das Verlangen nach ihr erweckt, nicht aber erfüllt
worden war. Außer da, wo in der »Euryanthe« der Tonsetzer nach künstlerischem
Ermessen seine volle natürliche Melodie für gerechtfertigt halten durfte, sehen
wir in demselben Werke zugleich nur da sein höheres künstlerisches Streben mit
wirklichem und schönem Erfolge gekrönt, wo er – der Wahrheit zuliebe – der
absoluten Melodie gänzlich entsagt, und – wie in der Anfangsszene des ersten
Aktes – durch den edelsten und treuesten musikalischen Ausdruck die gefühlvolle
dramatische Rede, als solche, selbst wiedergibt; wo er somit die Absicht seines
eigenen künstlerischen Schaffens nicht mehr in die Musik, sondern in die
Dichtung setzt, und die Musik nur zur Förderung dieser Absicht verwendet,
welche in solcher Fülle und überzeugender Wahrheit wiederum nur durch die Musik
zu ermöglichen war.
Die
»Euryanthe« ist von der Kritik nicht in dem Maße beachtet worden, als sie es
ihres ungemein lehrreichen Inhaltes wegen verdient. Das Publikum sprach sich
unentschieden, halb angeregt, halb verstimmt aus: die Kritik, die, im Grunde
genommen, immer nur nach der Stimme des Publikums horcht, um – je nach ihrer
vorgefaßten Meinung – sich entweder ganz nach ihr und dem äußeren Erfolge zu
richten, oder auch sie blindlings zu bekämpfen, hat es nie vermocht, die
grundverschiedenen Elemente, die sich in diesem Werke auf das
widerspruchsvollste berühren, klar zu sichten und aus dem Streben des
Komponisten, sie zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen, seine
Erfolglosigkeit zu rechtfertigen. Nie ist aber, solange es Opern gibt, ein Werk
verfaßt worden, in welchem die inneren Widersprüche des ganzen Genres von einem
gleich begabten, tief empfindenden und wahrheitliebenden Tonsetzer, bei
edelstem Streben, das Beste zu erreichen, konsequenter durchgeführt und offener
dargelegt worden sind. Diese Widersprüche sind: absolute, ganz für sich
allein genügende Melodie, und – durchgehends wahrer dramatischer Ausdruck.
Hier mußte notwendig eines geopfert werden – die Melodie oder das Drama.
Rossini opferte das Drama; der edle Weber wollte es durch die Kraft seiner sinnigeren
Melodie wieder herstellen. Er mußte erfahren, daß dies unmöglich sei. Müde und
erschöpft von der qualvollen Mühe seiner »Euryanthe«, versenkte er sich in die
weichen Polster eines orientalischen Märchentraumes; durch das Wunderhorn
Oberons stieß er seinen letzten Lebenshauch aus.
Was
dieser edle, liebenswürdige Weber, durchglüht von dem heiligen Glauben an die
Allmacht seiner reinen, dem schönsten Volksgeiste abgewonnenen Melodie,
erfolglos erstrebt hatte, das unternahm nun ein Jugendfreund Webers, Jakob
Meyerbeer, vom Standpunkte der Rossinischen Melodie aus zu
bewerkstelligen.
Meyerbeer
machte alle Phasen der Entwickelung dieser Melodie mit durch, und zwar nicht
aus abstrakter Ferne, sondern in ganz realer Nähe, immer an Ort und Stelle. Als
Jude hatte er keine Muttersprache, die mit dem Nerve seines innersten Wesens
untrennbar verwachsen gewesen wäre: er sprach mit demselben Interesse in jeder
beliebigen modernen Sprache und setzte sie ebenso in Musik, ohne alle andere
Sympathie für ihre Eigentümlichkeiten als die für ihre Fähigkeit, der absoluten
Musik nach Belieben untergeordnet zu werden. Diese Eigenschaft Meyerbeers hat
ihn mit Gluck vergleichen lassen; auch dieser komponierte als Deutscher
italienische und französische Operntexte. In der Tat hat Gluck nicht aus dem
Instinkte der Sprache (die in solchem Falle immer nur die Muttersprache sein
kann), heraus seine Musik geschaffen; worauf es ihm bei seiner Stellung als
Musiker zur Sprache ankam, war die Rede, wie sie als Äußerung des
Sprachorganismus auf der Oberfläche dieser tausende von Organen schwebt; nicht
aus der zeugenden Kraft dieser Organe stieg sein Produktionsvermögen durch die
Rede zum musikalischen Ausdruck hinauf, sondern vom losgelösten musikalischen
Ausdruck ging er zur Rede erst zurück, nur um diesen Ausdruck in seiner
Unbegründetheit irgendwie zu rechtfertigen. So konnte Gluck jede Sprache
gleichgültig sein, weil es ihm eben nur auf die Rede ankam: hätte die Musik in
dieser transzendenten Richtung durch die Rede auch bis auf den Organismus der
Sprache selbst durchdringen können, so hätte sie allerdings sich vollkommen
umgestalten müssen. – Ich muß, um den Gang meiner Darstellung hier nicht zu
unterbrechen, diesen äußerst wichtigen Gegenstand zu einer gründlichen
Erörterung am geeigneten Orte meiner Schrift aufbewahren; für hier genüge es,
den Umstand der Beachtung zu empfehlen, daß Gluck es auf die lebendige
Rede überhaupt – gleichviel in welcher Sprache – ankam, da er in ihr allein
eine Rechtfertigung für die Melodie fand; seit Rossini war diese Rede aber
gänzlich durch die absolute Melodie aufgezehrt, nur ihr materiellstes Gerüst
diente in Vokalen und Konsonanten als Anhaltestoff des musikalischen Tones. Meyerbeer
war durch seine Gleichgültigkeit gegen den Geist jeder Sprache und durch sein
hierauf begründetes Vermögen, ihr Äußerliches mit leichter Mühe sich zu eigen
zu machen (eine Fähigkeit, die durch unsre moderne Bildung dem Wohlstande
überhaupt zugeführt ist), ganz darauf hingewiesen, es nur mit der absoluten,
von allem sprachlichen Zusammenhange losgelösten Musik zu tun zu haben.
Außerdem war er dadurch fähig, überall an Ort und Stelle den Erscheinungen in
dem bezeichneten Entwickelungsgange der Opernmusik zuzusehen: er folgte immer
und überallhin seinen Schritten. Beachtenswert ist es vor allem, daß er diesem
Gange eben nur folgte, nie aber mit ihm, geschweige denn ihm
irgendwie vorausging. Er glich dem Stare, der dem Pflugschare auf dem Felde
folgt und aus der soeben aufgewühlten Ackerfurche lustig die an die Luft
gesetzten Regenwürmer aufpickt. Nicht eine Richtung ist ihm
eigentümlich, sondern jede hat er nur seinem Vorgänger abgelauscht und mit
ungeheurer Ostentation ausgebeutet, und zwar mit so erstaunlicher
Schnelligkeit, daß der Vormann, dem er lauschte, kaum ein Wort ausgesprochen
hatte, als er auch die ganze Phrase auf dieses Wort bereits ausschrie,
unbekümmert, ob er den Sinn dieses Wortes richtig verstanden hatte, woher es
denn gemeiniglich kam, daß er eigentlich doch immer etwas anderes sagte, als
was der Vormann hatte aussprechen wollen; der Lärmen, den die Meyerbeersche
Phrase machte, war aber so betäubend, daß der Vormann gar nicht mehr zum
Kundgeben des eigentlichen Sinnes seiner Worte kam: mochte er wollen oder
nicht, er mußte endlich, um nur auch mitreden zu dürfen, in jene Phrase selbst
miteinstimmen.
In
Deutschland einzig gelang es Meyerbeer nicht, eine Jugendphrase aufzufinden,
die irgendwie auf das Webersche Wort gepaßt hätte: was Weber in melodischer
Lebensfülle kundgab, konnte sich in Meyerbeers angelerntem, trockenem
Formalismus nicht nachsprechen lassen. Er lauschte, der unergiebigen Mühe
überdrüssig, freundes-verräterisch endlich nur noch den Rossinischen
Sirenenklängen, und zog in das Land, wo diese Rosinen gewachsen waren. So wurde
er zur Wetterfahne des europäischen Opernmusikwetters, die sich immer beim
Windwechsel erst eine Zeitlang unschlüssig um und um dreht, bis sie, erst nach
dem Feststehen der Windrichtung, auch selbst still haftet. So komponierte
Meyerbeer in Italien grade auch nur so lange Opern à la Rossini,
bis in Paris der große Wind sich zu drehen anfing und Auber und Rossini mit
»Stumme« und »Tell« den neuen Wind bis zum Sturm anbliesen! Wie schnell war
Meyerbeer in Paris! Dort aber fand er in dem französisch aufgegriffenen
Weber (man denke an »Robin des bois«) und dem verberliozten Beethoven
Momente vor, die weder Auber noch Rossini, als ihnen zu fern abliegend,
beachtet hatten, die aber Meyerbeer vermöge seiner Allerweltskapazität sehr
richtig zu würdigen verstand. Er faßte alles, was sich ihm so darbot, in eine
ungeheuer buntgemischte Phrase zusammen, vor deren grellem Aufschrei plötzlich
Auber und Rossini nicht mehr gehört wurden: der grimmige Teufel »Robert« holte
sie alle miteinander.
–
Es hat etwas so tief Betrübendes, beim Überblicke unsrer Operngeschichte nur
von den Toten Gutes reden zu können, die Lebenden aber mit schonungsloser
Bitterkeit verfolgen zu müssen! – Wollen wir aufrichtig sein, weil wir es müssen,
so haben wir zu erkennen, daß nur die abgeschiedenen Meister dieser Kunst die
Glorie des Märtyrertumes verdienen, weil, wenn sie in einem Wahne befangen
waren, dieser Wahn sich in ihnen so edel und schön zeigte, und sie selbst so
ernst und heilig an seine Wahrheit glaubten, daß sie ihr künstlerisches Leben
mit schmerzvollem und doch freudigem Opfer für ihn ließen. Kein lebender und
schaffender Tonsetzer ringt aus innerem Drange mehr nach solchem Märtyrertume;
der Wahn ist soweit aufgedeckt, daß niemand mehr mit starkem Glauben in ihm
befangen ist. Ohne Glauben, ja ohne Freude, ist die Opernkunst ihren modernen
Meistern zu einem bloßen Artikel für die Spekulation herabgesunken. Selbst das
Rossinische wollüstige Lächeln ist jetzt nicht mehr wahrzunehmen; überall nur
das Gähnen der Langeweile oder das Grinsen des Wahnsinnes! Fast zieht uns der
Anblick des Wahnsinns noch am meisten an; in ihm finden wir doch noch
den letzten Atemzug jenes Wahnes, dem einst so edle Opfer entblühten.
Nicht jener gaunerischen Seite in der ekelhaften Ausbeutung unsrer
Operntheaterzustände wollen wir daher jetzt gedenken, wo wir den letzten
lebenden und noch schaffenden Opernkompositionshelden in seinem Wirken uns
darstellen müssen: dieser Anblick könnte uns nur mit einem Unwillen erfüllen,
in welchem wir vielleicht zu unmenschlicher Härte gegen eine Persönlichkeit
hingerissen würden, wenn wir dieser die garstige Verderbtheit von Zuständen
allein zur Last legen wollten, die auch diese Persönlichkeit gewiß um so mehr
gefangen halten, als sie uns auf der schwindelndsten Spitze derselben, wie mit
Krone und Szepter angetan erscheint. Wissen wir nicht, daß Könige und Fürsten,
gerade in ihrem willkürlichsten Handeln, jetzt die Allerunfreiesten sind? –
Nein, betrachten wir in diesem Opernmusikkönige nur die Züge des Wahnsinnes,
durch die er uns bedauernswürdig und abmahnend, nicht aber verachtungswert
erscheint! Um der ewigen Kunst willen müssen wir aber die Natur dieses
Wahnsinnes genau kennenlernen, weil wir aus seinen Verzerrungen am deutlichsten
den Wahn zu erforschen vermögen, der einem Kunstgenre sein Dasein gab,
über dessen irrtümliche Grundlage wir klar werden müssen, wenn wir mit gesundem
jugendlichen Mute die Kunst selbst wieder verjüngen wollen.
Auch
zu dieser Erforschung können wir jetzt in kurzen, raschen Schritten
vorwärtsschreiten, da wir dem Wesen nach den Wahnsinn schon dargetan haben, den
wir daher jetzt nur noch in einigen kenntlichsten Zügen beobachten dürfen, um
über ihn ganz sicher zu sein. –
Wir
sahen die frivole – d. h. die von jedem wirklichen Zusammenhange mit den
dichterischen Textworten abgelöste Opernmelodie, durch Aufnahme der
Nationalliedweise geschwängert, bis zum Vorgeben historischer Charakteristik
sich anlassen. Wir beobachteten ferner, wie, bei immer mehr schwindender
charakteristischer Individualität der handelnden Hauptpersonen des
musikalischen Dramas, der Charakter der Handlung den umgebenden –
»emanzipierten« – Massen zugeteilt wurde, von denen dieser Charakter als Reflex
erst auf die handelnden Hauptpersonen wieder zurückfallen sollte. Wir
bemerkten, daß der umgebenden Masse nur durch das historische Kostüm ein
unterscheidender, irgend erkennbarer Charakter aufgeprägt werden konnte, und
sahen den Komponisten – um seine Suprematie zu behaupten – gedrängt, den
Dekorationsmaler und Theaterschneider, denen das Verdienst der Herstellung
historischer Charakteristik eigentlich zufiel, durch die ungewöhnlichste
Verwendung seiner rein musikalischen Hülfsmittel wiederum auszustechen. Wir
sahen endlich, wie dem Komponisten aus der verzweifeltsten Richtung der
Instrumentalmusik eine absonderliche Art von Mosaikmelodie zugeführt wurde,
welche durch ihre willkürlichsten Zusammensetzungen ihm das Mittel bot, jeden
Augenblick – sooft ihn darnach verlangte – fremdartig und seltsam zu erscheinen
– ein Verfahren, dem er durch die wunderlichste, auf rein materielles Auffallen
berechnete, Verwendung des Orchesters das Gepräge speziellster Charakteristik
aufdrücken zu können glaubte.
Wir
dürfen nun nicht aus den Augen lassen, daß alles dies am Ende doch ohne
Mitwirkung des Dichters unmöglich war, und wenden uns daher nun für einen
Augenblick zur Prüfung des modernsten Verhältnisses zwischen Musiker und
Dichter.
Die
neue Opernrichtung ging durch Rossini entschieden von Italien aus: dort war der
Dichter zur völligen Null herabgesunken. Mit der Übersiedelung der Rossinischen
Richtung nach Paris änderte sich auch die Stellung des Dichters. Wir
bezeichneten bereits die Eigentümlichkeit der französischen Oper, und
erkannten, daß der unterhaltende Wortsinn des Couplets der Kern derselben war.
In der französischen komischen Oper hatte der Dichter vordem dem Komponisten
nur ein bestimmtes Feld angewiesen, das er für sich zu bebauen hatte, während
dem Dichter der eigentliche Besitz des Grundstückes verblieb. War nun auch
jenes Musikterrain, der Natur der Sache nach, allmählich so angeschwollen, daß
es mit der Zeit das ganze Grundstück einnahm, so blieb doch dem Dichter immer
noch der Titel des Besitzes, und der Musiker galt als der Lehnsmann, der zwar
das ganze Lehn als erbliches Eigentum betrachtete, dennoch aber – wie weiland
im römisch-deutschen Reich – dem Kaiser als seinem Lehnherrn huldigte. Der
Dichter verlieh und der Musiker genoß. In dieser Stellung ist immer noch das
Gesündeste zutage gekommen, was der Oper als dramatischem Genre entsprießen
konnte. Der Dichter bemühte sich wirklich, Situationen und Charaktere zu
erfinden, ein unterhaltendes und spannendes Stück zu liefern, das er erst bei
der Ausführung für den Musiker und dessen Formen zurichtete, so daß die
eigentliche Schwäche dieser französischen Operndichtungen mehr darin lag, daß
sie ihrem Inhalte nach die Musik meist gar nicht als notwendig bedangen, als
darin, daß sie von vornherein vor der Musik verschwommen wären. Auf dem Theater
der »Opéra comique« war dieser unterhaltende, oft liebenswürdige und geistvolle
Genre heimisch, in welchem gerade dann immer das Beste geleistet wurde, wenn
die Musik mit ungezwungener Natürlichkeit in die Dichtung eintreten konnte. –
Diesen Genre übersetzten nun Scribe und Auber in die pomphaftere Sprache der
sogenannten »großen Oper«. In der »Stummen von Portici« können wir noch
deutlich ein gut angelegtes Theaterstück erkennen, in welchem noch nirgends mit
auffallender Absichtlichkeit das dramatische Interesse einem rein musikalischen
untergeordnet ist: nur ist in dieser Dichtung die dramatische Handlung bereits
sehr wesentlich in die Beteiligung der umgebenden Massen verlegt, so daß die
Hauptpersonen fast mehr nur redende Repräsentanten der Masse als wirkliche, aus
individueller Notwendigkeit handelnde Personen abgeben. So schlaff ließ bereits
der Dichter, vor dem imponierenden Chaos der großen Oper angelangt, den Pferden
des Opernwagens die Zügel schießen, bis er diese Zügel bald ganz aus der Hand
verlieren sollte! Hatte dieser Dichter in der »Stummen« und im »Tell« die Zügel
noch in der Hand, weil weder Auber noch Rossini etwas anderes beikam, als in
der prächtigen Opernkutsche es sich eben recht musikalisch bequem und melodiös
behaglich zu machen – unbekümmert darum, wie und wohin der wohlgeübte Kutscher
den Wagen lenkte – so trieb es nun aber Meyerbeer, dem jenes üppige melodische
Behagen nicht zu eigen war, dem Kutscher selbst in die Zügel zu fallen, um
durch das Zickzack der Fahrt das nötige Aufsehen zu erregen, das ihm
nicht auf sich zu ziehen gelingen wollte, sobald er mit nichts anderem als
seiner musikalischen Persönlichkeit allein in der Kutsche saß. –
Nur
in einzelnen Anekdoten ist es uns zu Ohren gekommen, mit welch peinigender
Quälerei Meyerbeer auf seinen Dichter, Scribe, beim Entwurfe seiner Opernsujets
einwirkte. Wollten wir aber diese Anekdoten auch nicht beachten, und wüßten wir
gar nichts von dem Geheimnisse der Opernberatungen zwischen Scribe und
Meyerbeer, so müßten wir doch an den zustandegekommenen Dichtungen selbst klar
sehen, welcher belästigende und verwirrende Zwang auf den sonst so schnell
fertigen, so leicht, geschickt und verständlich arbeitenden Scribe gedrückt
haben muß, als er die bombastisch barocken Texte für Meyerbeer zusammensetzte.
Während Scribe fortfuhr, für andere Opernkomponisten leicht fließende, oft
interessant entworfene, jedenfalls mit vielem natürlichen Geschick ausgeführte,
dramatische Dichtungen zu verfassen, die mindestens immer eine bestimmte
Handlung zum Grunde hatten, und dieser Handlung entsprechende, leicht verständliche
Situationen enthielten – verfertigte derselbe ungemein routinierte Dichter für
Meyerbeer den ungesundesten Schwulst, den verkrüppeltsten Galimathias, Aktionen
ohne Handlung, Situationen von der unsinnigsten Verwirrung, Charaktere von der
lächerlichsten Fratzenhaftigkeit. Dies konnte nicht mit natürlichen Dingen
zugehen: so leicht gibt sich ein nüchterner Verstand wie der Scribes nicht zu
Experimenten der Verrücktheit her. Scribe mußte selbst erst verdreht gemacht
werden, ehe er einen »Robert der Teufel« zutage förderte; er mußte erst allen
gesunden Sinnes für dramatische Handlung beraubt werden, ehe er in den
»Hugenotten« sich zum bloßen Kompilator dekorativer Nuancen und Kontraste
hergab; er mußte gewaltsam in die Mysterien historischer Spitzbubenschaft
eingeweiht werden, ehe er sich zu einem »Propheten« der Gauner bestimmen
ließ. –
Wir
erkennen hier einen ähnlichen bestimmenden Einfluß des Komponisten auf den
Dichter, wie ihn Weber bei seiner »Euryanthe« auf deren Dichterin ausübte: aber
aus welch grundverschiedenen Motiven! Weber wollte ein Drama hergestellt haben,
das überall, mit jeder szenischen Nuance in seine edle, seelenvolle Melodie
aufzugehen vermochte – Meyerbeer wollte dagegen ein ungeheuer buntscheckiges,
historisch-romantisches, teuflisch-religiöses, bigott-wollüstiges,
frivol-heiliges, geheimnisvoll-freches, sentimental-gaunerisches, dramatisches
Allerlei haben, um an ihm erst Stoff zum Auffinden einer ungeheuer kuriosen
Musik zu gewinnen – was ihm wegen des unbesieglichen Leders seines eigentlichen
musikalischen Naturelles wiederum nie wirklich recht gelingen wollte. Er
fühlte, daß aus all dem aufgespeicherten Vorrate musikalischer Effektmittel
etwas noch gar nicht Dagewesenes zustande zu bringen war, wenn er aus allen
Winkeln zusammengekehrt, auf einen Haufen in krauser Verwirrung geschichtet,
mit theatralischem Pulver und Kolophonium versetzt, und nun mit ungeheurem
Knall in die Luft gesprengt würde. Was er daher von seinem Dichter verlangte,
war gewissermaßen eine Inszenesetzung des Berliozschen Orchesters, nur –
wohlgemerkt! – mit demütigendster Herabstimmung desselben zur seichten Basis
Rossinischer Gesangstriller und Fermaten – der »dramatischen« Oper wegen. Alle
vorrätigen musikalischen Wirkungselemente durch das Drama etwa zu einem harmonischen
Einklange zu bringen hätte ihm für seine Absicht höchst fehlerhaft erscheinen
müssen; denn Meyerbeer war kein idealistischer Schwärmer, sondern mit klugem,
praktischem Blicke auf das moderne Opernpublikum übersah er, daß er durch
harmonischen Einklang niemand für sich gewonnen haben würde, dagegen durch ein
zerstreutes Allerlei eben auch alle befriedigen müßte, nämlich jeden auf seine
Weise. Nichts war ihm daher wichtiger als wirre Buntheit und buntes
Durcheinander, und der lustige Scribe mußte blutschwitzend ihm den dramatischen
Wirrwarr auf das Allerberechnetste zusammenstellen, vor dem nun der Musiker mit
kaltblütiger Sorge stand, ruhig überlegend, auf welches Stück Unnatur irgendein
Fetzen aus seiner musikalischen Vorratskammer so auffallend und schreiend wie
möglich passen dürfte, um ganz ungemein seltsam und daher – »charakteristisch«
– zu erscheinen.
So
entwickelte er in den Augen unserer Kunstkritik das Vermögen der Musik zu historischer
Charakteristik, und brachte es bis dahin, daß ihm als feinste Schmeichelei
gesagt wurde, die Texte seiner Opern seien sehr schlecht und erbärmlich, aber
was verstünde dagegen seine Musik aus diesem elenden Zeuge zu machen! – So
war der vollste Triumph der Musik erreicht: der Komponist hatte den Dichter in Grund
und Boden ruiniert, und auf den Trümmern der Operndichtkunst ward der Musiker
als eigentlicher wirklicher Dichter gekrönt! –
Das
Geheimnis der Meyerbeerschen Opernmusik ist – der Effekt. Wollen wir uns
erklären, was wir unter diesem »Effekte« zu verstehen haben, so ist es wichtig,
zu beachten, daß wir uns gemeinhin des näherliegenden Wortes »Wirkung« hierbei
nicht bedienen. Unser natürliches Gefühl stellt sich den Begriff »Wirkung«
immer nur im Zusammenhange mit der vorhergehenden Ursache vor: wo wir
nun, wie im vorliegenden Falle, unwillkürlich zweifelhaft darüber sind, ob ein
solcher Zusammenhang bestehe, oder wenn wir sogar darüber belehrt sind, daß ein
solcher Zusammenhang gar nicht vorhanden sei, so sehen wir in der Verlegenheit
uns nach einem Worte um, das den Eindruck, den wir z. B. von
Meyerbeerschen Musikstücken erhalten zu haben vermeinen, doch irgendwie
bezeichne, und so wenden wir ein ausländisches, unserem natürlichen Gefühle
nicht unmittelbar nahestehendes Wort, wie eben dieses »Effekt«, an. Wollen wir
daher genau das bezeichnen, was wir unter diesem Worte verstehen, so dürfen wir
»Effekt« übersetzen durch »Wirkung ohne Ursache«.
In
der Tat bringt die Meyerbeersche Musik auf diejenigen, die sich an ihr zu
erbauen vermögen, eine Wirkung ohne Ursache hervor. Dies Wunder war nur der
äußersten Musik möglich, d. h. einem Ausdrucksvermögen, das sich (in der
Oper) von jeher von allem Ausdruckswerten immer unabhängiger zu machen suchte,
und seine vollständig erreichte Unabhängigkeit von ihm dadurch kundgab, daß es
den Gegenstand des Ausdruckes, der diesem Ausdrucke allein Dasein, Maß und
Rechtfertigung geben sollte, zu sittlicher wie künstlerischer Nichtigkeit in
dem Grade herabdrückte, daß er nun Dasein, Maß und Rechtfertigung allein
erst aus einem Akte musikalischen Beliebens gewinnen konnte, der somit selbst
alles wirklichen Ausdruckes bar geworden war. Dieser Akt selbst konnte aber
wiederum nur in Verbindung mit anderen Momenten absoluter Wirkung ermöglicht
werden. In der extremsten Instrumentalmusik war an die rechtfertigende Kraft
der Phantasie appelliert, welcher durch ein Programm oder auch nur durch einen
Titel ein Stoff zum außermusikalischen Anhalt gegeben wurde: in der Oper aber
sollte dieser Anhaltestoff verwirklicht, d. h. der Phantasie jede
peinliche Mühe erspart werden. Was dort aus Momenten des natürlichen oder
menschlichen Erscheinungslebens programmatisch herbeigezogen war, sollte hier
in materiellster Realität wirklich vorgeführt werden, um eine phantastische
Wirkung so ohne alle Mitwirkung der Phantasie selbst hervorzubringen. Diesen
materiellen Anhaltestoff entnahm der Komponist nun der szenischen Mechanik
selbst, indem er die Wirkungen, die sie hervorzubringen vermochte, ebenfalls
rein für sich nahm, d. h. sie von dem Gegenstande loslöste, der, außerhalb
des Gebietes der Mechanik, auf dem Boden der lebendarstellenden Dichtkunst
stehend, sie hätte bedingen und rechtfertigen können. – Machen wir uns an einem
Beispiele, welches die Meyerbeersche Kunst überhaupt auf das erschöpfendste
charakterisiert, hierüber vollkommen klar.
Nehmen
wir an, ein Dichter sei von einem Helden begeistert, von einem Streiter für
Licht und Freiheit, in dessen Brust eine mächtige Liebe für seine entwürdigten
und in ihren heiligsten Rechten gekränkten Brüder flamme. Er will diesen Helden
darstellen auf dem Höhepunkte seiner Laufbahn, mitten im Lichte seiner
tatenvollen Glorie, und wählt hierzu folgenden entscheidenden Geschichtsmoment.
Mit den Volksscharen, die seinem begeisternden Rufe gefolgt sind, die Haus und
Hof, Weib und Kind verließen, um im Kampfe gegen mächtige Unterdrücker zu
siegen oder zu sterben, ist der Held vor einer festen Stadt angelangt, die von
den kriegsungeübten Haufen in blutigem Sturme erobert werden muß, wenn das
Befreiungswerk einen siegreichen Fortgang haben soll. Durch vorangegangene
Unfälle ist Entmutigung eingetreten; schlechte Leidenschaften, Zwiespalt und
Verwirrung wüten im Heere: Alles ist verloren, wenn heute nicht noch alles
gewonnen ist. Das ist die Lage, in der Helden zu ihrer vollsten Größe wachsen.
Der Dichter läßt den Helden, der sich so eben in nächtlicher Einsamkeit mit dem
Gotte in sich, dem Geiste reinster Menschenliebe, beraten und durch seinen
Hauch sich geweiht hat, im Grauen der Morgendämmerung heraustreten unter die
Scharen, die bereits uneinig unter sich geworden sind, ob sie feige Bestien
oder göttliche Helden sein sollen. Auf seine mächtige Stimme sammelt sich das
Volk, und diese Stimme dringt bis auf das innerste Mark der Menschen, die jetzt
des Gottes in sich auch innewerden: sie fühlen sich gehoben und veredelt, und
ihre Begeisterung hebt der Held wieder höher empor, denn aus der Begeisterung
drängt er nun zur Tat. Er ergreift die Fahne und schwingt sie hoch nach den
furchtbaren Mauern dieser Stadt hin, dem festen Walle der Feinde, die, solange
sie hinter Wällen sicher sind, eine bessere Zukunft der Menschen unmöglich
machen. »Auf denn! Sterben oder Siegen! Diese Stadt muß unser sein!« – Der
Dichter hat sich jetzt erschöpft: er will auf der Bühne den einen Augenblick
nun ausgedrückt sehen, wo plötzlich die hocherregte Stimmung wie in
überzeugendster Wirklichkeit vor uns hintritt; die Szene muß uns zum
Weltschauplatze werden, die Natur muß sich im Bunde mit unserem Hochgefühle
erklären, sie darf uns nicht mehr eine kalte, zufällige Umgebung bleiben. Siehe
da! die heilige Not drängt den Dichter: – er zerteilt die Morgennebel, und auf
sein Geheiß steigt leuchtend die Sonne über die Stadt herauf, die nun dem Siege
der Begeisterten geweiht ist.
Hier
ist die Blüte der allmächtigen Kunst, und diese Wunder schafft nur die
dramatische Kunst.
Allein
nach solchem Wunder, das nur der Begeisterung des dramatischen Dichters
entblühen und durch eine liebevoll aus dem Leben selbst aufgenommene
Erscheinung ihm ermöglicht werden kann, verlangt es den Opernkomponisten nicht:
er will die Wirkung, nicht aber die Ursache, die eben nicht in
seiner Macht liegt. In einer Hauptszene des »Propheten« von Meyerbeer, die im
Äußerlichen der soeben geschilderten gleich ist, erhalten wir die rein
sinnliche Wirkung einer dem Volksgesange abgelauschten, zu rauschender Fülle
gesteigerten, hymnenartigen Melodie für das Ohr, und für das Auge die einer
Sonne, in der wir ganz und gar nichts anderes als ein Meisterstück der Mechanik
zu erkennen haben. Der Gegenstand, der von jener Melodie nur erwärmt, von
dieser Sonne nur beschienen werden sollte, der hochbegeisterte Held, der
sich aus innerster Entzückung in jene Melodie ergießen mußte und nach dem
Gebote der drängenden Notwendigkeit seiner Situation das Erscheinen dieser
Sonne hervorrief – der rechtfertigende, bedingende Kern der ganzen üppigen
dramatischen Frucht – ist gar nicht vorhanden;1) statt seiner fungiert ein.
charakteristisch kostümierter Tenorsänger, dem Meyerbeer durch seinen
dichterischen Privatsekretär, Scribe, aufgegeben hat, so schön wie möglich zu
singen und dabei etwas kommunistisch zu gebaren, damit die Leute zugleich auch
etwas Pikantes zu denken hätten. Der Held, von dem wir vorhin sprachen, ist ein
armer Teufel, der aus Schwachheit die Rolle eines Betrügers übernommen hat und
schließlich auf das kläglichste – nicht etwa einen Irrtum, eine fanatische
Verblendung, der zur Not noch eine Sonne hätte scheinen können, sondern – seine
Schwäche und Lügenhaftigkeit bereut.
Welche
Rücksichten zusammengewirkt haben, um solch unwürdigen Gegenstand unter dem
Titel eines »Propheten« zur Welt zu fördern, wollen wir hier ununtersucht
lassen; es genüge uns, das Ergebnis zu betrachten, das wahrlich lehrreich genug
ist. Zunächst ersehen wir in diesem Beispiele die vollkommene sittliche und
künstlerische Verunehrlichung des Dichters, an dem, wer es mit dem Komponisten
am besten meint, kein gutes Haar mehr finden darf: also – die dichterische
Absicht soll uns nicht im mindesten mehr einnehmen, im Gegenteil, sie soll uns
anwidern. Der Darsteller soll uns ganz nur noch als kostümierter Sänger
interessieren, und dies kann er in der genannten Szene nur durch das Singen
jener bezeichneten Melodie, die demnach ganz für sich – als Melodie – Wirkung
macht. Die Sonne kann und soll daher ebenfalls nur ganz für sich wirken,
nämlich als auf dem Theater ermöglichte Nachahmung der wirklichen Sonne: der
Grund ihrer Wirkung fällt somit nicht in das Drama, sondern in die reine
Mechanik zurück, die im Momente der Erscheinung der Sonne einzig zu denken
gibt: denn wie würde der Komponist erschrecken, wollte man diese Erscheinung
etwa gar als eine beabsichtigte Verklärung des Helden, als Streiters für die Menschheit,
auffassen! Im Gegenteil, ihm und seinem Publikum muß alles daran liegen, von
solchen Gedanken abzulenken und alle Aufmerksamkeit allein auf das Meisterstück
der Mechanik selbst hinzuweisen. So ist in dieser einzigen, von dem Publikum so
gefeierten Szene, alle Kunst in ihre mechanischen Bestandteile aufgelöst: die
Äußerlichkeiten der Kunst sind zu ihrem Wesen gemacht; und als dieses Wesen
erkennen wir – den Effekt, den absoluten Effekt, d. h. den Reiz
eines künstlich entlockten Liebeskitzels, ohne die Tätigkeit eines wirklichen
Liebesgenusses.
Ich
habe mir nicht vorgenommen, eine Kritik der Meyerbeerschen Opern zu geben,
sondern an ihnen nur das Wesen der modernsten Oper, in ihrem Zusammenhange mit
dem ganzen Genre überhaupt, darzustellen. War ich durch die Natur des
Gegenstandes gezwungen, meiner Darstellung oft den Charakter einer historischen
zu geben, so durfte ich mich dennoch nicht verleitet fühlen, dem eigentlichen
historischen Detaillieren mich hinzugeben. Hätte ich im Besonderen die Fähigkeit
und den Beruf Meyerbeers zur dramatischen Komposition zu charakterisieren, so
würde ich zur Feier der Wahrheit, die ich vollständig aufzudecken mich bemühe,
eine merkwürdige Erscheinung in seinen Werken am stärksten hervorheben. – In
der Meyerbeerschen Musik gibt sich eine so erschreckende Hohlheit, Seichtigkeit
und künstlerische Nichtigkeit kund, daß wir seine spezifisch musikalische
Befähigung – namentlich auch zusammengehalten mit der der bei weitem größeren
Mehrzahl seiner komponierenden Zeitgenossen – vollkommen auf Null zu setzen
versucht sind. Nicht, daß er dennoch zu so großen Erfolgen vor dem
Opernpublikum Europas gelangt ist, soll uns hier aber mit Verwunderung
erfüllen, denn dies Wunder erklärt sich durch einen Hinblick auf dieses Publikum
sehr leicht – sondern eine rein künstlerische Beobachtung soll uns fesseln und
belehren. Wir beobachten nämlich, daß bei der ausgesprochensten Unfähigkeit des
berühmten Komponisten, aus eigenem musikalischen Vermögen das geringste
künstlerische Lebenszeichen von sich zu geben, er nichtsdestoweniger an einigen
Stellen seiner Opernmusik sich zu der Höhe des allerunbestreitbarsten, größten
künstlerischen Vermögens erhebt. Diese Stellen sind Erzeugnisse wirklicher
Begeisterung, und prüfen wir näher, so erkennen wir auch, woher diese
Begeisterung angeregt war – nämlich aus der wirklich dichterischen Situation.
Da, wo der Dichter seiner zwingenden Rücksicht für den Musiker vergaß, wo er
bei seinem dramatisch kompilatorischen Verfahren unwillkürlich auf einen Moment
getroffen war, in dem er die freie, erfrischende menschliche Lebensluft
einatmen und wieder aushauchen durfte – führt er plötzlich auch dem Musiker
diesen Atemzug als begeisternden Hauch zu, und der Komponist, der bei
Erschöpfung alles Vermögens seiner musikalischen Vorgängerschaft nicht einen
einzigen Zug wirklicher Erfindung von sich geben konnte, vermag jetzt mit einem
Male den reichsten, edelsten und seelenergreifendsten musikalischen Ausdruck zu
finden. Ich erinnere hier namentlich an einzelne Züge in der bekannten
schmerzlichen Liebesszene des vierten Aktes der »Hugenotten«, und vor allem an
die Erfindung der wunderbar ergreifenden Melodie in Ges-Dur, der, wie sie als
duftigste Blüte einer alle Fasern des menschlichen Herzens mit wonnigem
Schmerze ergeifenden Situation entsproßt ist, nur sehr weniges, und gewiß nur
das Vollendetste aus Werken der Musik an die Seite gestellt werden kann. Ich
hebe dies mit aufrichtigster Freude und in wahrer Begeisterung hervor, weil
gerade in dieser Erscheinung das wirkliche Wesen der Kunst auf eine so klare
und unwiderlegliche Weise dargetan wird, daß wir mit Entzücken ersehen müssen,
wie die Fähigkeit zu wahrhaftem Kunstschaffen auch dem allerverdorbensten
Musikmacher ankommen muß, sobald er das Gebiet einer Notwendigkeit betritt, die
stärker ist als seine eigensüchtige Willkür, und sein verkehrtes Streben
plötzlich zu seinem eigenen Heile in die wahre Bahn echter Kunst lenkt.
Aber
daß hier eben nur einzelner Züge zu erwähnen ist, nicht aber eines einzigen
ganzen, großen Zuges, nicht z. B. der ganzen Liebesszene, deren ich
gedachte, sondern nur vereinzelter Momente in ihr, das zwingt uns vor allem nur
über die grausame Natur jenes Wahnsinnes nachzudenken, der die Entwickelung der
edelsten Fähigkeiten des Musikers im Keime erstickt, und seiner Muse das fade
Lächeln einer widerlichen Gefallsucht oder das verzerrte Grinsen einer
verrückten Herrschwut aufprägt. Dieser Wahnsinn ist der Eifer des Musikers,
alles das für sich und aus seinem Vermögen bestreiten zu wollen, was er in sich
und seinem Vermögen gar nicht besitzt, und an dessen gemeinsamer Herstellung er
nur teilnehmen kann, wenn es ihm aus dem eigentümlichen Vermögen eines
anderen zugeführt wird. Bei diesem unnatürlichen Eifer, mit dem der Musiker
seine Eitelkeit befriedigen, nämlich sein Vermögen in dem glänzenden Lichte
eines unermeßlichen Könnens darstellen wollte, hat er dieses Vermögen, das in
Wahrheit ein überaus reiches ist, bis zu der bettelhaften Armut herabgebracht,
in der uns jetzt die Meyerbeersche Opernmusik erscheint. Im eigensüchtigen
Streben, ihre engen Formen als alleingültige dem Drama aufzudringen, hat diese
Opernmusik die ärmliche und belästigende Steifheit und Unergiebigkeit jener
Formen bis zur Unerträglichkeit herausgestellt. In der Sucht, reich und
mannigfaltig zu erscheinen, ist sie als musikalische Kunst zur vollsten
geistigen Dürftigkeit herabgesunken, und zum Borgen von der materiellsten
Mechanik hingedrängt worden. In dem egoistischen Vorgeben erschöpfender
dramatischer Charakteristik durch bloß musikalische Mittel hat sie aber
vollends alles natürliche Ausdrucksvermögen verloren und sich dafür zur
fratzenhaften Possenreißerin herabgewürdigt. –
Sagte
ich nun zu Anfang, der Irrtum im Kunstgenre der Oper habe darin
bestanden, »daß ein Mittel des Ausdrucks (die Musik) zum Zwecke, der Zweck des
Ausdrucks (das Drama) aber zum Mittel gemacht war« – so müssen wir nun den Kern
des Wahnes und endlich des Wahnsinnes, der den Kunstgenre der
Oper in seiner vollsten Unnatürlichkeit, bis zur Lächerlichkeit dargetan hat,
dahin bezeichnen,
daß jenes Mittel des Ausdruckes aus sich die Absicht des
Dramas bedingen wollte.
Wir
sind zu Ende – denn wir haben das Vermögen der Musik in der Oper bis zur
Kundgebung ihres gänzlichen Unvermögens verfolgt.
Wenn
wir heutzutage von Opernmusik im eigentlichen Sinne reden, sprechen wir nicht
mehr von einer Kunst, sondern von einer bloßen Modeerscheinung. Nur der
Kritiker, der nichts von drängender künstlerischer Notwendigkeit in sich fühlt,
vermag noch Hoffnungen oder Zweifel über die Zukunft der Oper auszusprechen;
der Künstler selbst, sobald er sich nicht zum Spekulanten auf das Publikum
herabwürdigt, bezeugt dadurch, daß er neben der Oper hin sich Auswege sucht und
hierbei namentlich auf die nachzusuchende energische Teilnahme des Dichters
verfällt, daß er die Oper selbst bereits für tot hält.
Hier
aber, in dieser nachzusuchenden Teilnahme des Dichters, treffen wir auf
den Punkt, über den wir zu voller, tagesheller, bewußter Klarheit gelangen
müssen, wenn wir das Verhältnis zwischen Musiker und Dichter in seiner
wirklichen gesunden Natürlichkeit erfassen und feststellen wollen. Dieses Verhältnis
muß ein dem bisher gewohnten vollkommen entgegengesetztes sein, so gänzlich
verändert, daß der Musiker zu seinem eigenen Gedeihen nur dann in ihm sich
zurechtfinden wird, wenn er alle Erinnerung an die alte unnatürliche Verbindung
aufgibt, deren letztes Band ihn immer wieder in den alten unfruchtbaren
Wahnsinn zurückziehen müßte.
Um
uns dies einzugehende gesunde und einzig gedeihliche Verhältnis vollkommen
deutlich zu machen, müssen wir vor allem das Wesen unserer heutigen Musik
uns nochmals, gedrängt aber bestimmt, vorführen. –
Wir
werden am schnellsten zu einem klaren Überblicke gelangen, wenn wir das Wesen
der Musik kurz und bündig in den Begriff der Melodie zusammenfassen.
Wie
das Innere wohl der Grund und die Bedingung für das Äußere ist, in dem Äußeren
sich aber erst das Innere deutlich und bestimmt kundgibt, so sind Harmonie
und Rhythmos wohl die gestaltenden Organe, die Melodie aber ist
erst die wirkliche Gestalt der Musik selbst. Harmonie und Rhythmos sind Blut,
Fleisch, Nerven und Knochen mit all dem Eingeweide, das gleich jenen beim
Anblicke des fertigen, lebendigen Menschen dem beschauenden Auge verschlossen
bleibt; die Melodie dagegen ist dieser fertige Mensch selbst, wie er sich
unserem Auge darstellt. Beim Anblicke dieses Menschen betrachten wir einzig die
schlanke Gestalt, wie sie in der formgebenden Abgrenzung der äußeren Hauthülle
sich uns ausdrückt; wir versenken uns in den Anblick der ausdrucksvollsten
Äußerung dieser Gestalt in den Gesichtszügen, und haften endlich beim Auge, der
lebenvollsten und mitteilungsfähigsten Äußerung des ganzen Menschen, der durch
dieses Organ, das sein Mitteilungsvermögen wiederum nur aus der universellsten
Fähigkeit, die Äußerungen der umgebenden Welt aufzunehmen, gewinnt, zugleich
sein Innerstes am überzeugendsten uns kundgibt. So ist die Melodie der
vollendetste Ausdruck des inneren Wesens der Musik, und jede wahre, durch
dieses innerste Wesen bedingte Melodie spricht auch durch jenes Auge zu uns,
das am ausdrucksvollsten dieses Innere uns mitteilt, aber immer so, daß wir
eben nur den Strahl des Augsternes, nicht jenen inneren, an sich noch formlosen
Organismus in seiner Nacktheit erblicken.
Wo
das Volk Melodien erfand, verfuhr es, wie der leiblich natürliche
Mensch, der durch den unwillkürlichen Akt geschlechtlicher Begattung den
Menschen erzeugt und gebiert, und zwar den Menschen, der, wenn er an das Licht
des Tages gelangt, fertig ist, sogleich durch seine äußere Gestalt, nicht aber
etwa erst durch seinen aufgedeckten inneren Organismus sich kundgibt. Die
griechische Kunst faßte diesen Menschen noch vollkommen nur nach seiner
äußeren Gestalt auf, und bemühte sich, sie auf das getreueste und lebendigste –
endlich in Stein und Erz – nachzubilden. Das Christentum dagegen verfuhr
anatomisch: es wollte die Seele des Menschen auffinden, öffnete und
zerschnitt den Leib und deckte all den formlosen inneren Organismus auf, der
unsern Blick anwiderte, eben weil er nicht für das Auge da ist oder da sein
soll. Im Aufsuchen der Seele hatten wir aber den Leib getötet; als wir auf den
Quell des Lebens treffen wollten, vernichteten wir die Äußerung dieses Lebens,
und gelangten so nur auf tote Innerlichkeiten, die eben nur bei vollkommen
ununterbrochener Äußerungsmöglichkeit Bedingungen des Lebens sein konnten. Die
aufgesuchte Seele ist aber in Wahrheit nichts anderes als das Leben:
was der christlichen Anatomie zu betrachten übrig blieb, war daher nur – der
Tod.
Das
Christentum hatte die organische künstlerische Lebensregung des Volkes, seine
natürliche Zeugungskraft erstickt: es hatte in sein Fleisch geschnitten, und
mit dem dualistischen Seziermesser auch seinen künstlerischen Lebensorganismus
zerstört. Die Gemeinsamkeit, in der sich allein die künstlerische Zeugungskraft
des Volkes bis zum Vermögen vollendeter Kunstschöpfung erheben kann, gehörte
dem Katholizismus: nur in der Einsamkeit, da, wo Volksbruchteile – abgelegen
von der großen Heerstraße des gemeinsamen Lebens – mit sich und der Natur sich
allein fanden, erhielt sich in kindlicher Einfalt und dürftiger Beschränktheit
das mit der Dichtung untrennbar verwachsene Volkslied.
Sehen
wir zunächst von diesem ab, so gewahren wir dagegen auf dem Gebiete der
Kulturkunst die Musik einen unerhört neuen Entwickelungsgang nehmen: nämlich
den aus ihrem anatomisch zerlegten, innerlich getöteten Organismus heraus zu
neuer Lebensentfaltung durch Zusammenfügung und neues Verwachsenlassen der
getrennten Organe. – Im christlichen Kirchengesange hatte sich die Harmonie
selbständig ausgebildet. Ihr natürliches Lebensbedürfnis drängte sie mit
Notwendigkeit zur Äußerung als Melodie; sie bedurfte zu dieser Äußerung aber
unerläßlich des Anhaltes an das Form und Bewegung gebende Organ des Rhythmos,
das sie als ein willkürliches, fast mehr eingebildetes als wirkliches Maß dem
Tanze entnahm. Die neue Vereinigung konnte nur eine künstliche sein. Wie die
Dichtkunst nach den Regeln, die Aristoteles von den Tragikern abstrahiert
hatte, konstruiert wurde, so mußte die Musik nach wissenschaftlichen Annahmen
und Normen hergerichtet werden. Es war dies in der Zeit, wo nach gelehrten
Rezepten und aus chemischen Dekokten sogar Menschen gemacht werden
sollten. Einen solchen Menschen suchte auch die gelehrte Musik zu konstruieren:
der Mechanismus sollte den Organismus herstellen, oder doch
ersetzen. Der rastlose Trieb all dieser mechanischen Erfindsamkeit ging in
Wahrheit aber doch immer nur auf den wirklichen Menschen hinaus, auf den
Menschen, der aus dem Begriffe wiederhergestellt, somit endlich zum
wirklich organischen Leben wieder erwachen sollte. – Wir berühren hier den
ganzen ungeheuren Entwickelungsgang der modernen Menschheit! –
Der
Mensch, den die Musik herstellen wollte, war in Wirklichkeit aber nichts
anderes als die Melodie, d. h. das Moment bestimmtester,
überzeugendster Lebensäußerung des wirklich lebendigen, inneren Organismus der
Musik. Je weiter sich die Musik in diesem notwendigen Verlangen nach
Menschwerdung entwickelt, sehen wir mit immer größerer Entschiedenheit das
Streben nach deutlicher melodischer Kundgebung sich bis zur schmerzlichsten
Sehnsucht steigern und in den Werken keines Musikers sehen wir diese Sehnsucht
zu solcher Macht und Gewalt erwachsen wie in den großen Instrumentalwerken Beethovens.
In ihnen bewundern wir die ungeheuersten Anstrengungen des nach Menschwerdung verlangenden
Mechanismus, die dahin gingen, alle seine Bestandteile in Blut und Nerven
wirklich lebendigen Organismusses aufzulösen, um durch ihn zur unfehlbaren
Äußerung als Melodie zu gelangen.
Hierin
zeigt sich bei Beethoven der eigentümliche und entscheidende Gang unserer
ganzen Kunstentwickelung bei weitem wahrhaftiger als bei unsern
Opernkomponisten. Diese erfaßten die Melodie als etwas außerhalb ihres
Kunstschaffens Liegendes, Fertiges; sie lösten die Melodie, an deren
organischer Erzeugung sie gar keinen Teil genommen hatten, vom Munde des Volkes
los, rissen sie somit aus ihrem Organismus heraus, und verwandten sie
eben nur nach willkürlichem Gefallen, ohne diese Verwendung irgendwie anders
als durch luxuriöses Belieben zu rechtfertigen. War jene Volksmelodie die
äußere Gestalt des Menschen, so zogen die Opernkomponisten diesem Menschen
gewissermaßen seine Haut ab, und bedeckten mit ihr einen Gliedermann, wie um
ihm menschliches Ansehen zu geben: sie konnten hiermit höchstens nur die
zivilisierten Wilden unseres halbhinschauenden Opernpublikums täuschen.
Bei
Beethoven dagegen erkennen wir den natürlichen Lebensdrang, die Melodie aus dem
inneren Organismus der Musik heraus zu gebären. In seinen wichtigsten Werken
stellt er die Melodie keinesweges als etwas von vornherein Fertiges hin,
sondern er läßt sie aus ihren Organen heraus gewissermaßen vor unseren Augen gebären;
er weiht uns in diesen Gebärungsakt ein, indem er ihn uns nach seiner
organischen Notwendigkeit vorführt. Das Entscheidendste, was der Meister in
seinem Hauptwerke uns endlich aber kundtut, ist die von ihm als Musiker
gefühlte Notwendigkeit, sich in die Arme des Dichters zu werfen, um den Akt der
Zeugung der wahren, unfehlbar wirklichen und erlösenden Melodie zu
vollbringen. Um Mensch zu werden, mußte Beethoven ein ganzer,
d. h. gemeinsamer, den geschlechtlichen Bedingungen des Männlichen und
Weiblichen unterworfener Mensch werden. – Welch ernstes, tiefes und
sehnsüchtiges Sinnen entdeckte dem unendlich reichen Musiker endlich erst die
schlichte Melodie, mit der er in die Worte des Dichters ausbrach: »Freude,
schöner Götterfunken!« – Mit dieser Melodie ist uns aber auch das Geheimnis der
Musik gelöst: wir wissen nun, und haben die Fähigkeit gewonnen, mit
Bewußtsein organisch schaffende Künstler zu sein. –
Verweilen
wir jetzt bei dem wichtigsten Punkte unserer Untersuchung, und lassen wir uns
dabei von der »Freudemelodie« Beethovens leiten. –
Die
Volksmelodie bot uns bei ihrer Wiederauffindung von seiten der
Kulturmusiker ein zweifaches Interesse; das der Freude an ihrer natürlichen
Schönheit, wo wir sie unentstellt im Volke selbst antrafen, und das der
Forschung nach ihrem inneren Organismus. Die Freude an ihr mußte,
genaugenommen, für unser Kunstschaffen unfruchtbar bleiben: wir hätten uns, dem
Gehalt und der Form nach, streng nur in einer dem Volksliede selbst ähnlichen
Kunstgattung bewegen müssen, um mit einigem Erfolge auch diese Melodie
nachahmen zu können; ja, wir hätten selbst im genauesten Sinne Volkskünstler
sein müssen, um die Fähigkeit dieser Nachahmung zu gewinnen; wir hätten sie
eigentlich also gar nicht nachzuahmen, sondern als Volk selbst wieder zu
erfinden haben müssen.
Wir
konnten dagegen, in einem ganz anderen – von dem des Volkes himmelweit
verschiedenen Kunstschaffen befangen, diese Melodie im gröbsten Sinne eben nur
verwenden, und zwar in einer Umgebung und unter Bedingungen, die sie notwendig
entstellen mußten. Die Geschichte der Opernmusik führt sich im Grunde einzig
auf die Geschichte dieser Melodie zurück, in welcher nach gewissen, denen der
Ebbe und Flut ähnlichen Gesetzen, die Perioden der Aufnahme und Wiederaufnahme
der Volksmelodie mit denen ihrer eintretenden und immer wieder
überhandnehmenden Entstellung und Entartung wechseln. – Diejenigen Musiker, die
dieser üblen Eigenschaft der zur Opernarie gewordenen Volksmelodie am
schmerzlichsten inne wurden, sahen sich daher auf die mehr oder weniger
deutlich empfundene Notwendigkeit hingedrängt, auf die organische Zeugung der
Melodie selbst bedacht zu sein. Der Opernkomponist stand der Auffindung des
dazu nötigen Verfahrens am nächsten, und gerade ihm mußte sie doch nie
glücken, weil er zu dem einzig der Befruchtung fähigen Elemente der Dichtkunst
in einem grundfalschen Verhältnisse stand, weil er in seiner unnatürlichen und
usurpatorischen Stellung dieses Element gewissermaßen der Zeugungsorgane
beraubt hatte. In seiner verkehrten Stellung zum Dichter mochte der Komponist
es anfangen, wie er wollte, überall da, wo das Gefühl sich auf die Höhe des
melodischen Ergusses aufschwang, mußte er auch seine fertige Melodie
mitbringen, weil der Dichter sich von vornherein der ganzen Form zu
fügen hatte, in welcher jene Melodie sich kundgeben sollte: diese Form war aber
von so gebieterischer Einwirkung auf die Gestaltung der Opernmelodie, daß sie
in Wahrheit auch ihren wesenhaften Inhalt bestimmte.
Diese Form
war von der Volksliedweise entnommen; ihre äußerlichste Gestaltung, der Wechsel
und die Wiederkehr der Bewegung im rhythmischen Zeitmaße sogar der Tanzweise
entlehnt – die allerdings mit der Liedweise ursprünglich eins war. In dieser
Form war nur variiert worden, sie selbst aber blieb das unantastbare Gerüst der
Opernarie bis auf die neuesten Zeiten. Nur in ihr blieb einzig ein melodischer
Aufbau denkbar – natürlich blieb dies aber auch immer nur ein Aufbau, der durch
dies Gerüst von vornherein bestimmt war. Der Musiker, der, sowie er in diese
Form eintrat, nicht mehr erfinden, sondern nur noch variieren konnte, war somit
von vornherein jedes Vermögens zur organischen Erzeugung der Melodie beraubt;
denn die wahre Melodie ist, wie wir sahen, selbst Äußerung eines inneren
Organismus; sie muß daher, wenn sie organisch entstanden sein soll, gerade eben
auch ihre Form sich selbst gestalten, und zwar eine Form, wie sie ihrem
inneren Wesen zur bestimmtesten Mitteilung entsprach. Die Melodie, die hingegen
aus der Form konstruiert wurde, konnte nie etwas anderes als Nachahmung
derjenigen Melodie sein, die sich eben in jener Form ursprünglich aussprach.1) Das Streben, diese Form zu brechen,
wird uns daher auch bei vielen Opernkomponisten ersichtlich: mit künstlerischem
Erfolge wäre sie doch aber nur dann überwunden worden, wenn entsprechende neue
Formen gewonnen worden wären; die neue Form wäre eine wirkliche Kunstform doch
aber nur dann gewesen, wenn sie als bestimmteste Äußerung eines besonderen
musikalischen Organismus sich kundgegeben hätte: aller musikalische
Organismus ist seiner Natur nach aber – ein weiblicher, er ist ein nur gebärender,
nicht aber zeugender; die zeugende Kraft liegt außer ihm, und
ohne Befruchtung von dieser Kraft vermag sie eben nicht zu gebären. – Hier
liegt das ganze Geheimnis der Unfruchtbarkeit der modernen Musik! –
Wir
bezeichneten Beethovens künstlerisches Verfahren in seinen wichtigsten
Instrumentalsätzen als »Vorführung des Aktes der Gebärung der Melodie«.
Beachten wir hierbei das Charakteristische, daß, wenn der Meister uns wohl erst
im Verlaufe des Tonstückes die volle Melodie als fertig hinstellt, diese
Melodie dennoch beim Künstler von Anfang herein schon als fertig
vorauszusetzen ist: er zerbrach nur von vornherein die enge Form – eben die
Form, gegen die der Opernkomponist vergebens ankämpfte –, er zersprengte
sie in ihre Bestandteile, um diese durch organische Schöpfung zu einem neuen
Ganzen zu verbinden, und zwar dadurch, daß er die Bestandteile verschiedener
Melodien sich in wechselnde Berührung setzen ließ, wie um die organische
Verwandtschaft der scheinbar unterschiedensten solcher Bestandteile, somit die
Urverwandtschaft jener verschiedenen Melodien selbst darzutun. Beethoven deckt
uns hierbei nur den inneren Organismus der absoluten Musik auf: es lag ihm
gewissermaßen daran, diesen Organismus aus der Mechanik herzustellen, ihm sein inneres
Leben zu vindizieren, und ihn uns am lebendigsten eben im Akte der Gebärung zu
zeigen. Das, womit er diesen Organismus befruchtete, war aber immer nur noch
die absolute Melodie; er belebte somit diesen Organismus nur dadurch, daß er
ihn – sozusagen – im Gebären übte, und zwar indem er ihn die bereits
fertige Melodie wiedergebären ließ. Gerade durch dieses Verfahren fand
er sich aber dazu hingedrängt, dem nun bis zur gebärenden Kraft neu belebten
Organismus der Musik auch den befruchtenden Samen zuzuführen, und diesen
entnahm er der zeugenden Kraft des Dichters. Fern von allem ästhetischen
Experimentieren, konnte Beethoven, der hier unbewußt den Geist unsres
künstlerischen Entwickelungsganges in sich aufnahm, doch nicht anders, als in
gewissem Sinne spekulativ zu Werke gehen. Er selbst war keinesweges durch den
zeugenden Gedanken eines Dichters zum unwillkürlichen Schaffen angeregt,
sondern er sah sich in musikalischer Gebärungslust nach dem Dichter um. So
erscheint selbst seine Freude-Melodie noch nicht auf oder durch die Verse des
Dichters erfunden, sondern nur im Hinblick auf Schillers Gedicht, in der
Anregung durch seinen allgemeinen Inhalt, verfaßt. Erst wo Beethoven von dem
Inhalte dieses Gedichtes im Verlaufe bis zur dramatischen Unmittelbarkeit gesteigert
wird,2) sehen wir seine melodischen
Kombinationen immer bestimmter auch aus dem Wortverse des Gedichtes
hervorwachsen, so daß der unerhört mannigfaltigste Ausdruck seiner Musik gerade
nur dem, allerdings höchsten Sinne des Gedichtes und Wortlautes in solcher
Unmittelbarkeit entspricht, daß die Musik von dem Gedichte getrennt uns
plötzlich gar nicht mehr denkbar und begreiflich erscheinen kann. Und hier ist
der Punkt, wo wir das Resultat der ästhetischen Forschung über den Organismus
des Volksliedes mit erhellendster Deutlichkeit durch einen künstlerischen Akt
selbst bestätigt sehen. Wie die lebendige Volksmelodie untrennbar vom
lebendigen Volksgedichte ist, abgetrennt von diesem aber organisch getötet
wird, so vermag der Organismus der Musik die wahre, lebendige Melodie nur zu
gebären, wenn er vom Gedanken des Dichters befruchtet wird. Die Musik ist die
Gebärerin, der Dichter der Erzeuger; und auf dem Gipfel des Wahnsinnes war die
Musik daher angelangt, als sie nicht nur gebären, sondern auch zeugen
wollte.
Die Musik ist ein Weib.
Die
Natur des Weibes ist die Liebe: aber diese Liebe ist die empfangende
und in der Empfängnis rückhaltlos sich hingebende.
Das
Weib erhält volle Individualität erst im Momente der Hingebung. Es ist das
Wellenmädchen, das seelenlos durch die Wogen seines Elementes dahinrauscht, bis
es durch die Liebe eines Mannes erst die Seele empfängt. Der Blick der Unschuld
im Auge des Weibes ist der endlos klare Spiegel, in welchem der Mann so lange
eben nur die allgemeine Fähigkeit zur Liebe erkennt, bis er sein eigenes Bild
in ihm zu erblicken vermag: hat er sich darin erkannt, so ist auch die
Allfähigkeit des Weibes zu der einen drängenden Notwendigkeit verdichtet, ihn
mit der Allgewalt vollsten Hingebungseifers zu lieben.
Das
wahre Weib liebt unbedingt, weil es lieben muß. Es hat keine Wahl, außer da, wo
es nicht liebt. Wo es aber lieben muß, da empfindet es einen ungeheuren Zwang,
der zum erstenmal auch seinen Willen entwickelt. Dieser Wille, der sich
gegen den Zwang auflehnt, ist die erste und mächtigste Regung der
Individualität des geliebten Gegenstandes, die durch das Empfängnis in das Weib
gedrungen, es selbst mit Individualität und Willen begabt hat. Dies ist der Stolz
des Weibes, der ihm nur aus der Kraft der Individualität erwächst, die es
eingenommen hat und mit der Not der Liebe zwingt. So kämpft es um des geliebten
Empfängnisses willen gegen den Zwang der Liebe selbst, bis es unter der
Allgewalt dieses Zwanges inne wird, daß er, wie sein Stolz, nur die
Kraftausübung der empfangenen Individualität selbst ist, daß die Liebe und der
geliebte Gegenstand eins sind, daß es ohne diese weder Kraft noch Willen hat,
daß es von dem Augenblicke an, wo es Stolz empfand, bereits vernichtet war. Das
offene Bekenntnis dieser Vernichtung ist dann das tätige Opfer der letzten
Hingebung des Weibes: sein Stolz geht so mit Bewußtsein in das einzige auf, was
es zu empfinden vermag, was es fühlen und denken kann, ja, was es selbst ist –
in die Liebe zu diesem Manne. –
Ein
Weib, das nicht mit diesem Stolze der Hingebung liebt, liebt in Wahrheit gar
nicht. Ein Weib, das gar nicht liebt, ist aber die unwürdigste und widerlichste
Erscheinung der Welt. Führen wir uns die charakteristischen Typen solcher
Frauen vor!
Man
hat die italienische Opernmusik sehr treffend eine Lustdirne
genannt. Eine Buhlerin kann sich rühmen, immer sie selbst zu bleiben; sie gerät
nie außer sich, sie opfert sich nie, außer wenn sie selbst Lust empfinden oder
einen Vorteil gewinnen will, und für diesen Fall bietet sie nur den Teil ihres
Wesens fremdem Genusse dar, über den sie mit Leichtigkeit verfügen kann, weil
er ihr ein Gegenstand ihrer Willkür geworden ist. Bei der Liebesumarmung der
Buhlerin ist nicht das Weib gegenwärtig, sondern nur ein Teil seines sinnlichen
Organismus: sie empfängt in der Liebe nicht Individualität, sondern sie gibt
sich ganz generell wiederum an das Generelle hin. So ist die Buhlerin ein
unentwickeltes, verwahrlostes Weib – aber sie übt doch wenigstens sinnliche
Funktionen des weiblichen Geschlechtes aus, an denen wir das Weib noch – wenn
auch mit Bedauern – zu erkennen vermögen.
Die
französische Opernmusik gilt mit Recht als Kokette. Die Kokette
reizt es, bewundert, ja gar geliebt zu werden: die ihr eigentümliche Freude am
Bewundert- und Geliebtsein kann sie aber nur genießen, wenn sie selbst weder in
Bewunderung noch gar in Liebe für den Gegenstand, dem sie beides einflößt,
befangen ist. Der Gewinn, den sie sucht, ist die Freude über sich selbst, die
Befriedigung der Eitelkeit: daß sie bewundert und geliebt wird, ist der Genuß
ihres Lebens, der augenblicklich ihr getrübt wäre, sobald sie selbst
Bewunderung oder Liebe empfände. Liebte sie selbst, so wäre sie ihres
Selbstgenusses beraubt, denn in der Liebe muß sie notwendig sich selbst
vergessen, und dem schmerzlichen, oft selbstmörderischen Genusse des anderen
sich hingeben. Vor nichts hütet sich daher die Kokette so sehr als vor der
Liebe, um das einzige, was sie liebt, unberührt zu erhalten, nämlich sich
selbst, d. h. das Wesen, das seine verführerische Kraft, seine angeübte
Individualität, doch erst der Liebesannäherung des Mannes entnimmt, dem sie –
die Kokette – sein Eigentum somit zurückhält. Die Kokette lebt daher vom diebischen
Egoismus, und ihre Lebenskraft ist frostige Kälte. In ihr ist die Natur des
Weibes zu ihrem widerlichen Gegenteile verkehrt und von ihrem kalten Lächeln,
das uns nur unser verzerrtes Bild zurückspiegelt, wenden wir uns wohl in
Verzweiflung zur italienischen Lustdirne hin.
Aber
noch einen Typus entarteter Frauen gibt es, der uns gar mit widerwärtigem
Grauen erfüllt: das ist die Prüde, als welche uns die sogenannte
»deutsche«3) Opernmusik gelten muß. – Der
Buhlerin mag es begegnen, daß in ihr für den umarmenden Jüngling plötzlich die
Opferglut der Liebe aufschlägt – gedenken wir des Gottes und der
Bajadere! –; der Kokette mag es sich ereignen, daß sie, die immer mit der
Liebe spielt, in diesem Spiele sich eng verstrickt und trotz aller Gegenwehr
der Eitelkeit sich von dem Netze gefangen sieht, in dem sie nun weinend den
Verlust ihres Willens beklagt. Nie aber wird dem Weibe dieses schöne
Menschliche begegnen, das ihre Unbeflecktheit mit orthodoxem Glaubensfanatismus
bewacht – dem Weibe, dessen Tugend grundsätzlich in der Lieblosigkeit besteht.
Die Prüde ist nach den Regeln des Anstandes erzogen, und hat das Wort »Liebe«
von Jugend auf nur mit scheuer Verlegenheit aussprechen gehört. Sie tritt, das
Herz voll Dogma, in die Welt, blickt scheu um sich, gewahrt die Buhlerin und
die Kokette, schlägt an die fromme Brust und ruft: »ich danke dir, Herr, daß
ich nicht bin wie diese!« – Ihre Lebenskraft ist der Anstand, ihr einziger
Wille die Verneinung der Liebe, die sie nicht anders kennt als in dem Wesen der
Buhlerin und Kokette. Ihre Tugend ist die Vermeidung des Lasters, ihr Wirken
die Unfruchtbarkeit, ihre Seele impertinenter Hochmut. – Und wie nahe ist
gerade dieses Weib dem allerekelhaftesten Falle! In ihrem bigotten Herzen regt
sich nie die Liebe, in ihrem sorgsam versteckten Fleische wohl aber gemeine
Sinnenlust. Wir kennen die Konventikel der Frommen und die ehrenwerten Städte,
in denen die Blume der Muckerei erblühte! Wir haben die Prüde in jedes Laster
der französischen und italienischen Schwester verfallen sehen, nur noch mit dem
Laster der Heuchelei befleckt und leider ohne alle Originalität! –
Wenden
wir uns ab von diesem abscheulichen Anblicke und fragen wir nun, was für ein
Weib soll die wahre Musik sein?
Ein
Weib, das wirklich liebt, seine Tugend in seinen Stolz, seinen
Stolz aber in sein Opfer setzt, in das Opfer, mit dem es nicht einen
Teil seines Wesens, sondern sein ganzes Wesen in der reichsten Fülle
seiner Fähigkeit hingibt, wenn es empfängt. Das Empfangene aber froh und
freudig zu gebären, das ist die Tat des Weibes – und um Taten zu
wirken, braucht daher das Weib nur ganz das zu sein, was es ist,
durchaus aber nicht etwas zu wollen: denn es kann nur Eines wollen – Weib
sein! Das Weib ist dem Manne daher das ewig klare und erkenntliche Maß der
natürlichen Untrüglichkeit, denn es ist das Vollkommenste, wenn es nie aus dem
Kreise der schönen Unwillkürlichkeit heraustritt, in den es durch das, was sein
Wesen einzig zu beseligen vermag, durch die Notwendigkeit der Liebe, gebannt
ist.
Und
hier zeige ich euch nochmals den herrlichen Musiker, in welchem die Musik ganz
das war, was sie im Menschen zu sein vermag, wenn sie eben ganz nach der Fülle
ihrer Wesenheit Musik und nichts anderes als Musik ist. Blickt auf Mozart!
– War er etwa ein geringerer Musiker, weil er nur ganz und gar Musiker war,
weil er nichts anderes sein konnte und wollte als Musiker? Seht seinen
»Don Juan«! Wo hat je die Musik so unendlich reiche Individualität gewonnen, so
sicher und bestimmt in reichster, überschwenglichster Fülle zu charakterisieren
vermocht als hier, wo der Musiker der Natur seiner Kunst nach nicht im
mindesten etwas anderes war als unbedingt liebendes Weib? –
–
Doch, halten wir an, und zwar gerade hier, um uns gründlich zu befragen, wer
denn der Mann sein müsse, den dieses Weib so unbedingt lieben soll?
Erwägen wir wohl, ehe wir die Liebe dieses Weibes preisgeben, ob die Gegenliebe
des Mannes etwa eine zu erbettelnde, oder eine auch ihm notwendige und
erlösende sein müsse?
Betrachten
wir genau den Dichter!
Ende des ersten Teiles
Als
Lessing in seinem »Laokoon« sich bemühte, die Grenzen der Dichtkunst und
Malerei aufzusuchen und zu bezeichnen, hatte er die Dichtkunst im Auge,
die selbst bereits nur noch Schilderei war. Er geht von Vergleichs- und
Grenzlinien aus, die er zwischen dem plastischen Bildwerke, welches uns die
Szene des Todeskampfes Laokoons darstellt, und der Schilderung zieht, welche
Virgilius in seiner »Aeneis«, einem für die Lektüre geschriebenen Epos, von
derselben Szene entwirft. Berührt Lessing im Laufe seiner Untersuchung selbst
den Sophokles, so hat er dabei wiederum nur den literarischen Sophokles im
Sinne, wie er vor uns steht, oder wenn er das lebendig aufgeführte
tragische Kunstwerk des Dichters selbst in das Auge faßt, stellt er dies
unwillkürlich auch außer allem Vergleich mit dem Werke der Bildhauerei oder
Malerei, weil nicht das lebendige tragische Kunstwerk diesen bildenden Künsten
gegenüber begrenzt ist, sondern diese ihrer kümmerlichen Natur nach zu jenem
gehalten, ihre notwendigen Schranken finden. Überall da, wo Lessing der
Dichtkunst Grenzen und Schranken zuweist, meint er nicht das unmittelbar zur
Anschauung gebrachte, sinnlich dargestellte dramatische Kunstwerk, das
in sich alle Momente der bildenden Kunst nach höchster, nur in ihm erreichbarer
Fülle vereinigt und aus sich erst dieser Kunst höhere künstlerische
Lebensmöglichkeit zugeführt hat, sondern den dürftigen Todesschatten dieses
Kunstwerkes, das erzählende, schildernde, nicht an die Sinne, sondern an die
Einbildungskraft sich kundgebende Literaturgedicht, in welchem diese
Einbildungskraft zum eigentlichen darstellenden Faktor gemacht worden war, zu
dem sich das Gedicht nur anregend verhielt. –
Eine
solche künstliche Kunst erreicht irgendwelche Wirkung allerdings nur
durch genaueste Beobachtung von Grenzen und Schranken, weil sie sorgsam darauf
bedacht sein muß, durch vorsichtigstes Verfahren die unbegrenzte
Einbildungskraft, die statt ihrer die eigentliche Darstellerin zu sein
hat, vor jeder ausschweifenden Verwirrung zu bewahren, um sie dagegen auf den
einen gedrängten Punkt hinzuleiten, in welchem sie den beabsichtigten
Gegenstand sich so deutlich und bestimmt wie möglich vorzustellen vermag. An
die Einbildungskraft einzig wenden sich aber alle egoistisch vereinzelten
Künste, und namentlich auch die bildende Kunst, die das wichtigste Moment der
Kunst, die Bewegung, nur durch den Appell an die Phantasie ermöglichen
kann. Alle diese Künste deuten nur an; wirkliche Darstellung wäre
ihnen aber nur durch Kundgebung an die Universalität der Kunstempfänglichkeit
des Menschen, durch Mitteilung an seinen vollkommenen sinnlichen Organismus,
nicht an seine Einbildungskraft möglich, denn das wirkliche Kunstwerk erzeugt
sich eben nur durch den Fortschritt aus der Einbildung in die Wirklichkeit, das
ist: Sinnlichkeit.
Lessings
redliches Bemühen, die Grenzen jener getrennten Kunstarten, die eben nicht mehr
unmittelbar darstellen, sondern nur noch schildern konnten, zu bezeichnen, wird
nun heutzutage von denen auf das Geistloseste mißverstanden, denen der
ungeheure Unterschied zwischen diesen Künsten und der eigentlich wirklichen
Kunst unbegreiflich bleibt. Indem sie immer nur diese einzelnen, an sich
für die unmittelbare Darstellung ohnmächtigen, Kunstarten vor Augen haben,
können sie natürlich die Aufgabe jeder derselben – und somit (wie sie wähnen
müssen) der Kunst überhaupt – nur darein setzen, daß so ungestört wie
möglich die Schwierigkeit überwunden werde, der Einbildungskraft durch Schilderung
einen festen Anhaltepunkt zu geben; die Mittel zu dieser Schilderung häufen
kann sehr richtig die Schilderung nur verwirren, und die Phantasie, indem sie
durch Vorführung ungleicher Schilderungsmittel beängstigt oder zerstreut wird,
von der Erfassung des Gegenstandes nur ablenken.
Reinheit
der Kunstart wird daher das erste Erfordernis für ihre Verständlichkeit, wogegen
Mischung der Kunstarten diese Verständlichkeit nur trüben kann. In der
Tat kann uns nichts Verwirrenderes vorkommen, als wenn z. B. der Maler
seinen Gegenstand in einer Bewegung darstellen wollte, deren Schilderung nur
dem Dichter möglich ist; vollkommen widerwärtig erscheint uns aber gar erst ein
Gemälde, in welchem die Verse des Dichters einer Person in den Mund geschrieben
sind. Wenn der Musiker – d. h. der absolute Musiker – zu malen versucht,
so bringt er weder Musik noch ein Gemälde zustande; wollte er aber die
Anschauung eines wirklichen Gemäldes durch seine Musik begleiten, so dürfte er
sicher sein, daß man weder das Gemälde noch seine Musik verstehen würde. Wer
sich die Vereinigung aller Künste zum Kunstwerke nur so vorstellen kann, als ob
darunter gemeint sei, daß z. B. in einer Gemäldegalerie und zwischen
aufgestellten Statuen ein Goethescher Roman vorgelesen und dazu noch eine
Beethovensche Symphonie vorgespielt würde,1) der hat allerdings recht, wenn er
auf Trennung der Künste besteht und es jeder einzelnen zugewiesen lassen
will, wie sie sich zu möglichst deutlicher Schilderung ihres Gegenstandes
verhelfe. Daß aber von unsern modernen Staatsästhetikern auch das Drama
in die Kategorie einer Kunstart gestellt, und als solche dem Dichter als
besonderes Eigentum in dem Sinne zugesprochen wird, daß die Einmischung einer
anderen Kunst, wie der Musik, in dasselbe der Entschuldigung bedürfe,
keinesweges aber als gerechtfertigt anzusehen sei, das heißt aus der
Lessingschen Definition eine Konsequenz ziehen, von deren Berechtigung in
dieser nicht eine Spur vorhanden ist. Diese Leute sehen aber im Drama nichts
anderes als einen Literaturzweig, eine Gattung der Dichtkunst wie Roman
oder Lehrgedicht, nur mit dem Unterschiede, daß jenes, anstatt bloß gelesen,
von verschiedenen Personen auswendig gelernt, deklamiert, mit Gesten begleitet
und von Theaterlampen beleuchtet werden soll. Zu einem auf der Bühne
dargestellten Literaturdrama würde sich eine Musik allerdings fast ebenso
verhalten, als ob sie zu einem aufgestellten Gemälde vorgetragen würde, und mit
Recht ist daher das sogenannte Melodrama als ein Genre von unerquicklichster
Gemischtheit verworfen worden. Dieses Drama, das unsere Literaten einzig im
Sinne haben, ist aber ebensowenig ein wahres Drama als ein Klavier2) ein Orchester, oder gar ein
Sängerpersonale ist. Die Entstehung des Literaturdramas verdankt sich ganz
demselben egoistischen Geiste unserer allgemeinen Kunstentwickelung wie das
Klavier, und an ihm will ich diesen Gang in Kürze recht deutlich machen.
Das
älteste, echteste und schönste Organ der Musik, das Organ, dem unsere Musik
allein ihr Dasein verdankt, ist die menschliche Stimme; am natürlichsten
wurde sie durch das Blasinstrument, dieses wieder durch das Saiteninstrument
nachgeahmt: der symphonische Zusammenklang eines Orchesters von Blas- und
Streichinstrumenten ward wieder von der Orgel nachgeahmt; die
unbehülfliche Orgel aber endlich durch das leicht handhabbare Klavier
ersetzt. Wir bemerken hierbei zunächst, daß das ursprüngliche Organ der Musik
von der menschlichen Stimme bis zum Klavier zu immer größerer
Ausdruckslosigkeit herabsank. Die Instrumente des Orchesters, die den
Sprachlaut der Stimme bereits verloren hatten, vermochten den menschlichen Ton,
in seinem unendlich mannigfaltigen und lebhaft wechselnden Ausdrucksvermögen,
noch am genügendsten nachzuahmen; die Pfeifen der Orgel konnten diesen Ton nur
noch nach seiner Zeitdauer, nicht aber mehr nach seinem wechselnden Ausdrucke
festhalten, bis endlich das Klavier selbst diesen Ton nur noch andeutete,
seinen wirklichen Körper aber der Gehörphantasie sich zu denken überließ. So
haben wir im Klavier ein Instrument, welches die Musik nur noch schildert. Wie
kam es aber, daß der Musiker sich endlich mit einem tonlosen Instrumente
begnügte? Aus keinem anderen Grunde, als um allein, ganz für sich, ohne
gemeinsames Zusammenwirken mit anderen, sich Musik machen zu können. Die
menschliche Stimme, die an und für sich nur in Verbindung mit der Sprache sich
melodisch kundzugeben vermag, ist ein Individuum; nur das
übereinstimmende Zusammenwirken mehrerer solcher Individuen bringt die
symphonische Harmonie hervor. Die Blas- und Streichinstrumente standen der
menschlichen Stimme auch darin noch nahe, daß auch ihnen dieser individuelle
Charakter zu eigen blieb, durch den jedes von ihnen eine bestimmte, wenn auch
noch so reich zu modulierende Klangfarbe besaß, und zur Hervorbringung
harmonischer Wirkungen zum ebenfalls gemeinsamen Zusammenwirken genötigt war.
In der christlichen Orgel waren bereits alle diese lebendigen Individualitäten
in tote Pfeifenregister gereiht, die auf den befehlenden Tastentritt des einen
und unteilbaren Spielers ihre mechanisch hervorgetriebenen Stimmen zur Ehre
Gottes erhoben. Auf dem Klaviere endlich konnte der Virtuos ohne die Beihülfe
irgendeines anderen (der Orgelspieler hatte noch des Balgentreters bedurft)
eine Unzahl von klopfenden Hämmern zu seiner eigenen Ehre in Bewegung setzen,
denn dem Zuhörenden, der an einer tönenden Musik sich nicht mehr zu erfreuen
hatte, blieb nur noch die Bewunderung der Fertigkeit des Tastenschlägers als
Amüsement übrig. – Wahrlich, unsere ganze moderne Kunst gleicht dem Klaviere:
in ihr verrichtet jeder einzelne das Werk einer Gemeinsamkeit, aber leider eben
nur in abstracto und mit vollster Tonlosigkeit! Hämmer – aber keine
Menschen! –
Wir
wollen nun das Literaturdrama, in das unsere Staatsästhetiker mit so
puritanistischem Hochmute der herrlich atmenden Musik den Eintritt versperren,
vom Standpunkte des Klavieres3) aus rückwärts bis auf den Ursprung
dieses Klaviers verfolgen, und was gilt es? Wir treffen endlich auf den
lebendigen menschlichen Sprachton, der mit dem Gesangtone ein und
dasselbe ist, und ohne den wir weder Klavier noch Literaturdrama kennen
würden. –
Das
moderne Drama hat zweierlei Ursprung: einen natürlichen, unserer
geschichtlichen Entwickelung eigentümlichen, den Roman – und einen
fremdartigen, unserer Entwickelung durch Reflexion aufgepfropften, das, nach
den mißverstandenen Regeln des Aristoteles aufgefaßte griechische Drama.
Der
eigentliche Kern unserer Poesie liegt im Roman; im Streben, diesen Kein so
schmackhaft wie möglich zu machen, sind unsere Dichter wiederholt auf fernere
oder nähere Nachahmung des griechischen Dramas verfallen. –
Die
höchste Blüte des dem Roman unmittelbar entsprungenen Dramas haben wir in den
Schauspielen des Shakespeare; in weitester Entfernung von diesem Drama
treffen wir auf dessen vollkommensten Gegensatz in der »Tragédie« des Racine.
Zwischen beiden Endpunkten schwebt unsere ganze übrige dramatische Literatur
unentschieden und schwankend hin und her. Um den Charakter dieses
unentschiedenen Schwankens genau zu erkennen, müssen wir uns etwas näher nach
dem natürlichen Ursprunge unseres Dramas umsehen.
Wenn
wir seit dem Erlöschen der griechischen Kunst uns im Gange der Weltgeschichte
nach einer Kunstperiode umsehen, der wir uns mit Stolz erfreuen können wollen,
so ist dies die Periode der sogenannten »Renaissance«, mit der wir den Ausgang
des Mittelalters und den Beginn der neueren Zeit bezeichnen. Hier strebt mit
wahrer Riesenkraft der innere Mensch sich zu äußern. Der ganze Gärungsstoff der
wunderbaren Mischung germanisch individuellen Heroentumes mit dem Geiste des
römisch-katholizisierenden Christentumes drängte sich von innen nach außen,
gleichsam um in der Äußerung seines Wesens den unlösbaren inneren Skrupel loszuwerden.
Überall äußerte sich dieser Drang nur als Lust zur Schilderung, denn unbedingt
ganz und gar sich selbst geben kann nur der Mensch, der im Inneren ganz mit
sich einig ist: das war aber der Künstler der Renaissance nicht; dieser erfaßte
das Äußere nur in der Begierde, vor dem inneren Zwiespalte zu fliehen. Sprach
sich dieser Trieb am Erkenntlichsten nach der Richtung der bildenden Künste
hin aus, so ist er in der Dichtung nicht minder ersichtlich. Nur ist zu
beachten, daß, wie die Malerei sich zu treuester Schilderung des lebendigen
Menschen angelassen hatte, die Dichtkunst sich von der Schilderung bereits
schon zur Darstellung wandte, und zwar indem sie vom Roman zum Drama
vorschritt.
Die
Poesie des Mittelalters hatte bereits das erzählende Gedicht hervorgebracht und
bis zur höchsten Blüte entwickelt. Dieses Gedicht schilderte menschliche
Handlungen und Vorgänge, und deren bewegungsvollen Zusammenhang, in der Weise,
wie ähnlich der Maler sich bemüht, die charakteristischen Momente solcher Handlungen
uns vorzuführen. Das Vermögen des Dichters, der von der unmittelbaren,
lebendigen Darstellung der Handlung durch wirkliche Menschen absah, war aber so
unbegrenzt als die Einbildungskraft des Lesers oder Zuhörers, an die er sich
einzig wandte. Dieses Vermögen fühlte sich zu den ausschweifendsten
Kombinationen von Vorfällen und Lokalitäten um so mehr veranlaßt, als sein
Gesichtskreis sich über ein immer anschwellenderes Meer außen vorgehender
Handlungen verbreitete, wie sie eben aus dem Gebaren jener abenteuersüchtigen
Zeit hervorgingen. Der Mensch, der in sich uneinig mit sich selbst war, und im
Kunstschaffen dem Zwiespalte seines Innern entfliehen wollte – wie er zuvor
vergeblich sich gemüht hatte, diesen Zwiespalt selbst künstlerisch zu
bewältigen1) –, fühlte nicht den Drang, ein
bestimmtes Etwas seines Inneren auszusprechen, sondern dieses Etwas
vielmehr erst in der Außenwelt zu suchen: er zerstreute sich gewissermaßen nach
innen durch willigstes Erfassen alles von der Außenwelt ihm Vorgeführten, und
je mannigfaltiger und bunter er diese Erscheinungen zu mischen verstand, desto
sicherer durfte er eben den unwillkürlichen Zweck innerer Zerstreuung zu
erreichen hoffen. Der Meister dieser liebenswürdigen, aber aller Innerlichkeit,
alles Haftes der Seele entbehrenden Kunst, war Ariosto.
Je
weniger aber, nach ungeheuren Ausschweifungen, diese schimmernden Gemälde der
Phantasie den inneren Menschen wiederum zu zerstreuen vermochten, je mehr
dieser Mensch unter dem Drucke politischer und religiöser Gewaltsamkeiten zur
Kraftanstrengung eines Gegendruckes aus seinem inneren Wesen selbst gedrängt
wurde, desto deutlicher erkennen wir auch in der vorliegenden Dichtungsart das
Streben ausgesprochen, der Masse des vielartigen Stoffes von innen heraus Herr
zu werden, seiner Gestaltung einen festen Mittelpunkt zu geben, und diesen
Mittelpunkt als Achse des Kunstwerkes aus der eigenen Anschauung, aus dem
festen Wollen eines Etwas, in dem sich das innere Wesen ausspricht, zu
entnehmen. Dieses Etwas ist der Gebärungsstoff der neueren Zeit, die
Verdichtung des individuellen Wesens zu einem bestimmten künstlerischen Wollen.
Aus der ungeheuer Masse der äußeren Erscheinungen, wie sie vorher dem Dichter
sich nicht bunt und vielartig genug darstellen konnten, werden nun die unter
sich verwandten Bestandteile gesondert, die Mannigfaltigkeit der Momente zur
bestimmten Zeichnung des Charakters der Handelnden verdichtet. Wie unendlich
wichtig für alle Untersuchung des Wesens der Kunst ist es nun, daß dieser
innerliche Drang des Dichters, wie wir es deutlich vor uns sehen, sich endlich
nur dadurch zu befriedigen vermochte, daß er auch zur bestimmtesten Äußerung
durch die unmittelbare Darstellung an die Sinne gelangte, mit einem Worte, daß der
Roman zum Drama wurde! Die Bewältigung des äußeren Stoffes zur Kundgebung
der inneren Anschauung von dem Wesen dieses Stoffes konnte nur dann gelingen,
wenn der Gegenstand selbst in überzeugendster Wirklichkeit den Sinnen vorgeführt
wurde, und dies war eben nur im Drama zu ermöglichen.
Das Drama des Shakespeare ist mit vollster Notwendigkeit aus dem Leben und unserer
geschichtlichen Entwickelung hervorgegangen: seine Schöpfung war so aus der
Natur unserer Dichtkunst bedingt, wie das Drama der Zukunft ganz naturgemäß aus
der Befriedigung der Bedürfnisse geboren werden wird, die das Shakespearesche
Drama angeregt, noch nicht aber gestillt hat.
Shakespeare,
den wir uns hier immer im Vereine mit seinen Vorgängern und nur als deren Haupt
denken müssen, verdichtete den erzählenden Roman zum Drama, indem er ihn
gewissermaßen für die Darstellung auf der Schaubühne übersetzte. Die vorher von
der redend erzählenden Poesie nur geschilderten menschlichen Handlungen ließ er
nun von wirklich redenden Menschen, die für die Dauer der Darstellung in
Aussehen und Gebärde mit den darzustellenden Personen des Romanes sich
identifizierten, Auge und Ohr zugleich vorführen. Er fand hierzu eine
Schaubühne und Schauspieler vor, die bis dahin als unterirdisch verborgene,
heimlich aber immer noch fortrieselnde Quellader des wirklichen
Volkskunstwerkes dem Auge des Dichters sich entzogen hatten, von seinem
sehnsüchtig suchenden Blicke aber schnell entdeckt wurden, als die Not ihn zu
ihrer Auffindung trieb. Das Charakteristische dieser Volksschaubühne war aber,
daß die Schauspieler, die daher sich auch vorzugsweise so nannten, auf
ihr dem Auge, und absichtlich gerade fast nur dem Auge sich mitteilten.
Ihre Darstellungen auf freiem Platze vor der weithin ausgedehnten Menge konnten
lediglich fast nur durch die Gebärde wirken, und in der Gebärde sprechen
sich deutlich eben nur Handlungen, nicht aber – sobald die Sprache fehlt
– die inneren Motive dieser Handlungen aus, so daß das Spiel dieser Darsteller
seiner Natur nach ebenso von grotesker, massenhaft gehäufter Handlung strotzte
als der Roman, dessen zerstreute Vielstoffigkeit der Dichter eben
zusammenzudrängen sich bemühte. Der Dichter, der diesem Volksschauspiele zusah,
mußte finden, daß aus Mangel einer verständlichen Sprache dieses zu eben der
ungeheuerlichen Vielhandligkeit gedrängt sei wie der erzählende Romandichter
durch die Unfähigkeit, seine geschilderten Personen und Vorgänge wirklich
darzustellen. Er mußte den Schauspielern zurufen: »Gebt mir eure Bühne, ich
gebe euch meine Rede, so ist uns beiden geholfen!«
Wir
sehen nun vom Dichter zugunsten des Dramas die Volksschaubühne zum Theater
verengen. Ganz so wie die Handlung selbst durch deutliche Darlegung der
Beweggründe, die sie hervorrufen, zu bestimmten wichtigsten Momenten derselben
zusammengedrängt werden mußte, stellte sich die Notwendigkeit heraus, auch den
Schauplatz zusammenzudrängen, und zwar namentlich aus Rücksicht für den
Zuschauer, der nun nicht mehr bloß schauen, sondern auch deutlich hören sollte.
Wie auf den Raum hatte sich diese Beschränkung auch auf die Zeitdauer des
dramatischen Spieles auszudehnen. Die Mysterienbühne des Mittelalters, auf
weitem Anger oder auf freien Plätzen und Straßen der Städte aufgeschlagen, bot
der versammelten Volksmenge ein tagelang, ja – wie wir noch heute es erfahren –
mehrere Tage lang dauerndes Schauspiel dar: ganze Historien, vollständige
Lebensgeschichten wurden aufgeführt, aus welchen die ab- und zuwogende
Zuschauermasse nach Belieben für ihre Schaulust sich auswählen konnte, was ihr
das Sehenswerteste erschien. Solch eine Aufführung war das vollständig
entsprechende Seitenstück der ungeheuer bunten und vielstoffigen Historien des
Mittelalters selbst: gerade so larvenhaft charakterlos, ohne alle individuelle
Lebensregung, hölzern und grob zugeschnitten waren die vielhandelnden Personen
dieser gelesenen Historien, wie die Darsteller jener zur Schau
gebrachten. Aus denselben Gründen, die den Dichter bestimmten, die Handlung und
den Schauplatz zu verengen, hatte er somit auch die Zeitdauer der Aufführung
zusammenzudrängen, weil er seinen Zuschauern nicht mehr Bruchstücke, sondern
ein in sich abgeschlossenes Ganzes vorführen wollte, so daß er die Kraft der
Fähigkeit des Zuschauers, einem vorgeführten fesselnden Gegenstande seine
ungeteilte Aufmerksamkeit fortgesetzt zuzuwenden, zu seinem Maßstab für die
Zeitdauer dieser Aufführung machte. Das Kunstwerk, das nur an die Phantasie
appelliert, wie der gelesene Roman, kann in seiner Mitteilung sich leicht
unterbrechen, weil die Phantasie so willkürlicher Natur ist, daß sie keinen
anderen Gesetzen als der Laune des Zufalls gehorcht: was aber vor die Sinne
tritt, und diesen mit überzeugender, unfehlbarer Bestimmtheit sich mitteilen
will, hat nicht nur nach der Eigenschaft, Fähigkeit und natürlich begrenzten
Kraft dieser Sinne sich zu richten, sondern sich ihnen auch vollständig, von
Kopf bis zu Fuß, von Anfang bis Ende, vorzuführen, wenn es nicht, durch
plötzliche Unterbrechung oder Unvollständigkeit seiner Vorführung, zur notwendigen
Ergänzung eben nur wieder an die Phantasie, aus der es sich gerade an die Sinne
wandte, appellieren will.
Nur
eines blieb auf dieser verengten Bühne noch gänzlich nur der Phantasie
überlassen – die Darstellung der Szene selbst, in welcher die Darsteller
den lokalen Erfordernissen der Handlung gemäß auftraten. Teppiche umhingen die
Bühne; die Inschrift einer leicht zu wechselnden Tafel zeigte dem Zuschauer den
Ort, ob Palast, Straße, Wald oder Feld, an, der als Szene gedacht werden
sollte. Durch diesen einen, der damaligen Bühnenkunst noch unumgänglich nötigen
Appell an die Phantasie blieb im Drama dem buntstoffigen Romane und der
vielhandligen Historie noch Tor und Tür offen. Fühlte der Dichter, dem es bis
jetzt immer nur noch um die leiblich redende Darstellung des Romanes zu tun
war, die Notwendigkeit einer naturgetreuen Darstellung auch der umgebenden
Szene noch nicht, so konnte er die Notwendigkeit, die darzustellende Handlung
in noch immer bestimmtere Begrenzung der wichtigsten Momente derselben
zusammenzudrängen, auch nicht empfinden. Wir sehen hieran mit ersichtlichsten
Deutlichkeit, wie zur vollendetsten Gestaltung des Kunstwerkes einzig die
entscheidende Notwendigkeit hindrängt, die dem Wesen der Kunst gemäß den
Künstler bestimmt, aus der Phantasie sich an die Sinne zu wenden, die Phantasie
aus ihrer unbestimmten Tätigkeit durch die Sinne zu einer festen,
verständnisvollen Wirksamkeit zu vermögen. Diese, alle Kunst gestaltende, das
Streben des Künstlers einzig befriedigende Notwendigkeit erwächst uns nur aus
der Bestimmtheit einer universell sinnlichen Anschauung: sind wir all ihren
Anforderungen vollkommen gerecht, so treibt auch sie uns zum vollkommensten
Kunstschaffen. Shakespeare, der die eine Notwendigkeit der naturgetreuen
Darstellung der umgebenden Szene noch nicht empfand, und daher die
Vielstoffigkeit des von ihm dramatisch behandelten Romanes gerade nur so weit
sichtete und zusammendrängte, als die von ihm empfundene Notwendigkeit eines
verengten Schauplatzes und einer begrenzten Zeitdauer der von wirklichen
Menschen dargestellten Handlung es erheischte – Shakespeare, der innerhalb
dieser Grenzen Historie und Roman zu so überzeugend charakteristischer Wahrheit
belebte, daß er zum ersten Male Menschen von so mannigfaltiger und drastischer
Individualität darstellte, wie noch kein Dichter vor ihm es vermocht hatte –
dieser Shakespeare ist nichtsdestoweniger in seinen, durch die eine bezeichnete
Notwendigkeit noch nicht gestalteten, Dramen der Grund und der Ausgangspunkt
einer beispiellosen Verwirrung in der dramatischen Kunst über zwei Jahrhunderte
hindurch, bis auf unsere Tage, geworden.
Dem
Romane und dem losen Gefüge der Historie war im Shakespeareschen Drama, wie ich
mich ausdrückte, eine Türe offengelassen worden, durch die sie nach Belieben
aus- und eingehen konnten: diese Türe war die der Phantasie überlassene
Darstellung der Szene. Wir werden nun sehen, daß die hieraus entstehende
Verwirrung ganz in dem Grade vorwärtsschritt, als diese Türe von anderer Seite
her auf das rücksichtsloseste zugeschlagen ward, und die gefühlte
Mangelhaftigkeit der Szene wiederum zu willkürlichen Gewaltsamkeiten gegen das
lebendige Drama selbst trieb.
Bei
den sogenannten romanischen Nationen Europas, unter denen die schrankenlose
Abenteuerlichkeit des – alle germanischen und romanischen Elemente bunt
durcheinanderwerfenden – Romanes am tollsten gewütet hatte, war auch dieser
Roman am unfähigsten zur Dramatisierung geworden. Der Drang, aus der
konzentrierten Innerlichkeit des menschlichen Wesens heraus die bunten
Äußerungen der früheren phantastischen Laune zu bestimmten, deutlichen
Erscheinungen zu gestalten, gab sich vorzüglich nur bei den germanischen
Nationen kund, die den innerlichen Krieg des Gewissens gegen marternde äußere
Satzungen zur protestantischen Tat machten. Die romanischen Nationen, die
äußerlich unter dem Joche des Katholizismus verblieben, erhielten sich
fortwährend in der Richtung, nach welcher sie vor dem inneren unlösbaren
Zwiespalte nach außen hin flohen, um von außen her – wie ich mich zuvor
ausdrückte – nach innen sich zu zerstreuen. Die bildende Kunst, und eine
Dichtkunst, die – als schildernde – der bildenden dem Wesen, wenn auch nicht
der Äußerung nach, gleichkam, sind die eigentümlichen, von außen her
zerstreuenden, fesselnden und ergötzenden Künste dieser Nationen.
Von
seinem heimischen Volksschauspiele wandte sich der gebildete Italiener und
Franzose ab; in seiner rohen Einfalt und Formlosigkeit erinnerte es ihn an den
ganzen Wust des Mittelalters, den er eben wie einen schweren, beängstigenden
Traum von sich abzuschütteln bemüht war. Dagegen ging er auf die historische
Wurzel seiner Sprache zurück und wählte zunächst aus römischen Dichtern, den
literarischen Nachahmern der Griechen, sich Muster auch für das Drama, das er
zur Unterhaltung der fein erzogenen vornehmen Welt als Ersatz für das, nur noch
den Pöbel ergötzende, Volksschauspiel vorführte. Malerei und Architektur, die
Hauptkünste der romanischen Renaissance, hatten das Auge dieser vornehmen Welt
so geschmackvoll und zu solchen Ansprüchen ausgebildet, daß das rohe, mit
Teppichen verhängte Brettgerüst der britischen Schaubühne ihm nicht behagen
konnte. Als Schauplatz ward in den Palästen der Fürsten den Schauspielern der
prachtvolle Saal angewiesen, in welchem sie mit geringen Modifikationen ihre
Szene herzustellen hatten. Stabilität der Szene ward als maßgebendes
Haupterfordernis für das ganze Drama festgestellt, und hierin begegnete sich
die angenommene Geschmacksrichtung der vornehmen Welt mit dem modernen
Ursprunge des ihr vorgeführten Dramas, den Regeln des Aristoteles. Der
fürstliche Zuschauer, dessen Auge durch die bildende Kunst zu seinem
vornehmsten Organe positiven Genußsinnes gemacht worden war, liebte es nicht,
gerade diesen Sinn binden zu sollen, um der Phantasie, der
gesichtslosen, ihn unterzuordnen, und zwar um so weniger, als er grundsätzlich
der Erregung der unbestimmten, mittelalterlich gestaltenden Phantasie auswich.
Es hätte ihm die Möglichkeit geboten werden müssen, die Szene, bei jeder
Veranlassung des Dramas zum Wechsel derselben, dem Gegenstande getreu mit
malerischer und plastischer Genauigkeit dargestellt zu sehen, um diesen Wechsel
selbst gestatten zu können. Was später bei der Mischung der dramatischen
Richtungen ermöglicht wurde, war hier aber gar nicht zu verlangen nötig, weil
andererseits die Aristotelischen Regeln, nach denen dieses fingierte Drama
konstruiert wurde, auch die Einheit der Szene zu einer wichtigen Bedingung
desselben machten. Gerade das also, was der Brite bei seinem organischen Schaffen
des Dramas aus innen als äußeres Moment noch unbeachtet ließ, ward zur, von
außen her gestaltenden, Norm für das französische Drama, das so aus dem
Mechanismus heraus sich in das Leben hinein zu konstruieren suchte.
Wichtig
ist es nun, genau zu beachten, wie diese äußerliche Einheit der Szene die ganze
Haltung des französischen Dramas dahin bedang, daß die Darstellung der Handlung
fast ganz von dieser Szene ausgeschlossen und dafür nur der Vortrag der Rede in
ihr zugelassen wurde. Somit mußte auch grundsätzlich der von Handlung
strotzende Roman, das poetische Grundelement des mittelalterlichen und neueren
Lebens, von der Darstellung auf dieser Szene ausgeschlossen bleiben, da die
Vorführung seines vielgliederigen Stoffes ohne häufige Verwandelung der Szene
geradesweges unmöglich war. Also nicht nur die äußerliche Form, sondern auch
der ganze Zuschnitt der Handlung, und mit ihm endlich der Gegenstand der
Handlung selbst, mußte den Mustern entnommen werden, die für die Form den
französischen Schauspieldichter bestimmt hatten. Er mußte Handlungen wählen,
die nicht erst von ihm zu einem gedrängten Maße dramatischer
Darstellungsfähigkeit verdichtet zu werden brauchten, sondern solche, die
bereits zu einem solchen Maße verdichtet ihm vorlagen.
Aus
ihrer heimischen Sage hatten die griechischen Tragiker sich solche Stoffe, als
höchste künstlerische Blüte dieser Sage, verdichtet: der moderne Dramatiker,
der von den äußerlichen Regeln ausging, die jenen Dichtungen entnommen worden
waren, konnte das poetische Lebenselement seiner Zeit, das nur in der geradezu
umgekehrten Weise Shakespeares zu bewältigen war, nicht zu der Dichtigkeit
zusammendrängen, daß es dem äußerlich aufgelegten Maße entsprochen hätte, und
nichts als die – natürlich entstellende – Nachahmung und Wiederholung
jener schon fertigen Dramen blieb ihm daher übrig. In Racines »Tragédie«
haben wir somit auf der Szene die Rede, hinter der Szene die Handlung;
Beweggründe mit davon abgelöster und außerhalb verlegter Bewegung, Wollen ohne
Können. Alle Kunst warf sich daher auch nur auf die Äußerlichkeit der Rede,
die ganz folgerichtig in Italien (von woher der neue Kunstgenre ausgegangen
war) auch alsbald sich in jenen musikalischen Vortrag verlor, den wir bereits
umständlicher als den eigentlichen Inhalt des Opernwesens kennengelernt haben.
Auch die französische Tragödie ging mit Notwendigkeit in die Oper über: Gluck
sprach den wirklichen Inhalt dieses Tragödienwesens aus. Die Oper war somit die
vorzeitige Blüte einer unreifen Frucht, auf unnatürlichem, künstlichem Boden
gewachsen. Womit das italienische und französische Drama begann, mit der
äußeren Form, dazu soll das neuere Drama durch organische Entwickelung aus sich
heraus, auf dem Wege des Shakespeareschen Dramas, erst gelangen, und dann auch
erst wird die natürliche Frucht des musikalischen Dramas reifen.
Zwischen
diesen zwei äußersten Gegensätzen, dem Shakespeareschen und dem Racineschen
Drama, erwuchs nun aber zunächst das moderne Drama zu seiner
zwitterhaften, unnatürlichen Gestalt und Deutschland war der Boden, von
dem sich diese Frucht nährte.
Hier
bestand der romanische Katholizismus in gleicher Stärke neben dem germanischen
Protestantismus fort: nur wurden beide in einen so heftigen Konflikt
miteinander verwickelt, daß, unentschieden wie er trotzdem blieb, eine
natürliche Kunstblüte sich nicht aus ihm entfaltete. Der innerliche Drang, der
sich bei dem Briten auf die dramatische Darstellung der Historie und des
Romanes warf, blieb beim deutschen Protestanten im hartnäckigen Bemühen, den
innerlichen Zwiespalt selbst innerlich zu schlichten, haften. Wir haben einen Luther,
der sich in der Kunst wohl bis zur religiösen Lyrik erhob, aber keinen
Shakespeare. Der römisch-katholische Süden konnte jedoch nie zu dem genial
leichtsinnigen Vergessen des innerlichen Zwiespaltes sich aufschwingen, in
welchem die romanischen Nationen sich zur bildenden Kunst anließen: mit
finsterem Ernste bewachte er seinen religiösen Wahn. Während ganz Europa sich
auf die Kunst warf, blieb Deutschland ein sinnender Barbar. Nur was sich
draußen bereits überlebt hatte, flüchtete sich nach Deutschland, um in seinem
Boden noch zu einem Nachsommer zu erblühen. Englische Komödianten, denen die
Darsteller der Shakespeareschen Dramen daheim ihr Brot entzogen hatten, kamen
nach Deutschland, um dem Volke ihre grotesk pantomimischen Taschenspielereien
vorzumachen: erst lange darauf, als auch es in England verblüht war, folgte das
Shakespearesche Drama selbst nach; deutsche Schauspieler, die vor der Zucht
ihrer langweiligen dramatischen Schulmeister flohen, bemächtigten sich
desselben, um es für ihre Praxis herzurichten.
Vom
Süden her war dagegen die Oper, dieser Ausgang des romanischen Dramas,
hereingedrungen. Ihr vornehmer Ursprung aus den Palästen der Fürsten empfahl
sie wiederum den deutschen Fürsten, so daß diese Fürsten die Oper in
Deutschland einführten, während – wohlgemerkt! – das Shakespearesche Schauspiel
von dem Volke eingeholt ward. – In der Oper stellte sich der szenischen
Mangelhaftigkeit der Shakespeareschen Bühne als vollster Gegensatz die üppigste
und gesuchteste Ausstattung dieser Szene entgegen. Das musikalische Drama war
recht eigentlich ein Schauspiel geworden, während das Schauspiel ein Hörspiel
geblieben war. Wir haben hier nicht mehr nötig, den Grund der szenisch-dekorativen
Ausschweifung im Operngenre zu untersuchen: dies lose Drama war von außen
konstruiert, und von außen her, durch Luxus und Pracht, konnte es auch nur am
Leben erhalten werden. Nur ist es wichtig, zu beobachten, wie dieser szenische
Prunk mit dem unerhört buntesten, ausgesucht mannigfaltigsten Wechsel
szenischer Vorführungen an das Auge, aus der dramatischen Richtung
hervorging, in der ursprünglich die Einheit der Szene als Norm aufgestellt
worden war. Nicht der Dichter, der, indem er den Roman zum Drama
zusammendrängte, insoweit seine Vielstoffigkeit noch unbeschränkt ließ, als er
die Szene zu ihren Gunsten durch den Appell an die Phantasie häufig und schnell
zu wechseln vermochte – nicht der Dichter hat, um etwa von diesem Appell an die
Phantasie sich an die Bestätigung der Sinne zu wenden, jenen raffinierten
Mechanismus zur Verwandlung wirklich dargestellter Szenen erfunden, sondern das
Verlangen nach äußerlicher Unterhaltung und deren Wechsel, die bloße
Augenbegierde, hat ihn hervorgebracht. Hätte diesen Apparat der Dichter
erfunden, so müßten wir auch annehmen, er habe die Notwendigkeit des häufigen
Szenenwechsels aus einer Notwendigkeit der Vielstoffigkeit des Dramas selbst
als Bedürfnis gefühlt: da der Dichter, wie wir sahen, von innen heraus organisch
konstruierte, würde bei jener Annahme somit bewiesen sein, daß die historielle
und romanhafte Vielstoffigkeit ein notwendiges Bedingnis des Dramas sei; denn
nur die unbeugsame Notwendigkeit dieses Bedingnisses hätte ihn dazu treiben
können, dem Bedürfnisse der Vielstoffigkeit durch Erfindung eines szenischen
Apparates zu entsprechen, durch welchen die Vielstoffigkeit auch als bunte,
zerstreuende Vielszenigkeit sich äußern mußte. Gerade umgekehrt war es aber der
Fall. Shakespeare fühlte sich von der Notwendigkeit der dramatischen
Darstellung der Historie und des Romanes gedrängt; in dem frischen Eifer,
diesem Drange zu entsprechen, kam in ihm das Gefühl von der Notwendigkeit auch
einer naturgetreuen Darstellung der Szene noch nicht auf – hätte er noch diese
Notwendigkeit für die vollkommen überzeugende Darstellung einer dramatischen
Handlung empfunden, so würde er ihr durch ein noch bei weitem genaueres Sichten
und dichteres Zusammendrängen der Vielstoffigkeit des Romanes zu entsprechen
gesucht haben, und zwar ganz in der Weise, wie er bereits den Schauplatz und
die Zeitdauer der Darstellung, und ihretwegen die Vielstoffigkeit selbst,
zusammengedrängt hatte. Die Unmöglichkeit, den Roman noch enger zu verdichten,
auf die er hierbei unfehlbar gestoßen wäre, müßte dann ihn aber über die Natur
des Romanes dahin aufgeklärt haben, daß diese mit der des Dramas in Wahrheit
nicht übereinstimme, eine Entdeckung, die wir erst machen konnten, als
uns die undramatische Vielstoffigkeit der Historie aus der Verwirklichung
der Szene zu Gefühl kam, die durch den Umstand, daß sie nur angedeutet
zu werden brauchte, Shakespeare den dramatischen Roman einzig
ermöglichte. –
Die
Notwendigkeit einer dem Orte der Handlung entsprechenden Darstellung der Szene
konnte nun mit der Zeit nicht ungefühlt bleiben; die mittelalterliche Bühne
mußte verschwinden und der modernen Platz machen. In Deutschland wurde sie
durch den Charakter der Volksschauspielkunst bestimmt, die ihre dramatische
Grundlage, seit dem Ersterben der Passions- und Mysterienspiele, ebenfalls der
Historie und dem Romane entnahm. Zur Zeit des Aufschwunges der deutschen
Schauspielkunst – um die Mitte des vorigen Jahrhunderts – bildete diese
Grundlage der, dem damaligen Volksgeiste entsprechende, bürgerliche Roman. Er
war unendlich gefügiger und namentlich bei weitem weniger reich an Stoff als
der historische oder sagenhafte Roman, der Shakespeare vorlag: eine ihm
entsprechende Darstellung der lokalen Szene konnte somit auch mit viel
wenigerem Aufwande hergestellt werden, als es für die Shakespearesche
Dramatisierung des Romanes erforderlich gewesen wäre. Die von diesen
Schauspielern aufgenommenen Shakespeareschen Stücke mußten sich nach jeder
Seite hin, um von ihnen darstellbar zu werden, die beschränkendste Umarbeitung
gefallen lassen. Ich übergehe hier alle für diese Umarbeitung maßgebenden
Gründe und hebe nur den einen, den des rein szenischen Erfordernisses, heraus,
weil er für den Zweck meiner Untersuchung für jetzt der wichtigste ist. Jene
Schauspieler, die ersten Übersiedler des Shakespeare auf das deutsche Theater,
verfuhren so redlich im Geiste ihrer Kunst, daß es ihnen nicht einfiel, seine
Stücke etwa dadurch aufführbar zu machen, daß sie entweder den häufigen
Szenenwechsel in ihnen durch bunte Verwandlung ihrer theatralischen Szene
selbst begleitet, oder gar ihm zuliebe der wirklichen Darstellung der Szene
überhaupt entsagt hätten und zu der szenenlosen mittelalterlichen Bühne
zurückgekehrt wären, sondern sie behielten den einmal eingenommenen Standpunkt
ihrer Kunst bei und ordneten ihm die Shakespearesche Vielszenigkeit insoweit
unter, als sie unwichtig dünkende Szenen geradesweges ausließen, wichtigere
Szenen aber zusammenfügten. Erst vom Standpunkte der Literatur aus gewahrte
man, was bei diesem Verfahren vom Shakespeareschen Kunstwerke verlorenging, und
drang auf Wiederherstellung der ursprünglichen Gestaltung der Stücke auch für
die Darstellung, für welche man zwei entgegengesetzte Vorschläge machte. Der
eine, nicht ausgeführte Vorschlag, ist der Tiecksche: Tieck, das Wesen
des Shakespeareschen Dramas vollkommen erkennend, verlangte die
Wiederherstellung der Shakespeareschen Bühne mit dem Appell an die Phantasie
für die Szene. Dieses Verlangen war durchaus folgerichtig und ging auf den
Geist des Shakespeareschen Dramas hin. Ist ein halber Restaurationsversuch in der
Geschichte aber stets unfruchtbar geblieben, so hat sich ein radikaler dagegen
von je als unmöglich erwiesen. Tieck war ein radikaler Restaurator, als solcher
ehrenwert, aber ohne Einfluß. – Der zweite Vorschlag ging dahin, den ungeheuren
Apparat der Opernszene zur Darstellung des Shakespeareschen Dramas auch durch
getreue Herstellung der von ihm ursprünglich nur angedeuteten, häufig
wechselnden Szene abzurichten. Auf der neueren englischen Bühne übersetzte man
die Shakespearesche Szene in allerrealste Wirklichkeit: die Mechanik erfand
Wunder für die schnelle Verwandlung der umständlichst ausgeführtesten
Bühnendekorationen: Truppenmärsche und Schlachten wurden mit überraschendster
Genauigkeit dargestellt. Auf großen deutschen Theatern ward dies Verfahren nachgeahmt.
Vor
diesem Schauspiel stand nun prüfend und verwirrt der moderne Dichter. Das
Shakespearesche Drama hatte als Literaturstück auf ihn den erhebenden Eindruck
der vollendetsten dichterischen Einheit gemacht; solange es nur an seine
Phantasie sich gewendet hatte, war diese vermögend gewesen, aus ihm ein
harmonisch abgeschlossenes Bild sich zu entnehmen, das er nun, bei Erfüllung
des wiederum notwendig erwachten Verlangens, dieses Bild durch vollständige
Darstellung an die Sinne verwirklicht zu sehen, plötzlich vor seinen Augen
gänzlich sich verwischen sah. Das verwirklichte Bild der Phantasie hatte ihm
nur eine unübersehbare Masse von Realitäten und Aktionen gezeigt, aus denen das
verwirrte Auge das Gemälde der Einbildungskraft durchaus nicht wieder zurückzukonstruieren
vermochte. Zwei Hauptwirkungen äußerte diese Erscheinung auf ihn, die sich
beide in der Enttäuschung über die Shakespearesche Tragödie kundgaben. Der
Dichter entsagte von nun an entweder dem Wunsche, seine Dramen auf der Bühne
dargestellt zu sehen, um das dem Shakespeareschen Drama entnommene
Phantasiebild ungestört nach seiner geistigen Absicht wiederum nachzubilden,
d. h., er schrieb Literaturdramen für die stumme Lektüre – oder er wandte
sich, um auf der Bühne sein Phantasiebild praktisch zu verwirklichen, mehr oder
weniger unwillkürlich der reflektierten Gestaltung des Dramas zu, dessen
modernen Ursprung wir in dem nach den Aristotelischen Einheitsregeln
konstruierten, antiquisierenden Drama zu erkennen hatten.
Beide
Wirkungen und Richtungen sind die gestaltenden Motive in den Werken der zwei
bedeutendsten dramatischen Dichter der neueren Zeit, Goethes und Schillers,
deren ich, soweit es für den Zweck meiner Untersuchung erforderlich ist, hier
näher gedenken muß.
Goethes
Laufbahn als dramatischer Dichter begann mit der Dramatisierung eines
vollblutig germanischen Ritterromanes, des »Götz von Berlichingen«. Das
Shakespearesche Verfahren war hier ganz getreu befolgt, der Roman mit allen
seinen ausführlichen Zügen so weit für die Bühne übersetzt, als die Verengung
derselben und die Zusammendrängung der Zeitdauer der dramatischen Aufführung es
gestatteten. Goethe traf aber bereits auf die Bühne, auf der das Lokal der
Handlung nach den Erfordernissen derselben, wenn auch roh und dürftig, dennoch
mit bestimmter Absicht zur Darstellung gebracht wurde. Dieser Umstand
veranlaßte den Dichter, sein mehr vom literarisch-, als szenisch-dramatischen
Standpunkte aus verfaßtes Gedicht nachträglich für die wirkliche Darstellung
auf der Bühne umzuarbeiten: durch die letzte Gestalt, die ihm aus Rücksicht auf
die Erfordernisse der Szene gegeben wurde, hat das Gedicht die Frische des
Romanes verloren, ohne dafür die volle Kraft des Dramas zu gewinnen.
Goethe
wählte nun für seine Dramen zunächst bürgerliche Romanstoffe. Das
Charakteristische des bürgerlichen Romanes besteht darin, daß die ihm
zugrundeliegende Handlung von einem umfassenderen Zusammenhange historischer
Handlungen und Beziehungen sich vollständig lostrennt, nur den sozialen
Niederschlag dieser geschichtlichen Ereignisse als bedingende Umgebung
festhält, und innerhalb dieser Umgebung, die im Grunde doch nur die zur
Farblosigkeit herabgedämpfte Rückwirkung jener historischen Begebenheiten ist,
mehr nach gebieterisch von dieser Umgebung auferlegten Stimmungen als nach
inneren, zu vollkommen gestaltender Äußerung befähigten Beweggründen sich
entwickelt. Diese Handlung ist ebenso beschränkt und arm als die Stimmungen,
durch die sie hervorgerufen wird, ohne Freiheit und selbständige Innerlichkeit
sind. Ihre Dramatisierung entsprach aber sowohl dem geistigen Gesichtspunkte
des Publikums als namentlich auch der äußeren Möglichkeit der szenischen
Darstellung, und zwar dies insoweit, als aus dieser ärmlichen Handlung nirgends
Notwendigkeiten für die praktische Szenierung hervorgingen, denen diese nicht
von vornherein zu entsprechen vermocht hätte. Was ein Geist, wie Goethe, unter
solchen Beschränkungen dichtete, müssen wir fast nur aus der von ihm gefühlten
Notwendigkeit der Unterordnung unter gewisse beschränkende Maximen zur
Ermöglichung des Dramas überhaupt, gewiß aber weniger als aus einer
freiwilligen Unterordnung unter den beschränkten Geist der Handlung des
bürgerlichen Romanes und die Stimmung des Publikums, die ihn begünstigte,
selbst hervorgegangen ansehen. Aus dieser Beschränkung erlöste sich Goethe aber
zu fessellosester Freiheit durch gänzliches Aufgeben des wirklichen
Bühnendramas. Bei seinem Entwurfe des »Faust« hielt er nur die Vorteile einer
dramatischen Darlegung für das Literaturgedicht fest, die Möglichkeit einer
szenischen Aufführung mit Absicht gänzlich außer acht lassend. In diesem
Gedicht schlug Goethe zum ersten Male mit vollem Bewußtsein den Grundton des
eigentlichen poetischen Elementes der Gegenwart an, das Drängen des
Gedankens in die Wirklichkeit, den er künstlerisch aber noch nicht in die
Wirklichkeit des Dramas erlösen konnte. Hier ist der Scheidepunkt des
mittelalterlichen, bis zur Seichtigkeit des bürgerlichen verflachten Romanes
und des wirklich dramatischen Stoffes der Zukunft. Wir müssen es uns
vorbehalten, auf die Charakteristik dieses Scheidepunktes näher einzugehen: für
jetzt gelte uns die Erfahrung für wichtig, daß Goethe, auf diesem Scheidepunkte
angelangt, weder einen wirklichen Roman noch ein wirkliches Drama zu geben
vermochte, sondern eben nur ein Gedicht, das der Vorteile beider Gattungen nach
abstrahiertem künstlerischem Maße genoß.
Von
diesem Gedichte, das wie eine immer lebendig rieselnde Quellader sich durch das
ganze Künstlerleben des Dichters mit gestaltender Anregung dahinzieht, sehen
wir hier ab und verfolgen Goethes Kunstschaffen immer wieder da, wo er mit
erneueten Versuchen sich dem szenischen Drama zuwandte.
Von
dem dramatisierten bürgerlichen Romane, den er im »Egmont« durch Ausdehnung der
Umgebung bis zum Zusammenhange weitverzweigter historischer Momente von innen
heraus zu seiner höchsten Höhe zu steigern versuchte, war Goethe mit dem
Entwurfe zum »Faust« entschieden abgegangen: reizte ihn nun noch das Drama als
vollendetste Gattung der Dichtkunst, so geschah dies namentlich durch
Betrachtung desselben in seiner vollendetsten künstlerischen Form. Diese Form,
die den Italienern und Franzosen, dem Grade ihrer Kenntnis des Antiken gemäß,
nur als äußere zwingende Norm verständlich war, ging dem geläuterteren Blicke
deutscher Forscher als ein wesentliches Moment der Äußerung griechischen Lebens
auf: die Wärme jener Form vermochte sie zu begeistern, als sie die Wärme dieses
Lebens aus seinen Monumenten selbst herausgefühlt hatten. Der deutsche Dichter
begriff, daß die einheitliche Form der griechischen Tragödie dem Drama nicht
von außen aufgelegt, sondern durch den einheitlichen Inhalt von innen heraus
neu belebt werden müsse. Der Inhalt des modernen Lebens, der sich immer nur
noch im Romane verständlich zu äußern vermochte, war unmöglich zu so
plastischer Einheit zusammenzudrängen, daß er bei verständlicher dramatischer
Behandlung sich in der Form des griechischen Dramas hätte aussprechen, diese
Form aus sich rechtfertigen oder gar notwendig erzeugen können. Der Dichter,
dem es hier um absolute künstlerische Gestaltung zu tun war, konnte auch jetzt
immer nur noch zu dem Verfahren der Franzosen – wenigstens äußerlich –
zurückkehren; er mußte, um die Form des griechischen Dramas für sein Kunstwerk
zu rechtfertigen, auch den fertigen Stoff des griechischen Mythos dazu
verwenden. Wenn Goethe zu dem fertigen Stoffe der »Iphigenia in Tauris« griff,
verfuhr er aber ähnlich wie Beethoven in seinen wichtigsten symphonischen
Sätzen: wie Beethoven sich der fertigen absoluten Melodie bemächtigte, sie
gewissermaßen auflöste, zerbrach und ihre Glieder durch neue organische
Belebung zusammenfügte, um den Organismus der Musik selbst zum Gebären der
Melodie fähig zu machen – so ergriff Goethe den fertigen Stoff der »Iphigenia«,
zersetzte ihn in seine Bestandteile und fügte diese durch organisch belebende
dichterische Gestaltung von neuem zusammen, um so den Organismus des Dramas
selbst zur Zeugung der vollendeten dramatischen Kunstform zu befähigen. Aber
nur mit diesem, im voraus bereits fertigen Stoffe konnte Goethe dies Verfahren
gelingen: an keinem dem modernen Leben oder dem Romane entnommenen durfte der
Dichter zu gleichem Erfolge gelangen; bereits im »Tasso« verkühlte sich dieser
Stoff merklich unter seinen einheitlich gestaltenden Händen – in der »Eugenie«
erstarrte er endlich zu Eis. Wir werden auf den Grund dieser Erscheinung
zurückkommen: für jetzt genügt es, aus dem Überblicke des Goetheschen
Kunstschaffens zu bestätigen, daß der Dichter auch von diesem Versuche des Dramas
sich wieder abwandte, sobald es ihm nicht um absolutes Kunstschaffen, sondern
um die Darstellung des Lebens selbst zu tun war. Dieses Leben in seiner
vielgliederigen Verzweigung und von nah und fern willenlos beeinflußten äußeren
Gestaltung konnte auch Goethe nur im Romane zu verständlicher Darlegung
bewältigen. Die eigentliche Blüte seiner modernen Weltanschauung konnte der
Dichter nur in der Schilderung, im Appell an die Phantasie, nicht in der
unmittelbaren dramatischen Darstellung uns mitteilen – so daß Goethes
einflußreichstes Kunstschaffen sich wieder in den Roman verlieren mußte, aus
dem er im Beginn seiner dichterischen Laufbahn mit Shakespeareschem Drange sich
zum Drama gewendet hatte. –
Schiller
begann, wie Goethe, mit dem dramatisierten Romane unter dem Einflusse des
Shakespeareschen Dramas. Der bürgerliche und politische Roman beschäftigte
seinen dramatischen Gestaltungstrieb so lange, bis er an den modernen Quell
dieses Romanes, die nackte Geschichte selbst, gelangte und aus dieser
das Drama unmittelbar zu konstruieren sich bemühte. Hier zeigte sich die
Sprödigkeit des geschichtlichen Stoffes und seine Unfähigkeit zur Darstellung
in dramatischer Form. – Shakespeare übersetzte die trockene, aber redliche
historische Chronik in die lebenvolle Sprache des Dramas; diese Chronik
zeichnete mit genauer Treue und Schritt für Schritt den Gang der historischen
Ereignisse und die Taten der in ihnen handelnden Personen auf: sie verfuhr ohne
Kritik und individuelle Anschauung, und gab somit das Daguerreotyp der
geschichtlichen Tatsachen. Shakespeare hatte dieses Daguerreotyp nur zum
farbigen Ölgemälde zu beleben; er hatte den Tatsachen die notwendig aus ihrem
Zusammenhange erratenen Motive zu entnehmen und diese dem Blut und Fleische der
handelnden Personen einzuprägen. Im übrigen blieb das Gerüst der Geschichte von
ihm völlig unangetastet: seine Bühne erlaubte ihm das, wie wir sahen. – Der
modernen Szene gegenüber erkannte der Dichter aber bald die Unmöglichkeit, die
Geschichte mit der chronistischen Treue Shakespeares für das Schauspiel
herzurichten: er begriff, daß nur dem – für seine Länge oder Kürze ganz
unbesorgten – Romane es möglich gewesen war, die Chronik mit lebendiger
Schilderung der Charaktere auszustatten, und daß nur die Bühne Shakespeares wiederum
es erlaubt hatte, diesen Roman zu dem Drama zusammenzudrängen. Suchte er nun
den Stoff zum Drama in der Geschichte selbst, so geschah dies mit dem Wunsche
und dem Streben, den historischen Gegenstand durch unmittelbar dichterische
Auffassung von vornherein so zu bewältigen, daß er in der nur in möglichster
Einheit verständlich sich kundgebenden Form des Dramas vorgeführt werden
konnte. Gerade in diesem Wunsche und Streben liegt aber der Grund der
Nichtigkeit unseres historischen Dramas. Geschichte ist nur dadurch Geschichte,
daß sich in ihr mit unbedingtester Wahrhaftigkeit die nackten Handlungen der
Menschen uns darstellen: sie gibt uns nicht die inneren Gesinnungen der
Menschen, sondern läßt uns aus ihren Handlungen erst auf diese Gesinnungen
schließen. Glauben wir nun diese Gesinnungen richtig erkannt zu haben, und
wollen wir die Geschichte nun als aus diesen Gesinnungen gerechtfertigt
darstellen, so vermögen wir dies eben nur in der reinen Geschichtsschreibung,
oder – mit erreichbarster künstlerischer Wärme – im historischen Romane,
d. h. in einer Kunstform, in der wir durch keinen äußerlichen Zwang
genötigt sind, den Tatbestand der nackten Geschichte durch willkürliche
Sichtung oder Zusammendrängung zu entstellen. Wir können die aus ihren Handlungen
erkannten Gesinnungen geschichtlicher Personen auf keine Weise entsprechend uns
verständlichen als durch getreue Darstellung derselben Handlungen, aus denen
wir jene Gesinnungen erkannt haben. Wollen wir aber, um die inneren Beweggründe
zu Handlungen uns zu verdeutlichen, die Handlungen, die aus ihnen hervorgingen,
dem Zwecke ihrer Darstellung zulieb, in irgend etwas verändern oder entstehen,
so kann dies notwendig wieder nur durch die Entstellung der Gesinnungen, sonach
mit der gänzlichen Verneinung der Geschichte selbst geschehen. Der Dichter, der
es versuchte, mit Umgehung der chronistischen Genauigkeit geschichtliche Stoffe
für die dramatische Szene zu verarbeiten, und zu diesem Zwecke über den
Tatbestand der Geschichte nach willkürlichem, künstlerisch-formellem Ermessen
verfügte, konnte weder Geschichte noch aber auch ein Drama zustande bringen.
Halten
wir, zur Verdeutlichung des Gesagten, Shakespeares historische Dramen mit
Schillers »Wallenstein« zusammen, so müssen wir beim ersten Blicke erkennen, wie
hier mit Umgehung der äußerlichen geschichtlichen Treue zugleich auch der
Inhalt der Geschichte entstellt wird, während dort bei chronistischer
Genauigkeit der charakteristische Inhalt der Geschichte auf das Überzeugendste
wahrhaftig zutage tritt. Ohne Zweifel war aber Schiller ein größerer
Geschichtsforscher als Shakespeare, und in seinen rein historischen Arbeiten
entschuldigt er sich völlig für seine Auffassung der Geschichte als
dramatischer Dichter. Worauf es uns jetzt hierbei aber ankommt, ist die faktische
Bestätigung dessen, daß wohl für Shakespeare, auf dessen Bühne für die Szene an
die Phantasie appelliert wurde, nicht aber für uns, die wir auch die Szene
überzeugend an die Sinne dargestellt haben wollen, der Historie der Stoff zum
Drama zu entnehmen ist. Selbst Schiller war es aber auch nicht möglich, den
noch so absichtlich von ihm zugerichteten historischen Stoff zu der von ihm ins
Auge gefaßten dramatischen Einheit zusammenzudrängen: Alles, was der Geschichte
erst ihr eigentliches Leben gibt, die weithin sich erstreckende und wiederum
nach dem Mittelpunkte bedingend hinwirkende Umgebung mußte er, da er ihre
Schilderung doch als unerläßlich fühlte, außerhalb des Dramas, in ein ganz
selbständig abgeschlossenes Sonderstück verlegen und das Drama selbst in zwei
Dramen auflösen, was bei den mehrteiligen historischen Dramen Shakespeares eine
ganz andere Bedeutung hat, da in ihnen ganze Lebensläufe von Personen, die zu
einem historischen Mittelpunkte dienen, nach ihren wichtigsten Perioden
abgeteilt sind, während im Wallenstein nur eine solche, an Stoff
verhältnismäßig gar nicht überreiche, Periode, bloß wegen der Umständlichkeit
der Motivierung eines zur Unklarheit getrübten historischen Momentes,
mehrteilig gegeben wird. Shakespeare würde auf seiner Bühne den ganzen
Dreißigjährigen Krieg in drei Stücken gegeben haben.
Dieses
»dramatische Gedicht« – wie Schiller selbst es nennt – war dennoch der
redlichste Versuch, der Geschichte als solcher Stoff für das Drama
abzugewinnen.
In
der weiteren Entwickelung des Dramas sehen wir von nun an von Schiller die
Rücksicht auf die Historie immer mehr fallen lassen, einerseits um die Historie
selbst nur als Verkleidung eines besonderen, dem allgemeinen Bildungsgange des
Dichters eigenen, gedankenhaften Motives zu verwenden – andererseits um dieses
Motiv immer bestimmter in einer Form des Dramas zu geben, die der Natur der
Sache nach, und namentlich auch seit Goethes vielseitigen Versuchen, zum
Gegenstände künstlerischer Spekulation geworden war. Schiller geriet bei dieser
zwecklichen Unterordnung und willkürlichen Bestimmung des Stoffes immer tiefer
in den notwendigen Fehler der bloß reflektierenden und rhetorisch sich
gebarenden Darstellung des Gegenstandes, bis er diesen endlich ganz nur noch
nach der Form bestimmte, die er als rein künstlerisch zweckmäßigste der
griechischen Tragödie entnahm. In seiner »Braut von Messina« verfuhr er für die
Nachahmung der griechischen Form noch bestimmter als Goethe in der »Iphigenia«:
Goethe konstruierte sich diese Form nur soweit zurück, als in ihr die
plastische Einheit einer Handlung sich kundgeben sollte; Schiller suchte aus
dieser Form selbst den Stoff des Dramas zu gestalten. Hierin näherte er sich
dem Verfahren der französischen Tragödiendichter; nur unterschied er sich von
ihnen wesentlich dadurch, daß er die griechische Form vollständiger herstellte,
als sie diesen mitgeteilt worden war, und daß er den Geist dieser Form, von dem
diese gar nichts wußten, zu beleben und dem Stoffe selbst einzuprägen suchte.
Er nahm hierzu von der griechischen Tragödie das »Fatum« – allerdings nur nach
dem ihm möglichen Verständnisse von ihm – auf und konstruierte aus
diesem Fatum eine Handlung, die nach ihrem mittelalterlichen Kostüm den
lebendigen Vermittelungspunkt zwischen der Antike und dem modernen
Verständnisse bieten sollte. Nie ist vom rein kunsthistorischen Standpunkte aus
so absichtlich geschaffen worden, als in dieser »Braut von Messina«: was Goethe
in der Vermählung des Faust mit der Helena andeutete, sollte hier durch
künstlerische Spekulation verwirklicht werden. Diese Verwirklichung glückte
aber entschieden nicht: Stoff und Form wurden gleichmäßig getrübt, so daß weder
der mittelalterliche, gewaltsam gedeutete Roman zur Wirkung noch auch die
antike Form zur klaren Anschauung kam. Wer möchte aus diesem fruchtlosen
Versuche Schillers nicht gründliche Belehrung ziehen? – Verzweifelnd wandte
auch Schiller von dieser Form sich wieder ab und suchte in seinem letzten
dramatischen Gedichte, »Wilhelm Tell«, durch Wiederaufnahme der dramatischen
Romanform wenigstens seine dichterische Frische zu retten, die unter seinem
ästhetischen Experimentieren merklich erschlafft war.
Auch
Schillers dramatisches Kunstschaffen sehen wir also im Schwanken
zwischen Historie und Roman, dem eigentlichen poetischen Lebenselemente unserer
Zeit, einerseits und der vollendeten Form des griechischen Dramas andererseits,
befangen: mit allen Fasern seiner dichterischen Lebenskraft haftete er an
jenem, während sein höherer künstlerischer Gestaltungsdrang ihn nach dieser
hintrieb.
Was
Schiller besonders charakterisiert, ist, daß in ihm der Drang zur antiken,
reinen Kunstform zum Drange nach dem Idealen überhaupt sich gestaltete. Er war
so schmerzlich betrübt, diese Form nicht mit dem Inhalte unseres
Lebenselementes künstlerisch erfüllen zu können, daß ihm endlich von der
Ausbeutung dieses Elementes durch künstlerische Darstellung selbst ekelte. Goethes
praktischer Sinn versöhnte sich mit unserem Lebenselemente durch Aufgeben der
vollendeten Kunstform und Weiterbildung der einzigen, in der dieses Leben sich
verständlich aussprechen konnte. Schiller kehrte nie zum eigentlichen Romane
wieder zurück; das Ideal seiner höheren Kunstanschauung, wie es ihm in der
antiken Kunstform aufgegangen war, machte er zum Wesen der wahren Kunst selbst:
dies Ideal sah er aber nur vom Standpunkte der poetischen Unfähigkeit unseres
Lebens aus, und unsere Lebenszustände mit dem menschlichen Leben überhaupt
verwechselnd, konnte er sich endlich die Kunst nur als ein vom Leben
Getrenntes, die höchste Kunstfülle als ein Gedachtes, nur annäherungsweise aber
Erreichbares vorstellen. –
So
blieb Schiller zwischen Himmel und Erde in der Luft schweben, und in dieser
Schwebe hängt nach ihm unsere ganze dramatische Dichtkunst. Jener Himmel ist in
Wahrheit aber nichts anderes als die antike Kunstform und jene Erde der praktische
Roman unserer Zeit. Die neueste dramatische Dichtkunst, die als Kunst
nur von den zu literarischen Denkmälern gewordenen Versuchen Goethes und
Schillers lebt, hat das Schwanken zwischen den bezeichneten entgegengesetzten
Richtungen bis zum Taumeln fortgesetzt. Wo sie aus der bloßen literarischen
Dramatik sich zur Darstellung des Lebens anließ, ist sie, um szenisch
wirkungsvoll und verständlich zu sein, immer in die Plattheit des dramatisierten
bürgerlichen Romanes zurückgefallen, oder, wollte sie einen höheren
Lebensgehalt aussprechen, so sah sie sich genötigt, das falsche dramatische
Federgewand allmählich immer wieder vollständig von sich abzustreifen und als
nackter sechs- oder neunbändiger Roman der bloßen Lektüre sich
vorzustellen. –
Um
unser ganzes kunstliterarisches Schaffen für einen schnellen Überblick
zusammenzufassen, reihen wir die aus ihm hervorgehenden Erscheinungen in
folgende Ordnung.
Am
verständlichsten vermag unser Lebenselement künstlerisch nur der Roman
darzustellen. Im Streben nach wirkungsvollerer, unmittelbarerer Darstellung
seines Stoffes wird der Roman dramatisiert. Bei erkannter und von jedem
Dichter neu erfahrener Unmöglichkeit dieses Beginnens wird der in seiner
Vielhandlichkeit störende Stoff zur, erst unwahren, dann vollständig
inhaltslosen Unterlage des modernen Bühnenstückes, d. h. des
Schauspieles, welches wiederum nur dem modernen Theatervirtuosen zur Unterlage
dient, herabgedrückt. Von diesem Schauspiel wendet sich der Dichter, sobald er
seines Versinkens in die Kulissenroutine gewahr wird, zur ungestörten
Darstellung des Stoffes im Romane zurück; die vergebens von ihm
erstrebte vollendete dramatische Form läßt er sich aber als etwas gänzlich
Fremdes durch die tatsächliche Aufführung des wirklichen griechischen Dramas
vorführen. In der Literatur-Lyrik bekämpft, verspottet – beklagt und
beweint er aber endlich den Widerspruch unserer Lebenszustände, der ihm für die
Kunst als Widerspruch zwischen Stoff und Form, für das Leben als Widerspruch
zwischen Mensch und Natur erscheint.
Merkwürdig
ist es, daß die neueste Zeit diesen tiefen, unversöhnbaren Widerspruch
kunstgeschichtlich mit einer Augenfälligkeit dargetan hat, daß eine
Forterhaltung des Irrtumes in bezug auf ihn jedem nur Halbhellblickenden
unmöglich erscheinen muß. Während der Roman überall, und namentlich bei den
Franzosen, nach letztem phantastischen Ausmalen der Historie sich auf die
nackteste Darstellung des Lebens der Gegenwart warf, dieses Leben bei seiner
lasterhaftesten sozialen Grundlage erfaßte und, bei vollendeter Unschönheit als
Kunstwerk, das literarische Kunstwerk des Romanes selbst zur revolutionären
Waffe gegen diese soziale Grundlage schuf – während der Roman, sage ich, zum
Aufruf an die revolutionäre Kraft des Volkes wurde, die diese Lebensgrundlage
zerstören soll –, vermochte ein geistvoller Dichter, der als schaffender
Künstler nie die Fähigkeit gefunden hatte, irgendwelchen Stoff für das
wirkliche Drama zu bewältigen, einen absoluten Fürsten zu dem Befehl an seinen
Theaterintendanten, ihm eine wirkliche griechische Tragödie mit
antiquarischer Treue aufführen zu lassen, wozu ein berühmter Komponist die
nötige Musik anfertigen mußte. Dieses Sophokleische Drama erwies sich
unserem Leben gegenüber als eine grobe künstlerische Notlüge: als eine Lüge,
welche die künstlerische Not hervorbrachte, um die Unwahrheit unseres ganzen
Kunstwesens zu bemänteln; als eine Lüge, welche die wahre Not unserer Zeit
unter allerhand künstlerischem Vorwande hinwegzuleugnen suchte. Aber eine
bestimmte Wahrheit mußte uns diese Tragödie enthüllen, nämlich die: daß wir
kein Drama haben und kein Drama haben können; daß unser Literatur-Drama vom
wirklichen Drama gerade so weit entfernt steht als das Klavier vom symphonischen
Gesang menschlicher Stimmen; daß wir im modernen Drama nur durch die
ausgedachteste Vermittelung literarischer Mechanik zur Hervorbringung von
Dichtkunst wie auf dem Klaviere durch komplizierteste Vermittelung der
technischen Mechanik zur Hervorbringung von Musik gelangen können – das heißt
aber – einer seelenlosen Dichtkunst, einer tonlosen Musik. –
Mit
diesem Drama hat allerdings die wahre Musik, das liebende Weib, nichts
zu schaffen. Die Kokette kann sich diesem spröden Manne nahen, um ihn in die
Netze ihrer Gefallsucht zu verstricken; die Prüde kann sich an den Impotenten
anschließen, um sich mit ihm in Gottseligkeit zu ergehen; die Buhlerin läßt
sich von ihm bezahlen und verlacht ihn: das wahrhaft liebessehnsüchtige Weib
wendet sich aber ungerührt von ihm ab! –
Wollen
wir nun näher erforschen, was dieses Drama impotent machte, so haben wir
den Stoff genau zu ergründen, von dem es sich ernährte. Dieser Stoff
war, wie wir ersahen, der Roman, und auf das Wesen des Romanes müssen
wir daher nun bestimmter eingehen.
Der
Mensch ist auf zwiefache Weise Dichter: in der Anschauung und in der Mitteilung.
Die
natürliche Dichtungsgabe ist die Fähigkeit, die seinen Sinnen von außen
sich kundgebenden Erscheinungen zu einem inneren Bilde von ihnen sich zu
verdichten; die künstlerische, dieses Bild nach außen wieder
mitzuteilen.
Wie
das Auge die entfernter liegenden Gegenstände nur in immer verengtem Maßstabe
aufzunehmen vermag, kann auch das Gehirn des Menschen, der Ausgangspunkt des
Auges nach innen, an dessen durch den ganzen inneren Lebensorganismus bedingte
Tätigkeit dieses die aufgenommenen äußeren Erscheinungen mitteilt, zunächst sie
nur nach dem verjüngten Maße der menschlichen Individualität erfassen. In
diesem Maße vermag aber die Tätigkeit des Gehirnes die ihm zugeführten, nun von
ihrer Naturwirklichkeit losgelösten Erscheinungen zu den umfassendsten neuen
Bildern zu gestalten, wie sie aus dem doppelten Bemühen, sie zu sichten oder im
Zusammenhange sich vorzuführen, entstehen, und diese Tätigkeit des Gehirnes
nennen wir Phantasie.
Das
unbewußte Streben der Phantasie geht nun dahin, des wirklichen Maßes der
Erscheinungen innezuwerden, und dies treibt sie zur Mitteilung ihres Bildes
wieder nach außen, indem sie ihr Bild, um es der Wirklichkeit zu vergleichen,
dieser gewissermaßen anzupassen sucht. Die Mitteilung nach außen vermag aber
nur auf künstlerisch vermitteltem Wege vor sich zu gehen; die Sinne, welche die
äußeren Erscheinungen unwillkürlich aufnahmen, bedingen, zur Mitteilung des Phantasiebildes
wiederum an sie, die Abrichtung und Verwendung des organischen
Äußerungsvermögens des Menschen, der sich verständlich an diese Sinne mitteilen
will. Vollkommen verständlich wird das Phantasiebild in seiner Äußerung nur,
wenn es sich in eben dem Maße wieder an die Sinne mitteilt, in welchem diesen
die Erscheinungen ursprünglich sich kundtaten, und an der seinem Verlangen
endlich entsprechenden Wirkung seiner Mitteilung wird der Mensch erst des
richtigen Maßes der Erscheinungen insoweit inne, als er dies als das Maß
erkennt, in welchem die Erscheinungen dem Menschen überhaupt sich mitteilen.
Niemand kann sich verständlich mitteilen als an die, welche die Erscheinungen
in dem gleichen Maße mit ihm sehen: dieses Maß ist aber für die Mitteilung das
verdichtete Bild der Erscheinungen selbst, in welchem diese sich den Menschen
erkenntlich darstellen. Dieses Maß muß daher auf einer gemeinsamen Anschauung
beruhen, denn nur was dieser gemeinsamen Anschauung erkenntlich ist, läßt sich
ihr künstlerisch wiederum mitteilen: ein Mensch, dessen Anschauung nicht die
gemeinsame ist, kann sich auch nicht künstlerisch kundgeben. – Nur in einem
beschränkten Maße innerer Anschauung vom Wesen der Erscheinungen hat sich seit
Menschengedenken bisher der künstlerische Mitteilungstrieb bis zur Fähigkeit
überzeugendster Darstellung an die Sinne ausbilden können: nur der griechischen
Weltanschauung konnte bis heute noch das wirkliche Kunstwerk des Dramas
entblühen. Der Stoff dieses Dramas war aber der Mythos, und aus seinem
Wesen können wir allein das höchste griechische Kunstwerk und seine uns
berückende Form begreifen.
Im
Mythos erfaßt die gemeinsame Dichtungskraft des Volkes die Erscheinungen
gerade nur noch so, wie sie das leibliche Auge zu sehen vermag, nicht wie sie
an sich wirklich sind. Die große Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, deren
wirklichen Zusammenhang der Mensch noch nicht zu fassen vermag, macht auf ihn
zunächst den Eindruck der Unruhe: um diese Unruhe zu überwinden, sucht er nach
einem Zusammenhange der Erscheinungen, den er als ihre Ursache zu begreifen
vermöge: den wirklichen Zusammenhang findet aber nur der Verstand, der die
Erscheinungen nach ihrer Wirklichkeit erfaßt; der Zusammenhang, den der Mensch
auffindet, der die Erscheinungen nur noch nach den unmittelbarsten Eindrücken
auf ihn zu erfassen vermag, kann aber bloß das Werk der Phantasie und die ihnen
untergelegte Ursache eine Geburt der dichterischen Einbildungskraft sein. Gott
und Götter sind die ersten Schöpfungen der menschlichen Dichtungskraft: in
ihnen stellt sich der Mensch das Wesen der natürlichen Erscheinungen als von
einer Ursache hergeleitet dar; als diese Ursache begreift er aber unwillkürlich
nichts anderes als sein eigenes menschliches Wesen, in welchem diese gedichtete
Ursache auch einzig nur begründet ist. Geht nun der Drang des Menschen, der die
innere Unruhe vor der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen bewältigen will,
dahin, die gedichtete Ursache derselben sich so deutlich wie möglich
darzustellen – da er Beruhigung nur durch dieselben Sinne wiederum zu gewinnen
vermag, durch die auf sein Inneres beunruhigend gewirkt wurde –, so muß er
den Gott sich auch in derjenigen Gestalt vorführen, die nicht nur dem Wesen
seiner rein menschlichen Anschauung am bestimmtesten entspricht, sondern auch
als äußerliche Gestalt ihm die verständlichste ist. Alles Verständnis kommt uns
nur durch die Liebe, und am unwillkürlichsten wird der Mensch zu den Wesen
seiner eigenen Gattung gedrängt. Wie ihm die menschliche Gestalt die
begreiflichste ist, so wird ihm auch das Wesen der natürlichen Erscheinungen,
die er nach ihrer Wirklichkeit noch nicht erkennt, nur durch Verdichtung zur
menschlichen Gestalt begreiflich. Aller Gestaltungstrieb des Volkes geht im
Mythos somit dahin, den weitesten Zusammenhang der mannigfaltigsten
Erscheinungen in gedrängtester Gestalt sich zu versinnlichen: diese zunächst
nur von der Phantasie gebildete Gestalt gebart sich, je deutlicher sie werden
soll, ganz nach menschlicher Eigenschaft, trotzdem ihr Inhalt in Wahrheit ein
übermenschlicher und übernatürlicher ist, nämlich diejenige zusammenwirkende
vielmenschliche oder allnatürliche Kraft und Fähigkeit, die, als nur im
Zusammenhange des Wirkens menschlicher und natürlicher Kräfte im
Allgemeinen gefaßt, allerdings menschlich und natürlich ist, gerade aber
dadurch übermenschlich und übernatürlich erscheint, daß sie der eingebildeten
Gestalt eines menschlich dargestellten Individuums zugeschrieben wird.
Durch die Fähigkeit, so durch seine Einbildungskraft alle nur denkbaren
Realitäten und Wirklichkeiten nach weitestem Umfange in gedrängter, deutlicher
plastischer Gestaltung sich vorzuführen, wird das Volk im Mythos daher zum
Schöpfer der Kunst; denn künstlerischen Gehalt und Form müssen notwendig diese
Gestalten gewinnen, wenn, wie es wiederum ihre Eigentümlichkeit ist, sie nur
dem Verlangen nach faßbarer Darstellung der Erscheinungen, somit dem
sehnsüchtigen Wunsche, sich und sein eigenstes Wesen – dieses gottschöpferische
Wesen – selbst in dem dargestellten Gegenstande wiederzuerkennen, ja überhaupt
erst zu erkennen, entsprungen sind. Die Kunst ist ihrer Bedeutung nach nichts
anderes als die Erfüllung des Verlangens, in einem dargestellten bewunderten
oder geliebten Gegenstande sich selbst zu erkennen, sich in den durch ihre
Darstellung bewältigten Erscheinungen der Außenwelt wiederzufinden. Der
Künstler sagt sich in dem von ihm dargestellten Gegenstande: »So bist du, so
fühlst und denkst du, und so würdest du handeln, wenn du, frei von der
zwingenden Unwillkür der äußeren Lebenseindrücke, nach der Wahl deines Wunsches
handeln könntest.« So stellte das Volk im Mythos sich Gott, so den Helden
und so endlich den Menschen dar. –
Die
griechische Tragödie ist die künstlerische Verwirklichung des Inhaltes und des
Geistes des griechischen Mythos. Wie in diesem Mythos der weitverzweigteste
Umfang der Erscheinungen zu immer dichterer Gestalt zusammengedrängt wurde, so
führte das Drama diese Gestalt wieder in dichtester, gedrängtester Form vor.
Die gemeinsame Anschauung vom Wesen der Erscheinungen, die im Mythos sich aus
der Natur-Anschauung zur menschlich-sittlichen verdichtete, tritt hier, in
bestimmtester, verdeutlichendster Form an die universellste Empfängniskraft des
Menschen sich kundgebend, als Kunstwerk aus der Phantasie in die Wirklichkeit ein.
Wie im Drama die zuvor im Mythos immer nur noch gedachten Gestalten in wirklich
leiblicher Darstellung durch Menschen vorgeführt wurden, so drängte auch die
wirklich dargestellte Handlung, ganz dem Wesen des Mythos entsprechend, sich zu
plastischer Dichtheit zusammen. Wird die Gesinnung eines Menschen nur in seiner
Handlung uns überzeugend offenbar, und besteht der Charakter eines Menschen
eben in der vollkommenen Übereinstimmung seiner Gesinnung mit seiner Handlung,
so wird diese Handlung, und somit die ihr zugrundeliegende Gesinnung – ganz im
Sinne des Mythos auch – erst dadurch bedeutungsvoll und einem umfangreichen
Inhalte entsprechend, daß auch sie in vollster Gedrängtheit sich kundgibt. Eine
Handlung, die aus vielen Teilen besteht, ist entweder, wenn alle diese Teile
von inhaltsvoller, entscheidender Wichtigkeit sind, eine übertriebene,
ausschweifende und unverständliche oder, wenn diese Teile nur Anfänge und
Absätze von Handlungen enthalten, eine kleinliche, willkürliche und
inhaltslose. Der Inhalt einer Handlung ist die ihr zugrundeliegende Gesinnung;
soll diese Gesinnung eine große, umfangreiche, das Wesen des Menschen nach
irgendeiner bestimmten Richtung hin erschöpfende sein, so bedingt sie auch die
Handlung als eine entscheidende, einzige und unteilbare, denn nur in einer
solchen Handlung wird eine große Gesinnung uns offenbar. Der Inhalt des
griechischen Mythos war seiner Natur nach von dieser umfangreichen, aber
dichtgedrängten Beschaffenheit, und in der Tragödie äußerte sich dieser mit
vollster Bestimmtheit auch als diese eine, notwendige und entscheidende
Handlung. Diese eine Handlung in ihrer wichtigsten Bedeutung aus der Gesinnung
der Handelnden vollkommen gerechtfertigt hervorgehen zu lassen, das war die
Aufgabe des tragischen Dichters; die Notwendigkeit der Handlung aus der
dargelegten Wahrheit der Gesinnung zum Verständnisse zu bringen, darin bestand
die Lösung seiner Aufgabe. Die einheitvolle Form seines Kunstwerkes war ihm
aber in dem Gerüste des Mythos vorgezeichnet, das er zum lebenvollen Baue nur
auszuführen, keinesweges aber um eines willkürlich erdachten künstlerischen
Baues willen zu zerbröckeln und neu zusammenzufügen hatte. Der tragische
Dichter teilte den Inhalt und das Wesen des Mythos nur am überzeugendsten und
verständlichsten mit, und die Tragödie ist nichts anderes als die künstlerische
Vollendung des Mythos selbst, der Mythos aber das Gedicht einer gemeinsamen
Lebensanschauung.
Suchen
wir uns nun deutlich zu machen, welches die Lebensanschauung der modernen Welt
ist, die im Roman ihren künstlerischen Ausdruck gefunden hat. –
Sobald
der reflektierende Verstand von der eingebildeten Gestalt absah und nach der
Wirklichkeit der Erscheinungen forschte, die in ihr zusammengefaßt waren,
gewahrte er zunächst da, wo die dichterische Anschauung ein Ganzes sah, eine
immer wachsende Vielheit von Einzelnheiten. Die anatomische Wissenschaft begann
ihr Werk und verfolgte den ganz entgegengesetzten Weg der Volksdichtung: wo
diese unwillkürlich verband, trennte jene absichtlich; wo diese den
Zusammenhang sich darstellen wollte, trachtete jene nur nach genauestem
Erkennen der Teile; und so mußte Schritt für Schritt jede Volksanschauung
vernichtet, als abergläubisch überwunden, als kindisch verlacht werden. Die
Naturanschauung des Volkes ist in Physik und Chemie, seine Religion in
Theologie und Philosophie, sein Gemeindestaat in Politik und Diplomatie, seine
Kunst in Wissenschaft und Ästhetik, sein Mythos aber in die geschichtliche
Chronik aufgegangen. –
Auch
die neue Welt gewann ihre gestaltende Kraft aus dem Mythos; aus der Begegnung
und Mischung zweier Hauptmythenkreise, die nie sich vollständig durchdringen
und zu plastischer Einheit sich erheben konnten, ging der mittelalterliche
Roman hervor.
Im
christlichen Mythos war das, worauf der Grieche alle äußeren
Erscheinungen bezog und was er daher zum sicher gestalteten Vereinigungspunkt
aller Natur- und Weltanschauungen gemacht hatte – der Mensch, das von
vornherein Unbegreifliche, sich selbst Fremde geworden. Der Grieche war von
außen, durch den Vergleich der äußeren Erscheinungen mit dem Menschen, zum
Menschen gekommen: in seiner Gestalt, in seinen unwillkürlich gebildeten
sittlichen Begriffen, fand er, vom Schweifen in den Weiten der Natur
zurückkehrend, Maß und Beruhigung. Dieses Maß war aber ein eingebildetes und
nur künstlerisch verwirklichtes: mit dem Versuche, im Staate es absichtlich zu
realisieren, deckte sich der Widerspruch jenes eingebildeten Maßes mit der
Wirklichkeit der realen menschlichen Unwillkür insoweit auf, als Staat und Individuum
sich nur durch offenbarste Übertretung jenes eingebildeten Maßes zu erhalten
suchen mußten. Als die natürliche Sitte zum willkürlich vertragenen Gesetz, die
Stammesgemeinschaft zum willkürlich konstruierten politischen Staate geworden
waren, lehnte nun gegen Gesetz und Staat sich wieder der unwillkürliche
Lebenstrieb des Menschen mit dem vollen Anscheine der egoistischen Willkür auf.
In dem Zwiespalte zwischen dem, was der Mensch für gut und recht erkannte, wie
Gesetz und Staat, und dem, wozu sein Glückseligkeitstrieb ihn drängte – der
individuellen Freiheit, mußte der Mensch sich endlich unbegreiflich vorkommen,
und dieses Irresein an sich war der Ausgangspunkt des christlichen Mythos. In
diesem schritt der, der Aussöhnung mit sich bedürftige, individuelle
Mensch bis zur ersehnten, im Glauben aber verwirklicht gedachten Erlösung in
einem außerweltlichen Wesen vor, in welchem Gesetz und Staat insoweit
vernichtet waren, als sie in seinem unerforschlichen Willen mit inbegriffen
gedacht wurden. Die Natur, aus welcher der Grieche bis zum deutlichen Erfassen
des Menschen gelangt war, hatte der Christ gänzlich zu übersehen: galt ihm als
ihre höchste Spitze der in sich uneinige, erlösungsbedürftige Mensch, so konnte
sie ihm nur noch uneiniger und an sich verdammungswürdiger erscheinen. Die
Wissenschaft, welche die Natur in ihre Teile zerlegte, ohne das wirkliche Band
dieser Teile noch zu finden, konnte die christliche Ansicht von der Natur nur
unterstützen.
Körperliche
Gestalt gewann der christliche Mythos aber an einem persönlichen Menschen, der
um des Verbrechens an Gesetz und Staat willen den Martertod erlitt, in der
Unterwerfung unter die Strafe Gesetz und Staat als äußerliche Notwendigkeiten
rechtfertigte, durch seinen freiwilligen Tod zugleich aber auch Gesetz und
Staat zugunsten einer inneren Notwendigkeit, der Befreiung des Individuums
durch Erlösung in Gott aufhob. Die hinreißende Gewalt des christlichen Mythos
auf das Gemüt besteht in der von ihm dargestellten Verklärung durch den Tod.
Der gebrochene, todesberauschte Blick eines geliebten Sterbenden, der, zur
Erkennung der Wirklichkeit bereits unvermögend, uns mit dem letzten Leuchten
seines Glanzes noch einmal berührt, übt einen Eindruck der herzbewältigendsten
Wehmut auf uns aus; dieser Blick ist aber begleitet von dem Lächeln der
bleichen Wangen und Lippen, das, an sich nur dem Wohlgefühle des endlich
überstandenen Todesschmerzes im Augenblicke der eintretenden vollständigen
Auflösung entsprungen, auf uns den Eindruck vorausempfundener überirdischer Seligkeit
macht, die eben nur durch Ersterben des leiblichen Menschen gewonnen werden
könne. So, wie wir ihn in seinem Verscheiden sahen, steht der Hingeschiedene
nun vor dem Blicke unserer Erinnerung: alle Willkürlichkeit und Unbestimmtheit
seiner sinnlichen Lebensäußerung nimmt unser Gedenken von seinem Bilde fort;
den nur noch Gedachten sieht unser geistiges Auge, der Blick der gedenkenden
Minne, in dem sanftdämmernden Scheine leidenloser, süßruhiger Glückseligkeit.
So gilt uns der Augenblick des Todes als der der wirklichen Erlösung in Gott,
denn durch sein Sterben ist der Geliebte, in unserem Gedenken an ihn, von der
Empfindung des Lebens geschieden, deren Wonnen wir, in der Sehnsucht nach
eingebildeten größeren Wonnen, uneingedenk sind, deren Schmerzen wir aber,
namentlich aber auch in dem Verlangen nach dem verklärten Seligen, einzig als
das Wesen der Empfindung des Lebens festhalten.
Dieses
Sterben, und die Sehnsucht nach ihm, ist der einzige wahre Inhalt der
aus dem christlichen Mythos hervorgegangenen Kunst: er äußert sich als Scheu,
Ekel und Flucht vor dem wirklichen Leben, und als Verlangen nach dem Tode. Der
Tod galt dem Griechen nicht nur als eine natürliche, sondern auch sittliche
Notwendigkeit, aber nur dem Leben gegenüber, welches an sich der
wirkliche Gegenstand auch aller Kunstanschauung war. Das Leben bedang aus sich,
aus seiner Wirklichkeit und unwillkürlichen Notwendigkeit, den tragischen Tod,
der an sich nichts anderes war als der Abschluß eines durch Entwickelung
vollster Individualität erfüllten, für die Geltendmachung dieser Individualität
aufgewendeten Lebens. Dem Christen war aber der Tod an sich der
Gegenstand – das Leben erhielt für ihn nur Weihe und Rechtfertigung als
Vorbereitung auf den Tod, als Verlangen nach dem Sterben. Die bewußte, mit
aller Kraft des Willens ausgeführte Abstreifung des sinnlichen Leibes, die
absichtliche Vernichtung des wirklichen Daseins, war der Gegenstand der
christlichen Kunst, der somit stets nur geschildert, beschrieben, nie aber, und
am allerwenigsten im Drama, dargestellt werden konnte. Das entscheidende
Element des Dramas ist die künstlerisch verwirklichte Bewegung eines scharf
bestimmten Inhaltes: eine Bewegung kann unsere Teilnahme aber nur fesseln, wenn
sie zunimmt; eine abnehmende Bewegung schwächt und zerstreut unsere Teilnahme –
außer da, wo sich in ihr eine notwendige Beruhigung vorübergehend ausdrückt. Im
griechischen Drama wächst die Bewegung vom Beginne an zu immer beschleunigterem
Laufe, bis zum erhabenen Sturme der Katastrophe; das ungemischte, wahrhaftige
christliche Drama müßte mit dem Sturme des Lebens beginnen, um die Bewegung zum
schwärmerischen Ersterben abzuschwächen. Die Passionsspiele des Mittelalters
stellten die Leidensgeschichte Jesus' in der Form wechselnder, leidlich ausgeführter
Bilder dar: das wichtigste und ergreifendste dieser Bilder führte Jesus am
Kreuze hängend vor: Hymnen und Psalmen wurden während dieser Ausstellung
gesungen. – Die Legende, dieser christliche Roman, vermochte einzig den
christlichen Stoff zur anziehenden Darstellung zu bringen, weil sie – wie es
bei diesem Stoffe einzig möglich war – nur an die Phantasie, nicht aber an die
sinnliche Anschauung sich wandte. Nur der Musik war es vorbehalten, diesen
Stoff auch durch äußere, sinnlich wahrnehmbare Bewegung darzustellen, jedoch
nur dadurch, daß sie ihn gänzlich zum bloßen Gefühlsmomente auflöste, zur
Farbenmischung ohne Zeichnung, die in der farbigen Zerflossenheit der Harmonie
so erlosch, wie der Sterbende aus der Wirklichkeit des Lebens zerfließt. –
Der
zweite, dem christlichen Mythos entgegengesetzte, auf die Anschauung und die
Kunstgestaltung der neuen Zeit entscheidend einwirkende Mythenkreis ist die heimische
Sage der neueren europäischen, vor allem aber der deutschen Völker.
Der
Mythos dieser Völker wuchs, wie der der hellenischen, aus der Naturanschauung
zur Bildung von Göttern und Helden. In einer Sage – der Siegfriedssage –
vermögen wir jetzt mit ziemlicher Deutlichkeit bis auf ihren ursprünglichen
Keim zu blicken, der uns nicht wenig über das Wesen des Mythos überhaupt
belehrt. Wir sehen hier natürliche Erscheinungen, wie die des Tages und der
Nacht, des Auf- und Unterganges der Sonne, durch die Phantasie zu handelnden
und um ihrer Tat willen verehrten oder gefürchteten Persönlichkeiten verdichtet,
die aus menschlich gedachten Göttern endlich zu wirklich vermenschlichten
Helden umgeschaffen wurden, die einst wirklich gelebt haben sollten, und von
denen die lebenden Geschlechter und Stämme sich leiblich entsprossen rühmten.
Der Mythos reichte so, maßgebend und gestaltend, Ansprüche rechtfertigend und
zu Taten beteuernd, in das wirkliche Leben hinein, wo er als religiöser Glaube
nicht nur gepflegt wurde, sondern als betätigte Religion selbst sich kundgab.
Ein unermeßlicher Reichtum verehrter Vorfälle und Handlungen füllte diesen, zur
Heldensage gestalteten, religiösen Mythos an: so mannigfaltig diese gedichteten
und besungenen Handlungen aber auch sich geben mochten, so erschienen sie doch
alle nur als Variationen eines gewissen, sehr bestimmten Typus von
Begebenheiten, den wir bei gründlicher Forschung auf eine einfache religiöse
Vorstellung zurückzuführen vermögen. In dieser religiösen, der Naturanschauung
entnommenen Vorstellung hatten, bei ungetrübter Entwickelung des eigentümlichen
Mythos, die buntesten Äußerungen. der unendlich verzweigten Sage ihren immer
nährenden Ausgangsquell: mochten die Gestaltungen der Sage bei den vielfachen
Geschlechtern und Stämmen sich aus wirklichen Erlebnissen immer neu bereichern,
so geschah die dichterische Gestaltung des neu Erlebten doch unwillkürlich
immer nur in der Weise, wie sie der dichterischen Anschauung einmal zu eigen
war, und diese wurzelte tief in derselben religiösen Naturanschauung, die einst
den Urmythos erzeugt hatte.
Die
dichterisch gestaltende Kraft dieser Völker war also ebenfalls eine religiöse,
unbewußt gemeinsame, in der Uranschauung vom Wesen der Dinge wurzelnde. An
diese Wurzel legte nun aber das Christentum die Hand: dem ungeheuren
Reichtume der Zweige und Blätter des germanischen Volksbaumes vermochte der
fromme Bekehrungseifer der Christen nicht beizukommen, aber die Wurzel suchte
er auszurotten, mit der er in den Boden des Daseins gewachsen war. Den
religiösen Glauben, die Grundanschauung vom Wesen der Natur, hob das
Christentum auf und verdrängte ihn durch einen neuen Glauben, durch eine neue
Anschauungsweise, die den alten schnurgerade entgegengesetzt waren. Vermochte
es nun auch nie den alten Glauben vollständig auszurotten, so nahm es ihm doch
wenigstens seine üppig zeugende künstlerische Kraft: was aber dieser Kraft
bisher entwachsen war, die unermeßlich reich gestaltete Sage, dies blieb nun,
als von dem Stamme und der Wurzel losgelöstes Geäst, die fortan aus ihrem Keime
selbst ungenährte, das Volk selbst nur noch kümmerlich nährende Frucht. Wo
zuvor in der religiösen Volksanschauung der einheitlich bindende Haft für alle
noch so mannigfaltigen Gestaltungen der Sage gelegen hatte, konnte nun, nach
Zertrümmerung dieses Haftes, nur noch ein loses Gewirr bunter Gestalten
übrigbleiben, das halt- und bandlos in der nur noch unterhaltungssüchtigen,
nicht mehr aber schöpferischen Phantasie herumschwirrte. Der zeugungsunfähig
gewordene Mythos zersetzte sich in seine einzelnen, fertigen Bestandteile,
seine Einheit in tausendfache Vielheit, der Kern seiner Handlung in ein Unmaß
von Handlungen. Diese Handlungen, an sich nur Individualisierungen einer großen
Urhandlung, gleichsam persönliche Variationen derselben, dem Wesen des
Volkes als dessen Äußerung notwendigen, Handlung – wurden wiederum in
der Weise zersplittert und entstellt, daß sie nach willkürlichem Belieben in
ihren einzelnen Teilen wieder zusammengesetzt und verwendet werden konnten, um
den rastlosen Trieb einer Phantasie zu nähren, die – innerlich gelähmt und der
nach außen gestaltenden Fähigkeit beraubt – nur auch Äußerliches noch
verschlingen, nicht Innerliches mehr von sich geben konnte. Die Zersplitterung
und das Ersterben des deutschen Epos, wie es uns in den widerlichen
Gestaltungen des »Heldenbuches« vorliegt, zeigt sich uns in einer ungeheuren
Masse von Handlungen, die um so größer anschwillt, als jeder eigentliche Inhalt
ihnen verlorengeht. –
Diesem
Mythos, für den dem Volke durch die Annahme des Christentums alles wahre
Verständnis seiner ursprünglichen, lebenvollen Beziehungen vollständig
verlorenging, ward, als das Leben seines einheitvollen Leibes durch den Tod
sich in das Vielleben von Myriaden märchenhafter Würmer aufgelöst hatte, die christlich-religiöse
Anschauung wie zu neuer Belebung untergelegt. Diese Anschauung konnte nach
ihrer innersten Eigentümlichkeit eigentlich nur diesen Tod des Mythos
beleuchten und mit mystischer Verklärung ausschmücken: sie rechtfertigte seinen
Tod gewissermaßen, indem sie all jene massenhaften und bunt sich
durchkreuzenden Handlungen, die an sich nicht aus einer noch begriffenen und
dem Volke eigenen Gesinnung erklärt und gerechtfertigt werden konnten, in ihrer
launenhaften Willkür sich darstellte, und, da sie ihre rechtfertigenden
Beweggründe nicht zu fassen vermochte, sie nach dem christlichen Tode, als dem
erlösenden Ausgangspunkte hinleitete. Der christliche Ritterroman, der
hierin den getreuen Ausdruck des mittelalterlichen Lebens gibt, beginnt mit dem
viellebigen Leichenreste des alten Heldenmythos, mit einer Menge von
Handlungen, deren wahre Gesinnung uns unbegreiflich und willkürlich erscheint,
weil ihre Motive, die in einer ganz anderen als der christlichen
Lebensanschauung beruhen, dem Dichter verlorengegangen sind: die Zwecklosigkeit
und Unbefugtheit dieser Handlungen durch sich selbst darzustellen, und aus
ihnen für das unwillkürliche Gefühl der Notwendigkeit des Unterganges der
Handelnden – sei es durch aufrichtige Annahme der christlichen, zur
Beschaulichkeit und Untätigkeit auffordernden Lebensregeln oder durch die
äußerste Betätigung der christlichen Anschauung, den Märtyrertod selbst zu
rechtfertigen –, dies war die natürliche Richtung und Aufgabe des
geistlichen Rittergedichtes. –
Der
ursprüngliche Handlungsstoff des heidnischen Mythos hatte sich aber bereits
auch zur ausschweifendsten Mannigfaltigkeit durch die Mischung aller
nationalen, ähnlich dem germanischen von ihrer Wurzel abgelösten, Sagenstoffe
bereichert. Durch das Christentum waren alle Völker, die sich zu ihm bekannten,
von dem Boden ihrer natürlichen Anschauungsweise losgerissen und die ihr
entsprossenen Dichtungen zu Gaukelbildern für die fessellose Phantasie
umgeschaffen worden. In den Kreuzzügen hatte Abend- und Morgenland bei
massenhafter Berührung diese Stoffe ausgetauscht und ihre Vielartigkeit bis in
das Ungeheure ausgedehnt. Begriff früher im Mythos das Volk nur das Heimische,
so suchte es jetzt, wo ihm das Verständnis des Heimischen verlorengegangen war,
Ersatz durch immer neues Fremdartiges. Mit Heißhunger verschlang es
alles Ausländische und Ungewohnte: seine nahrungswütige Phantasie erschöpfte
alle Möglichkeiten der menschlichen Einbildungskraft, um sie in unerhört bunten
Abenteuern zu verprassen. – Diesen Trieb vermochte die christliche Anschauung
endlich nicht mehr zu lenken, obschon sie ihn selbst im Grunde erzeugt hatte,
da er ursprünglich nichts anderes war als der Drang, vor der unverstandenen
Wirklichkeit zu fliehen, um in einer eingebildeten Welt sich zu befriedigen.
Diese eingebildete Welt mußte, bei noch so großer Ausschweifung der Phantasie,
ihr Urbild aber doch immer nur den Erscheinungen der wirklichen Welt entnehmen:
die Einbildungskraft konnte endlich wieder nur wie im Mythos verfahren: sie
drängte alle ihr begreiflichen Realitäten der wirklichen Welt zu gedichteten
Bildern zusammen, in denen sie das Wesen von Totalitären individualisierte und
dadurch sie zu ungeheuerlichen Wundern ausstattete. Auch dieser Drang der
Phantasie ging in Wahrheit, wie im Mythos, wiederum nur zur Auffindung der
Wirklichkeit, und zwar der Wirklichkeit einer ungeheuer ausgedehnten Außenwelt
hin, und seine Betätigung in diesem Sinne blieb nicht aus. Der Drang nach
Abenteuern, in denen man das Phantasiebild sich zu verwirklichen sehnte,
verdichtete sich endlich zum Drange nach Unternehmungen, in denen, nach
tausendfältig erfahrener Fruchtlosigkeit des Abenteuers, das ersehnte Ziel der
Erkennung der Außenwelt, im Genusse der Frucht wirklicher Erfahrungen, mit
ernstem, auf die bestimmte Erreichung gerichtetem Eifer aufgesucht wurde.
Kühne, in bewußter Absicht unternommene Entdeckungsreisen und tiefe, auf ihre
Ergebnisse begründete Forschungen der Wissenschaft enthüllten uns endlich die
Welt, wie sie in Wirklichkeit ist. – Durch diese Erkenntnis ward der Roman des
Mittelalters vernichtet, und der Schilderung eingebildeter Erscheinungen
folgte die Schilderung ihrer Wirklichkeit.
Diese
Wirklichkeit war aber nur in den, für unsere Tätigkeit unnahbaren,
Erscheinungen der Natur eine von unseren Irrtümern unberührte,
unentstellte geblieben. An der Wirklichkeit des menschlichen Lebens hafteten
unsere Irrtümer aber mit dem entstellendsten Zwange. Auch sie zu überwinden,
und das Leben des Menschen nach der Notwendigkeit seiner individuellen und
sozialen Natur zu erkennen und endlich, weil es in unserer Macht steht, zu
gestalten, das ist der Trieb der Menschheit seit der nach außen von ihr
errungenen Fähigkeit, die Erscheinungen der Natur in ihrem Wesen zu erkennen;
denn aus dieser Erkenntnis haben wir das Maß für die Erkenntnis auch des Wesens
des Menschen gewonnen.
Die
christliche Anschauung, die den Drang der Menschen nach außen unwillkürlich
erzeugt hatte, aus sich aber ihn weder ernähren noch lenken konnte, hatte sich
dieser Erscheinung gegenüber in sich selbst zum starren Dogma zusammengezogen,
gleichsam um vor der ihr unbegreiflichen Erscheinung sich selbst zu retten.
Hier bekundete sich nun die eigentliche Schwäche und widerspruchvolle Natur
dieser Anschauung. Das wirkliche Leben und der Grund seiner Erscheinungen war
ihr von je etwas Unbegreifliches gewesen. Den Zwiespalt zwischen dem
Gesetzesstaat und der Unwillkür des individuellen Menschen hatte sie um so
weniger überwinden können, als in ihm einzig ihr Ursprung und Wesen wurzelte:
war der individuelle Mensch vollkommen mit der Gesellschaft versöhnt, ja – nahm
er aus ihr die vollste Befriedigung seines Glückseligkeitstriebes, so war auch
jede Notwendigkeit der christlichen Anschauung aufgehoben, das Christentum
selbst praktisch vernichtet. Wie ursprünglich im menschlichen Gemüte aus diesem
Zwiespalte aber diese Anschauung hervorgegangen war, so nährte das Christentum
als Welterscheinung sich auch lediglich von diesem fortgesetzten Zwiespalte,
und ihn absichtlich zu unterhalten mußte daher zur Lebensaufgabe der
Kirche werden, sobald sie einmal ihres Lebensquelles sich vollkommen bewußt
ward. –
Auch
die christliche Kirche hatte nach Einheit gerungen: alle Kundgebungen
des Lebens sollten in sie, als den Mittelpunkt des Lebens, auslaufen. Sie war
aber nicht ein Mittelpunkt, sondern ein Endpunkt des Lebens, denn das Geheimnis
des wahrsten christlichen Wesens war der Tod. Am anderen Endpunkte stand nun
aber der natürliche Quell des Lebens selbst, dessen der Tod eben nur durch
Vernichtung Herr zu werden vermag: die Gewalt, die dieses Leben aber ewig dem
christlichen Tode zuführte, war keine andere als der Staat selbst. Der
Staat war der eigentliche Lebensquell der christlichen Kirche; diese wütete
gegen sich selbst, als sie gegen den Staat kämpfte. Was die Kirche im
herrschsüchtigen, aber redlichen, mittelalterlichen Glaubenseifer
bestritt, war der Rest von altheidnischer Gesinnung, der sich in der
individuellen Selbstberechtigung der weltlichen Machthaber aussprach: sie
drängte diese Machthaber dadurch, daß sie ihnen die Nachsuchung ihrer
Berechtigung durch göttliche Bestätigung vermittelst der Kirche auferlegte,
aber gewaltsam zur Konsolidierung des absoluten, niet- und nagelfesten Staates
hin, wie als ob sie gefühlt hätte, solch ein Staat sei ihr zu ihrer eigenen
Existenz nötig. So mußte die christliche Kirche ihren eigenen Gegensatz, den Staat,
endlich selbst befestigen helfen, um in einer dualistischen Existenz ihre
eigene zu ermöglichen: sie ward selbst zu einer politischen Macht, weil sie
fühlte, daß sie nur in einer politischen Welt existieren könne. Die christliche
Anschauung, die in ihrem innersten Bewußtsein eigentlich den Staat aufhob, ist,
zur Kirche verdichtet, nicht nur zur Rechtfertigung des Staates geworden,
sondern sie hat sein die freie Individualität zwingendes Bestehen erst zu solch
drückender Fühlbarkeit gebracht, daß von nun an der nach außen geleitete Drang
der Menschheit sich auf die Befreiung von Kirche und Staat zugleich gerichtet
hat, wie zur letzten Verwirklichung der nach ihrem Wesen erschauten Natur der
Dinge auch im menschlichen Leben selbst.
Zunächst
aber war die Wirklichkeit des Lebens und seiner Erscheinungen selbst in der
Weise aufzufinden, wie die Wirklichkeit der natürlichen Erscheinungen durch
Entdeckungsreisen und wissenschaftliche Forschungen aufgefunden worden war. Der
bis jetzt dahin nach außen gerichtete Drang der Menschen kehrte nun zur
Wirklichkeit auch des sozialen Lebens zurück, und zwar mit um so größerem
Eifer, als sie, nach äußerster Flucht in aller Welt Enden, des Zwanges dieser
sozialen Zustände nie sich entledigen hatten können, sondern überall ihm
unterworfen geblieben waren. Das, vor dem man unwillkürlich geflohen war, und
dem man in Wahrheit doch nie entfliehen konnte, mußte endlich als in unseren
eigenen Herzen und in unserer unwillkürlichen Anschauung vom Wesen der
menschlichen Dinge so tief begründet erkannt werden, daß vor ihm eine bloße
Flucht nach außen unmöglich war. Aus den unendlichen Räumen der Natur
zurückkommend, wo wir die Einbildungen unserer Phantasie vom Wesen der Dinge
widerlegt gefunden hatten, suchten wir notgedrungen in einer klaren und
deutlichen Beschauung auch der menschlichen Zustände dieselbe Widerlegung für
eine eingebildete, unrichtige Ansicht von ihnen, aus der heraus wir selbst sie
so genährt und gestaltet haben mußten, als wir zuvor die Erscheinungen der
Natur aus unserer irrtümlichen Ansicht uns gestaltet hatten. Der erste und
wichtigste Schritt zur Erkenntnis bestand daher darin, die Erscheinungen des
Lebens nach ihrer Wirklichkeit zu erfassen, und zwar zunächst ohne alle
Beurteilung, sondern mit dem Bemühen, ihren Tatbestand und Zusammenhang uns so
ersichtlich und der Wahrheit entsprechend wie möglich vorzuführen. Solange
Seefahrer nach vorgefaßten Meinungen die zu entdeckenden Gegenstände sich
vorgestellt hatten, mußten sie durch die endlich erkannte Wirklichkeit sich
immer enttäuscht sehen; der Erforscher unserer Lebenszustände hielt sich daher
zu immer größerer Vorurteilslosigkeit an, um ihrem wirklichen Wesen desto
sicherer auf den Grund zu kommen. Die ungetrübteste Anschauungsweise der
nackten, unentstellten Wirklichkeit wird von nun an die Richtschnur des
Dichters: die Menschen und ihre Zustände wie sie sind, nicht wie man sie zuvor
sich einbildete, zu begreifen und darzustellen ist fortan die Aufgabe nicht
minder des Geschichtsschreibers als des Künstlers, der die Wirklichkeit des
Lebens im gedrängten Bilde sich vorführen will – und Shakespeare war der
unübertroffene Meister in dieser Kunst, die ihn die Gestalt seines Dramas
erfinden ließ. –
Aber
nicht im wirklichen Drama war, wie wir sahen, diese Wirklichkeit des Lebens
künstlerisch darzustellen, sondern nur im schildernden, beschreibenden Romane,
und zwar aus Gründen, über die uns diese Wirklichkeit einzig selbst belehren
kann.
Der
Mensch kann nur im Zusammenhange mit den Menschen überhaupt, mit seiner Umgebung,
begriffen werden: losgelöst aus diesem mußte gerade der moderne Mensch als
das Allerunbegreiflichste erscheinen. Der rastlose innere Zwiespalt dieses
Menschen, der zwischen Wollen und Können sich ein Chaos von marternden
Vorstellungen geschaffen hatte, die ihn zum Kampfe gegen sich selbst, zur
Selbstzernagung und zum leiblosen Aufgehen in den christlichen Tod getrieben
hatten – war nicht sowohl, wie das Christentum es versucht hatte, aus der Natur
des individuellen Menschen selbst, als aus der Verirrung dieser Natur, in
welche sie eine unverständnisvolle Anschauung des Wesens der Gesellschaft
gebracht hatte, zu erklären. Jene peinigenden Vorstellungen, welche diese
Anschauung trübten, mußten auf die ihnen zugrundeliegende Wirklichkeit
zurückgeführt werden, und als diese Wirklichkeit hatte der Forscher den wahren
Zustand der menschlichen Gesellschaft zu erkennen. Aber auch dieser Zustand, in
welchem tausendfache Berechtigungen durch millionenfache Rechtlosigkeiten sich
ernährten und der Mensch vom Menschen durch eingebildete, und nach der
Einbildung verwirklichte, unübersteigbare Schranken getrennt war, konnte nicht
aus sich selbst begriffen werden; er mußte aus den zu Rechten gewordenen
Überlieferungen der Geschichte, aus dem tatsächlichen Inhalte und endlich aus
dem Geiste der geschichtlichen Vorfälle, aus den Gesinnungen, die sie
hervorriefen, erklärt werden.
Als
solche geschichtliche Tatsachen häuften sich vor dem menschensuchenden Blicke
des Forschers eine so ungeheure Masse berichteter Vorgänge und Handlungen, daß
die überreiche Stoffülle des mittelalterlichen Romanes sich dagegen als nackte
Armut darstellte. Und dennoch war diese Masse, die bei näherer Betrachtung sich
zu immer vielgliedrigerer Verzweigung ausdehnte, von dem Forscher nach der Wirklichkeit
der menschlichen Zustände bis in die weitesten Fernen zu durchdringen, um aus
ihrem erdrückenden Wuste das Einzige, um das es sich solcher Mühe verlohnte,
den wirklichen unentstellten Menschen nach der Wahrheit seiner Natur zu
entdecken. Vor der unübersehbaren Fülle geschichtlicher Realitäten mußte der
Einzelne für seinen Forschungseifer sich Grenzen stecken: er mußte aus einem
größeren Zusammenhange, den er nur noch andeuten durfte, Momente losreißen, um
an ihnen mit größerer Genauigkeit einen engeren Zusammenhang nachzuweisen, ohne
welche jede geschichtliche Darstellung überhaupt unverständlich bleibt. Aber
auch in den engsten Grenzen ist dieser Zusammenhang, aus dem eine
geschichtliche Handlung einzig begreiflich ist, nur durch die umständlichste Vorführung
einer Umgebung zu ermöglichen, für die wir irgendwelche Teilnahme wiederum nur
empfinden können, wenn sie uns durch belebteste Schilderung zur Anschauung
gebracht wird. Der Forscher mußte durch die gefühlte Notwendigkeit dieser
Schilderung wieder zum Dichter werden: sein Verfahren konnte aber nur ein dem
des dramatischen Dichters geradezu entgegengesetztes sein. Der dramatische
Dichter drängt die Umgebung der handelnden Person zur leicht übersehbaren
Darstellung zusammen, um die Handlung dieser Person, die er ihrem Inhalte wie
ihrer Äußerung nach wiederum zu einer umfassenden Haupthandlung zusammendrängt,
aus der wesenhaften Gesinnung des Individuums hervorgehen, in ihr diese
Individualität sich zum Abschluß bringen zu lassen, und an ihr das Wesen des
Menschen nach einer bestimmten Richtung hin überhaupt darzustellen.
Der
Romandichter hingegen hat die Handlung der geschichtlichen Hauptperson aus der
äußeren Notwendigkeit der Umgebung begreiflich zu machen: er hat, um den
Eindruck geschichtlicher Wahrhaftigkeit auf uns zu bewirken, vor allem den
Charakter dieser Umgebung zum Verständnisse zu bringen, weil in ihr alle die
Anforderungen begründet liegen, die das Individuum bestimmen, so und gerade
nicht anders zu handeln. Im geschichtlichen Roman suchen wir uns den Menschen
begreiflich zu machen, den wir vom reinmenschlichen Standpunkte aus eben nicht
verstehen können. Wenn wir uns die Handlung eines geschichtlichen Menschen
nackt und bloß als rein menschliche vorstellen wollen, so muß sie uns höchst willkürlich,
ungereimt und jedenfalls unnatürlich erscheinen, eben weil wir die Gesinnung
dieser Handlung nicht aus der rein menschlichen Natur zu rechtfertigen
vermögen. Die Gesinnung einer geschichtlichen Person ist die Gesinnung dieses
Individuums aber nur insoweit, als sie aus einer gemeingültigen Ansicht vom
Wesen der Dinge sich auf ihn überträgt; diese gemeingültige Ansicht, die eine
reinmenschliche, jederzeit und an jedem Orte gültige nicht ist, findet
ihre Erklärung aber nur wieder in einem rein geschichtlichen Verhältnisse, das
sich im Laufe der Zeiten ändert und zu keiner Zeit dasselbe ist. Dieses
Verhältnis und seinen Wechsel können wir uns aber wiederum nur erklären, wenn
wir die ganze Kette geschichtlicher Vorfälle verfolgen, die in ihrem vielgliederigen
Zusammenhange auf ein einfacheres Geschichtsverhältnis so wirkten, daß es
gerade diese Gestalt annahm und gerade diese Gesinnung in ihr als
gemeingültige Ansicht sich kundgab. Das Individuum, in dessen Handlung diese
Gesinnung sich nun äußern soll, muß daher, um seine Gesinnung und Handlung uns
begreiflich zu machen, auf das allermindeste Maß individueller Freiheit
herabgedrückt werden: seine Gesinnung, soll sie erklärt werden, ist nur aus der
Gesinnung seiner Umgebung zu rechtfertigen, und diese wiederum kann sich uns
nur in Handlungen deutlich machen, die um so mehr den vollen Raum der
künstlerischen Darstellung zu erfüllen haben, als auch die Umgebung nur in
vielgliedrigster Verzweigung und Ausdehnung uns verständlich wird.
So
kann der Romandichter sich fast lediglich nur mit der Schilderung der Umgebung
beschäftigen, und um verständlich zu werden, muß er umständlich sein. Was der
Dramatiker für das Verständnis der Umgebung voraussetzt, darauf hat der
Romandichter sein ganzes Darstellungsvermögen zu verwenden; die gemeingültige
Anschauung, auf die der Dramatiker von vornherein fußt, hat der Romandichter im
Laufe seiner Darstellung erst künstlich zu entwickeln und festzustellen. Das
Drama geht daher von innen nach außen, der Roman von außen nach innen. Aus
einer einfachen, allverständlichen Umgebung erhebt sich der Dramatiker zur
immer reicheren Entwickelung der Individualität; aus einer vielfachen, mühsam
verständlichten Umgebung sinkt der Romandichter erschöpft zur Schilderung des
Individuums herab, das, an sich ärmlich, nur durch jene Umgebung individuell
auszustatten war. Im Drama bereichert eine vollständig aus sich entwickelte
kernige Individualität die Umgebung; im Roman ernährt die Umgebung den
Heißhunger einer leeren Individualität. So deckt uns das Drama den Organismus
der Menschheit auf, indem die Individualität sich als Wesen der Gattung
darstellt; der Roman aber stellt den Mechanismus der Geschichte dar, nach
welchem die Gattung zum Wesen der Individualität gemacht wird. Und so ist auch
das Kunstschaffen im Drama ein organisches, im Roman ein mechanisches;
denn das Drama gibt uns den Menschen, der Roman erklärt uns den Staatsbürger;
jenes zeigt uns die Fülle der menschlichen Natur, dieser entschuldigt ihre
Dürftigkeit aus dem Staat: das Drama gestaltet sonach aus innerer
Notwendigkeit, der Roman aus äußerlichem Zwange. –
Aber
der Roman war kein willkürliches, sondern ein notwendiges Erzeugnis unseres
modernen Entwickelungsganges: er gab den redlichen künstlerischen Ausdruck von
Lebenszuständen, die künstlerisch nur durch ihn, nicht durch das Drama
darzustellen waren. Der Roman ging auf Darstellung der Wirklichkeit aus, und
sein Bemühen war so echt, daß er vor dieser Wirklichkeit sich als Kunstwerk
endlich selbst vernichtete.
Seine
höchste Blüte als Kunstform erreichte der Roman, als er vom Standpunkte rein
künstlerischer Notwendigkeit aus das Verfahren des Mythos in der Bildung von
Typen sich zu eigen machte. Wie der mittelalterliche Roman mannigfaltige
Erscheinungen fremder Völker, Länder und Klimaten zu verdichteten, wunderhaften
Gestalten zusammendrängte, so suchte der neuere historische Roman die
mannigfaltigsten Äußerungen des Geistes ganzer Geschichtsperioden als
Kundgebungen des Wesens eines besonderen geschichtlichen Individuums darzustellen.
Hierin konnte den Romandichter die übliche Art der Geschichtsanschauung nur
unterstützen. Um das Übermaß geschichtlicher Tatsachen vor unserem Blicke
übersichtlich zu ordnen, pflegen wir gemeinhin nur die hervorragendsten
Persönlichkeiten zu beachten, und in ihnen den Geist einer Periode als
verkörpert anzusehen. Als solche Persönlichkeiten hat uns die chronistische
Geschichtskunde meist nur die Herrscher überliefert, sie, aus deren Willen und
Anordnung geschichtliche Unternehmungen und staatliche Einrichtungen
hervorgingen. Die unklare Gesinnung und widerspruchvolle Handlungsweise dieser
Häupter, vor allem aber auch der Umstand, daß sie ihre angestrebten Zwecke in
Wirklichkeit nie erreichten, hat uns zunächst den Geist der Geschichte dahin
mißverstehen lassen, daß wir die Willkür in den Handlungen der Herrschenden aus
höheren, unerforschlichen, den Gang und das Ziel der Geschichte lenkenden und
vorausbestimmenden Einflüssen erklären zu müssen glaubten. Jene Faktoren der
Geschichte schienen uns willenlose, oder in ihrem Willen sich selbst
widersprechende Werkzeuge in den Händen einer außermenschlichen, göttlichen
Macht. Die endlichen Ergebnisse der Geschichte setzten wir für den Grund ihrer
Bewegung, oder für das Ziel, dem ein höherer Geist in ihr vom Beginn herein mit
Bewußtsein zugestrebt hätte. Aus dieser Ansicht glaubten die Ausleger und
Darsteller der Geschichte sich nun auch berechtigt, die willkürlich
erscheinenden Handlungen der herrschenden Hauptpersonen der Geschichte aus
Gesinnungen, in denen sich das untergelegte Bewußtsein eines leitenden
Weltgeistes spiegelte, herzuleiten: somit zerstörten sie die unbewußte
Notwendigkeit ihrer Handlungsmotive, und als sie ihre Handlungen vollkommen
gerechtfertigt wähnten, stellten sie sie erst als vollständig willkürlich dar.
– Durch dieses Verfahren, bei welchem die geschichtlichen Handlungen durch
willkürliche Kombination verändert und entstellt werden durften, gelang es dem
Romane, einzig Typen zu erfinden und als Kunstwerk sich zu einer gewissen Höhe
zu schwingen, auf welcher er von neuem zur Dramatisierung geeignet erscheinen
mochte. Die neueste Zeit hat viel solcher historischen Dramen geliefert, und
die Freude am Geschichtemachen zugunsten der dramatischen Form ist gegenwärtig
noch so groß, daß unsere kunstfertigen historischen Theatertaschenspieler das
Geheimnis der Geschichte selbst zum Vorteil der Bühnenstückmacherei sich
erschlossen wähnen. Sie glauben sich um so gerechtfertigter in ihrem Verfahren,
als sie es selbst ermöglicht haben, die vollendetste Einheit von Ort und Zeit
der dramatischen Darstellung der Historie aufzulegen: sie sind in das Innerste
des ganzen Geschichtsmechanismus eingedrungen, und haben als sein Herz das
Vorzimmer des Fürsten aufgefunden, in welchem zwischen Lever und Souper Mensch
und Staat sich gegenseitig in Ordnung bringen. Daß aber sowohl diese
künstlerische Einheit wie diese Historie erlogen sind, etwas Unwahres aber auch
nur von erlogener Wirkung sein kann, das hat sich am heutigen historischen
Drama deutlich herausgestellt. Daß die wahre Geschichte kein Stoff für das
Drama ist, das wissen wir nun aber auch, da dieses historische Drama uns
deutlich gemacht hat, daß selbst der Roman nur durch Versündigung an der
Wahrheit der Geschichte sich zu der ihm erreichbarsten Höhe als Kunstform
aufschwingen konnte.
Von
dieser Höhe ist nun der Roman wieder herabgestiegen, um, mit Aufgebung der von
ihm erzielten Reinheit als Kunstwerk, zur treuen Darstellung des
geschichtlichen Lebens sich anzulassen.
Die
scheinbare Willkür in den Handlungen geschichtlicher Hauptpersonen konnte zur
Ehre der Menschheit nur dadurch erklärt werden, daß der Boden aufgefunden
wurde, aus dem auch sie als notwendig und unwillkürlich hervorwuchsen. Hatte
man diese Notwendigkeit zuvor in der Höhe, über den geschichtlichen
Hauptpersonen schwebend, und sie nach transzendenter Weisheit als Werkzeuge
verbrauchend, sich vorstellen zu müssen geglaubt, und war man endlich von der
künstlerischen wie wissenschaftlichen Unfruchtbarkeit dieser Anschauung
überzeugt worden, so suchten Denker und Dichter nun diese erklärende
Notwendigkeit in der Tiefe, in der Grundlage aller Geschichte,
aufzufinden. Der Boden der Geschichte ist die soziale Natur des Menschen:
aus dem Bedürfnisse des Individuums, sich mit den Wesen seiner Gattung zu
vereinigen, um in der Gesellschaft seine Fähigkeiten zur höchsten Geltung zu
bringen, erwächst die ganze Bewegung der Geschichte. Die geschichtlichen
Erscheinungen sind die äußersten Äußerungen der inneren Bewegung, deren Kern
die soziale Natur des Menschen ist. Die nährende Kraft dieser Natur ist aber
das Individuum, das nur in der Befriedigung seines unwillkürlichen
Liebesverlangens seinen Glückseligkeitstrieb stillen kann. Aus den Äußerungen
dieser Natur nun auf ihren Kern zu schließen – aus dem Tode der vollendeten
Tatsache auf das innere Leben des sozialen Triebes der Menschen, aus welchem
jene als fertige, reife und sterbende Frucht hervorgewachsen war,
zurückzugehen –, darin bekundete sich der Entwickelungsgang der neuen
Zeit. – Was der Denker nach seinem Wesen erfaßt, sucht der Künstler in seiner
Erscheinung darzustellen: die Erscheinungen der Gesellschaft, die auch er
für den Boden der Geschichte erkannt hatte, strebte der Dichter sich in einem
Zusammenhange vorzuführen, aus dem er sie zu erklären vermochte. Als den
erkenntlichsten Zusammenhang der Erscheinungen der Gesellschaft erfaßte er die
gewohnte Umgebung des bürgerlichen Lebens, um in der Schilderung seiner
Zustände sich den Menschen zu erklären, der, von der Teilnahme an den Äußerungen
der Geschichte entfernt, ihm doch diese Äußerungen zu bedingen schien. Diese bürgerliche
Gesellschaft war aber – wie ich mich zuvor bereits ausdrückte – nur ein
Niederschlag der von oben herab auf sie drückenden Geschichte, wenigstens ihrer
äußeren Form nach. Seit der Konsolidierung des modernen Staates beginnt
allerdings die neue Lebensregung der Welt von der bürgerlichen Gesellschaft
auszugehen: die lebendige Energie der geschichtlichen Erscheinungen stumpft
sich ganz in dem Grade ab, als die bürgerliche Gesellschaft im Staate ihre
Forderungen zur Geltung zu bringen sucht. Gerade durch ihre innere
Teilnahmlosigkeit an den geschichtlichen Erscheinungen, durch ihr träges,
interesseloses Zuschauen, offenbart sie uns aber den Druck, mit dem sie auf ihr
lasten, und gegen den sie sich eben mit ergebenem Widerwillen verhält. Unsere
bürgerliche Gesellschaft ist insofern kein lebensvoller Organismus, als sie von
oben herab, aus den rückwirkenden Äußerungen der Geschichte, in ihrer
Gestaltung beeinflußt ist. Die Physiognomie der bürgerlichen Gesellschaft ist
die abgestumpfte, entstellte, bis zur Ausdruckslosigkeit geschwächte
Physiognomie der Geschichte: was diese durch lebendige Bewegung im Atem der
Zeit ausdrückt, gibt jene durch träge Ausbreitung im Raume. Diese Physiognomie
ist aber die Larve der bürgerlichen Gesellschaft, unter der sie dem
menschensuchenden Blicke diesen Menschen eben noch verbirgt: der künstlerische
Schilderer dieser Gesellschaft konnte nur noch die Züge dieser Larve, nicht
aber die des wahren Menschen beschreiben; je getreuer diese Beschreibung war,
desto mehr mußte das Kunstwerk an lebendiger Ausdruckskraft verlieren.
Ward
nun auch diese Larve aufgehoben, um unter ihr nach den ungeschminkten Zügen der
menschlichen Gesellschaft zu forschen, so mußte sich dem Auge zunächst ein
Chaos von Unschönheit und Formlosigkeit darbieten. Nur im Gewande der
Geschichte hatte der durch diese Geschichte erzogene, an seiner wahren gesunden
Natur verdorbene und verkrüppelte Mensch ein für den Künstler erträgliches
Aussehen erhalten. Dies Gewand von ihm abgezogen, ersahen wir zu unserem
Entsetzen in ihm eine verschrumpfte, ekelerregende Gestalt, die in nichts dem
wahren Menschen, wie wir aus der Fülle seines natürlichen Wesens ihn in
Gedanken uns vorgestellt hatten, mehr ähnlich sah als in dem schmerzlichen
Leidensblicke des sterbenden Kranken – diesem Blicke, aus dem das Christentum
seine schwärmerische Begeisterung gesogen hatte. Von diesem Anblicke wandte
sich der Kunstsehnsüchtige ab, um – wie Schiller – im Reiche des Gedankens sich
Schönheit zu träumen, oder – wie Goethe – ihn mit dem Gewande künstlerischer
Schönheit, so gut es auf ihn passen mochte, sich zu verhüllen. Sein Roman
»Wilhelm Meister« war ein solches Gewand, durch das Goethe sich den Anblick der
Wirklichkeit erträglich zu machen suchte: es entsprach der Wirklichkeit des
nackten modernen Menschen insoweit, als dieser selbst als nach künstlerisch
schöner Form strebend gedacht und dargestellt wurde.
Bis
dahin war für das künstlerische Auge, wie nicht minder für den Blick des
Geschichtsforschers, die menschliche Gestalt in die Tracht der Historie oder in
die Uniform des Staates verhüllt gewesen: über diese Tracht hatte phantasiert,
über diese Form disputiert werden können. Dichter und Denker hatten eine ungeheure
Auswahl beliebiger Gestaltungen vor sich, unter denen sie je nach
künstlerischem Verlangen oder willkürlicher Annahme den Menschen sich
vorstellen konnten, den sie immer nur noch in jenem Gewande begriffen, das von
außen her ihm umgelegt war. Noch die Philosophie hatte sich durch dieses Gewand
über die wahre Natur des Menschen beirren lassen; der historische Romandichter
war – in einem gewissen Sinne – aber eigentlich nur Kostümzeichner gewesen. Mit
der Aufdeckung der wirklichen Gestalt der modernen Gesellschaft nahm nun der
Roman eine praktischere Stellung an: Der Dichter konnte jetzt nicht mehr
künstlerisch phantasieren, wo er die nackte Wirklichkeit vor sich enthüllt
hatte, die den Beschauer mit Grauen, Mitleiden und Zorn erfüllte. Er brauchte aber
nur diese Wirklichkeit darzustellen, ohne sich über sie belügen zu wollen – er
durfte nur Mitleiden empfinden, so trat auch seine zürnende Kraft in das Leben.
Er konnte noch dichten, als er die furchtbare Unsittlichkeit unserer
Gesellschaft nur noch darzustellen bemüht war: der tiefe Unmut, der ihm aus
seiner eigenen Darstellung erwachsen mußte, trieb ihn aber aus einem
beschaulichen dichterischen Behagen, in dem er sich immer weniger mehr zu
täuschen vermochte, heraus in die Wirklichkeit selbst, um in ihr für das
erkannte wirkliche Bedürfnis der menschlichen Gesellschaft zu streiten. Auf
ihrem Wege zur praktischen Wirklichkeit streifte auch die Romandichtung immer
mehr ihr künstlerisches Gewand ab: die als Kunstform ihr mögliche Einheit mußte
sich – um durch Verständlichkeit zu wirken – in die praktische Vielheit der
Tageserscheinungen selbst zersetzen. Ein künstlerisches Band war da unmöglich,
wo alles nach Auflösung rang, wo das zwingende Band des historischen Staates
zerrissen werden sollte. Die Romandichtung ward Journalismus, ihr Inhalt
zersprengte sich in politische Artikel; ihre Kunst ward zur Rhetorik
der Tribüne, der Atem ihrer Rede zum Aufruf an das Volk.
So
ist die Kunst des Dichters zur Politik geworden: Keiner kann dichten, ohne zu
politisieren. Nie wird aber der Politiker Dichter werden, als wenn er eben
aufhört, Politiker zu sein: in einer rein politischen Welt nicht Politiker zu
sein heißt aber soviel, als gar nicht existieren; wer sich jetzt noch unter der
Politik hinwegstiehlt, belügt sich nur um sein eigenes Dasein. Der Dichter kann
nicht eher wieder vorhanden sein, als bis wir keine Politik mehr haben.
Die
Politik ist aber das Geheimnis unserer Geschichte und der aus ihr
hervorgegangenen Zustände. Napoleon sprach es aus. Er sagte zu Goethe:
Die Stelle des Fatums in der antiken Welt vertrete seit der Herrschaft
der Römer die Politik. – Verstehen wir den Ausspruch des Büßers von
St. Helena wohl! In ihm faßt sich in Kürze die ganze Wahrheit dessen
zusammen, was wir zu begreifen haben, um auch über Inhalt und Form des Dramas
in das reine zu kommen.
Das
Fatum der Griechen ist die innere Naturnotwendigkeit, aus der
sich der Grieche – weil er sie nicht verstand – in den willkürlichen
politischen Staat zu befreien suchte. Unser Fatum ist der willkürliche
politische Staat, der sich uns als äußere Notwendigkeit für das Bestehen
der Gesellschaft darstellt, und aus dem wir uns in die Naturnotwendigkeit zu
befreien suchen, weil wir sie verstehen gelernt und als die Bedingung unseres
Daseins und seiner Gestaltungen erkannt haben.
Die
Naturnotwendigkeit äußert sich am stärksten und unüberwindlichsten im
physischen Lebenstriebe des Individuums – unverständlicher und
willkürlicher deutbar aber in der sittlichen Anschauung der Gesellschaft,
aus welcher der unwillkürliche Trieb des Individuums im Staate endlich
beeinflußt oder beurteilt wird. Der Lebenstrieb des Individuums äußert sich
immer neu und unmittelbar, das Wesen der Gesellschaft ist aber
die Gewohnheit und ihre Anschauung eine vermittelte. Die
Anschauung der Gesellschaft, sobald sie das Wesen des Individuums und ihre
Entstehung aus diesem Wesen noch nicht vollkommen begreift, ist daher eine
beschränkende und hemmende, und ganz in dem Grade wird sie immer tyrannischer,
als das belebende und neuernde Wesen des Individuums aus unwillkürlichem Drange
gegen die Gewohnheit ankämpft. Diesen Drang mißverstand der Grieche, der ihn
vom Standpunkte der sittlichen Gewohnheit aus als störend erkannte, nun dahin,
daß er ihn aus einem Zusammenhange herleitete, in welchem das handelnde
Individuum als unter einem Einflusse stehend gedacht wurde, welcher ihn seiner
Freiheit im Handeln, nach der er das sittlich Gewohnte getan haben würde,
beraubte. Da das Individuum durch seine gegen die sittliche Gewohnheit verübte
Tat sich vor der Gesellschaft verdarb, mit dem Bewußtsein der Tat aber insoweit
wieder in die Gesellschaft eintrat, als er sich aus ihrem Bewußtsein selbst
verdammte, so erschien der Akt unbewußter Versündigung einzig aus einem Fluche
erklärbar, der auf ihm ohne sein persönliches Verschulden ruhe. Dieser Fluch,
der im Mythos als göttliche Strafe für eine Urfreveltat und auf dem besonderen
Geschlechte bis zu dessen Untergange haftend dargestellt ward, ist in Wahrheit
aber nichts anderes als die so versinnlichte Macht der Unwillkür im unbewußten,
naturnotwendigen Handeln des Individuums, wogegen die Gesellschaft als das
Bewußte, Willkürliche, in Wahrheit zu Erklärende und zu Entschuldigende
erscheint. Erklärt und entschuldigt wird sie aber nur, wenn ihre Anschauung
ebenfalls als eine unwillkürliche und ihr Bewußtsein als auf einer irrtümlichen
Anschauung vom Wesen des Individuums begründet erkannt wird.
Machen
wir uns dieses Verhältnis aus dem sonst so bezeichnungsvollen Mythos vom
Oidipus klar.
Oidipus hatte
einen Mann, der ihn durch eine Beleidigung gereizt und endlich zur Notwehr
gedrängt, erschlagen. Hierin fand die öffentliche Meinung nichts
Verdammungswürdiges, denn dergleichen Fälle trugen sich häufig zu und erklärten
sich aus der allen begreiflichen Notwendigkeit der Abwehr eines Angriffes. Noch
weniger beging Oidipus einen Frevel aber darin, daß er zum Lohne einer dem
Lande erwiesenen Wohltat die verwitwete Königin desselben zum Weibe nahm.
Aber
es entdeckte sich, daß der Erschlagene nicht nur der Gemahl dieser Königin,
sondern auch der Vater – und somit sein hinterlassenes Weib die Mutter des
Oidipus waren.
Kindliche
Ehrfurcht vor dem Vater, Liebe zu ihm, und der Eifer der Liebe, im Alter ihn zu
pflegen und zu schützen, waren dem Menschen so unwillkürliche Gefühle, und auf
diese Gefühle begründete sich so ganz von selbst die wesentlichste
Grundanschauung der gerade durch sie zur Gesellschaft verbundenen Menschen, daß
eine Tat, welche diese Gefühle am empfindlichsten verletzte, ihnen unbegreiflich
und verdammungswürdig vorkommen mußte. Diese Gefühle waren aber so stark und
unüberwindlich, daß selbst die Rücksicht, wie jener Vater zuerst seinem Sohne
nach dem Leben trachtete, sie nicht bewältigen konnte: in dem Tode des Laios
ward wohl eine Strafe für dieses sein älteres Verbrechen erkannt, so daß wir in
der Tat gegen seinen Untergang selbst unempfindlich sind; aber dieses
Verhältnis war dennoch nicht vermögend, uns irgendwie über die Tat des Oidipus
zu beruhigen, die sich schließlich immer nur als ein Vatermord kundgab.
Noch
heftiger steigerte sich aber der öffentliche Widerwille gegen den Umstand, daß
Oidipus seiner eigenen Mutter sich vermählt und Kinder mit ihr gezeugt hatte. –
Im Familienleben, der natürlichsten – aber beschränktesten Grundlage der
Gesellschaft, hatte es sich ganz von selbst herausgestellt, daß zwischen Eltern
und Kindern, sowie zwischen den Geschwistern selbst, eine ganz andere Zuneigung
sich entwickelt, als sie in der heftigen, plötzlichen Erregung der
Geschlechtsliebe sich kundgibt. In der Familie werden die natürlichen Banden
zwischen Erzeugern und Erzeugten zu den Banden der Gewohnheit, und nur aus der
Gewohnheit entwickelt sich wiederum eine natürliche Neigung der Geschwister
zueinander. Der erste Reiz der Geschlechtsliebe wird der Jugend aber aus einer
ungewohnten, fertig aus dem Leben ihr entgegentretenden Erscheinung zugeführt;
das Überwältigende dieses Reizes ist so groß, daß er das Familienglied eben aus
der gewohnten Umgebung der Familie, in der dieser Reiz sich nie ihm darbot,
herauszieht und zum Umgange mit dem Ungewohnten fortreißt. Die Geschlechtsliebe
ist die Aufwieglerin, welche die engen Schranken der Familie durchbricht, um
sie selbst zur größeren menschlichen Gesellschaft zu erweitern. Die Anschauung
vom Wesen der Familienliebe und dem ihm entgegengesetzten der Geschlechtsliebe
ist daher eine unwillkürliche, der Natur der Sache selbst entnommene: sie
beruht auf der Erfahrung und der Gewohnheit und ist daher eine starke, mit
unüberwindlichen Gefühlen uns einnehmende.
Oidipus,
der seine Mutter ehelichte und mit ihr Kinder zeugte, ist eine Erscheinung, die
uns mit Grauen und Abscheu erfüllt, weil sie unsere gewohnten
Beziehungen zu unserer Mutter und die durch sie gebildeten Ansichten
unversöhnlich verletzt. –
Waren
nun diese zu sittlichen Begriffen erwachsenen Ansichten nur deshalb von so
großer Stärke, weil sie unwillkürlich aus dem Gefühle der menschlichen Natur
hervorgingen, so fragen wir nun: Verging sich Oidipus gegen die menschliche
Natur, als er seiner Mutter sich vermählte? – Ganz gewiß nicht. Die verletzte
Natur hätte sich sonst dadurch offenbaren müssen, daß sie aus dieser Ehe keine
Kinder entstehen ließ; gerade die Natur zeigte sich aber ganz willig: Jokaste
und Oidipus, die sich als zwei ungewohnte Erscheinungen begegneten,
liebten sich, und fanden sich erst von dem Augenblicke an in ihrer Liebe
gestört, als ihnen von außen bekanntgemacht wurde, daß sie Mutter und Sohn
seien. Oidipus und Jokaste wußten nicht, in welcher sozialen Beziehung
sie zueinander standen: sie hatten unbewußt nach der natürlichen Unwillkür des
reinmenschlichen Individuums gehandelt; ihrer Verbindung war eine Bereicherung
der menschlichen Gesellschaft in zwei kräftigen Söhnen und zwei edlen Töchtern
entsprossen, auf welchen nun, wie auf den Eltern, der unabwendbare Fluch dieser
Gesellschaft lastete. Das betroffene Paar, das mit seinem Bewußtsein innerhalb
der sittlichen Gesellschaft stand, verurteilte sich selbst, als es seines
unbewußten Frevels gegen die Sittlichkeit inne ward: dadurch, daß es sich um
seiner Büßung willen vernichtete, bewies es die Stärke des sozialen Ekels gegen
seine Handlung, der ihm schon vor der Handlung durch Gewohnheit zu eigen
war; dadurch, daß es die Handlung dennoch trotz des sozialen Bewußtseins
ausübte, bezeugte es aber die noch bei weitem größere und unwiderstehlichere
Gewalt der unbewußten individuellen menschlichen Natur.
Wie
bedeutsam ist es nun, daß gerade dieser Oidipus das Rätsel der Sphinx
gelöst hatte! Er sprach im voraus seine Rechtfertigung und seine Verdammung
zugleich selbst aus, da er als den Kern dieses Rätsels den Menschen
bezeichnete. Aus dem halbtierischen Leibe der Sphinx trat ihm zunächst das
menschliche Individuum nach seiner Naturunterworfenheit entgegen: als das
Halbtier aus seiner öden Felseneinsamkeit sich selbstzerschmetternd in den
Abgrund gestürzt hatte, wandte sich der kluge Rätsellöser zu den Städten der
Menschen, um den ganzen, den sozialen Menschen, aus seinem eigenen Untergange
erraten zu lassen. Als er sich die leuchtenden Augen ausstach, die einem
despotischen Beleidiger Zorn zugeflammt und einem edlen Weibe Liebe zugestrahlt
hatten, ohne zu ersehen, daß jener sein Vater und diese seine Mutter war, da
stürzte er sich zu der zerschmetterten Sphinx hinab, deren Rätsel er nun als
noch ungelöst erkennen mußte. – Erst wir haben dieses Rätsel zu lösen,
und zwar dadurch, daß wir die Unwillkür des Individuums aus der Gesellschaft,
deren höchster, immer erneuernder und belebender Reichtum sie ist, selbst
rechtfertigen. –
Zunächst
laßt uns aber noch den weiteren Verlauf der Oidipus-Sage berühren und sehen,
wie sich die Gesellschaft gebarte, und wohin sich ihr sittliches
Bewußtsein verirrte! –
Aus
den Zerwürfnissen der Söhne des Oidipus erwuchs Kreon, dem Bruder der
Jokaste, die Herrschaft über Theben. Als Herr befahl er, der Leichnam des einen
der Söhne, Polyneikes, der mit dem andern, Eteokles, zugleich im
Brüderzweikampfe gefallen war, solle unbegraben den Winden und Vögeln
preisgegeben sein, während der des Eteokles in feierlichen Ehren bestattet
wurde: wer dem Gebote zuwiderhandle, solle selbst lebendig begraben werden. Antigone,
beider Brüder Schwester – sie, die den blinden Vater in das Elend begleitet
hatte – trotzte mit vollem Bewußtsein dem Gebote, bestattete des geächteten Bruders
Leichnam und erlitt die vorausbestimmte Strafe. – Hier sehen wir den Staat,
der unmerklich aus der Gesellschaft hervorgewachsen war, aus der Gewohnheit
ihrer Anschauung sich genährt hatte und zum Vertreter dieser Gewohnheit
insofern wurde, daß er eben nur sie, die abstrakte Gewohnheit, deren Kern die
Furcht und der Widerwille vor dem Ungewohnten ist, vertrat. Mit der Kraft
dieser Gewohnheit ausgestattet, wendet der Staat sich nun vernichtend gegen die
Gesellschaft selbst zurück, indem er die natürliche Nahrung ihres Daseins in
den unwillkürlichen und heiligsten sozialen Gefühlen ihr verwehrt. Der
vorliegende Mythos zeigt uns genau, wie sich dies zutrug: betrachten wir ihn
nur näher.
Welchen
Vorteil hatte wohl Kreon von dem Erlasse des grausamen Gebotes? Und was
vermochte ihn, es für möglich zu halten, daß ein solches Gebot nicht
durch die allgemeine Entrüstung zurückgewiesen werden müßte? – Eteokles und
Polyneikes hatten nach dem Untergange des Vaters beschlossen, ihr Erbe, die
Herrschaft über Theben, so unter sich zu teilen, daß sie abwechselnd es
verwalteten. Eteokles, der das Erbe zuerst genoß, verweigerte, als Polyneikes
aus freiwilliger Verbannung zur festgesetzten Zeit zurückkam, um nun auch für
seine Frist das Erbe zu genießen, seinem Bruder die Übergabe. Somit war er
eidbrüchig. Bestrafte ihn dafür die eidheiligende Gesellschaft? Nein; sie
unterstützte ihn in seinem Vorhaben, das sich auf einen Eidbruch gründete.
Hatte man die Scheu vor der Heiligkeit des Eides bereits verloren? Nein; im
Gegenteile: man klagte zu den Göttern um des Übels des Eidbruches, denn man
fürchtete, er würde gerächt werden. Trotz des bösen Gewissens ließen sich aber
die Bürger Thebens Eteokles' Verfahren gefallen, weil der Gegenstand des
Eides, der von den Brüdern beschworene Vertrag, ihnen für jetzt bei weitem
lästiger schien als die Folgen eines Eidbruches, die durch Opfer und Spenden an
die Götter vielleicht beseitigt werden konnten. Was ihnen nicht gefiel, war der
Wechsel der Herrschaft, die beständige Neuerung, weil die Gewohnheit bereits
zur wirklichen Gesetzgeberin geworden war. Auch beurkundete sich in dieser
Parteinahme der Bürger für Eteokles ein praktischer Instinkt vom Wesen des
Eigentumes, das jeder gern allein genießen, mit einem andern aber nicht teilen
wollte: jeder Bürger, der im Eigentume die Gewährleistung gewohnter Ruhe
erkannte, war ganz von selbst der Mitschuldige der unbrüderlichen Tat des
obersten Eigentümers Eteokles. Die Macht der eigennützigen Gewohnheit
unterstützte also Eteokles, und gegen sie kämpfte nun der verratene Polyneikes
mit jugendlicher Hitze an. In ihm lebte nur das Gefühl einer rächenswürdigen
Kränkung: er sammelte ein Heer gleichfühlender, heldenhafter Genossen, zog vor
die eidbruchschützende Stadt und bedrängte sie, um den erbräuberischen Bruder
aus ihr zu verjagen. Diese von einem durchaus gerechtfertigten Unwillen
eingegebene Handlungsweise erschien den Bürgern Thebens nun wieder als ein
ungeheurer Frevel; denn Polyneikes, als er seine Vaterstadt bekriegte, war
unbedingt ein sehr schlechter Patriot. Die Freunde des Polyneikes waren
aus allen Volksstämmen zusammengetreten: sie machte ein rein menschliches
Interesse der Sache des Polyneikes geneigt, und sie vertraten somit das
Reinmenschliche, die Gesellschaft in ihrem weitesten und natürlichsten Sinne,
gegenüber einer beschränkten, engherzigen, eigensüchtigen Gesellschaft, die
unvermerkt vor ihrem Andrängen zum knöchernen Staate zusammenschrumpfte. – Um
den langen Krieg zu enden, forderten sich die Brüder zum Zweikampf: Beide
fielen auf der Walstatt. –
Der
kluge Kreon überschaute nun den Zusammenhang der Vorfälle und erkannte
aus ihm das Wesen der öffentlichen Meinung, als deren Kern er die Gewohnheit,
die Sorge und den Widerwillen vor der Neuerung erfaßte. Die sittliche Ansicht
vom Wesen der Gesellschaft, die in dem großherzigen Oidipus noch so stark war,
daß er sich, aus Ekel vor seinem unbewußten Frevel gegen sie, selbst vernichtet
hatte, verlor ihre Kraft ganz in dem Grade, als das sie bedingende
Reinmenschliche in Widerstreit mit dem stärksten Interesse der Gesellschaft,
der absoluten Gewohnheit, d. h. dem gemeinsamen Eigennutz, kam. Dieses
sittliche Bewußtsein trennte sich überall da, wo es mit der Praxis der
Gesellschaft in Widerstreit geriet, von dieser ab und setzte sich als Religion
fest, wogegen sich die praktische Gesellschaft zum Staate gestaltete. In
der Religion blieb die Sittlichkeit, die vorher in der Gesellschaft
etwas Warmes, Lebendiges gewesen war, nur noch etwas Gedachtes,
Gewünschtes, aber nicht mehr Ausführbares: im Staate handelte man dagegen nach
praktischem Ermessen des Nutzens, und wurde hierbei das sittliche Gewissen
verletzt, so beschwichtigte man dies durch staatsunschädliche Religionsübungen.
Der große Vorteil war hierbei, daß man in der Religion wie im Staate, jemand
gewann, auf den man seine Sünden abwälzen konnte: die Verbrechen des Staates
mußte der Fürst1) ausbaden, die Verstöße gegen die
religiöse Sittlichkeit hatten aber die Götter zu verantworten. – Eteokles war
der praktische Sündenbock des neuen Staates gewesen: die Folgen seines
Eidbruches hatten die gütigen Götter auf ihn zu leiten gehabt; die Stabilität
des Staates aber sollten (so hofften sie wenigstens, wenn es leider auch nie geschah!)
die wackern Bürger Thebens für sich schmecken. Wer sich wieder zu solchem
Sündenbocke hergeben wollte, war ihnen daher willkommen; und das war der kluge
Kreon, der mit den Göttern sich wohl abzufinden wußte, nicht aber der hitzige
Polyneikes, der um eines einfachen Eidbruches willen so wild an die Tore der
guten Stadt klopfte.
Kreon
erkannte aber auch aus der eigentlichen Ursache des tragischen Schicksals der
Laiden, wie grundnachsichtig die Thebäer gegen wirkliche Frevel seien, wenn
diese nur die ruhige bürgerliche Gewohnheit nicht störten. Dem Vater Laios war
von der Pythia verkündigt worden, ein ihm zu gebärender Sohn würde ihn dereinst
umbringen. Nur um kein öffentliches Ärgernis zu bereiten, gab der ehrwürdige
Vater heimlich den Befehl, das neugeborene Knäblein in irgendwelchen Waldecke
zu töten, und bewies sich hierin höchst rücksichtsvoll gegen das
Sittlichkeitsgefühl der Bürger Thebens, die, wäre der Mordbefehl öffentlich vor
ihren Augen ausgeführt worden, nur den Ärger dieses Skandals und die Aufgabe,
ungewöhnlich viel zu den Göttern zu beten, keinesweges aber den nötigen Abscheu
empfunden haben würden, der ihnen die praktische Verhinderung der Tat und die
Strafe des bewußten Sohnesmörders eingegeben hätte; denn die Kraft des Abscheus
wäre ihnen sogleich durch die Rücksicht erstickt worden, daß durch diese Tat ja
die Ruhe im Orte gewährleistet war, die ein – in Zukunft jedenfalls ungeratener
– Sohn gestört haben müßte. Kreon hatte bemerkt, daß bei Entdeckung der
unmenschlichen Tat des Laios diese Tat selbst eigentlich keine rechte
Entrüstung hervorgebracht hatte, ja, daß es allen gewiß lieber gewesen wäre,
wenn der Mord wirklich vollzogen worden, denn dann wäre ja alles gut gewesen,
und in Theben hätte es keinen so schrecklichen Skandal gegeben, der die Bürger
auf lange Jahre in so große Beunruhigung stürzte. Ruhe und Ordnung,
selbst um den Preis des niederträchtigsten Verbrechens gegen die menschliche
Natur und selbst die gewohnte Sittlichkeit – um den Preis des bewußten,
absichtlichen, von der unväterlichsten Eigensucht eingegebenen Mordes eines
Kindes durch seinen Vater –, waren jedenfalls berücksichtigungswerter als
die natürlichste menschliche Empfindung, die dem Vater sagt, daß er sich seinen
Kindern, nicht aber diese sich aufzuopfern habe. – Was war nun diese
Gesellschaft, deren natürliches Sittlichkeitsgefühl ihre Grundlage gewesen war,
geworden? Der schnurgerade Gegensatz ihrer eigenen Grundlage: die Vertreterin
der Unsittlichkeit und Heuchelei. Das Gift, das sie verdarb, war aber – die
Gewohnheit. Der Hang zur Gewohnheit, zur unbedingten Ruhe, verleitete sie,
den Quell zu verstopfen, aus dem sie sich ewig frisch und gesund hätte erhalten
können; und dieser Quell war das freie, aus seinem Wesen sich selbst
bestimmende Individuum. In ihrer höchsten Verderbtheit ist der Gesellschaft die
Sittlichkeit, d. h. das wahrhaft Menschliche, auch nur durch das
Individuum wieder zugeführt worden, das nach dem unwillkürlichen Drange der
Naturnotwendigkeit ihr gegenüber handelte und sie moralisch verneinte. Auch
diese schöne Rechtfertigung der wirklichen menschlichen Natur enthält noch in
deutlichsten Zügen der weltgeschichtliche Mythos, den wir vor uns haben.
Kreon
war Herrscher geworden: in ihm erkannte das Volk den richtigen Nachfolger des
Laios und Eteokles, und er bestätigte dies vor den Augen der Bürger, als er den
Leichnam des unpatriotischen Polyneikes zur entsetzlichen Schmach der
Unbeerdigung, seine Seele somit zu ewiger Ruhelosigkeit verurteilte. Dies war
ein Gebot von höchster politischer Weisheit: dadurch befestigte Kreon seine
Macht, indem er den Eteokles, der durch seinen Eidbruch die Ruhe der Bürger
gewährleistet hatte, rechtfertigte und somit deutlich zu verstehen gab, daß
auch er gewillt sei, durch jedes auf sich allein zu nehmende Verbrechen gegen
die wahrhafte menschliche Sittlichkeit das Bestehen des Staates in Ruhe und
Ordnung zu gewährleisten. Durch sein Gebot gab er sogleich den bestimmtesten
und kräftigsten Beweis seiner staatsfreundlichen Gesinnung: er schlug der
Menschlichkeit ins Angesicht und rief – es lebe der Staat! – In diesem Staate
gab es nur ein einsam trauerndes Herz, in das sich die Menschlichkeit noch
geflüchtet hatte – das war das Herz einer süßen Jungfrau, aus dessen Grunde die
Blume der Liebe zu allgewaltiger Schönheit erwuchs.
Antigone
verstand nichts von der Politik – sie liebte. – Suchte sie den
Polyneikes zu verteidigen? Forschte sie nach Rücksichten, Beziehungen,
Rechtsstandpunkten, die seine Handlungsweise erklären, entschuldigen oder
rechtfertigen konnten? – Nein – sie liebte ihn. – Liebte sie ihn, weil
er ihr Bruder war? – War nicht Eteokles auch ihr Bruder – waren nicht Oidipus
und Jokaste ihre Eltern? Konnte sie nach den furchtbaren Erlebnissen anders als
mit Entsetzen an ihre Familienbande denken? Sollte sie aus ihnen, den gräßlich
zerrissenen Banden der nächsten Natur, Kraft zur Liebe gewinnen können? – Nein,
sie liebte Polyneikes, weil er unglücklich war und nur die höchste Kraft der
Liebe ihn von seinem Fluche befreien konnte. Was nun war diese Liebe, die nicht
Geschlechtsliebe, nicht Eltern- und Kindesliebe, nicht Geschwisterliebe war? –
Sie war die höchste Blüte von allen. Aus den Trümmern der Geschlechts-, Eltern-
und Geschwisterliebe, die die Gesellschaft verleugnet und der Staat verneint
hatte, wuchs, von den unvertilgbaren Keimen aller jener Liebe genährt, die
reichste Blume reiner Menschenliebe hervor.
Antigones
Liebe war eine vollbewußte. Sie wußte, was sie tat – sie wußte aber
auch, daß sie es tun mußte, daß sie keine Wahl hatte und nach der Notwendigkeit
der Liebe handeln mußte; sie wußte, daß sie dieser unbewußten zwingenden
Notwendigkeit der Selbstvernichtung aus Sympathie zu gehorchen hatte;
und in diesem Bewußtsein des Unbewußten war sie der vollendete Mensch, die
Liebe in ihrer höchsten Fülle und Allmacht. – Antigone sagte den gottseligen
Bürgern von Theben: Ihr habt mir Vater und Mutter verdammt, weil sie unbewußt
sich liebten; ihr habt den bewußten Sohnesmörder Laios aber nicht verdammt und
den Bruderfeind Eteokles beschützt: nun verdammt mich, die ich aus
reiner Menschenliebe handle – so ist das Maß eurer Frevel voll! – – Und
siehe! – der Liebesfluch Antigones vernichtete den Staat! – Keine Hand
rührte sich für sie, als sie zum Tode geführt ward. Die Staatsbürger weinten
und beteten zu den Göttern, daß sie die Pein des Mitleidens für die
Unglückliche von ihnen nehmen möchten; sie geleiteten sie, und trösteten sie
damit, daß es nun doch einmal nicht anders sein könnte: die staatliche Ruhe und
Ordnung forderten nun leider das Opfer der Menschlichkeit! – Aber da, wo alle
Liebe geboren wird, ward auch der Rächer der Liebe geboren. Ein Jüngling
entbrannte in Liebe für Antigone; er entdeckte sich seinem Vater und forderte
von seiner Vaterliebe Gnade für die Verdammte: hart ward er zurückgewiesen. Da
erstürmte der Jüngling das Grab der Geliebten, das sie lebend empfangen hatte:
er fand sie tot, und mit dem Schwerte durchbohrte er selbst sein liebendes
Herz. Dies war aber der Sohn des Kreon, des personifizierten Staates:
vor dem Anblicke der Leiche des Sohnes, der aus Liebe seinem Vater hatte
fluchen müssen, ward der Herrscher wieder Vater. Das Liebesschwert des Sohnes
drang furchtbar schneidend in sein Herz: tief im Innersten verwundet stürzte der
Staat zusammen, um im Tode Mensch zu werden. –
Heilige Antigone! Dich rufe ich nun an! Laß Deine Fahne wehen, daß wir
unter ihr vernichten und erlösen! – –
Wunderbar!
Als der moderne Roman zur Politik, die Politik aber zum blutigen Schlachtfelde
geworden und der Dichter dagegen, im sehnenden Verlangen nach dem Anblicke der
vollendeten Kunstform, einen Herrscher zum Befehl der Aufführung einer
griechischen Tragödie vermochte, diese Tragödie gerade keine andere sein mußte
als unsere »Antigone«. Man suchte nach dem Werke, in welchem sich die Kunstform
am reinsten aussprach, und – siehe da! – es war genau dasselbe, dessen Inhalt
die reinste Menschlichkeit, die Vernichterin des Staates war! – Wie
freueten sich die gelehrten alten Kinder über diese »Antigone« im Hoftheater zu
Potsdam! Sie ließen aus der Höhe sich die Rosen streuen, die die erlösende
Engelschar »Fausts« als Liebesflammen auf die beschwänzten »Dick- und
Dünnteufel vom kurzen graden und langen krummen Horne« herabflattern läßt:
leider erweckten sie ihnen aber nur das widerliche Gelüste, das Mephistopheles
unter ihrem Brennen empfand – nicht Liebe! – Das »ewig Weibliche zog« sie nicht
»hinan«, sondern das ewig Weibische brachte sie vollends nur herunter! –
Das
Unvergleichliche des Mythos ist, daß er jederzeit wahr und sein Inhalt, bei
dichtester Gedrängtheit, für alle Zeiten unerschöpflich ist. Die Aufgabe des
Dichters war es nur, ihn zu deuten. Nicht überall stand schon der griechische
Tragiker mit voller Unbefangenheit vor dem von ihm zu deutenden Mythos: der
Mythos selbst war meist gerechter gegen das Wesen der Individualität als der
deutende Dichter. Den Geist dieses Mythos hatte der Tragiker aber insoweit
vollkommen in sich aufgenommen, als er das Wesen der Individualität zum
unverrückbaren Mittelpunkte des Kunstwerkes machte, aus welchem dieses nach
allen Richtungen hin sich ernährte und erfrischte. So unentstellt stand dieses
urzeugende Wesen der Individualität vor der Seele des Dichters, daß ihr ein
Sophokleischer Aias und Philoktetes entsprießen konnten – Helden,
die keine Rücksicht der allerklügsten Weltmeinung aus der selbstvernichtenden
Wahrheit und Notwendigkeit ihrer Natur herauslocken konnte zum Verschwimmen in
den seichten Gewässern der Politik, auf denen der windkundige Odysseus
so meisterlich hin- und herzuschiffen verstand.
Den
Oidipusmythos brauchen wir auch heute nur seinem innersten Wesen nach
getreu zu deuten, so gewinnen wir an ihm ein verständliches Bild der ganzen
Geschichte der Menschheit vom Anfange der Gesellschaft bis zum notwendigen
Untergange des Staates. Die Notwendigkeit dieses Unterganges ist im Mythos
vorausempfunden; an der wirklichen Geschichte ist es, ihn auszuführen.
Seit
dem Bestehen des politischen Staates geschieht kein Schritt in der
Geschichte, der, möge er selbst mit noch so entschiedener Absicht auf seine Befestigung
gerichtet sein, nicht zu seinem Untergange hinleite. Der Staat, als Abstraktum,
ist von je immer im Untergange begriffen gewesen, oder richtiger, er ist nie
erst in die Wirklichkeit getreten; nur die Staaten »in Konkreto« haben in
beständigem Wechsel, als immer neu auftauchende Variationen des unausführbaren
Themas ein gewaltsames und dennoch stets unterbrochenes und bestrittenes
Bestehen gefunden. Der Staat, als Abstraktum, ist die fixe Idee wohlmeinender,
aber irrender Denker – als Konkretum die Ausbeute für die Willkür gewaltsamer
oder ränkevoller Individuen gewesen, die den Raum unserer Geschichte mit dem
Inhalte ihrer Taten erfüllen. Mit diesem konkreten Staate – als dessen Inhalt
Ludwig XIV. mit Recht sich bezeichnete – wollen wir uns hier nicht
weiter mehr befassen; auch sein Kern geht uns aus der Oidipussage auf: als den
Keim aller Verbrechen erkennen wir die Herrschaft des Laios, um deren
ungeschmälerten Besitzes willen dieser zum unnatürlichen Vater ward. Aus diesem
zum Eigentum gewordenen Besitze, der wunderbarerweise als die Grundlage
jeder guten Ordnung angesehen wird, rühren alle Frevel des Mythos und der
Geschichte her. – Fassen wir nur noch den abstrakten Staat ins Auge. Die Denker
dieses Staates wollten die Unvollkommenheiten der wirklichen Gesellschaft nach
einer gedachten Norm ebenen und ausgleichen: daß sie diese Unvollkommenheiten
aber selbst als das Gegebene, der »Gebrechlichkeit« der menschlichen Natur
einzig Entsprechende, festhielten, und nie auf den wirklichen Menschen selbst
zurückgingen, der aus ersten unwillkürlichen, endlich aber irrtümlichen
Anschauungen jene Ungleichheiten ebenso hervorgerufen hatte, als er durch
Erfahrung und daraus entsprießende Berichtigung der Irrtümer auch ganz von
selbst die vollkommene – d. h. den wirklichen Bedürfnissen der Menschen
entsprechende – Gesellschaft herbeiführen muß – das war der große Irrtum, aus
dem der politische Staat sich bis zu der unnatürlichen Höhe entwickelte, von
welcher herab er die menschliche Natur leiten wollte, die er gar nicht verstand
und um so weniger verstehen konnte, je mehr er sie leiten wollte.
Der
politische Staat lebt einzig von den Lastern der Gesellschaft, deren Tugenden
ihr einzig von der menschlichen Individualität zugeführt werden. Vor den
Lastern der Gesellschaft, die er einzig erblicken kann, vermag er ihre
Tugenden, die sie von jener Individualität gewinnt, nicht zu erkennen. In
dieser Stellung drückt er auf der Gesellschaft in dem Grade, daß sie ihre
lasterhafte Seite auch auf die Individualität hinkehrt, und somit sich endlich
jeden Nahrungsquell verstopfen müßte, wenn die Notwendigkeit der individuellen
Unwillkür nicht stärkerer Natur wäre als die willkürlichen Vorstellungen des
Politikers. – Die Griechen mißverstanden im Fatum die Natur der Individualität,
weil sie die sittliche Gewohnheit der Gesellschaft störte: um dies Fatum zu
bekämpfen, waffneten sie sich mit dem politischen Staat. Unser Fatum ist nun
der politische Staat, in welchem die freie Individualität ihr verneinendes
Schicksal erkennt. Das Wesen des politischen Staates ist aber Willkür,
während das der freien Individualität Notwendigkeit [ist].2) Aus dieser Individualität, die wir
in tausendjährigen Kämpfen gegen den politischen Staat als das Berechtigte
erkannt haben, die Gesellschaft zu organisieren,3) ist die uns zum Bewußtsein
gekommene Aufgabe der Zukunft. Die Gesellschaft in diesem Sinne organisieren
heißt aber, sie auf die freie Selbstbestimmung des Individuums als auf ihren
ewig unerschöpflichen Quell gründen. Das Unbewußte der menschlichen
Natur in der Gesellschaft zum Bewußtsein bringen, und in diesem
Bewußtsein nichts anderes zu wissen als eben die allen Gliedern der
Gesellschaft gemeinsame Notwendigkeit der freien Selbstbestimmung des
Individuums, heißt aber soviel, als – den Staat vernichten; denn der
Staat schritt durch die Gesellschaft zur Verneinung der freien Selbstbestimmung
des Individuums vor – von ihrem Tode lebte er.
Für
die Kunst, um die es bei dieser Untersuchung uns einzig zu tun war,
liegt in der Vernichtung des Staates nun folgendes, über alles wichtige
Moment.
Die
Darstellung des Kampfes, in welchem sich das Individuum vom politischen Staate
oder vom religiösen Dogma zu befreien suchte, mußte um so notwendiger die
Aufgabe des Dichters werden, als das politische Leben, von dem entfernt der
Dichter endlich nur noch ein geträumtes Leben führen konnte, von den
Wechselfällen dieses Kampfes selbst, als von seinem wirklichen Inhalte, mit
immer vollerem Bewußtsein erfüllt war. Lassen wir den religiösen Staatsdichter
beiseite, der auch als Künstler den Menschen mit grausamem Behagen seinem Götzen
opferte, so haben wir nur den Dichter vor uns, der, von wahrhaftem
schmerzlichem Mitgefühle für die Leiden des Individuums erfüllt, als solches
selbst und durch die Darstellung seines Kampfes, sich gegen den Staat, gegen
die Politik wendete. Die Individualität, welche der Dichter in den Kampf gegen
den Staat führte, war aber der Natur der Sache nach keine rein menschliche,
sondern eine durch den Staat selbst bedingte. Sie war von gleicher
Gattung wie der Staat und nur der innerhalb des Staates liegende Gegensatz von
dessen äußerster Spitze. Bewußte Individualität, d. h. eine
Individualität, die uns bestimmt, in diesem einen Falle so und nicht
anders zu handeln, gewinnen wir nur in der Gesellschaft, welche uns erst
den Fall vorführt, in dem wir uns zu entscheiden haben. Das Individuum ohne
Gesellschaft ist uns als Individualität vollkommen undenkbar; denn erst im
Verkehr mit anderen Individuen zeigt sich das, worin wir unterschieden von
ihnen und an uns besonders sind. War nun die Gesellschaft zum politischen
Staate geworden, so bedang dieser die Besonderheit der Individualität aus
seinem Wesen ebenso, und als Staat – im Gegensatze zur freien Gesellschaft –
natürlich nur bei weitem strenger und kategorischer als die Gesellschaft. Eine
Individualität kann niemand schildern ohne ihre Umgebung, die sie als solche
bedingt: war die Umgebung eine natürliche, der Entwickelung der Individualität
Luft und Raum gebende, frei nach innerer Unwillkür an der Berührung mit dieser
Individualität soeben sich elastisch neu gestaltende, so konnte diese Umgebung
in den einfachsten Zügen treffend und wahr bezeichnet werden; denn nur durch
die Darstellung der Individualität hatte die Umgebung selbst erst zu
charakteristischer Eigentümlichkeit zu gelangen. Der Staat ist aber keine solche
elastisch biegsame Umgebung, sondern eine dogmatisch starre, fesselnde,
gebieterische Macht, die dem Individuum vorausbestimmt – so sollst du denken
und handeln! Der Staat hat sich zum Erzieher der Individualität aufgeworfen; er
bemächtigt sich ihrer im Mutterleibe durch Vorausbestimmung eines ungleichen
Anteiles an den Mitteln zu sozialer Selbständigkeit; er nimmt ihr durch
Aufnötigung seiner Moral ihre Unwillkürlichkeit der Anschauung, und weist ihr,
als seinem Eigentume, die Stellung an, die sie zu der Umgebung einnehmen soll.
Seine Individualität verdankt der Staatsbürger dem Staate; sie heißt aber
nichts anderes als seine vorausbestimmte Stellung zu ihm, in welcher seine
reinmenschliche Individualität für sein Handeln vernichtet und nur
höchstens auf das beschränkt ist, was er ganz still vor sich hin denkt.
Den
gefährlichen Winkel des menschlichen Hirnes, in welchen sich die ganze
Individualität geflüchtet hatte, suchte der Staat mit Hülfe des religiösen
Dogmas wohl ebenfalls auszufegen; hier mußte er aber machtlos bleiben, indem er
sich nur Heuchler erziehen konnte, d. h. Staatsbürger, die anders handeln,
als sie denken. Aus dem Denken erzeugte sich aber zuerst auch die Kraft
des Widerstandes gegen den Staat. Die erste reinmenschliche Freiheitsregung
bekundete sich in der Abwehr des religiösen Dogmas, und Denkfreiheit
ward notgedrungen endlich vom Staate gestattet. Wie äußert sich aber nun diese
bloß denkende Individualität im Handeln? – Solange der Staat vorhanden ist,
wird sie nur als Staatsbürger, d. h. als Individualität, deren
Handlungsweise nicht die ihrer Denkungsweise entsprechende ist, handeln können.
Der Staatsbürger ist nicht vermögend, einen Schritt zu tun, der ihm nicht im
voraus als Pflicht oder als Verbrechen vorgezeichnet ist: der Charakter
seiner Pflicht und seines Verbrechens ist nicht der seiner Individualität
eigene; er mag beginnen, was er will, um aus seinem noch so freien Denken zu
handeln, er kann nicht aus dem Staate herausschreiten, dem auch sein Verbrechen
angehört. Er kann nur durch den Tod aufhören, Staatsbürger zu sein, also
da, wo er auch aufhört, Mensch zu sein.
Der
Dichter, der nun den Kampf der Individualität gegen den Staat darzustellen
hatte, konnte daher nur den Staat darstellen, die freie Individualität
aber bloß dem Gedanken andeuten. Der Staat war das Wirkliche, fest und
farbig Vorhandene, die Individualität dagegen das Gedachte, gestalt- und
farblos Unvorhandene. Alle die Züge, Umrisse und Farben, die der Individualität
ihre feste, bestimmte und erkennbare künstlerische Gestalt verleihen, hatte der
Dichter der politisch gesonderten und staatlich zusammengepreßten Gesellschaft
zu entnehmen, nicht aber der Individualität selbst, die in der Berührung mit
anderen Individualitäten sich selbst zeichnet und färbt. Die somit nur gedachte,
nicht dargestellte Individualität konnte daher auch nur an den Gedanken,
nicht an das unmittelbar erfassende Gefühl dargestellt werden. Unser
Drama war daher ein Appell an den Verstand, nicht an das Gefühl. Es nahm
somit die Stelle des Lehrgedichtes ein, welches einen dem Leben entnommenen
Stoff nur so weit darstellt, als es der Absicht entspricht, einen Gedanken dem
Verstande zur Mitteilung zu bringen. Zur Mitteilung eines Gedankens an den
Verstand hat der Dichter aber ebenso umständlich zu verfahren, als er
gerade höchst einfach und schlicht zu Werke gehen muß, wenn er sich an
das unmittelbar empfangende Gefühl wendet. Das Gefühl erfaßt nur das Wirkliche,
sinnlich Betätigte und Wahrnehmbare: an das Gefühl teilt sich nur das
Vollendete, Abgeschlossene, das, was so eben ganz das ist, was es jetzt sein
kann, mit. Nur das mit sich Einige ist ihm verständlich; das mit sich Uneinige,
noch nicht wirklich und bestimmt sich Kundgebende, verwirrt das Gefühl und
nötigt es zum Denken, also zu einem kombinierenden Akte, der das Gefühl
aufhebt.
Der
Dichter, der sich an das Gefühl wendet, muß, um sich ihm überzeugend
kundzugeben, im Denken bereits so einig mit sich sein, daß er aller Hülfe des
logischen Mechanismus sich begeben und mit vollem Bewußtsein sich an das
untrügliche Empfängnis des unbewußten, reinmenschlichen Gefühles mitteilen
kann. Er hat bei dieser Mitteilung daher so schlicht und (vor der sinnlichen
Wahrnehmung) unbedingt zu verfahren, wie dem Gefühle gegenüber die wirkliche
Erscheinung – wie Luft, Wärme, Blume, Tier, Mensch – sich kundgibt. Um das
höchste Mitteilbare und zugleich überzeugend Verständlichste – die rein
menschliche Individualität – durch seine Darstellung mitzuteilen, hat aber der
moderne dramatische Dichter, wie ich zeigte, gerade entgegengesetzt zu
verfahren. Aus der ungeheuren Masse ihrer wirklichen Umgebung, im ersichtlich
Maß, Form und Farbe gebenden Staate und der zum Staate erstarrten Geschichte,
hat er diese Individualität erst unendlich mühsam herauszukonstruieren, um sie
endlich, wie wir sahen, immer nur dem Gedanken darzustellen.1) Das, was unser Gefühl von
vornherein unwillkürlich erfaßt, ist einzig die Form und Farbe des Staates. Von
unseren ersten Jugendeindrücken an sehen wir den Menschen nur in der Gestalt
und dem Charakter, die ihm der Staat gibt; die durch den Staat ihm anerzogene
Individualität gilt unserem unwillkürlichen Gefühle als sein wirkliches Wesen;
wir können ihn nicht anders fassen als nach den unterscheidenden Qualitäten,
die in Wahrheit nicht seine eigenen, sondern die durch den Staat ihm
verliehenen sind. Das Volk kann heutzutage den Menschen nicht anders fassen als
in der Standesuniform, in der es ihn sinnlich und leibhaftig von Jugend auf vor
sich sieht, und dem Volke teilt sich der »Volksschauspieldichter« auch nur
verständlich mit, wenn er es nicht einen Augenblick aus dieser
staatsbürgerlichen Illusion reißt, die sein unbewußtes Gefühl dermaßen befangen
hält, daß es in die höchste Verwirrung gesetzt werden müßte, wenn man ihm unter
dieser sinnlichen Erscheinung den wirklichen Menschen hervorkonstruieren
wollte.2) Um die reinmenschliche
Individualität darzustellen, hat der moderne Dichter sich daher nicht an das
Gefühl, sondern an den Verstand zu wenden, wie sie für ihn selbst ja
auch nur eine gedachte ist. Hierzu muß sein Verfahren ein ungeheuer
umständliches sein: er muß alles das, was das moderne Gefühl als das
Begreiflichste faßt, sozusagen vor den Augen dieses Gefühles langsam und
höchst vorsichtig seiner Hülle, seiner Form und Farbe entkleiden, um während
dieser Entkleidung, nach systematischer Berechnung, das Gefühl nach und nach
zum Denken zu bringen, da die von ihm gewollte Individualität endlich nur eine
gedachte sein kann. So muß der Dichter aus dem Gefühle sich an den Verstand
wenden: das Gefühl ist für ihn das Hinderliche; erst wenn er es mit höchster
Behutsamkeit überwunden hat, kommt er zu seinem eigentlichen Vorhaben, der
Darlegung eines Gedankens an den Verstand. –
Der
Verstand ist somit von vornherein die menschliche Fähigkeit, an die der
moderne Dichter sich mitteilen will, und zu ihm kann er einzig durch das Organ
des kombinierenden, zersetzenden, teilenden und trennenden Verstandes die von
dem Gefühle abstrahierte, die Eindrücke und Empfängnisse des Gefühles nur noch
schildernde, vermittelnde und bedingte Wortsprache reden. Wäre unser Staat
selbst ein würdiger Gegenstand des Gefühles, so würde der Dichter, um sein
Vorhaben zu erreichen, im Drama gewissermaßen von der Musik zur Wortsprache
überzugehen haben: in der griechischen Tragödie war es fast ähnlich der Fall,
aber aus umgekehrten Gründen. Ihre Grundlage war die Lyrik, aus der sie so zur
Wortsprache vorschritt, wie die Gesellschaft aus dem natürlichen, sittlich
religiösen Gefühlsverbande zum politischen Staate vorschritt. Die Rückkehr aus
dem Verstande zum Gefühle wird insoweit der Gang des Dramas der Zukunft sein,
als wir aus der gedachten Individualität zur wirklichen vorschreiten
werden. Der moderne Dichter hat aber auch vom Beginn herein eine Umgebung, den
Staat, darzustellen, die jedes reinmenschlichen Gefühlsmomentes bar und im
höchsten Gefühlsausdruck unmittelbar ist. Sein ganzes Vorhaben kann er daher
nur durch das Mitteilungsorgan des kombinierenden Verstandes, durch die
ungefühlvolle moderne Sprache erreichen; und mit Recht dünkt es dem heutigen
Schauspieldichter ungeeignet, verwirrend und störend, wenn er die Musik für
einen Zweck mit verwenden sollte, der irgend verständlich nur als Gedanke an
den Verstand, nicht aber an das Gefühl als Affekt auszusprechen ist.
Welche
Gestaltung des Dramas würde in dem bezeichneten Sinne nun aber den Untergang
des Staates, die gesunde organische Gesellschaft hervorrufen?
Der
Untergang des Staates kann vernünftigerweise nichts anderes heißen, als das
sich verwirklichende religiöse Bewußtsein der Gesellschaft vor ihrem rein
menschlichen Wesen. Dieses Bewußtsein kann seiner Natur nach kein von außen
eingeprägtes Dogma sein, d. h. nicht auf geschichtlicher Tradition
beruhen, und nicht durch den Staat anerzogen werden. So lange irgendeine
Lebenshandlung als äußere Pflicht von uns gefordert wird, so lange ist der
Gegenstand dieser Handlung kein Gegenstand eines religiösen Bewußtseins; denn
aus religiösem Bewußtsein handeln wir aus uns selbst, und zwar so, wie wir
nicht anders handeln können. Religiöses Bewußtsein heißt aber allgemeinsames
Bewußtsein, und allgemeinsam kann ein Bewußtsein nur sein, wenn es das
Unbewußte, Unwillkürliche, Reinmenschliche als das einzig Wahre und Notwendige
weiß, und aus seinem Wissen rechtfertigt. So lange das Reinmenschliche uns in
irgendwelcher Trübung vorschwebt, wie es im gegenwärtigen Zustande unserer
Gesellschaft uns gar nicht anders vorschweben kann, so lange werden wir auch in
millionenfach verschiedener Ansicht darüber befangen sein müssen, wie der
Mensch sein solle: so lange wir, im Irrtume über sein wahres Wesen, uns
Vorstellungen davon bilden, wie dieses Wesen sich kundgeben möchte, werden wir
auch nach willkürlichen Formen streben und suchen müssen, in welchen dieses
eingebildete Wesen sich kundgeben solle. So lange werden wir aber auch Staaten
und Religionen haben, bis wir nur eine Religion und gar keinen Staat
mehr haben. Wenn diese Religion aber notwendig eine allgemeinsame sein muß, so
kann sie nichts anderes sein als die durch das Bewußtsein gerechtfertigte
wirkliche Natur des Menschen, und jeder Mensch muß fähig sein, diese unbewußt
zu empfinden und unwillkürlich zu betätigen. Diese gemeinsame menschliche Natur
wird am stärksten von dem Individuum als seine eigene und individuelle
Natur empfunden, wie sie sich in ihm als Lebens- und Liebestrieb
kundgibt: die Befriedigung dieses Triebes ist es, was den einzelnen zur
Gesellschaft drängt, in welcher er eben dadurch, daß er ihn nur in der
Gesellschaft befriedigen kann, ganz von selbst zu dem Bewußtsein
gelangt, das als ein religiöses, d. h. gemeinsames, seine Natur
rechtfertigt. In der freien Selbstbestimmung der Individualität liegt daher
der Grund der gesellschaftlichen Religion der Zukunft, die nicht eher in
das Leben getreten sein wird, als bis diese Individualität durch die
Gesellschaft ihre förderndste Rechtfertigung erhält. –
Die
unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Beziehungen lebendiger Individualitäten
zueinander, die unendliche Fülle stets neuer und in ihrem Wechsel immer genau
der Eigentümlichkeit dieser lebenvollen Beziehungen entsprechender Formen, sind
wir gar nicht imstande auch nur andeutungsweise uns vorzustellen, da wir bis
jetzt alle menschlichen Beziehungen nur in der Gestalt geschichtlich
überlieferter Berechtigungen und nach ihrer Vorausbestimmung durch die
staatlich ständische Norm wahrnehmen können.3) Den unübersehbaren Reichtum
lebendiger individueller Beziehungen vermögen wir aber zu ahnen, wenn wir sie
als reinmenschliche, immer voll und ganz gegenwärtige fassen, d. h., wenn
wir alles Außermenschliche oder Ungegenwärtige, was als Eigentum und
geschichtliches Recht im Staate zwischen jene Beziehungen sich gestellt, das
Band der Liebe zwischen ihnen zerrissen, sie entindividualisiert, ständisch
uniformiert und staatlich stabilisiert hat, aus ihnen weit entfernt denken.
In
höchster Einfachheit können wir uns jene Beziehungen aber wiederum vorstellen,
wenn wir die unterscheidendsten Hauptmomente des individuellen menschlichen
Lebens, welches aus sich auch das gemeinsame Leben bedingen muß, als
charakteristische Unterscheidungen der Gesellschaft selbst zusammenfassen, und
zwar als Jugend und Alter, Wachstum und Reife, Eifer und Ruhe, Tätigkeit und
Beschaulichkeit, Unwillkür und Bewußtsein.
Das
Moment der Gewohnheit, welches wir am naivsten im Festhalten
sozial-sittlicher Begriffe, in seiner Verhärtung zur staatspolitischen Moral
aber als vollständig der Entwickelung der Individualität feindselig und endlich
als entsittlichend und das Reinmenschliche verneinend erkannten, ist als ein
unwillkürlich menschliches dennoch wohlbegründet. Untersuchen wir aber näher,
so fassen wir in ihm nur ein Moment der Vielseitigkeit der menschlichen Natur,
die sich im Individuum nach seinem Lebensalter bestimmt. Ein Mensch ist nicht
derselbe in der Jugend wie im Alter: in der Jugend sehnen wir uns nach Taten,
im Alter nach Ruhe. Die Störung unserer Ruhe wird uns im Alter ebenso
empfindlich als die Hemmung unserer Tätigkeit in der Jugend. Das Verlangen des
Alters rechtfertigt sich von selbst aus der allmählichen Aufzehrung des
Tätigkeitstriebes, deren Gewinn Erfahrung ist. Die Erfahrung ist an sich
aber wohl genuß- und lehrreich für den Erfahrenen selbst; für den belehrten
Unerfahrenen kann sie aber dann nur von bestimmendem Erfolge sein, wenn
entweder dieser von leicht zu bewältigendem, schwachem Tätigkeitstriebe ist
oder die Punkte der Erfahrung ihm als verpflichtende Richtschnur für sein
Handeln zwangsweise auferlegt würden – nur durch diesen Zwang ist aber der
natürliche Tätigkeitstrieb des Menschen überhaupt zu schwächen; diese
Schwächung, die uns beim oberflächlichen Hinblick als eine absolute, in der
menschlichen Natur an sich begründete erscheint, und aus der wir somit unsere
zur Tätigkeit wiederum anhaltenden Gesetze zu rechtfertigen suchen, ist daher
nur eine bedingte. –
Wie
die menschliche Gesellschaft ihre ersten sittlichen Begriffe aus der Familie
empfangen hat, trug sich in sie auch die Ehrfurcht vor dem Alter über: diese
Ehrfurcht war in der Familie aber eine durch die Liebe hervorgerufene,
vermittelte, bedingte und motivierte; der Vater liebte vor allem seinen
Sohn, riet ihm aus Liebe, ließ ihn aus Liebe aber auch gewähren. In der
Gesellschaft verlor sich diese motivierende Liebe aber ganz in dem Grade, als
die Ehrfurcht von der Person ab sich auf Vorstellungen und außermenschliche
Dinge bezog, die – an sich unwirklich – zu uns nicht in der lebendigen
Wechselwirkung standen, in der die Liebe die Ehrfurcht zu erwidern, d. h.
die Furcht von ihr zu nehmen, vermag. Der zum Gott gewordene Vater
konnte uns nicht mehr lieben; der zum Gesetz gewordene Rat der Eltern
konnte uns nicht mehr frei gewähren lassen; die zum Staat gewordene
Familie konnte uns nicht mehr nach der Unwillkür der Billigung der Liebe,
sondern nach den Satzungen kalter Sittlichkeitsverträge beurteilen. Der Staat
dringt uns – nach seiner verständigsten Auffassung – die Erfahrungen der
Geschichte als Richtschnur für unser Handeln auf: wahrhaftig handeln wir aber
nur, wenn wir aus unwillkürlichem Handeln selbst zur Erfahrung gelangen; eine
durch Mitteilung uns gelehrte Erfahrung wird für uns zu einer erfolgreichen
erst, wenn wir durch unwillkürliches Handeln sie wiederum selbst machen. Die
wahre vernünftige Liebe des Alters zur Jugend bestätigt sich also dadurch, daß
es seine Erfahrungen nicht zu dem Maße für das Handeln der Jugend macht,
sondern sie selbst auf Erfahrung anweist, und dadurch seine eigenen Erfahrungen
bereichert; denn das Charakteristische und Überzeugende einer Erfahrung ist
eben das Individuelle an ihr, das Besondere, Kenntliche, was sie dadurch
erhält, daß sie aus dem unwillkürlichen Handeln dieses einen, besonderen
Individuums in diesem einen und besonderen Falle gewonnen ward.
Der
Untergang des Staates heißt daher so viel als der Hinwegfall der Schranke,
welche durch die egoistische Eitelkeit der Erfahrung als Vorurteil gegen die
Unwillkür des individuellen Handelns sich errichtet hat. Diese Schranke nimmt
gegenwärtig die Stellung ein, die naturgemäß der Liebe gebührt, und sie
ist nach ihrem Wesen die Lieblosigkeit, d. h. das Eingenommensein
der Erfahrung von sich, und der endlich gewaltsam durchgesetzte Wille, nichts
Weiteres mehr zu erfahren, die eigensüchtige Borniertheit der Gewöhnung, die
grausame Trägheit der Ruhe. – Durch die Liebe weiß aber der Vater, daß er noch
nicht genug erfahren hat, sondern daß er an den Erfahrungen seines Kindes, die
er in der Liebe zu ihm zu seinen eigenen macht, sich unendlich zu bereichern
vermag. In der Fähigkeit des Genusses der Taten anderer, deren Gehalt es durch
die Liebe für sich zu einem genießenswürdigen und genußgebenden Gegenstand zu
machen weiß, besteht die Schönheit der Ruhe des Alters. Diese Ruhe ist da, wo
sie durch die Liebe naturgemäß vorhanden ist, keinesweges eine Hemmung des
Tätigkeitstriebes der Jugend, sondern seine Förderung. Sie ist das Raumgeben an
die Tätigkeit der Jugend in einem Elemente der Liebe, das an der Beschauung
dieser Tätigkeit zu einer höchsten künstlerischen Beteiligung an ihr selbst,
zum künstlerischen Lebenselemente überhaupt wird.
Das
bereits erfahrene Alter ist vermögend, die Taten der Jugend, in welchen diese
nach unwillkürlichem Drange und mit Unbewußtsein sich kundgibt, nach ihrem charakteristischen
Gehalte zu fassen und in ihrem Zusammenhange zu überblicken: es
vermag diese Taten also vollkommener zu rechtfertigen als die handelnde Jugend
selbst, weil es sie sich zu erklären und mit Bewußtsein darzustellen weiß. In
der Ruhe des Alters gewinnen wir somit das Moment höchster dichterischer
Fähigkeit, und nur der jüngere Mann vermag sich diese schon
anzueignen, der jene Ruhe gewinnt, d. h. jene Gerechtigkeit gegen
die Erscheinungen des Lebens. –
Die
Liebesermahnung des Erfahrenen an den Unerfahrenen, des Ruhigen an den
Leidenschaftlichen, des Beschauenden an den Handelnden, gibt sich am
überzeugendsten und erfolgereichsten durch getreue Vorführung des eigenen
Wesens des unwillkürlich Tätigen an diesen mit. Der in unbewußtem Lebenseifer
Befangene wird nicht durch allgemeine sittliche Ermahnung zur urteilfähigen
Erkenntnis seines Wesens gebracht, sondern vollständig kann dies nur gelingen, wenn
er in einem vorgeführten treuen Bilde sich selbst zu erblicken vermag; denn die
richtige Erkenntnis ist Wiedererkennung, wie das richtige Bewußtsein Wissen von
unserem Unbewußtsein. Der Ermahnende ist der Verstand, das bewußte
Anschauungsvermögen des Erfahrenen: das zu Ermahnende ist das Gefühl,
der unbewußte Tätigkeitstrieb des Erfahrenden. Der Verstand kann nichts anderes
wissen als die Rechtfertigung des Gefühles, denn er selbst ist nur die
Ruhe, welche der zeugenden Erregung des Gefühles folgt: er selbst rechtfertigt
sich nur, wenn er aus dem unwillkürlichen Gefühle sich bedingt weiß, und der
aus dem Gefühle gerechtfertigte, nicht mehr im Gefühle dieses einzelnen
befangene, sondern gegen das Gefühl überhaupt gerechte Verstand ist die
Vernunft. Der Verstand ist als Vernunft insofern dem Gefühle überlegen, als
er die Tätigkeit des individuellen Gefühles in der Berührung mit seinem
ebenfalls aus individuellem Gefühle tätigen Gegenstande und Gegensatze
allgerecht zu beurteilen vermag: er ist die höchste soziale, durch die
Gesellschaft einzig selbst bedingte Kraft, welche die Spezialität des Gefühles
nach seiner Gattung zu erkennen, in ihr wiederzufinden und aus ihr sie wiederum
zu rechtfertigen weiß. Er ist somit auch fähig, zur Äußerung durch das Gefühl sich
anzulassen, wenn es ihm darum zu tun ist, dem nur Gefühlvollen sich mitzuteilen
– und die Liebe leiht ihm dazu die Organe. Er weiß durch das Gefühl der Liebe,
welches ihn zur Mitteilung drängt, daß dem leidenschaftlichen, im
unwillkürlichen Handeln Begriffenen nur das verständlich ist, was sich an sein
Gefühl wendet: wollte er sich an seinen Verstand wenden, so setzte er das bei
ihm voraus, was er durch seine Mitteilung sich eben selbst erst gewinnen soll,
und müßte unverständlich bleiben. Das Gefühl faßt aber nur das ihm Gleiche, wie
der nackte Verstand – als solcher – sich auch nur dem Verstande mitteilen kann.
Das Gefühl bleibt bei der Reflexion des Verstandes kalt: nur die Wirklichkeit
der ihm verwandten Erscheinung kann es zur Teilnahme fesseln. Diese Erscheinung
muß das sympathetisch wirkende Bild des eigenen Wesens des unwillkürlich
Handelnden sein, und sympathetische Wirkung bringt es nur hervor, wenn es sich
in einer Handlung ihm darstellt, die sich aus demselben Gefühle rechtfertigt,
welches er aus dieser Handlung und Rechtfertigung als sein eigenes mitfühlt.
Aus diesem Mitgefühle gelangt er ebenso unwillkürlich zum Verständnisse seines
eigenen individuellen Wesens, wie er an den Gegenständen und Gegensätzen seines
Fühlens und Handelns, an denen im Bilde sein eigenes Fühlen und Handeln sich
entwickelte, auch das Wesen dieser Gegensätze erkennen lernte, und zwar
dadurch, daß er, durch lebhafte Sympathie für sein eigenes Bild aus sich
herausversetzt, zur unwillkürlichen Teilnahme an dem Fühlen und Handeln auch
seiner Gegensätze hingerissen, zur Anerkennung und Gerechtigkeit gegen sie, die
nicht mehr seiner Befangenheit im wirklichen Handeln gegenüberstehen, bestimmt
wird.
Nur
im vollendetsten Kunstwerke, im Drama, vermag sich daher die Anschauung
des Erfahrenen vollkommen erfolgreich mitzuteilen, und zwar gerade deswegen,
weil in ihm durch Verwendung aller künstlerischen Ausdrucksfähigkeiten des
Menschen die Absicht des Dichters am vollständigsten aus dem Verstande
an das Gefühl, nämlich künstlerisch an die unmittelbarsten Empfängnisorgane des
Gefühles, die Sinne, mitgeteilt wird. Das Drama unterscheidet sich als
vollendetstes Kunstwerk von allen übrigen Dichtungsarten eben dadurch, daß die
Absicht in ihm durch ihre vollständigste Verwirklichung zur vollsten
Unmerklichkeit aufgehoben wird. wo im Drama die Absicht, d. h. der Wille
des Verstandes, noch merklich bleibt, da ist auch der Eindruck ein erkältender;
denn wo wir den Dichter noch wollen sehen, fühlen wir, daß er noch nicht
kann. Das Können des Dichters ist aber das vollkommene Aufgehen der
Absicht in das Kunstwerk, die Gefühlswerdung des Verstandes. Nur dadurch
erreicht er seine Absicht, daß er die Erscheinungen des Lebens nach ihrer
vollsten Unwillkür vor unseren Augen versinnlicht, also das Leben selbst aus
seiner Notwendigkeit rechtfertigt; denn nur diese Notwendigkeit vermag das
Gefühl zu verstehen, an das er sich mitteilt.
Vor
dem dargestellten dramatischen Kunstwerke darf nichts mehr dem kombinierenden
Verstande aufzusuchen übrigbleiben: jede Erscheinung muß in ihm zu dem
Abschlusse kommen, der unser Gefühl über sie beruhigt; denn in der Beruhigung
des Gefühles, nach seiner höchsten Erregtheit im Mitgefühl, liegt die Ruhe
selbst, die uns unwillkürlich das Verständnis des Lebens zuführt. Im Drama
müssen wir Wissende werden durch das Gefühl. Der Verstand sagt
uns: So ist es, erst wenn uns das Gefühl gesagt hat. So muß es sein.
Dies Gefühl wird sich aber nur durch sich selbst verständlich: es versteht
keine andere Sprache als seine eigene. Erscheinungen, die uns nur durch den
unendlich vermittelnden Verstand erklärt werden können, bleiben dem Gefühle
unbegreiflich und störend. Eine Handlung kann daher nur dann im Drama erklärt
werden, wenn sie dem Gefühle vollkommen gerechtfertigt wird, und die Aufgabe
des dramatischen Dichters ist es somit, nicht Handlungen zu erfinden, sondern
eine Handlung aus der Notwendigkeit des Gefühles der Art zu verständlichen, daß
wir der Hülfe des Verstandes zu ihrer Rechtfertigung gänzlich entbehren dürfen.
Sein Hauptaugenmerk hat der Dichter daher auf die Wahl der Handlung zu
richten, die er so wählen muß, daß sie, sowohl ihrem Charakter wie ihrem
Umfange nach, ihre vollständige Rechtfertigung aus dem Gefühle ihm ermöglicht;
denn in dieser Rechtfertigung beruht einzig die Erreichung seiner Absicht.
Eine
Handlung, die nur aus historischen, ihrem Grunde nach ungegenwärtigen
Beziehungen erklärt, vom Standpunkte des Staates aus gerechtfertigt oder durch
Berücksichtigung religiöser, von außen eingeprägter, nicht gemeinsam
innerlicher, Dogmen begriffen werden kann, ist – wie wir sahen – nur dem
Verstande, nicht dem Gefühle darzustellen: am genügendsten konnte dies durch
Erzählung und Schilderung, durch Appell an die Einbildungskraft des Verstandes,
nicht durch unmittelbare Vorführung an das Gefühl und seine bestimmt
erfassenden Organe, die Sinne, gelingen, weil eine solche Handlung für diese
Sinne recht eigentlich unüberschaubar war und eine Masse von Beziehungen in ihr
außerhalb aller Möglichkeit, sie zur sinnlichen Anschauung zu bringen, liegen
und nur dem kombinierenden Denkorgane zum Verständnis überlassen bleiben
mußten. In einem historisch politischen Drama kam es daher dem Dichter darauf
an, seine Absicht – als solche – schließlich ganz nackt zu geben: das ganze Drama
blieb unverständlich und eindruckslos, wenn nicht endlich diese Absicht, in
Form einer menschlichen Moral, aus einem ungeheuern Wuste, zur bloßen
Schilderung verwendeten, pragmatischer Motive, recht ersichtlich zum Vorschein
kam. Man frug sich im Verlaufe eines solchen Stückes unwillkürlich: »Was will
der Dichter damit sagen?«
Die
Handlung nun, die vor dem Gefühle und durch das Gefühl gerechtfertigt werden
soll, befaßt sich mit keiner Moral, sondern alle Moral beruht eben nur
in der Rechtfertigung dieser Handlung aus dem unwillkürlichen menschlichen
Gefühle. Sie ist sich selbst Zweck, insofern sie eben nur aus dem Gefühle, dem
sie entwächst, gerechtfertigt werden soll. Diese Handlung kann daher nur eine
solche sein, die aus den wahrsten, d. h. dem Gefühle begreiflichsten, den
menschlichen Empfindungen naheliegendsten, somit einfachsten Beziehungen
hervorgeht – aus Beziehungen, wie sie nur einer, dem Wesen nach mit sich
einigen, von unwesenhaften Vorstellungen und ungegenwärtigen
Berechtigungsgründen unbeeinflußten, nur sich selbst und keiner Vergangenheit
angehörigen, menschlichen Gesellschaft entspringen können.
Keine
Handlung des Lebens steht aber vereinzelt da: sie hat einen Zusammenhang mit
den Handlungen anderer Menschen, durch die sie, gleichwie aus dem individuellen
Gefühle des Handelnden selbst, bedingt wird. Den schwächsten Zusammenhang haben
nur kleine, unbedeutende Handlungen, die weniger der Stärke eines notwendigen
Gefühles als der Willkür der Laune zur Erklärung bedürfen. Je größer und entscheidender
jedoch eine Handlung ist, je mehr sie nur aus der Stärke eines notwendigen
Gefühles erklärt werden kann, in einem desto bestimmteren und weiteren
Zusammenhange steht sie auch mit den Handlungen anderer. Eine große, das Wesen
des Menschen nach einer Richtung hin am ersichtlichsten und erschöpfendsten
darstellende Handlung geht nur aus der Reibung mannigfaltiger und starker
Gegensätze hervor. Um diese Gegensätze selbst gerecht beurteilen und die in
ihnen sich kundgebenden Handlungen aus den individuellen Gefühlen der
Handelnden begreifen zu können, muß eine große Handlung aber in einem weiten
Kreise von Beziehungen dargestellt werden, denn erst in diesem Kreise ist sie
zu verstehen. Die erste und eigentümlichste Aufgabe des Dichters besteht
demnach darin, daß er einen solchen Kreis von vornherein in das Auge faßt,
seinen Umfang vollkommen ermißt, jede Einzelheit der in ihm liegenden
Beziehungen genau nach ihrem Maße und ihrem Verhältnisse zur Haupthandlung
erforscht, und nun das Maß seines Verständnisses von ihnen zu dem Maße ihrer
Verständlichkeit als künstlerische Erscheinung macht, indem er ihren weiten
Kreis nach seinem Mittelpunkte zu zusammendrängt und ihn so zur
verständnisgebenden Peripherie des Helden verdichtet. Diese Verdichtung
ist das eigentliche Werk des dichtenden Verstandes, und dieser Verstand ist der
Mittel- und Höhepunkt des ganzen Menschen, der von ihm aus sich in den
empfangenden und mitteilenden scheidet.
Wie
die Erscheinung zunächst von dem nach außen gewendeten unwillkürlichen Gefühle
erfaßt und der Einbildungskraft als erster Tätigkeit des Gehirnes zugeführt
wird, so hat der Verstand, der nichts anderes als die nach dem wirklichen Maße
der Erscheinung geordnete Einbildungskraft ist, für die Mitteilung des von ihm
Erkannten durch die Einbildungskraft wiederum an das unwillkürliche Gefühl
vorzuschreiten. Im Verstande spiegeln sich die Erscheinungen als das, was sie
wirklich sind; diese abgespiegelte Wirklichkeit ist aber eben nur eine
gedachte: um diese gedachte Wirklichkeit mitzuteilen, muß er sie dem
Gefühle in einem ähnlichen Bilde darstellen, als wie das Gefühl sie ihm
ursprünglich zugeführt hat, und dies Bild ist das Werk der Phantasie. Nur durch
die Phantasie vermag der Verstand mit dem Gefühle zu verkehren. Der
Verstand kann die volle Wirklichkeit der Erscheinung nur erfassen, wenn er das
Bild, in welchem sie von der Phantasie ihm vorgeführt wird, zerbricht und sie
in ihre einzelnsten Teile zerlegt; so wie er diese Teile sich wieder im
Zusammenhange vorführen will, hat er sogleich wieder sich ein Bild von ihr zu
entwerfen, das der Wirklichkeit der Erscheinung nicht mehr mit realer
Genauigkeit, sondern nur in dem Maße entspricht, in welchem der Mensch sie zu
erkennen vermag. So setzt auch die einfachste Handlung den Verstand, der sie
unter dem anatomischen Mikroskope betrachten will, durch die ungeheure
Vielgliedrigkeit ihres Zusammenhanges in Staunen und Verwirrung; und will er
sie begreifen, so kann er nur durch Entfernung des Mikroskopes und durch
Vorführung des Bildes von ihr, das sein menschliches Auge einzig zu erfassen
vermag, zu einem Verständnisse gelangen, das schließlich nur durch das – vom
Verstande gerechtfertigte – unwillkürliche Gefühl ermöglicht wird. Dieses Bild
der Erscheinungen, in welchem das Gefühl einzig diese zu begreifen vermag, und
welches der Verstand, um sich dem Gefühle verständlich zu machen, demjenigen
nachbilden muß, welches ihm ursprünglich durch die Phantasie vom Gefühle
zugeführt war, ist für die Absicht des Dichters, der auch die Erscheinungen des
Lebens aus ihrer unübersehbaren Vielgliedrigkeit zu dichter, leicht
überschaubarer Gestaltung zusammendrängen muß, nichts anderes als das Wunder.
Das
Wunder im Dichterwerke unterscheidet sich von dem verrufenen Wunder im
religiösen Dogma dadurch, daß es nicht, wie dieses, die Natur der Dinge aufhebt,
sondern vielmehr sie dem Gefühle begreiflich macht.
Das
jüdisch-christliche Wunder zerriß den Zusammenhang der natürlichen
Erscheinungen, um den göttlichen Willen als über der Natur stehend
erscheinen zu lassen. In ihm wurde keinesweges ein weiter Zusammenhang, zu dem
Zwecke eines Verständnisses desselben durch das unwillkürliche Gefühl,
verdichtet, sondern es wurde ganz um seiner selbst willen verwendet; man
forderte es als Beweis einer übermenschlichen Macht von demjenigen, der sich
für göttlich ausgab, und an den man nicht eher glauben wollte, als bis er vor
den leibhaften Augen der Menschen sich als Herr der Natur, d. h. als
beliebiger Verdreher der natürlichen Ordnung auswies. Dies Wunder ward demnach
von dem verlangt, den man nicht an sich und aus seinen natürlichen Handlungen
für wahrhaftig hielt, sondern dem man erst zu glauben sich vornahm, wenn er
etwas Unglaubliches, Unverständliches ausführte. Die grundsätzliche
Verneinung des Verstandes war also etwas, vom Wunderfordernden wie
Wunderwirkenden gebieterisch Vorausgesetztes, wogegen der absolute Glaube
das vom Wundertäter Geforderte und vom Wunderempfangenden Gewährte war.
Dem
dichtenden Verstande liegt nun, für den Eindruck seiner Mitteilung, gar nichts am
Glauben, sondern nur am Gefühlsverständnis. Er will einen großen
Zusammenhang natürlicher Erscheinungen in einem schnell verständlichen Bilde
darstellen, und dieses Bild muß daher ein den Erscheinungen in der Weise
entsprechendes sein, daß das unwillkürliche Gefühl es ohne Widerstreben
aufnimmt, nicht aber zur Deutung erst aufgefordert wird; wogegen das
charakteristische des dogmatischen Wunders eben darin besteht, daß es den
unwillkürlich nach seiner Erklärung suchenden Verstand, durch die dargetane
Unmöglichkeit, es zu erklären, gebieterisch unterjocht und in dieser
Unterjochung eben seine Wirkung sucht. Das dogmatische Wunder ist daher ebenso
ungeeignet für die Kunst, als das gedichtete Wunder das höchste und
notwendigste Erzeugnis des künstlerischen Anschauungs- und
Darstellungsvermögens ist.
Stellen
wir uns das Verfahren des Dichters in der Bildung seines Wunders deutlicher
vor, so sehen wir zunächst, daß er, um einen großen Zusammenhang gegenseitig
sich bedingender Handlungen zu verständlichem Überblicke darstellen zu können,
diese Handlungen in sich selbst zu einem Maße zusammendrängen muß, in welchem
sie bei leichtester Übersichtlichkeit dennoch nichts von der Fülle ihres
Inhaltes verlieren. Ein bloßes Kürzen oder Ausscheiden geringerer
Handlungsmomente würde an sich die beibehaltenen Momente nur entstellen, da
diese stärkeren Momente der Handlung für das Gefühl einzig als Steigerung aus
ihren geringeren Momenten gerechtfertigt werden können. Die um des dichterisch
übersichtlichen Raumes wegen ausgeschiedenen Momente müssen daher in die
beibehaltenen Hauptmomente selbst mit übertragen werden, d. h., sie müssen
in ihnen auf irgendwelche, für das Gefühl kenntliche, Weise mitenthalten sein.
Das Gefühl kann sie aber nur deshalb nicht vermissen, weil es zum Verständnis
der Haupthandlung des Mitempfindens der Beweggründe bedarf, aus denen sie
hervorging und die in jenen geringeren Handlungsmomenten sich kundtaten. Die
Spitze einer Handlung ist an sich ein flüchtig vorübergehender Moment, der als
reine Tatsache vollkommen bedeutungslos ist, sobald er nicht aus Gesinnungen
motiviert erscheint, die an sich unser Mitgefühl in Anspruch nehmen: die
Häufung solcher Momente muß den Dichter aller Fähigkeit berauben, sie an unser
Gefühl zu rechtfertigen, denn diese Rechtfertigung, die Darlegung der Motive,
ist es eben, was den Raum des Kunstwerkes einzunehmen hat, der vollkommen
vergeudet wäre, wenn er von einer Masse unzurechtfertigender Handlungsmomente
erfüllt würde.
Im
Interesse der Verständlichkeit hat der Dichter daher die Momente der Handlung
so zu beschränken, daß er den nötigen Raum für die volle Motivierung der
beibehaltenen gewinne: alle die Motive, die in den ausgeschiedenen Momenten
versteckt lagen, muß er den Motiven zur Haupthandlung in einer Weise einfügen,
daß sie nicht als vereinzelt erscheinen, weil sie vereinzelt auch ihre
besonderen Handlungsmomente – eben die ausgeschiedenen – bedingen würden; sie
müssen dagegen in dem Hauptmotive so enthalten sein, daß sie dieses nicht
zersplittern, sondern als ein Ganzes verstärken. Die Verstärkung des
Motives bedingt aber notwendig auch wieder die Verstärkung des
Handlungsmomentes selbst, der an sich nur die entsprechende Äußerung des
Motives ist. Ein starkes Motiv kann sich nicht in einem schwachen
Handlungsmomente äußern; Handlung und Motiv müßten dadurch unverständlich
werden. – Um also das durch Aufnahme aller, im gewöhnlichen Leben nur in vielen
Handlungsmomenten sich äußernder Motive, verstärkte Hauptmotiv verständlich
kundzugeben, muß auch die aus ihm bedingte Handlung eine verstärkte, mächtige
und in ihrer Einheit umfangreichere sein, als wie sie das gewöhnliche Leben
hervorbringt, in welchem ganz dieselbe Handlung sich nur im Zusammenhange mit
vielen Nebenhandlungen in einem ausgebreiteten Raume und in einer größeren
Zeitausdehnung zutrug. Der Dichter, der sowohl diese Handlungen wie diese Raum-
und Zeitausdehnung zugunsten eines übersichtlichen Verständnisses
zusammendrängte, hatte dies alles nicht etwa nur zu beschneiden, sondern
seinen ganzen wesentlichen Inhalt zu verdichten: die verdichtete Gestalt
des wirklichen Lebens ist von diesem aber nur zu begreifen, wenn sie ihm – sich
gegenübergehalten – vergrößert, verstärkt, ungewöhnlich erscheint. In seiner
vielhandligen Zerstreutheit über Raum und Zeit vermag eben der Mensch seine
eigene Lebenstätigkeit nicht zu verstehen; das für das Verständnis
zusammengedrängte Bild dieser Tätigkeit gelangt ihm aber in der vom Dichter
geschaffenen Gestalt zur Anschauung, in welchem diese Tätigkeit zu einem
verstärktesten Momente verdichtet ist, der an sich allerdings ungewöhnlich und
wunderhaft erscheint, seine Ungewöhnlichkeit und Wunderhaftigkeit aber in sich
verschließt, und vom Beschauer keinesweges als Wunder aufgefaßt, sondern
als verständlichste Darstellung der Wirklichkeit begriffen wird.
Vermöge
dieses Wunders ist der Dichter aber fähig, die unermeßlichsten Zusammenhänge in
allerverständlichster Einheit darzustellen. Je größer, je umfassender der
Zusammenhang ist, den er begreiflich machen will, desto stärker hat er nur die
Eigenschaften seiner Gestalten zu steigern; er wird Raum und Zeit, um sie der
Bewegung dieser Gestalten entsprechend erscheinen zu lassen, aus
umfangreichster Ausdehnung ebenfalls zu wunderbarer Gestaltung verdichten – die
Eigenschaften unendlich zerstreuter Momente des Raumes und der Zeit ebenso zu dem
Inhalte einer gesteigerten Eigenschaft machen, wie er die zerstreuten Motive zu
einem Hauptmotive sammelte, und die Äußerung dieser Eigenschaft ebenso
steigern, wie er die Handlung aus jenem Motive verstärkte. Selbst die
ungewöhnlichsten Gestaltungen, die bei diesem Verfahren der Dichter vorzuführen
hat, werden in Wahrheit nie unnatürliche sein, weil in ihnen nicht das
Wesen der Natur entstellt, sondern nur ihre Äußerungen zu einem
übersichtlichen, dem künstlerischen Menschen einzig verständlichen Bilde zusammengefaßt
sind. Die dichterische Kühnheit, die die Äußerungen der Natur zu solchem Bilde
zusammenfaßt, kann gerade erst uns mit Erfolge zu eigen sein, weil wir
eben durch die Erfahrung über das Wesen der Natur aufgeklärt sind.
Solange
die Erscheinungen der Natur den Menschen nur erst ein Objekt der Phantasie
waren, mußte die menschliche Einbildungskraft ihnen auch unterworfen sein: ihr
Scheinwesen beherrschte und bestimmte sie auch für die Anschauung der
menschlichen Erscheinungswelt in der Weise, daß sie das Unerklärliche –
nämlich: das Unerklärte – in ihr aus der willkürlichen Bestimmung einer
außernatürlichen und außermenschlichen Macht herleiteten, die endlich im
Mirakel Natur und Mensch zugleich aufhob. Als Reaktion gegen den Mirakelglauben
machte sich dann selbst an den Dichter die rationell prosaische Forderung
geltend, dem Wunder auch für die Dichtung entsagen zu sollen, und zwar geschah
dies in den Zeiten, wo die bis dahin nur mit dem Auge der Phantasie
betrachteten natürlichen Erscheinungen zum Gegenstande wissenschaftlicher
Verstandesoperationen gemacht wurden. So lange war aber auch der
wissenschaftliche Verstand über das Wesen dieser Erscheinungen nicht mit sich
im reinen, als er nur in der anatomischen Aufdeckung all ihrer innerlichen Einzelnheiten
sie als begreiflich sich darstellen zu können glaubte: erst von da an sind wir
über sie im gewissen, wo wir die Natur als einen lebendigen Organismus, nicht
als einen aus Absicht konstruierten Mechanismus, erkannt haben; wo wir darüber
klar wurden, daß sie nicht geschaffen, sondern selbst das immer
Werdende ist; daß sie das Zeugende und Gebärende als Männliches und
Weibliches zugleich in sich schließt; daß Raum und Zeit, von denen wir sie
umschlossen hielten, nur Abstraktionen von ihrer Wirklichkeit sind; daß wir
ferner an diesem Wissen im allgemeinen uns genügen lassen können, weil wir zu
seiner Bestätigung nicht mehr nötig haben, uns der weitesten Fernen durch
mathematischen Kalkül zu versichern, da wir in allernächster Nähe und an der
geringsten Erscheinung der Natur die Beweise für dasselbe finden können, was
uns aus weitester Ferne nur zur Bestätigung unseres Wissens von der Natur
zugeführt zu werden vermag. Seitdem wissen wir aber auch, daß wir zum
Genusse der Natur da sind, weil wir sie genießen können, d. h.
zu ihrem Genusse fähig sind. Der vernünftigste Genuß der Natur ist aber
der, der unsere universelle Genußfähigkeit befriedigt: in der
Universalität der menschlichen Empfängnisorgane, und in ihrer höchsten
Steigerungsfähigkeit für den Genuß, liegt einzig das Maß. nach welchem der
Mensch zu genießen hat, und der Künstler, der sich dieser höchsten
Genußfähigkeit mitteilt, hat daher aus diesem Maße einzig auch das Maß der
Erscheinungen zu nehmen, die er nach ihrem Zusammenhange ihm mitteilen will,
und dieses braucht sich nur insofern nach den Äußerungen der Natur in ihren
Erscheinungen zu richten, als sie ihrem inhaltlichen Wesen zu entsprechen
haben, welches der Dichter durch Steigerung und Verstärkung nicht entstellt,
sondern – eben in seiner Äußerung – nur zu dem Maße zusammendrängt, das dem
Maße des erregtesten menschlichen Verlangens nach dem Verständnisse eines
größesten Zusammenhanges entspricht. Gerade das vollste Verständnis des Wesens
der Natur ermöglicht es erst dem Dichter, ihre Erscheinungen in wunderhafter
Gestaltung uns vorzuführen, denn nur in dieser Gestaltung werden sie als Bedingungen
gesteigerter menschlicher Handlungen uns verständlich.
Die
Natur in ihrer realen Wirklichkeit sieht nur der Verstand, der sie in
ihre einzelnsten Teile zersetzt; will er diese Teile in ihrem lebenvollen organischen
Zusammenhange sich darstellen, So wird die Ruhe der Betrachtung des
Verstandes unwillkürlich durch eine höher und höher erregte Stimmung verdrängt,
die endlich nur noch Gefühlsstimmung bleibt. In dieser Stimmung bezieht
der Mensch die Natur unbewußt wiederum auf sich, denn sein individuell
menschliches Gefühl gab ihm eben die Stimmung, in welcher er die Natur nach
einem bestimmten Eindrucke empfand. In höchster Gefühlserregtheit ersieht der
Mensch in der Natur ein teilnehmendes Wesen, wie sie denn in Wahrheit in dem
Charakter ihrer Erscheinung auch den Charakter der menschlichen Stimmung ganz
unausweichlich bestimmt. Nur bei voller egoistischer Kälte des Verstandes
vermag er sich ihrer unmittelbaren Einwirkung zu entziehen – wiewohl er sich
auch dann sagen muß, daß ihr mittelbarer Einfluß ihn doch immer bestimmt. – In
großer Erregtheit gibt es für den Menschen aber auch keinen Zufall mehr
in der Begegnung mit natürlichen Erscheinungen: die Äußerungen der Natur, die
aus einem wohlbegründeten organischen Zusammenhange von Erscheinungen unser
gewöhnliches Leben mit scheinbarer Willkür berühren, gelten uns bei
gleichgültiger oder egoistisch befangener Stimmung, in der wir entweder nicht
Lust oder nicht Zeit haben, über ihre Begründung in einem natürlichen
Zusammenhange nachzudenken, als Zufall, den wir je nach der Absicht unseres
menschlichen Vorhabens als günstig zu verwenden oder als ungünstig abzuwenden
uns bemühen. Der Tieferregte, wenn er plötzlich aus seiner inneren Stimmung zu
der umgebenden Natur sich wendet, findet, je nach ihrer Kundgebung, entweder
eine steigernde Nahrung oder eine umwandelnde Anregung für seine Stimmung in
ihr. Von wem er sich auf diese Weise beherrscht oder unterstützt fühlt, dem
teilt er ganz in dem Maße eine große Macht zu, als er sich selbst in großer
Stimmung befindet. Seinen eigenen empfundenen Zusammenhang mit der Natur fühlt
er unwillkürlich auch in einem großen Zusammenhange der gegenwärtigen
Naturerscheinungen mit sich, mit seiner Stimmung, ausgedrückt; seine durch sie
genährte oder umgewandelte Stimmung erkennt er in der Natur wieder, die er
somit in ihren mächtigsten Äußerungen so auf sich bezieht, wie er sich durch
sie bestimmt fühlt. In dieser von ihm empfundenen großen Wechselwirkung –
drängen sich vor seinem Gefühle die Erscheinungen der Natur zu einer bestimmten
Gestalt zusammen, der er eine individuelle, ihrem Eindrucke auf ihn und seiner
eigenen Stimmung entsprechende Empfindung, und endlich auch – ihm verständliche
Organe, diese Empfindung auszusprechen, beilegt. Er spricht dann mit der
Natur, und sie antwortet ihm. – Versteht er in diesem Gespräche die
Natur nicht besser als der Betrachter derselben durch das Mikroskop? Was
versteht dieser von der Natur als das, was er nicht zu verstehen braucht? Jener
vernimmt aber das von ihr, was ihm in der höchsten Erregtheit seines Wesens
notwendig ist, und worin er die Natur nach einem unendlich großen Umfange
versteht, und zwar gerade so versteht, wie der umfassendste Verstand sie sich
nicht vergegenwärtigen kann. Hier liebt der Mensch die Natur; er adelt
sie und erhebt sie zur sympathetischen Teilnehmerin an der höchsten Stimmung
des Menschen, dessen physisches Dasein sie unbewußt aus sich bedang.1)
Wollen
wir nun das Werk des Dichters nach dessen höchstem denkbaren Vermögen genau
bezeichnen, so müssen wir es
den aus dem klarsten menschlichen Bewußtsein
gerechtfertigten, der Anschauung des immer gegenwärtigen Lebens entsprechend
neu erfundenen und im Drama zur verständlichsten Darstellung gebrachten Mythos
nennen. –
Wir
haben uns nur noch zu fragen, durch welche Ausdrucksmittel dieser Mythos
am verständlichsten im Drama darzustellen ist, und müssen hierzu auf das Moment
des ganzen Kunstwerkes zurückgehen, das es seinem Wesen nach bedingt, und dies
ist die notwendige Rechtfertigung der Handlung aus ihren Motiven, für
die sich der dichtende Verstand an das unwillkürliche Gefühl wendet, um
in dessen unerzwungener Mitempfindung das Verständnis für sie zu begründen. Wir
sahen, daß die für das praktische Verständnis notwendige Verdichtung der
mannigfaltigen und in der realen Wirklichkeit unermeßlich weit verzweigten
Handlungsmomente aus dem Verlangen des Dichters bedingt war, einen großen
Zusammenhang von Erscheinungen des menschlichen Lebens darzustellen, aus
welchem einzig die Notwendigkeit dieser Erscheinungen begriffen werden kann.
Diese Verdichtung konnte er, um seinem Hauptzwecke zu entsprechen, nur dadurch
ermöglichen, daß er in die Motive der für die wirkliche Darstellung bestimmten
Momente der Handlung alle die Motive, die den ausgeschiedenen Handlungsmomenten
zugrunde lagen, mit aufnahm und diese Aufnahme dadurch vor dem Gefühle
rechtfertigte, daß er sie als eine Verstärkung der Hauptmotive erscheinen ließ,
die aus sich heraus wieder eine Verstärkung der ihnen entsprechenden
Handlungsmomente bedangen. Wir sahen endlich, daß diese Verstärkung des
Handlungsmomentes nur durch Erhöhung desselben über das gewöhnliche menschliche
Maß, durch Dichtung des – der menschlichen Natur wohl vollkommen
entsprechenden, ihre Fähigkeiten aber in erregtester, dem gewöhnlichen Leben
unerreichbarer Potenz steigernden – Wunders erreicht werden konnte – des Wunders,
welches nicht außerhalb des Lebens stehen, sondern gerade aus ihm nur so
hervorragen soll, daß es sich über dem gewöhnlichen Leben hin kenntlich
macht –, und haben jetzt uns nur noch genau darüber zu verständigen, worin
die Verstärkung der Motive bestehen soll, die jene Verstärkung der
Handlungsmomente aus sich zu bedingen haben.
Was
heißt in dem dargelegten Sinne »Verstärkung der Motive«?
Unmöglich
kann hierunter – wie wir bereits sahen – eine Häufung der Motive gemeint sein,
weil diese, ohne mögliche Äußerung als Handlung, dem Gefühle unverständlich und
selbst dem Verstande – wenn selbst erklärlich – doch ohne Rechtfertigung
bleiben müßten. Viele Motive bei gedrängter Handlung können nur klein,
launenhaft und unwürdig erscheinen und unmöglich anders als in der Karikatur zu
einer großen Handlung verwendet werden. Die Verstärkung eines Motives kann
daher nicht in einer bloßen Hinzufügung kleinerer Motive zu ihm bestehen,
sondern in dem vollkommenen Aufgehen vieler Motive in dieses eine.
Das verschiedenen Menschen zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen
Umständen eigene und je nach diesen Verschiedenheiten sich besonders
gestaltende Interesse soll – sobald diese Menschen, Zeiten und Umstände im
Grunde von typischer Ähnlichkeit sind und an sich eine Wesenheit der
menschlichen Natur dem beschauenden Bewußtsein deutlich machen – zu dem
Interesse eines Menschen zu einer bestimmten Zeit und unter bestimmten
Umständen gemacht werden. Alles äußerlich Verschiedene soll in dem Interesse
dieses Menschen zu einem Bestimmten erhoben werden, in welchem sich das
Interesse aber nach seinem größten und erschöpfendsten Umfange kundgeben muß.
Dies heißt aber nichts anderes, als diesem Interesse alles Partikularistische,
Zufällige entnehmen und es in seiner vollen Wahrheit als notwendigen,
reinmenschlichen Gefühlsausdruck geben. Eines solchen Gefühlsausdruckes
ist der Mensch unfähig, der über sein notwendiges Interesse mit sich noch nicht
einig ist; dessen Empfindung noch nicht den Gegenstand gefunden hat, der sie zu
einer bestimmten, notwendigen Äußerung drängt, sondern vor machtlosen,
zufälligen, unsympathetischen äußeren Erscheinungen sich noch in sich selbst
zersplittert. Tritt diese machtvolle Erscheinung aus der Außenwelt aber an ihn
hinan, die ihn entweder so feindselig fremd berührt, daß er seine volle
Individualität zu ihrem Abstoße von sich zusammenballt, oder mit solcher
Unwiderstehlichkeit anzieht, daß er sich mit seiner ganzen Individualität in
sie aufzugehen sehnt – so wird auch sein Interesse bei vollster Bestimmtheit
ein so umfangreiches, daß es alle seine sonstigen zersplitterten, unkräftigen
Interessen in sich aufnimmt und vollständig verzehrt.
Das
Moment dieser Verzehrung ist der Akt, den der Dichter vorzubereiten hat,
um ein Motiv derart zu verstärken, daß aus ihm ein starker Handlungsmoment
hervorgehen kann; und diese Vorbereitung ist das letzte Werk seiner
gesteigerten Tätigkeit. Bis hierher reicht sein Organ, das des dichtenden
Verstandes, die Wortsprache aus; denn bis hierher hatte er Interessen
darzulegen, an deren Deutung und Gestaltung ein notwendiges Gefühl noch
keinen Anteil nahm, die aus gegebenen Umständen von außen her verschiedenartig
beeinflußt wurden, ohne daß hieraus nach innen in einer Weise bestimmend
eingewirkt ward, durch die das innere Gefühl zu einer notwendigen, wiederum
nach außen bestimmenden, wahllosen Tätigkeit gedrängt worden wäre. Hier ordnete
noch der kombinierende, in Einzelnheiten zerlegende, oder diese und jene
Einzelnheit auf diese oder jene Weise ineinander fügende, Verstand; hier hatte
er nicht unmittelbar darzustellen, sondern zu schildern, Vergleichungen
zu ziehen, Ähnliches durch Ähnliches begreiflich zu machen – und hierzu reichte
nicht nur sein Organ der Wortsprache aus, sondern es war das einzige, durch das
er sich verständlich machen konnte. – Da, wo aber das von ihm Vorbereitete wirklich
werden soll, wo er nicht mehr zu sondern und zu vergleichen, sondern das alle
Wahl Verneinende und dagegen sich selbst bestimmt und unbedingt Gebende, das
entscheidende und bis zur entscheidenden Kraft gestärkte Motiv in dem Ausdrucke
eines notwendigen, gebieterischen Gefühles selbst sich kundgeben lassen will –
da kann er mit der nur schildernden, deutenden Wortsprache nicht mehr wirken, außer
wenn er sie eben so steigert, wie er das Motiv gesteigert hat, und
dies vermag er nur durch ihren Erguß in die Tonsprache.
Die
Tonsprache ist Anfang und Ende der Wortsprache, wie das Gefühl
Anfang und Ende des Verstandes, der Mythos Anfang und Ende der
Geschichte, die Lyrik Anfang und Ende der Dichtkunst ist. Die
Vermittlerin zwischen Anfang und Mittelpunkt, wie zwischen diesem und dem
Ausgangspunkte, ist die Phantasie.
Der
Gang dieser Entwickelung ist aber ein solcher, daß er nicht eine Rückkehr,
sondern ein Fortschritt bis zum Gewinn der höchsten menschlichen Fähigkeit ist
und nicht nur von der Menschheit im allgemeinen, sondern von jedem sozialen
Individuum dem Wesen nach durchschritten wird.
Wie
im unbewußten Gefühle alle Keime zur Entwickelung des Verstandes, in diesem
aber die Nötigung zur Rechtfertigung des unbewußten Gefühles liegt und erst der
aus dem Verstande dieses Gefühl rechtfertigende Mensch der vernünftige
Mensch ist; wie in dem durch die Geschichte, die auf gleiche Weise aus ihm
entstand, gerechtfertigten Mythos erst das wirklich verständliche Bild des
Lebens gewonnen wird: so enthält auch die Lyrik alle Keime der eigentlichen
Dichtkunst, die endlich notwendig nur die Rechtfertigung der Lyrik aussprechen
kann, und das Werk dieser Rechtfertigung ist eben das höchste menschliche
Kunstwerk, das vollkommene Drama.
Das
ursprünglichste Äußerungsorgan des innern Menschen ist aber die Tonsprache,
als unwillkürlichster Ausdruck des von außen angeregten inneren Gefühles. Eine
ähnliche Ausdrucksweise wie die, welche noch heute einzig den Tieren zu eigen
ist, war jedenfalls auch die erste menschliche; und diese können wir uns jeden
Augenblick ihrem Wesen nach vergegenwärtigen, sobald wir aus unserer
Wortsprache die stummen Mitlauter ausscheiden und nur noch die tönenden Laute
übriglassen. In diesen Vokalen, wenn wir sie uns von den Konsonanten entkleidet
denken und in ihnen allein den mannigfaltigen und gesteigerten Wechsel innerer
Gefühle nach ihrem verschiedenartigen, schmerzlichen oder freudvollen Inhalte
kundgegeben vorstellen, erhalten wir ein Bild von der ersten Empfindungssprache
der Menschen, in der sich das erregte und gesteigerte Gefühl gewiß nur in einer
Fügung tönender Ausdruckslaute mitteilen konnte, die ganz von selbst als
Melodie sich darstellen mußte. Diese Melodie, welche von entsprechenden
Leibesgebärden in einer Weise begleitet wurde, daß sie selbst gleichzeitig
wiederum nur als der entsprechende innere Ausdruck einer äußeren Kundgebung
durch die Gebärde erschien, und deshalb auch von der wechselnden Bewegung
dieser Gebärde ihr zeitliches Maß im Rhythmus – der Art entnahm, daß sie es
dieser wieder als melodisch gerechtfertigtes Maß für ihre eigene Kundgebung
zuführte –, diese rhythmische Melodie, die wir, im Betracht der
unendlich größeren Vielseitigkeit des menschlichen Empfindungsvermögens
gegenüber dem der Tiere, und namentlich auch deshalb, weil sie eben in der –
keinem Tiere zu Gebote stehenden – Wechselwirkung zwischen dem inneren
Ausdrucke der Stimme und dem äußeren der Gebärde1) sich undenklich zu steigern vermag,
mit Unrecht nach ihrer Wirkung und Schönheit gering anschlagen würden – diese
Melodie war ihrer Entstehung und Natur nach von sich aus so maßgebend für den
Wortvers, daß dieser in einem Grade aus ihr bedingt erscheint, der ihn
geradeweges ihr unterordnete – was uns heute noch aus der genauen Betrachtung
jedes echten Volksliedes einleuchtet, in welchem wir den Wortvers deutlich aus
der Melodie bedingt erkennen, und zwar so, daß er sich den ihr eigentümlichsten
Anordnungen, auch für den Sinn, oft vollkommen zu fügen hat.
Diese
Erscheinung zeigt uns sehr erklärlich die Entstehung der Sprache.2) Im Worte sucht sich der tönende
Laut der reinen Gefühlssprache ebenso zur kenntlichen Unterscheidung zu
bringen, als das innere Gefühl die auf die Empfindung einwirkenden äußeren
Gegenstände zu unterscheiden, sich über sie mitzuteilen und endlich den inneren
Drang zu dieser Mitteilung selbstverständlich zu machen sucht. In der reinen
Tonsprache gab das Gefühl bei der Mitteilung des empfangenen Eindruckes nur
sich selbst zu verstehen, und vermochte dies, unterstützt von der Gebärde,
durch die mannigfaltigste Übung und Senkung, Ausdehnung und Kürzung, Steigerung
und Abnahme der tönenden Laute: um aber die äußeren Gegenstände nach ihrer
Unterscheidung selbst zu bezeichnen, mußte das Gefühl auf eine dem Eindrucke
des Gegenstandes auf sich entsprechende, diesen Eindruck ihm vergegenwärtigende
Weise den tönenden Laut in ein unterscheidendes Gewand kleiden, das es diesem
Eindrucke und in ihm somit dem Gegenstande selbst entnahm. Dieses Gewand wob sie
aus stummen Mitlautern, die es als An- oder Ablaut, oder auch aus beiden
zusammen dem tönenden Laute so anfügte, daß er von ihnen in der Weise
umschlossen und zu einer bestimmten, unterscheidbaren Kundgebung angehalten
wurde, wie der unterschiedene Gegenstand sich selbst nach außen durch ein
Gewand – das Tier durch sein Fell, der Baum durch seine Rinde u.s.w. – als ein
besonderer abschloß und kundgab. Die so bekleideten und durch diese Bekleidung
unterschiedenen Vokale bilden die Sprachwurzeln, aus deren Fügung und
Zusammenstellung das ganze sinnliche Gebäude unserer unendlich verzweigten
Wortsprache errichtet ist.
Beachten
wir zunächst aber, mit welch großer instinktiver Vorsicht sich diese Sprache
nur sehr allmählich von ihrer nährenden Mutterbrust, der Melodie, und ihrer
Milch, dem tönenden Laute, entfernte. Dem Wesen einer ungekünstelten Anschauung
der Natur und dem Verlangen nach Mitteilung der Eindrücke einer solchen
Anschauung entsprechend, stellte die Sprache nur Verwandtes und Ähnliches
zusammen, um in dieser Zusammenstellung nicht nur das Verwandte durch seine
Ähnlichkeit deutlich zu machen und das Ähnliche durch seine Verwandtschaft zu
erklären, sondern auch, um durch einen Ausdruck, der auf Ähnlichkeit und
Verwandtschaft seiner eigenen Momente sich stützt, einen desto bestimmteren und
verständlicheren Eindruck auf das Gefühl hervorzubringen. Hierin äußerte sich
die sinnlich dichtende Kraft der Sprache: sie war zur Bildung unterschiedener
Ausdrucksmomente in den Sprachwurzeln dadurch gelangt, daß sie den im bloßen
subjektiven Gefühlsausdrucke auf einen Gegenstand – nach Maßgabe seines
Eindruckes – verwendeten tönenden Laut in ein umgebendes Gewand stummer Laute
gekleidet hatte, das dem Gefühle als objektiver Ausdruck des Gegenstandes nach
einer ihm selbst entnommenen Eigenschaft galt. Wenn die Sprache nun solche
Wurzeln nach ihrer Ähnlichkeit und Verwandtschaft zusammenstellte, so
verdeutlichte sie dem Gefühle in gleichem Maße den Eindruck der Gegenstände,
wie den ihm entsprechenden Ausdruck durch gesteigerte Verstärkung dieses
Ausdruckes, durch welche sie den Gegenstand selbst wiederum als einen
verstärkten, nämlich als einen an sich vielfachen, seinem Wesen nach durch
Verwandtschaft und Ähnlichkeit aber einheitlichen bezeichnete. Dieses dichtende
Moment der Sprache ist die Alliteration oder der Stabreim, in dem
wir die urälteste Eigenschaft aller dichterischen Sprache erkennen.
Im
Stabreime werden die verwandten Sprachwurzeln in der Weise zueinander
gefügt, daß sie, wie sie sich dem sinnlichen Gehöre als ähnlich lautend
darstellen, auch ähnliche Gegenstände zu einem Gesamtbilde von ihnen verbinden,
in welchem das Gefühl sich zu einem Abschlusse über sie äußern will. Ihre
sinnlich kenntliche Ähnlichkeit gewinnen sie entweder aus der Verwandtschaft der
tönenden Laute, zumal wenn sie ohne konsonierenden Anlaut nach vorn
offenstehen;3) oder aus der Gleichheit dieses
Anlautes selbst, der sie eben als ein dem Gegenstande entsprechendes Besonderes
charakterisiert;4) oder auch aus der Gleichheit des,
die Wurzel nach hinten schließenden, Ablautes (als Assonanz), sobald in diesem
Ablaute die individualisierende Kraft liegt.5) Die Verteilung und Anordnung dieser
sich reimenden Wurzeln geschieht nach ähnlichen Gesetzen wie die, die
uns nach jeder künstlerischen Richtung hin in der für das Verständnis notwendigen
Wiederholung derjenigen Motive bestimmen, auf die wir ein Hauptgewicht legen,
und die wir deshalb zwischen geringeren, von ihnen selbst wiederum bedingten
Motiven so aufstellen, daß sie als die bedingenden und wesenhaften kenntlich
erscheinen.
Da
ich mir vorbehalten muß, zum Zweck der Darlegung der möglichen Einwirkung des
Stabreimes auf unsere Musik, zu diesem Gegenstande selbst näher zurückzukehren,
begnüge ich mich jetzt nur, darauf aufmerksam zu machen, in welchem bedingten
Verhältnisse der Stabreim und der durch ihn abgeschlossene Wortvers zu jener Melodie
stand, die wir als ursprünglichste Kundgebung eines mannigfaltigeren, in seiner
Mannigfaltigkeit sich aber wieder zur Einheit abschließenden, menschlichen
Gefühles zu verstehen haben. Wir haben nicht nur den Wortvers seiner Ausdehnung
nach, sondern auch den seine Ausdehnung bestimmenden Stabreim seiner Stellung
und überhaupt seiner Eigenschaft nach uns nur aus jener Melodie zu erklären,
die in ihrer Kundgebung wiederum nach der natürlichen Fähigkeit des
menschlichen Atems und nach der Möglichkeit des Hervorbringens stärkerer
Betonungen in einem Atem bedingt war. Die Dauer einer Ausströmung des Atems
durch das Singorgan bestimmte die Ausdehnung eines Abschnittes der Melodie, in
welchem ein beziehungsvoller Teil desselben zum Abschlusse kommen mußte. Die
Möglichkeit dieser Dauer bestimmte aber auch die Zahl der besonderen Betonungen
in dem melodischen Abschnitte, die, waren die besonderen Betonungen von
leidenschaftlicher Stärke, wegen des schnelleren Verzehrens des Atems durch
sie, vermindert oder – erforderten diese Betonungen bei minderer Stärke einen
schnelleren Atemverbrauch nicht, vermehrt wurde. Diese Betonungen, die mit der
Gebärde zusammenfielen und durch sie sich zum rhythmischen Maße fügten,
verdichteten sich sprachlich nun in die stabgereimten Wurzelwörter, deren Zahl
und Stellung sie so bedangen, wie der durch den Atem bedingte melodische
Abschnitt die Länge und Ausdehnung des Verses bestimmte. – Wie einfach ist die
Erklärung und das Verständnis aller Metrik, wenn wir uns die vernünftige Mühe
geben, auf die natürlichen Bedingungen alles menschlichen Kunstvermögens
zurückzugehen, aus denen wir auch einzig wieder nur zu wirklicher
Kunstproduktivität gelangen können! –
Verfolgen
wir für jetzt aber nur den Entwickelungsverlauf der Wortsprache, und
versparen wir es uns, auf die von ihr verlassene Melodie später
zurückzukommen. –
Ganz in dem Grade, als das Dichten aus einer Tätigkeit des Gefühles zu einer Angelegenheit des Verstandes wurde, löste sich der in der Lyrik vereinigte ursprüngliche und schöpferische Bund der Gebärden-, Ton- und Wortsprache auf; die Wortsprache war das Kind, das Vater und Mutter verließ, um in der weiten Welt sich allein fortzuhelfen. – Wie sich vor dem Auge des heranwachsenden Menschen die Gegenstände und ihre Beziehungen zu seinem Gefühle vermehr